Schon wieder bleiben wir zuhause – Reisepläne platzen erneut

Wir fahren schon wieder nicht.

Katja, hast du die Tickets schon ausgedruckt? fragte Martin, ohne den Blick vom Handy zu heben.

Habe ich. Und den Reisepass habe ich gefunden, einen neuen Badeanzug besorgt, und unsere Anna habe ich für zwei Wochen zu meiner Mutter gebracht. Alles erledigt.

Gut gemacht.

Martin.

Was?

Schau mich mal an.

Er blickte kurz hoch. Ich stand mitten in der Küche, im neuen Sommerkleid, extra angezogen für diesen Abend, drei Tage vor der Abreise. Einfach, um zu spüren: Der Urlaub hat schon begonnen. Dass wir fahren. Dass er kommen wird.

Hübsch, sagte er leise und versank wieder im Display.

Es kränkte mich nicht. Ich dachte nur: So leben wir eben. Seite an Seite, und doch wie jeder in seinem eigenen Zimmer. Und dieser Urlaub, diese zehn Tage in Montenegro, den hatte ich mir extra überlegt, um aus unseren Räumen herauszukommen und uns irgendwo in der Mitte zu treffen. Dort, wo es warm ist, wo kein Abwasch wartet, keine Elternabende, keine ewigen Anrufe seiner Mutter.

Seine Mutter. Erika Schulte, achtundsechzig Jahre alt, lebt allein in einer Zweizimmerwohnung in der Lindenstraße, zehn Autominuten entfernt. Seit zwölf Jahren Witwe. Einziger Sohn: mein Mann.

Ich kannte sie seit neun Jahren. Und ich habe in diesen Jahren viel gelernt. Etwa, dass ihr Lieblingssatz Ich mische mich nicht ein das genaue Gegenteil bedeutet. Oder dass sie mit Mach wie du meinst meint, Mach, wie ich es will. Dass ihr Schweigen am Telefon schwerer wiegt als jedes Wort.

Doch an dem Abend, als ich so im Sommerkleid dastehe und die ausgedruckten Tickets in der Hand halte, denke ich nicht an Erika Schulte. Ich denke an das Meer. Wie Martin und ich Hand in Hand an der Promenade entlanglaufen. Und vielleicht erinnere ich mich dann daran, warum ich ihn eigentlich geheiratet habe.

Das Telefon klingelt. Punkt zehn Uhr. Ihr leiser, brüchiger Ton ist sogar noch von der anderen Küchenseite aus zu hören:

Martl, ich habe heute wieder so hohen Blutdruck. Hundertsechzig zu hundert. Mir wird schwindlig.

Martin steht sofort auf. Ich sehe, wie sich sein Gesicht verändert.

Mama, ich komme gleich.

Nein, Kind, bleib zu Hause. Es geht schon.

Mama, ich fahr jetzt los.

Er beginnt nach dem Schlüssel zu suchen. Ich denke: Bitte nicht. Nicht heute. Es ist doch nur der Blutdruck. Sie hat ihre Tabletten, sie weiß, was zu tun ist.

Martin, sage ich.

Katja, hast du es nicht gehört? Der Blutdruck ist zu hoch.

Sie hat ein Messgerät. Sie hat Tabletten. Hat sie den Notarzt gerufen?

Wozu? Ich fahre selbst hin.

Es ist schon zehn Uhr abends.

Und?

Ich sage nichts mehr. Er fährt los. Kommt um eins zurück. Legt sich ins Bett, schläft sofort ein. Ich starre an die Decke. Das Kleid hängt am Stuhl, festlich und überflüssig.

Noch drei Tage bis zur Abreise.

Am nächsten Mittag ruft Erika Schulte wieder an. Martin ist auf der Arbeit, also spricht sie mit mir.

Kathi, ich will euch nicht belästigen, aber sag dem Martin doch, ich bin letzte Nacht hingefallen. Ich bin nur zum Wasser holen aufgestanden und dann aufs Knie gefallen. Ist nichts dramatisches, tut halt weh.

Haben Sie einen Arzt gerufen?

Wozu, mein Gott? Nur ein blauer Fleck.

Frau Schulte, lassen Sie bitte ein Röntgen machen. Nicht, dass es doch ein Bruch ist.

Ach, Katja. Ich komm ja kaum raus, und du willst gleich röntgen.

Ich rufe Martin im Büro an, berichte ihm. Er kommt früher heim, packt eine Tasche, meint, er bringe sie ins Krankenhaus zum Durchchecken.

Martin, in drei Tagen wollten wir los.

Ich weiß.

Sie meldet sich erst jetzt, es ist kein Notfall.

Sie ist eben allein.

Sie ist seit zwölf Jahren allein.

Er schaut mich an, als hätte ich etwas Unanständiges gesagt. Ich spüre wieder dieses alte Schuldgefühl, das immer kommt, wenn ich ehrlich über Erika Schulte spreche.

Im Krankenhaus findet man nichts. Kein Bruch, das Knie ist heil.

Am Abend beginne ich, den Koffer zu packen. Routiniert, ordentlich, als könne bloßes Packen verhindern, dass der Urlaub zerbröckelt. Badeanzug, Sonnencreme mit Faktor fünfzig (Rothaarige verbrennen sofort), leichtes Kleid, das Buch, das ich seit Monaten lesen will.

Packst du schon? fragt Martin aus der Tür.

Übermorgen fliegen wir. Muss sein.

Ja. Er schweigt. Mama sah heute schlecht aus.

Martin.

Was?

Nichts.

Ich schließe den Koffer. Stelle ihn an die Tür damit wir ihn nicht vergessen.

Der letzte Anruf kommt einen Tag vor Abflug. Ich stehe im Supermarkt, besorge noch ein paar Snacks für die Reise. Martin schreibt: Katja, die Feuerwehr war bei Mama. Fieber und Blutdruck, bin hingefahren.

Zwischen Fischdosen und Joghurts lese ich die Nachricht fünfmal. Dann antworte ich: Ich gehe nach Hause.

In der Küche warte ich. Martin kommt spät zurück, setzt sich mir gegenüber, schweigt lange.

Katja, wir müssen den Urlaub verschieben.

Nein.

Er hebt die Augen.

Sie ist im Krankenhaus.

Und wird sie bald entlassen?

Nein, aber

Martin, sie liegt im Krankenhaus. Da gibt es Ärzte, Schwestern, Infusionen, 24-Stunden-Pflege. Was willst du ihr helfen, wenn du nur auf dem Gang sitzt?

Sie hat Angst, allein zu sein.

Sie hat immer Angst, allein zu sein! Ich höre, wie meine Stimme lauter wird, kann sie aber nicht stoppen. Immer, wenn wir etwas planen, bekommt sie Angst. Erinnerst du dich an Silvester vor drei Jahren? Da wollten wir zu meinen Eltern, und plötzlich hatte sie Herzprobleme. An meinem Geburtstag? Wir hatten im Restaurant reserviert, sie ruft eine Stunde vorher an, kriegt keine Luft. Martin, ich bin müde.

Katja, das ist meine Mutter.

Ich weiß. Ich verlange nicht, dass du sie aufgibst. Ich will nur, dass du mit mir wegfährst, den Urlaub, den wir acht Monate geplant haben.

Er schweigt.

Die Tickets verfallen sage ich leise. Das Hotel erstattet nicht. Anna ist schon bei meiner Mutter.

Ich kriege einen Teil erstattet. Kaufe andere Tickets.

Martin.

Katja, ich kann nicht anders.

Ich stehe auf. Mir fehlen die Worte, also gehe ich einfach ins Schlafzimmer, starre ins Dunkel. Der Koffer an der Tür, so nutzlos, so vorbereitet.

Am nächsten Morgen fährt Martin zum Krankenhaus. Ich telefoniere mit der Airline, dann mit dem Hotel, dann mit meiner Mutter und sage, Anna soll noch eine Woche bleiben.

Was ist passiert? fragt meine Mutter.

Schwiegermutter.

Schon klar, sagt sie nur.

Drei Tage lebe ich allein in der Wohnung. Koche, putze, gehe arbeiten, komme heim. Martin kommt spät, schläft manchmal bei seiner Mutter. Wir reden wenig. Ich frage nach Erika besser oder geht so, sagt er, ich antworte gut und gehe schlafen.

Am vierten Tag halte ich es nicht aus. Er kommt halb elf nach Hause, hängt die Jacke weg, und ich sage direkt:

Martin, sie simuliert.

Er bleibt stehen.

Was?

Ich sehe das seit Jahren. Immer, wenn wir was planen Wie oft war das schon?

Katja, sie liegt mit hohem Blutdruck im Krankenhaus.

Blutdruck hat jeder mal. Der ist nach drei Tagen vorbei. Sie liegt jetzt schon eine Woche dort.

Weil die Ärzte beobachten müssen.

Oder weil sie nicht entlassen werden will, solange du da bist.

Er sieht mich an, nicht wütend, sondern noch schlimmer: enttäuscht.

Du redest von einem Kranken.

Ich rede von jemandem, der genau weiß, wie man krank ist.

Wie kannst du nur.

Martin, ich sage dir nur die Wahrheit.

Das ist keine Wahrheit, das ist deine Eifersucht.

Eifersucht?

Du bist auf meine Mutter eifersüchtig. Warst du immer. Sie merkt das, deswegen versteht ihr euch nie.

Ich sehe ihn lange an. Dann sage ich:

Vielleicht hast du recht.

Und gehe ins Schlafzimmer.

Doch ich weiß, er hat nicht recht.

Ich lernte Erika Schulte zwei Monate nach unserer ersten Begegnung kennen. Sie öffnete mir die Tür, taxierte mich von oben bis unten und sagte: Na komm mal rein, schaun wir mal. Kein Guten Tag, kein Freut mich. Einfach schaun wir mal.

Beim Tee befragte sie mich wie eine Kommissarin: Eltern, Beruf, Einkommen, eigene Wohnung. Ich antwortete ruhig, weil ich noch jung war und dachte, Mütter tun das eben.

Beim Abschied meinte sie zu Martin laut, im Flur: Dünn ist sie, deine Freundin. Und die Augen unruhig, oder?

Er lachte, ich lachte mit. Damals fand ich das komisch.

Nach anderthalb Jahren heirateten wir. Ein kleines Fest, wir wollten keinen Rummel. Erika Schulte saß am Tisch wie unter Zwang. Beim Toast stand sie auf, sagte: Martl, du bist mein Einziger. Vergiss das nicht. Setzte sich.

Ich habe diesen Satz nicht vergessen.

Anna wurde zwei Jahre später geboren. Erika kam mit Blumen ins Krankenhaus, warf einen Blick auf das Baby und sagte: Sie sieht nicht aus wie du, Martl. Ganz die Katja. Nicht als Kompliment.

Sie war aber eine gute Oma das muss ich zugeben. Las Anna vor, spazierte mit ihr, war zuverlässig. Anna mochte sie, nannte sie Oma Erika und suchte ihre Nähe.

Die Schwierigkeit lag nicht im Verhältnis zu Anna, sondern zu mir. Oder besser gesagt: darin, dass es kein Verhältnis gab. Da war Martin, da war Anna, da war sie und ich war wie Tapete, die mitkocht und die Wäsche macht.

Martl, du bist abgemagert. Füttert Katja dich nicht?

Martl, du siehst müde aus. Arbeitest du zu viel? Bestimmt kannst du dich zu Hause nicht richtig erholen.

Martl, weißt du noch, als wir früher an die Ostsee gefahren sind? Das waren Urlaube! Keine Auslandsreisen.

Ich habe mir längst abgewöhnt, darauf zu reagieren. Aber manchmal tut es weh wie ein kleiner Haken, der doch schwer zieht.

Nachdem Martin mich als eifersüchtig bezeichnet hatte, fragte ich mich tatsächlich: Übertreibe ich? Ist sie einfach nur eine alte, einsame Frau, die Angst hat, ihren Sohn zu verlieren? Rede ich mir da etwas ein?

Ich versuchte, mich in ihre Lage zu versetzen. Mit achtundsechzig, allein, Mann tot, Sohn lebt sein eigenes Leben. Sicher ist das schwer. Einsamkeit drückt, Menschen greifen nach jedem Strohhalm.

Doch dann sehe ich die Tickets nach Montenegro vor mir. Acht Monate Warten. Anna bei Oma. Der Anruf exakt drei Tage vor Abflug.

Nein. Das war nicht nur Angst vor dem Alleinsein. Das war etwas anderes.

Nach zehn Tagen wurde Erika Schulte entlassen. Martin holte sie ab, half beim Auspacken, blieb zum Mittagessen. Kam abends heim und sagte:

Siehst du, alles halb so schlimm.

Freut mich, sage ich.

Katja.

Was?

Du bist sauer.

Nein.

Doch. Ich sehs doch.

Martin, ich bin nicht sauer. Ich habe nur keine Lust mehr, so zu tun, als wäre alles normal.

Und was ist daran nicht normal?

Ich sehe ihn an: groß, ein wenig rundlich, das Gesicht müde, und in den Augen diese Aufrichtigkeit eines Mannes, der wirklich nicht versteht.

Da liegt das Problem. Er versteht es nicht. Nicht, weil er schlecht ist. Sondern weil er seine Mutter als Mutter sieht. Ich sehe dahinter ein Muster.

Ist schon gut, sage ich. Willst du Tee?

Gerne.

Wir trinken Tee, sprechen über Anna wie es ihr bei meiner Mutter geht, ob sie Heimweh hat. Am Wochenende wollen wir sie abholen.

Vor dem Einschlafen umarmt er mich und sagt:

Wir machen das. Diesen Sommer klappt es bestimmt.

Ich antworte nicht. Nicht, weil ich misstrauisch bin. Aber klappt bestimmt klingt für mich wie nie.

Der Sommer kommt. Martin bucht kurzfristig ein günstiges Angebot eine Woche Türkei. Anna wieder zu meiner Mutter. Ich hole wieder den Koffer heraus.

Diesmal kommt der Anruf nicht drei Tage, sondern vier Stunden vor dem Taxi.

Martl, ich weiß nicht, was mit mir los ist. Der Notdienst sagt, der Blutdruck ist okay, aber mir gehts so schlecht. Schwäche, und irgendwas in der Brust. Wahrscheinlich Nerven.

Mama, erzähl genauer. Wo tuts weh?

Na hier eben. Und der Rücken tut heute weh. Und ein bisschen der Kopf auch.

Mama, ich komme.

Ich stehe daneben, höre alles. Schaue Martin an, der schon die Schlüssel sucht und irgendwas in mir bricht einfach.

Nicht laut, kein großer Krach. Es bricht und das wars.

Martin, sage ich, wenn du jetzt fährst, weiß ich nicht, wie das mit uns weitergeht.

Er hält inne.

Was heißt das?

Genau das.

Du drohst?

Nein. Ich sage die Wahrheit. Ich kann nicht mehr. Das ist jetzt das zweite Mal abgesehen von all den anderen. Ich bin auch ein Mensch, Martin. Deine Frau. Ich habe auch Grenzen.

Er schweigt eine Ewigkeit. Dann:

Ich kann meine Mutter nicht im Stich lassen.

Ich verlange das ja nicht. Ich will nur, dass du ins Taxi mit mir steigst.

Sie sagt, es tut in der Brust weh.

Das sagt sie jedes Mal, wenn wir wegfahren wollen.

Katja.

Martin.

Wir stehen im Flur, zwischen uns der Koffer. Der gleiche. Hellblau, mit gelbem Griff, extra damals für diese Reise gekauft, und er stand ein Jahr lang unbenutzt im Abstellraum.

Fahr, sage ich.

Katja

Fahr. Ich nehme das Taxi allein.

Du willst alleine fahren?

Nein. Ich fahre nirgendwo hin.

Ich bringe den Koffer wieder in den Abstellraum, ziehe mich an, verlasse die Wohnung.

Ich laufe durch die Straßen, planlos. Es ist August, der Abend noch warm, die Stadt riecht nach heißem Asphalt und irgendwo noch nach Lindenblüten, auch wenn es schon spät dafür ist. Ich gehe drei Blocks, dann noch drei, dann in ein kleines Café, Holzstühle, ich bestelle einen Kaffee und sitze einfach nur da.

Meine Freundin Britta ruft an.

Wo bist du?

In irgendeinem Café an der Waldstraße, glaube ich.

Schon wieder Stress?

Wieder Schwiegermutter?

Wieder.

Britta schweigt. Dann:

Katja, ich will dir schon lange was sagen.

Sag schon.

Du wohnst jetzt neun Jahre daneben und hoffst immer noch, etwas ändert sich. Tut es aber nicht. Denn Martin ändert sich nie, solange du bleibst.

Du meinst, ich soll gehen?

Ich meine, manchmal musst du jemanden merken lassen, dass er dich verliert. Anders lernen sie es nie.

Ich trinke den Kaffee, bestelle noch einen.

Britta, ich kann das nicht so demonstrativ weggehen.

Das ist nicht demonstrativ. Das ist ehrlich. Du hast alles gesagt. Vielleicht ist Schweigen manchmal lauter.

Um Mitternacht komme ich zurück. Martin ist da, sitzt in der Küche.

Wo warst du?

Im Café.

Ich habe angerufen.

Hab ich gesehen.

Warum nicht abgehoben?

Keine Lust.

Er sieht mich an, ich ihn. Wir wissen beide, dass etwas anders ist, aber nicht, in welche Richtung.

Mama geht’s gut, sagt er. War tatsächlich Nervensache, der Notdienst hatte recht. Beruhigungstablette, jetzt schläft sie.

Gut.

Katja, es tut mir leid.

Wofür?

Dass ich gefahren bin.

Martin, du hast das Recht, zu deiner Mutter zu fahren.

Aber ich hätte

Musst nicht, nicht jetzt.

Ich gehe schlafen. Eine Woche später packe ich eine Tasche (keinen Koffer), fahre zu meiner Mutter. Offiziell, um Anna zu besuchen. Eigentlich, weil ich erstmal Luft brauche.

Fünf Tage bleibe ich dort. Mutter fragt nichts, füttert mich, kocht Tee, zeigt alte Filme. Anna springt herum, will Aufmerksamkeit, ich gebe sie ihr es ist leicht. Das Kind will etwas, ich gebe Liebe.

Martin ruft jeden Tag an. Am dritten Tag fragt er:

Kommst du zurück?

Bald.

Strafst du mich?

Nein. Ich ruhe mich aus.

Am sechsten Tag fahre ich heim. Wir klären nichts auf, leben einfach weiter. Anna kommt in den Kindergarten zurück, Martin geht arbeiten, ich gehe arbeiten. Am Wochenende fahren wir manchmal zu Erika Schulte.

Das halte ich schwer aus. Sitze am Tisch, esse ihren für Martin gebackenen Kuchen, höre von Nachbarin Gisela und deren bedauernswertem Schwiegersohn. Manchmal reden wir auch normal, über Anna, ihren Schrebergarten. Ich sehe, dass sie klug ist und ein eigenes Leben und Schicksal hat. Sie hat Martins Vater verloren, als der 56 war Schlaganfall, ganz plötzlich. So was hinterlässt Spuren.

Doch etwas verstehen und etwas akzeptieren ist nicht dasselbe.

Einmal, im Oktober, bleibe ich nach dem Spülen in der Küche, Martin spielt mit Anna. Erika kommt rein, nimmt ein Tuch, beginnt, Teller abzutrocknen.

Drei Minuten Stille. Dann sagt sie:

Du bist sauer auf mich.

Nein.

Doch. Ich sehs.

Ich stelle den Teller weg, schaue sie an.

Frau Schulte, ich bin nicht sauer. Nur müde.

Von mir?

Von der Situation.

Sie schweigt. Trocknet einen Teller. Stellt ihn ins Regal.

Ich weiß, dass ihr verreisen wolltet, sagt sie. Und dass ich gestört habe.

Ich antworte nicht.

Ich wollt das nicht absichtlich, sagt sie, und in ihrer Stimme schwingt etwas mit, das weder Entschuldigung noch Ausrede ist. Eher so etwas wie Wahrheit.

Frau Schulte, sage ich vorsichtig, wenn es Ihnen schlecht geht, rufen Sie an, nehmen Sie Tabletten, Martin kommt, wenn es ernst ist. Aber wenn nicht

Woher soll ich das wissen, was ernst ist?

Dafür gibt es Ärzte.

Sie legt das Tuch ab, sagt nichts mehr und geht. Ich sehe ihr nach.

Leichter ist mir nicht. Aber irgendwo, ganz leise, geht eine kleine Tür auf.

Der Winter geht ruhig vorbei. Im Frühling bringt Martin den Urlaub nochmal vorsichtig ins Gespräch, wie jemand, der übers dünne Eis will.

Ich dachte Juni. Irgendwohin nicht so weit. Versuchen wir es nochmal?

Versuchen wir, sage ich.

Ich meins ernst, Katja.

Ich auch.

Ich sprech vorher mit Mama, erklär ihr alles.

Gut.

Er redet mit ihr. Ich höre das Gespräch nicht, aber sein Gesicht später ist gespannt, wie nach einem unangenehmen Kraftakt.

Und?

Sie sagt, sie versteht es.

Und?

Und hofft, dass nichts passiert.

Wunderbar.

Katja, sie hat nicht versprochen, krank zu werden.

Hat sie noch nie.

Juni kommt. Wir kaufen wieder Tickets, dieses Mal warte ich bis zum letzten Tag, bevor ich Badeanzug und Sonnencreme einkaufe. Anna kommt wieder zu meiner Mutter. Den Koffer stelle ich erst kurz vor der Abreise an die Tür.

Diesmal klingelt das Telefon am Abflugtag, morgens. Nicht Erika, sondern das Krankenhaus.

Sind Sie Angehörige von Erika Schulte?

Martin nimmt ab. Ich sehe sein Gesicht.

Ja, ihr Sohn. Was ist los?

Schweigen.

Wann ist sie eingeliefert worden?

Wieder Schweigen.

Wir kommen.

Er legt auf, sieht mich an und ich weiß es längst.

Herzinfarkt. Nachts. Die Nachbarin hat sie morgens gefunden.

Ich sage nichts.

Katja, das ist ein echter Infarkt.

Ich verstehe.

Ich muss hinfahren.

Natürlich, Martin. Fahr.

Er geht. Ich stehe im Flur, sehe den Koffer zum dritten Mal in diesem Jahr.

Erika ist zwei Tage auf der Intensivstation, dann auf der normalen Station. Martin bleibt fast durchgehend bei ihr, ich bringe ihm Essen, Frisches. Ich gehe einmal selbst zu ihr.

Sie liegt da, klein, blass, Infusion im Arm. Nicht der direkte Blick, nur ein Liegen.

Katja, sagt sie leise, als ich komme.

Wie fühlen Sie sich?

Schlecht. Diesmal ist es wohl soweit.

Nein, sage ich.

Woher willst du das wissen?

Die Ärzte sagen, es ist stabil.

Sie schließt die Augen. Öffnet sie wieder.

Ich hab das nicht erwartet, sagt sie. Dass es mal echt ist.

Erst verstehe ich nicht. Dann schon.

Frau Schulte.

Lass. Ich weiß, was du denkst.

Ich denke nichts.

Doch. Und du hast recht.

Wir schweigen.

Brauchen Sie etwas? frage ich. Soll ich was bringen?

Nichts. Martin hat alles besorgt.

Ich will gehen. Sie sagt:

Danke, dass du gekommen bist.

Ich blicke zurück.

Ich komme immer, wenn Sie es brauchen, sage ich. Und es stimmt, seltsamerweise.

Nach zwei Wochen wird sie entlassen. Martin will sie zu uns holen, vorübergehend, bis sie wieder fit ist.

Ich denke, ich sage Nein. Spüre, dass etwas in mir nein schreit. Aber ich sage:

Gut.

Martin wundert sich ein wenig.

Sicher?

Nein, sage ich ehrlich. Aber es ist richtig. Sie braucht Hilfe.

Wir holen Erika freitags zu uns. Sie betritt die Wohnung mit einer kleinen Tasche, sieht sich um. Anna stürzt auf sie zu und umarmt sie am Bauch.

Erika Schulte drückt sie und ich sehe sie zum ersten Mal weinen. Nicht für die Galerie. Still, echt.

In den ersten Tagen koche ich extra für sie, Diätkost, ohne Salz. Martin bringt sie zu den Anwendungen. Anna sitzt neben ihr und erzählt vom Kindergarten. Abends schauen wir manchmal zusammen Fernsehen.

Ich achte auf mich. Lasse mich nicht reizen. Wenn sie meint, die Suppe sei zu dünn, sage ich: Dann wird die nächste dicker. Wenn der Fernseher ihr zu leise ist, bringe ich Kopfhörer.

Einmal fragt sie:

Katja, warum bist du so zu mir?

Wie?

Naja. So. Erträgst mich eben.

Ich ertrage Sie nicht sage ich. Sie sind krank, brauchen Hilfe.

Ich war immer anstrengend.

Ja, sage ich ehrlich.

Sie schmunzelt fast anerkennend.

Absicht war es nie. Oder doch? Weiß es selbst nicht mehr.

Wir sitzen in der Küche. Martin ist bei der Arbeit, Anna im Kindergarten. Ich trinke Tee, sie ihren Kräutersud.

Nach Viktors Tod für mich ihr Mann, für Martin der Vater , habe ich monatelang nicht gewusst, wie weiter. Nicht, weil ich nichts verstand bloß der Sinn fehlte. Martin war da schon im Studium, sein eigenes Leben. Und ich war endgültig allein.

Das ist schwer, sage ich.

Schwer. Und da fing es an ich klammerte. Weißt du? Ich wollte ihn halten. Aus Angst, er geht nur noch.

Er ist nicht weg.

Doch. In ein anderes Leben. Ich versteh das heute. Aber ich konnte nicht anders. Ich zog immer. Rief an, weinte, war krank.

Sie sieht zum Fenster. Ich sehe sie an.

Frau Schulte, sage ich leise, er liebt Sie. Er ist immer gekommen.

Ja, aber nie freiwillig. Sondern weil er musste. Das ist nicht das gleiche, Katja.

Es war unser ehrlichstes Gespräch.

Ich habe ihr nicht gleich vergeben. Vergebung dauert. Ist wie eine feine Schramme, die langsam heilt. Man merkt es kaum. Irgendwann tut es einfach nicht mehr weh.

Sie blieb drei Monate bei uns. Wurde langsam wieder stärker, spazierte. Im Oktober wollte sie heim.

Ich mag zurück, sagt sie. War lange genug hier.

Am Tag der Abreise steht sie nah vor mir, wie noch nie.

Katja, sagt sie.

Ja?

Fahrt. Wohin ihr wollt. Nehmt Anna mit. Ich komme klar.

Ich suche nach Worten.

Gisela aus dem nächsten Haus schaut nach mir, sagt Erika noch. Die mag ich, sie ist bloß Schwätzerin.

Wir haben gar nichts fest geplant.

Plant ruhig mal. Wird Zeit.

Sie zieht ihren Mantel an, Anna fliegt in ihre Arme. Sie umarmen sich lange, ich schaue auf die beiden einen großen und einen kleinen Schatten, und denke, viele Wege sind schräg im Leben. Manchmal braucht es einen Abgrund, um zu verstehen. Damit beide es sehen.

Der Winter ist ruhig. Erika ruft einmal pro Woche, sonntags, spricht mit Martin, manchmal mit Anna, selten auch mit mir: ein einfaches Hallo.

Wir besuchen sie an Feiertagen. Sie bäckt, Anna hilft, Martin schaut alte Filme. Manchmal sitze ich mit Erika in der Küche. Wir reden, nicht über Martin, sondern über ihr Leben. Ihre Zeit als junge Ingenieurin, die Reisen nach Hamburg zur Messe, wie sie Viktor im Werkschor kennenlernte.

Sie war immer interessant, ich sah bloß zu viel anderes dazwischen.

Im Februar ruft sie nicht Martin, sondern mich an.

Katja, ich will, dass ihr mal ans Meer fahrt. Kauft die Tickets früh, so ists günstiger.

Erika

Jetzt lass mich ausreden. Das ist sinnvoll. Nehmt Anna mit, Ostsee tut Kindern gut. Ich bin so lange allein. Außerdem schaut Gisela vorbei.

Wir überlegen es.

Überlegt nicht zu lange. Der Sommer ist ratzfatz vorbei.

Abends fragt Martin:

Mama angerufen?

Ja.

Was wollte sie?

Uns früh auf Tickets aufmerksam machen.

Martin schweigt, lächelt dann diesmal echt.

Na schau mal an.

Allerdings.

April. Fast ein Jahr seit jener Nacht, als sie eingeliefert wurde. Wir planen konkret Urlaub. Martin findet ein schönes Hotel in Montenegro, direkt am Wasser, mit Frühstück. Wir durchstöbern die Fotos, ich denke: Das ist es. Endlich.

Anna ist überglücklich. Kauft sich von ihrem Taschengeld kleine Schwimmflossen, die nicht passen und nichts nützen, aber sie stehen auf der Fensterbank, werden täglich angeschaut.

Erika ruft sonntags wie immer an.

Am Montagabend ruft Gisela an.

Sind Sie Herr Schulte?

Nein, ich bin Katja, die Schwiegertochter.

Katja, sagt Gisela leise, ich war heute Morgen bei Erika, wollten gemeinsam Tee trinken. Sie hat lange nicht geöffnet. Ich hab den Ersatzschlüssel genommen, den sie mir gab. Sie saß im Sessel. Ganz ruhig.

Ich schweige lange.

Ruhig, wiederhole ich.

Ja. Die Ärzte sagten, es war nachts. Nicht schmerzhaft, sagten sie. Im Schlaf, sicher.

Ich danke Gisela. Rufe Martin an.

Dann meine Mutter, bitte Anna einige Tage zu ihr zu nehmen.

Ich gehe durch die Wohnung. Nicht, dass es praktische Dinge gäbe. Die sind klar: Anrufen, Fahren, alles Weitere. Ich weiß nicht, was ich mit dem machen soll, was in mir ist.

Der Schmerz ist echt. Trotz all der Koffer an der Tür, verfallener Tickets, einsamer Abende. Der Schmerz ist echt, weil sie echt war. Mit all ihren Ecken, Ängsten, mit einer Liebe, die immer umständlich war.

Martin weint. Ich sitze neben ihm, halte seine Hand. Wir reden nicht.

Nach einigen Wochen zieht Anna heim, das Leben sortiert sich langsam neu. Morgens Frühstück, abends Vorlesen, am Wochenende der Park.

Anfang Juni, eines Morgens, geht Anna in den Abstellraum und kommt mit dem Koffer zurück.

Mama, was ist das?

Ein Koffer.

Wozu steht der da drin?

Er wartet.

Worauf wartet er?

Ich sehe den Koffer an. Hellblau, gelber Griff. Derselbe immer noch.

Auf uns, sage ich. Er wartet auf uns.

Anna stellt ihn in die Mitte des Flurs, läuft davon. Ich blicke ihn an, irgendetwas in mir ist zu komplex, als dass ein Wort dafür reicht.

Als Martin abends heimkommt, sieht er den Koffer und bleibt stehen.

Hast du ihn rausgeholt?

Anna.

Ach so. Kurzes Schweigen. Katja, ich hab Tickets gefunden. Für August. Montenegro, das Hotel. Es gibt noch Plätze. Bist du dabei?

Ich denke drei Sekunden nach.

Ich, sage ich, bin dabei.

Sicher?

Sicher.

Und Anna nehmen wir mit.

Natürlich.

Er nickt, geht zum Wasserkocher. Ich stehe im Flur und sehe den Koffer, hellblau, gelber Griff, so geduldig und beharrlich.

Draußen ist Juni, lang, sonnig, warm. Anna lacht irgendwo im Kinderzimmer. Der Wasserkocher summt.

Katja! ruft Martin aus der Küche. Mit Zucker?

Ohne, rufe ich zurück. Wie immer.

Sicher? Früher wolltest du mit.

Das ist lange her.

Ach ja, sagt er. Pause. Ich weiß gar nicht mehr, wann du aufgehört hast.

Weiß ich selbst nicht. Irgendwann wurde es einfach überflüssig.

Ich bleibe noch einen Augenblick bei dem Koffer stehen. Dann gehe ich in die Küche, nehme die Tasse, halte sie zwischen die Hände. Martin sitzt gegenüber und blickt ins Fenster. Ich sehe ihn an.

Wir sind andere Menschen als die, die vor neun Jahren, mit den ausgedruckten Tickets, im Flur standen. Nicht besser, nicht schlechter. Einfach andere. Mit Verlusten, verpassten Gesprächen und notwendigen Gesprächen. Mit einem Koffer, der gewartet hat.

Martin, sage ich.

Ja?

Nichts. Einfach so.

Einfach so?

Ich bin froh, dass du da bist.

Er schaut mich an. Da ist etwas in seinem Gesicht, das ich nicht benennen kann. Nicht Freude, nicht Trauer etwas dazwischen.

Glaubst du, es wird schön, fragt er leise. Am Meer.

Ich umfasse die Tasse.

Ich weiß es nicht, sage ich. Aber wir fahren.

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Homy
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