Fortgegangen auf der Suche nach Stille
Einst, vor vielen Jahren, stand Katharina am Herd in einer kleinen Küche einer Berliner Mietwohnung und rührte gedankenverloren in einem Topf Gemüsesuppe. Hinter ihr erklang die vertraute Stimme.
Schon wieder zu viel Salz. Ich riech das doch gleich. Würdest du mir erklären, warum du immer so viel Salz nimmst?
Ich habe noch gar kein Salz hineingegeben, Frau Hannelore.
Dann wirst du es noch versalzen. Wie immer. Sieh dir doch mal an, wie schmal der Sebastian in den letzten Jahren geworden ist, und du wunderst dich noch.
Katharina drehte sich nicht um. Sie blickte in den brodelnden Topf, sah die Ringe der Zwiebeln und zählte im Kopf. Eins. Zwei. Drei. Diese Angewohnheit hatte sie sich in ihrem ersten Jahr hier antrainiert, als sie glaubte, damit würde es leichter. Später wusste sie, dass es nichts änderte, aber sie brauchte eine Beschäftigung für Hände und Gedanken, solange Hannelore sprach.
Die Annette war heute da, solange du auf Arbeit warst, fuhr die Schwiegermutter fort und ließ sich auf den Hocker am Fenster nieder. Die kocht ihrem Mann jeden Tag frischen Eintopf. Jeden Tag! Stell dir das mal vor.
Kann ich mir vorstellen.
Du kannst dir das eben nicht vorstellen. Du weißt ja gar nicht, was es heißt, einen Mann zu verwöhnen. Mein Sebastian ist höflich, der würde nie etwas sagen, aber ich sehe das.
Katharina hob den Deckel vom Topf und probierte eine Kelle Brühe. Nicht versalzen. War es nie gewesen. Doch so begannen die meisten Abende in dieser Wohnung. Drei Zimmer, dritter Stock, in einem ruhigen Viertel am Rand von Charlottenburg. Sie waren vor zehn Jahren hierhergezogen, gleich nach der Hochzeit. Damals war Katharina achtundzwanzig. Sie dachte, es sei nur für eine Übergangszeit. Die Schwiegermutter hatte eine große Wohnung, sie selbst und Sebastian hatten noch kein eigenes Zuhause, er meinte, sie würden sparen und sich bald etwas Eigenes kaufen, vielleicht in zwei Jahren. Zwei Jahre wurden zehn. Das Ersparte ging mal für das Auto drauf, mal war eine Reparatur fällig, mal etwas anderes angeblich Wichtiges, und irgendwann hörte Katharina auf, die Jahre zu zählen. Sie flossen alle in eine lahme, undurchdringliche Masse.
Jetzt war sie achtunddreißig. Der Sohn, Paul, war zehn, die Tochter, Greta, sieben. Hier sind sie aufgewachsen, in dieser Wohnung, in der die Oma das größte Zimmer beanspruchte. Jeder Morgen begann mit ihrer Stimme, jeder Abend endete damit.
Mama, hast du schon gegessen? Paul kam hereingeschossen, mit halbem Brötchen im Mund. Kann ich zu Felix gehen? Der hat ein neues Spiel.
Nach dem Abendessen, sagte Katharina.
Ach, lass ihn doch, warf Hannelore sofort ein. Warum das Kind aufhalten? Felix ist ein guter Junge. Die Familie ist ordentlich.
Katharina sagte nichts. Paul sah sie fragend an, und Katharina nickte. Nicht, weil sie zustimmte, sondern weil sie keinen weiteren Streit wollte.
Abendessen dann in einer halben Stunde. Komm bitte wieder, rief sie hinterher.
Hannelore schüttelte den Kopf, mit dem Blick einer, die schon lange alles durchschaut hatte.
Du bist zu streng zu denen. Kinder brauchen Freiheit.
Katharina rührte wieder. Eins. Zwei. Drei.
Katharina arbeitete als Pädagogin am Stadtzentrum für Erwachsenenbildung. Keine aufregende Stelle, mäßiges Gehalt, aber sie mochte ihren Beruf. Die Kinder, die Programmplanung, die Tatsache, dass sie acht Stunden am Tag einfach nur Katharina Heinen war, respektvoll angesprochen von anderen.
Sebastian kam um acht nach Hause. Diplomingenieur, ruhiger, zurückhaltender Mann, und einst war es genau diese Ruhe, die Katharina so sehr anzieht fand. Jetzt fühlte sich diese Ruhe manchmal an wie eine Wand. Beim Abendessen hörte er seiner Mutter zu, nickte und gab gelegentlich von sich: Jetzt lass mal, Mama. Dieses Jetzt lass mal, Mama war das höchste der Gefühle in seiner Verteidigung der Ehefrau.
Sie ist halt direkt, erklärte er Katharina einmal, als sie zu Gespräch ansetzte. So war sie immer. Nimm’s nicht zu ernst.
Sebastian, sie kritisiert sogar vor den Kindern mein Essen.
Das ist eben ihre Art, sich zu sorgen. Du kennst sie nicht.
Ich lebe seit zehn Jahren mit ihr.
Und? Sie hat dich auf ihre Weise doch lieb.
Katharina sprach das Thema nie wieder an. Nicht weil sie zustimmte, sondern weil sie verstand Sebastian hatte keine zweite Katharina in Reserve. Es gab seine Mutter und seine Frau, und er konnte und wollte sich nicht entscheiden. Er benutzte das Wort direkt wie einen Schild.
Ihre Freundin Annegret, mit der sie seit dem Studium befreundet war, fragte ab und zu am Telefon:
Wie hältst du das nur aus?
Schon okay, antwortete Katharina meist.
Immer noch das Gleiche?
Immer das Gleiche.
Mensch, Katie, wie lang denn noch? Geh doch einfach!
Wohin denn?
Such dir eine Wohnung. Leb endlich dein Leben.
Annegret, die Kinder, die Schule, das Geld…
Geld findet sich.
Katharina wusste, dass Annegret recht hatte. Und spürte zugleich, was sie zurückhielt, war nicht nur der Euro. Es war etwas anderes, das sie schwer benennen konnte Angst vor dem Zusammenbruch, Angst, die Kinder schadeten, Angst, am Ende als die Schuldige dazustehen. Angst, dass alles auseinanderfällt und es dann ihre Schuld sei.
Sie hielt alles zusammen. Putzen, Kochen, Kinder versorgen, Konferenzen besuchen, Rechnungen zahlen, Medikamente für Hannelore besorgen, wenn sie klagte. Sie war das, was man im Maschinenbau ein tragendes Bauteil nennt. Unsichtbar, aber unerlässlich.
Hannelore merkte das nicht. Oder sah es durch eine eigene Brille.
Ach, du willst nur unersetzlich aussehen. Das ist deine Methode, einen Mann zu halten. Sowas kenn ich!
Das sprach sie eines Morgens aus, als Katharina das Bett bezog. Katharina strich die Decke glatt, stand auf und verließ das Zimmer. Sie weinte nicht. Das hatte sie längst verlernt. Manchmal kamen die Tränen nachts, wenn Sebastian schlief und sie an die Decke starrte. Andere Tränen waren das. Nicht aus Kränkung, sondern aus Erschöpfung.
Greta fragte sie einmal:
Mama, warum redest du beim Essen nie mit Oma?
Doch, ich rede.
Nein. Du bist immer still. Oma redet, du bist still.
Katharina sah ihre Tochter an. Sieben Jahre, rötliche Zöpfe, ein ernster Blick zu ernst für sieben.
Manchmal ist Schweigen auch wichtig, sagte Katharina.
Oma sagt, du bist stolz.
Sagt sie das? Nun, dann sagt sie es eben.
Bist du stolz?
Ich bin einfach nur müde, mein Schatz.
Greta nickte, zufrieden, aber doch nicht ganz überzeugt.
Katharina dachte lange an dieses Gespräch. Kinder spüren alles. Sie benennen nicht, was nicht stimmt, aber sie spüren das Schweigen, die Spannung. Paul war vorsichtig geworden. Greta schaute mit klugen Augen viel zu früh.
Das alles machte ihr am meisten Sorgen.
Eines Abends, etwa einen Monat vor Hannelores fünfundundsechzigstem Geburtstag, kam Sebastian frohgemut nach Hause.
Stell dir vor, Mama will im Restaurant feiern. Schick, mit Freunden, mit Toasts und allem. Ich hab schon reserviert, ‘Am Weidendamm’, da war ich mal mit Kollegen.
Im Restaurant, wiederholte Katharina.
Ja. Sie will es mal schön haben, mit allen Gästen. Wir laden die gesamte Verwandtschaft ein, auch ihre Freundinnen. Du bist dabei, oder?
Natürlich.
Mach nicht so ein Gesicht! Es ist doch nur einmal.
Katharina räumte das Geschirr weg. Sebastian umarmte sie von hinten.
Wird sicher ein schöner Abend. Mama freut sich.
Ich helf beim Organisieren, sagte Katharina.
So bereitete sie alles vor: Einladungen, Menüabsprachen, Torte bestellen, mit Hannelore ein Kleid aussuchen. Hannelore war in Hochstimmung, befasste sich mit allen Details, zerstreute, kritisierte.
Die Blumen bitte nur weiße Rosen, keine gelben wie letztes Mal. Und sag in der Küche, sie müssen den Fisch ordentlich machen beim letzten Mal war der nicht gar. Und unser Tisch muss am Fenster stehen.
Katharina hatte alles bereits erledigt.
Danke, murmelte Hannelore ihr größtes Lob.
Das Restaurant Am Weidendamm lag am Stadtrand, nahe einem kleinen Park. Der Name klang nobler, als das alte Haus war. Im Inneren waren hohe Decken, vertäfelte Wände, gedämpftes Licht. Dreißig Gäste kamen. Hannelores Schwester Ingrid samt Mann aus Leipzig, Freundinnen, Nachbarn, Sebastians Kollegen sie hatte die Liste gemacht. Auch Annegret war da; ohne sie hätte Katharina den Abend nicht durchgestanden.
Die Kinder waren fesche gekleidet: Paul im Hemd, Greta im Kleid. Sie saßen neben Sebastian, schauten, tuschelten. Katharina trug ein dunkelblaues Kleid, gekauft, aber selten getragen. Sebastian sagte: Du siehst schön aus heute. Sie lächelte. Aus Gewohnheit.
Hannelore saß am Kopf des Tisches in bordeauxrotem Kleid, lächelte wie eine Matrone. Katharina dachte mit Wehmut, dass diese Frau ihr in einem anderen Leben, in einem anderen Verhältnis, gefallen hätte. Es war Stärke in ihr, aber leider immer gegen die Falschen gerichtet.
Nach dem Hauptgericht begannen die Toasts. Sebastian sprach liebevoll von seiner Mutter und deren Stärke. Hannelore tupfte sich die Augen. Ingrid und Freundin Tamara folgten, alle sagten Gutes.
Katharina trank nur Wasser. Neben ihr stieß Annegret sie aufmunternd an.
Dann erhob sich Hannelore selbst.
Sie lächelte, hob das Glas. Katharina rechnete mit Dank. Doch Hannelore sagte:
Ich bin fünfundsechzig. Ich habe viel erlebt, viel ertragen. Ich habe mein Kind alleine großgezogen, und darauf bin ich stolz. Ich bin dankbar aber ich will auch sagen: Es gibt Leute, die in ein Haus kommen und glauben, sie wüssten alles besser. Die stellen alles um, ohne die Vergangenheit und die Menschen zu achten, die davor da waren. Ich habe Sebastian gewarnt, auf wen er sich einlässt. Aber er hört ja nicht.
Im Saal wurde es still. Manche warfen sich Blicke zu. Tamara hustete.
Katharina, du sitzt hier, du denkst vielleicht, du hättest das alles organisiert, und wir müssten dir dankbar sein. Aber du lebst in meiner Wohnung, isst an meinem Tisch, erziehst Kinder hier. Du siehst mich immer an, als wäre ich im Weg. Ich möchte, dass alle wissen: Das ist meine Familie. Mein Sohn. Und alles war vor dir schon da.
Sie erhob das Glas.
Auf die Wahrheit!
Einen Moment war es still. Dann zwanghaftes Anstoßen, ein paar schiefe Lacher. Tamara sagte: Na dann, auf die Jubilarin. Der Abend ging weiter.
Nur Katharina bewegte sich nicht.
Annegret drückte von unten ihre Hand. Paul starrte in den Teller. Greta fragte leise: Papa, gehen wir nach Hause? Sebastian: Bald, mein Schatz, und sah seine Frau nicht an.
Katharina saß ganz gerade. In ihr passierte etwas. Kein Aufruhr, sondern so, wie Wasser langsam ein Glas füllt und endlich zum Rand gelangt.
Der Moderator wollte gerade einen nächsten Toast ansagen, da stand Katharina auf.
Darf ich? fragte sie. Er reichte ihr das Mikrofon.
Ich möchte auch etwas sagen, begann sie, überraschend ruhig. Hannelore, Sie haben die Wahrheit gesagt. Ich wohne seit zehn Jahren hier. Dann will ich auch wahr sprechen.
Es wurde wieder still.
Ich musste mir anhören, dass ich schlecht koche, schlecht anziehe, eine schlechte Mutter und Ehefrau bin. Dass ich stolz und unersetzlich wirke. Das kam jeden Tag. Nicht laut, sondern immer am Essenstisch. Wie Gift in kleinen, stetigen Dosen. Ich habe geschwiegen, im Glauben, das wahre das Familienglück. Die Kinder sollten Stille statt Streit erleben. Ich glaubte lange daran.
Ihre Stimme zitterte kurz, sie fuhr fort.
Aber heute wurde es öffentlich. Vor Kindern, Gästen, Fremden. Ich kann nicht mehr schweigen, nicht, weil ich Streit will, sondern weil das Beispiel, das Sie jetzt geben, meine Kinder prägt. Dass man mit dem Menschen, der den Haushalt führt, die Arznei bringt, alles tut, so reden darf. Ich will nicht, dass meine Kinder das lernen.
Sie schwieg eine Sekunde.
Sie fragten einmal, warum ich scheinbar unersetzlich sein will. Die Antwort: Ich wollte nur das Richtige tun. Nicht aus Dank, sondern für die Familie. Für Ihre Enkelkinder. Für den Mann, der Sie liebt und zwischen uns nicht wählen kann.
Sie legte das Mikrofon vorsichtig ab.
Alles Gute zum Geburtstag, Hannelore.
Sie nahm ihre Tasche, sah zu Annegret. Die stand schon. Paul, Greta, Papa bleibt bei euch. Ich seh euch bald.
Paul blickte auf, nicht weinend, aber mit dem Blick eines Menschen, dem etwas klar wird, das er nicht wollte. Greta griff nach ihrer Hand.
Mama, gehst du jetzt weg?
Nur ein bisschen, mein Liebling. Papa bleibt da.
Aber du kommst wieder?
Ja, natürlich.
Sie verließ das Lokal, Annegret folgte. Draußen war es dunkel und still, ein Hauch von Frühling lag in der Luft. Bis zum Auto schwiegen sie. Im Wagen fragte Annegret leise:
Und?
Ich weiß nicht, antwortete Katharina. Meine Hände zittern.
Ich hab es gesehen. Du warst großartig.
Bin ich das?
Ja. Es war Zeit.
Katharina lehnte sich ans Fenster. Lichter zogen vorbei. Sie dachte an Pauls Gesicht, an Gretas Hand. An Sebastian, der sie nicht ansah. Daran, dass sie wohl das Richtige getan hatte. Und was nun wohl werden würde.
Sie blieb die Nacht bei Annegret. Kleine Wohnung, Couch im Wohnzimmer, Karodecke. Bis Mitternacht tranken sie Tee, sagten wenig. Das war gut so.
Am nächsten Morgen rief Sebastian an.
Kathi, Mama ist im Krankenhaus. Notarzt kam nachts, Bluthochdruck.
Katharina schwieg kurz.
Was sagen die Ärzte?
Stabil, aber sie liegt in der Fünften Klinik, Station drei.
Ich komme.
Mittags war sie dort. Sebastian stand mit müdem Gesicht vor dem Eingang. Kein Wort über den Vorabend keine Vorwürfe, keine Dankbarkeit. Nur ein Blick.
Sie liegt im zweiten Stock, sie will dich sehen.
Mich?
Dich. So hat sie es gesagt.
Katharina ging den langen Flur entlang, der unverwechselbare Geruch von Desinfektion. In einem Zimmer, unter einer weißen Decke, lag Hannelore. Ohne Brosche, ohne Kleid. Nichts mehr von der Matriarchin, nur noch eine alte Frau mit Infusion. Sie wirkte kleiner als gestern.
Setz dich, sagte sie.
Katharina setzte sich auf einen Stuhl neben das Bett.
Lange schwiegen sie. Schritte auf dem Gang, Türen gingen.
Ich wollte dich sehen, sagte Hannelore schließlich, mit einer ganz anderen Stimme. Nicht, weil… Ich wollte einfach.
Ich bin hier, sagte Katharina.
Hannelore starrte an die Zimmerdecke.
Du hast richtig gesprochen, gestern. Nicht alles, aber vieles.
Katharina schwieg.
Ich hab es anders gemeint. Ich wollte nur Ich wollte zeigen, dass das meine Familie ist, dass ich dazu gehöre.
Das tun Sie.
Aber ich fühle mich überflüssig. Mein Sohn ist erwachsen, verheiratet, er lebt sein Leben. Und ich bin zwar in meiner Wohnung, fühle mich aber wie ein Gast. Du kümmerst dich um alles, die Kinder, alles läuft über dich, nicht über mich. Und ich weiß, dass ich selbst schuld bin. Aber es tut weh.
Katharina blickte auf ihre Hände. Knotige Finger, blaue Ader.
Ich hatte Angst, sagte Hannelore leise. Angst, allein zu bleiben. Ich habe geklammert, alles festgehalten, dass ich dabei Ich weiß, wie ich war. Ich habe mich selbst gehört, aber nicht aufhören können.
Ich wusste nichts von dieser Angst.
Du hast nie gefragt.
Sie haben nie gesprochen.
Hannelore wendete den Kopf. Sie sah Katharina an.
Nein, hab ich nicht. Weiß nicht, wie das geht.
Ich kann’s auch nicht, sagte Katharina. Keine von uns konnte das. Zehn Jahre lang nicht.
Hannelore schloss die Augen, eine Träne lief. Sie wischte sie nicht ab.
Willst du uns jetzt verlassen?, fragte sie.
Ich habe entschieden, mir eine Wohnung zu suchen. Nicht sofort, aber bald.
Weiß Sebastian das?
Ich werde es ihm sagen.
Schweigen. Draußen fahl das Licht auf kahle Bäume.
Dürfen die Kinder dann bei ihm?
Die Kinder werden überall sein, sagte Katharina. Sie sollen den Papa sehen. Und Sie, wenn Sie möchten.
Hannelore nickte.
Katharina, sagte sie nach einer Weile.
Ja?
Du bist eine gute Mutter. Das sage ich dir ohne alles andere.
Katharina spürte, wie sich in ihr etwas löste. Nichts war gelöst, aber es rückte ein wenig zurecht.
Danke, sagte sie.
Sie blieb noch, bis Hannelore einschlief. Sebastian wartete am Fenster.
Und?
Wir haben geredet.
Kathi, es tut mir leid wegen gestern. Ich hätte… etwas tun sollen.
Ja, das hättest du.
Er senkte den Kopf.
Ich kann mit ihr nicht umgehen. Noch nie.
Ich weiß. Das ist keine Entschuldigung, aber ich weiß es.
Gehst du weg?
Ja.
Er sah sie lange an.
Für immer?
Das weiß ich nicht, aber ich brauche einen eigenen Ort.
Die Kinder?
Lieben dich. Es ändert sich nur die Adresse.
Er nickte, langsam, als beginne er zu akzeptieren, was er nicht will.
Du schaffst das?
Ich schaffs, sagte Katharina. Und zum ersten Mal war es mehr als Gewohnheit es war wahr.
Nach drei Wochen fand sie eine Einzimmerwohnung im fünften Stock, Blick auf alte Pappeln. Leerer Raum, frischer Farbgeruch. Sie trat als erste in die neue Wohnung, stellte ihren Koffer ab und blieb einfach stehen. Tat nichts.
Die Stille war anders als zuvor nicht die erzwungene, sondern ihre eigene.
Im Mai zog sie um. Sie nahm nur das Nötigste mit, Bücher, die Kinderzeichnungen, die Paul und Greta ihr gemalt hatten, ein paar Fotos, die Kaffeemühle. Mehr nicht.
Die erste Nacht war fast schlaflos. Sie hörte das Brummen des Aufzugs, Türenschlagen, das Rauschen der Pappeln. Anders. Ungewohnt, aber genau das hatte sie gesucht.
Die Kinder kamen donnerstags und sonntags. Sebastian brachte sie, blieb manchmal auf einen Tee. Sie sprachen nicht viel über das Vergangene, nur über die Kinder und kleine alltägliche Dinge. Paul war still beim Abschied, aber sah oft noch einmal zurück. Greta umarmte sie immer stark.
Mama, wirst du uns vermissen?
Natürlich. Deswegen freue ich mich immer auf euch.
Ich mich auch.
Katharina stellte fest, auch die Arbeit war anders sie selbst war anders dort. Nicht mehr wie von einem Käfig zum anderen, sondern freier. Die Kollegen merkten etwas, fragten aber nicht. Nur Frau Niemann, die stellvertretende Schulleiterin, sagte einmal:
Katharina, Sie sehen irgendwie verändert aus. Alles gut?
Ein bisschen was hat sich geändert, lächelte sie.
Zum Besseren, sehe ich.
Ja. Zum Besseren.
Sie gönnte sich Dinge, die sie sich nie wichtig erschienen: einen Zeichenkurs am Abend. Nicht, weil sie zeichnen konnte, sondern, weil sie wollte. Sie kaufte gute Farben und ein Skizzenbuch. Die ersten Zeichnungen waren unbeholfen, aber der Prozess gefiel ihr zwei Stunden lang nur an Linien und Farbe denken.
Im Sommer rief Annegret an.
Wie ist es allein?
Nicht allein. In drei Tagen sind die Kinder da.
Und sonst?
Gut. Wirklich gut.
Das hört man! Tja, lässt dich deine Schwiegermutter in Ruhe?
Ja. Sie meldet sich nicht.
Komisch.
Vielleicht.
Und Sebastian?
Wir reden anders. Besser? Mal schauen.
Willst du, dass?
Ich will, dass die Kinder normale Eltern haben. Alles andere mal sehen.
Der Sommer verging ruhig. Katharina fuhr mit den Kindern in ein kleines Häuschen an der Spree. Paul tobte am Wasser, Greta sammelte Steine. Katharina saß daneben, sah dem Fluss zu und spürte zum ersten Mal seit Jahren Frieden. Einfach nur Frieden.
Im Herbst rief Sebastian an.
Kathi, Mama möchte, dass du anrufst. Ich weiß nicht warum, sie will einfach reden.
Ich ruf sie an.
Bist du böse?
Worüber sollte ich? Das Leben geht weiter.
Sie rief abends an. Es ging sofort jemand ran.
Katharina, sagte Hannelore, wie gehts dir?
Gut, und Ihnen?
Geht so. Mein Blutdruck ist in Ordnung, ich geh jetzt öfter zum Arzt. Würdest du mal auf einen Tee vorbeikommen? Am Samstag vielleicht? Wenn es passt.
Katharina schwieg kurz.
Samstag klappt.
Gut. Bis dann.
Sie legte auf und sah lange das Telefon an. Unerwartet, aber etwas hatte sich nach dem Krankenhaus verändert. Das wusste sie im Stillen.
Am Samstag kam sie um zwei. Hannelore öffnete schüchtern die Tür, im Hausmantel.
Komm rein.
Die Wohnung war gleich wie eh und je. Nur keine Kindersachen mehr im Flur, keine Paul-Jacke, keine Gretas Schuhe. Ruhig, leer.
Sie gingen in die Küche. Hannelore setzte Wasser auf, legte Kekse und ein Schälchen Johannisbeer-Marmelade hin.
Sie setzten sich, warteten schweigend aufs Pfeifen des Wassers.
Wie gehts den Kindern?, fragte Hannelore.
Gut. Paul hat gestern eine Eins in Mathe bekommen, hat sich gefreut. Greta malt viel, sie hat jetzt ein eigenes Notizbuch.
Und von wem hat die das?
Vielleicht von mir. Ich gehe zum Zeichenkurs.
Hannelore staunte.
Echt? Gefällts dir?
Noch male ich grottig, aber es macht Spaß.
Hannelore goss Tee auf, deckte die Kanne ab wie immer. Katharina sah ihr zu dieselben knotigen Finger, keine Infusion mehr.
Ich habe viel nachgedacht über das, was du damals im Restaurant gesagt hast, begann Hannelore leise. Du hattest Recht, was die Kinder betrifft. Sie merken alles. Ich habe das jetzt erst verstanden.
Es ist noch nicht zu spät. Sie sind noch klein.
Sie erinnern sich daran, wie ich zu dir war… Paul sagte mal diesen Sommer, Oma sagt böse Sachen zu Mama. So direkt. Ein zehnjähriges Kind.
Katharina schwieg.
Ich wusste damals keine Antwort. Sagte zu ihm: Oma meint es nicht böse. Und er: Aber Mama tats weh. Woher nehmen Kinder solche Sätze?
Sie nehmen sie aus der Luft. Sie spüren alles.
Hannelore nickte. Goss Tee ein, dunkel und stark.
Nimm Marmelade, bitte. Die ist dieses Jahr besonders gut.
Katharina nahm einen Löffel, die Marmelade schmeckte wirklich herb und nicht zu süß.
Hannelore, sagte sie leise, darf ich Sie etwas fragen? Wie ist das jetzt eigentlich, allein hier?
Hannelore blickte auf, etwas überrascht.
Allein Es ist ungewohnt. Leise. War immer nur am Rotieren, jetzt Fernseher, Arztbesuch, Tamara kommt manchmal, Sebastian ist ab und zu abends da.
Wenn Sie wollen, können wir mal wieder kommen, die Kinder und ich. Nicht ständig, aber doch.
Warum würdest du das tun?
Nicht aus Pflicht. Greta sehnt sich nach Ihrer Marmelade. Sie hat mich gestern daran erinnert.
Hannelore blickte lange auf ihre Teetasse, dann nickte sie.
Dann kommt doch, sagte sie leise.
Sie tranken aus, Katharina spülte die Tassen, obwohl Hannelore protestierte. Vor der Tür, beim Anziehen, sagte Hannelore:
Katharina danke. Für damals. Für die Wahrheit. Es war hart, das zu hören. Aber danach wars richtig.
Katharina knöpfte ihren Mantel.
Ich wollte nicht verletzen.
Du hast nicht verletzt. Du warst ehrlich. Das ist etwas anderes.
Katharina nickte, öffnete die Tür.
Auf Wiedersehen, Hannelore.
Auf Wiedersehen.
Unten im Treppenhaus blieb sie kurz stehen, dann ging sie hinaus auf die Straße. Es war November. Kalt, klar, der Geruch ersten Winters in der Luft. Katharina sah in ein Schaufenster, sah ihr Spiegelbild eine Frau im hellen Mantel, nicht jung, nicht alt. Einfach eine Frau, mit Vergangenheit und zum ersten Mal mit einer eigenen Zukunft.
Lange sah sie ihr Spiegelbild an. Dann piepste ihr Handy. Nachricht von Greta: Mama, kommst du? Wir haben mit Papa Pizza gemacht und warten.
Katharina schrieb zurück: Bin unterwegs.
Und sie ging weiter.
Mama, bringst du mir Omas Marmelade mit? fragte Greta, als Katharina später erzählte, wo sie war.
Sie hat mir keine mitgegeben.
Aber du gehst doch nochmal hin, oder?
Ja. Wenn du magst.
Ich mag, sagte Greta bestimmt. Die Marmelade ist gut. Und Oma guckt jetzt anders.
Anders?
Ja, ich weiß nicht wie. Aber anders.
Katharina sah ihre Tochter an. Sieben Jahre, rötliche Zöpfe, ernster Blick. Bemerkt alles. Fühlt alles.
Dann gehen wir zusammen, sagte Katharina.
Und genauso war es.





