Seine Wohnung geb ich nicht her!

Willst du wirklich hören, was gestern bei mir passiert ist? Ich war wieder in Hamburg, bei Valentina. Also, streng genommen, offiziell heißt sie Frau Dr. Valentina Schmidt so nennt sie auch wirklich jeder aus dem Haus. Aber für mich ist sie einfach Valentina, auch wenn das immer irgendwie respektvoll bleibt. Es war schon dunkel, so halb elf, als ich durchs Nieselregen zum Mietshaus an der Ludwigstraße ging.

Ich stehe also vor dieser alten, gelben Wohnungstür, und sie macht mir auf. Dieselbe Valentina wie immer steht da, verschränkt die Arme am Türrahmen, als dächte sie, sie kann mit ihrem Körper wirklich verhindern, dass irgendwer irgendwas betritt. Warum bist du da? fragt sie nur und schaut so an mir vorbei, als hätte sies geahnt.

Guten Abend, Frau Schmidt. Ich versuche, höflicher zu sein als nötig du weißt ja, wie ich bin.

Sie starrt weiter. Ich schau erst mal auf ihre Fußmatte, die hab ich damals selbst mitgebracht vom Flohmarkt bei der Osterstraße. Blau, mit weißer Borte. Der Gummi löst sich langsam, aber sie schmeißt ihn einfach nicht weg.

Lange Pause, sie sagt nichts. Dann geht sie einfach in die Küche. Nicht wirklich einladend, aber in norddeutscher Manier immerhin ein stillschweigendes Na gut, komm halt rein.

Es riecht anders als früher. Genas Mantel hing sonst da links jetzt hängt nur noch ihr Bademantel und so eine Strickmütze, die schon bessere Tage gesehen hat. Ich häng meinen Mantel trotzdem erstmal an den alten Haken, versetze ihn aber nach kurzem Zögern auf den rechten, irgendwie aus Trotz.

Drüben in der Küche klappert sie mit dem Wasserkessel, als müsste sie sich ablenken. Es gibt diese Geräusche, die machen Eltern in ihrer Wohnung unbewusst, weil niemand lehren kann, anders zu sein, wenn jemand zu Besuch ist. Bei ihr klingt alles so, als würde sie einem Zwang nachgeben.

Ich hab dich im Fensterlicht gesehen. Ich war zufällig in der Gegend. Um zehn?

Der Bus hatte Verspätung.

Sie will immer alles kontrollieren, das kennst du bei ihr. Jetzt drückt sie sich zwischen den Zeilen durch jedes Gespräch. Setz dich halt sagt sie, relativ genervt. Ich setz mich, sie gießt Tee ein, ohne zu fragen, ob ich will und schiebt mir Zucker hin alles, ohne aufzuschauen.

Wie gehts dir? frage ich vorsichtig. Wie immer, sagt sie, legt die Hände um ihre Tasse, als wären es kalte Wintertage. Aber ihre Finger zittern, und das ist mehr als ihr wie immer zugeben will. Das waren mal die stabilsten Hände, die ich kannte. Jetzt naja.

Eigentlich wollte ich über alles Mögliche sprechen. Über ihn. Über die Papiere, die Sache mit dem Erbe. Rede über die Papiere mit dem Notar, habe ich alles schon gesagt. Sie klingt verschlossen.

Ich kenn die Küche in- und auswendig. Links im Schrank sind Bändchen für Müllbeutel, alte Batterien, die Gena nie weggeworfen hat, weil sie ja noch halten könnten. Unter der Spüle ein Eimer, den sie nur bei Rohrtropfen drunterschiebt und jedes Jahr im September tropfts. Und hinterm Kühlschrank, da liegt immer noch die 50-Cent-Münze, die wir zu dritt mal mit einem Lineal rausfriemeln wollten. Gena lachte damals so herzlich und Aljoscha auch.

Drei Monate ist das jetzt her.

Hab dir Zwetschgenmarmelade mitgebracht, sag ich und deute Richtung Tasche neben der Tür. Sie schaut nicht hin, sagt aber leise: Hab ich gesehen. Sie mochte das immer gern, gibt das auch jetzt noch zu, wenn auch leise. Ich glaube, sie weiß selbst nicht mehr, wie es war davor oder danach.

Irgendwie reden wir dann doch über Aljoscha. Über Lydias Tochter, die Nachbarin die hat mich mit einem Kollegen im Café gesehen. Das war wirklich nur die Arbeit. Nichts weiter.

Sie sieht mich an, sagt dann: Er hat dich sehr geliebt vielleicht mehr, als du dachtest. Ich nicke. Viel zu sagen gibts nicht. Und sie fährt fort: Ich hab dich nicht für schlecht gehalten. Ich finds nur schwer, jetzt, wo du wieder da bist, nach all dem.

Es ist so typisch deutsch, dieses Reden über Eigentum. Das Haus, die Wohnung all das, was materiell ist, und doch viel mehr bedeutet. Anscheinend gehts ihr weniger um Quadratmeter als darum, ob sie das Recht hat, zuerst zu erfahren, wenn etwas passiert. Nicht außerhalb stehen. Nicht ausgeklammert sein, da ihr Sohn und ich so viele Jahre zusammen gewohnt haben.

Du würdest es mir doch sagen, bevor du es verkaufst? Es ist das einzige, was zählt. Nicht das Geld. Die Verbindung.

Ich verspreche es. Und während sie den Suppentopf aus dem Kühlschrank holt das typisch norddeutsche Nudelsuppe von gestern, stell dich nicht so an , denke ich, dass echte Versöhnung so aussieht: Nicht Worte, sondern Handlungen. Suppe. Stille, während draußen der Regen gegen das Fenster schlägt.

Nach dem Essen wischen wir gemeinsam ab, ohne viele Worte. Es gibt dieses alte Sprichwort, das meine Mutter immer sagte: Gemeinsam schweigen heißt verstehen. Das trifft es heute.

Später zieht sie eine Kiste aus dem Schrank Aljoschas Schulsachen. Hefte aus der dritten Klasse, mit akkurater Kinderschrift. Ich blättere durch kleine Bilder, bleibe bei einem Aufsatz hängen, in dem er schreibt, dass er am liebsten Kapitän würde, einfach weil er das Meer noch nie gesehen hatte, nur von Büchern kannte. Die See, schreibt er, sähe in Wirklichkeit kleiner aus als in den Romanen.

Am Ende werde ich von ihr eingeladen zu bleiben. Ehrlich gesagt, es rührt mich ich übernachte auf dem alten Sofa mit kariertem Baumwollplaid, das sie je nach Jahreszeit als braun oder rostrot bezeichnet.

In der Früh weckt mich Kaffeeduft und der milde Geruch von Haferbrei nicht süß, sondern leicht salzig mit Butter, wie meine Oma ihn gekocht hat. Hier, setz dich sagt Valentina, und ich esse, ohne zu fragen. Draussen ist ein typischer Hamburger Oktober grau, klatschnass, der Wind weht Blattfetzen durch die Gassen.

Sie zeigt mir einen alten Brief von Aljoscha. Von seinem Wehrdienst, als Zivildiensler damals. Er schildert, wie er früh im Nebel einen alten Baum anschaut und denkt: Gut, dass es noch Beständigkeit gibt. Ich darf den Brief behalten. Einfach so.

Bevor ich gehe, sagt sie: Melde dich, wenn du kannst. Nicht oft, aber ab und zu. Und ich weiß, das ist ihr Weg zu sagen: Lass uns nicht verlieren, was bleibt.

Wir verabschieden uns, jede mit dem Gefühl, dass etwas leichter geworden ist. Draußen nasse Straßen, graue Gesichter, als sei nichts geschehen aber ich weiß: In meiner Tasche steckt ein Brief, und im Schrank in Hamburg steht eine Marmelade, deren Glas ich kennen würde, egal wo.

Auf dem Weg zur U-Bahn fällt mir ein, dass Versöhnung kein entschlossener Moment ist, sondern eine Folge von Handlungen. Suppe, Briefe, Gästehandtücher im Bad. Du nimmst, was du kriegst, und hoffst, dass es reicht, ein bisschen das Band zu halten.

Kurz vor meinem Ausstieg schreibe ich ihr eine Nachricht: Bin gut angekommen. Danke für alles. Später kommt zurück: Gern geschehen. Marmelade steht im Schrank.

Am Freitagabend ruft sie an: Ich fahre zu Tamara nach Bremen. Zehn Tage. Schön. Gute Fahrt. Ein bisschen Pause, dann: Nimm beim nächsten Mal das Buch mit. Aljoschas wars. Ich koche mir eine Nudelsuppe, schaue in die dunkle Nacht, und hab das Gefühl, dass ein Schritt gemacht ist nicht mehr, nicht weniger.

Weißt du, manchmal bleibt vom Leben gar nicht viel mehr als eine Marmelade von jemandem im Küchenschrank, ein altes Schulheft oder ein Brief, und irgendwer, der zur richtigen Zeit sagt: Bleib ruhig noch. Aber das reicht vielleicht. Ich glaube, das reicht tatsächlich.

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Homy
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Seine Wohnung geb ich nicht her!
Die Nichte besucht mich, ist aber enttäuscht, dass ich sie nicht bewirte.