Ich gehe zu einer Jüngeren, verkündete Opa Ernst mit seinen fünfundsechzig Jahren und stopfte einen karierten Flanell ins Gepäck, der sich sträubte wie eine lebendige Katze.
Ernst Meyer sagte das mit einer Stimme, als würde er eine Expedition zum Südpol ankündigen oder den Fund eines neuen Kontinents: laut, mit Pathos, als explodiere jedes Wort.
Aber die Explosion blieb aus, kein Feuer, nicht einmal ein Knall.
Seine Frau, Ingrid Meyer, stand am Bügelbrett und ließ das Bügeleisen bedächtig über sein bestes Hemd gleiten. Dampf pfiff aus dem Stoff, zischte wie ein enttäuschter Dackel und durchbrach die dumpfe Stille des Mietshauses.
Ich höre dich, Ernst, antwortete sie sachlich, ohne aufzuzucken. Hast du deine Thermounterhosen eingepackt? Es ist November. Deine Jüngere wird dir die Nieren nicht wärmen.
Ernsts Arm erstarrte in der Luft, die Faust umklammerte einen einzelnen Wollsocken, als hätte sie Angst vor dem Verlassenwerden. Er hatte mit allem gerechnet: zertrümmertem Porzellan, Ohnmachtsanfällen, bittenden Händen, sogar der Androhung, die Söhne anzurufen.
Aber nicht diese nüchterne Nachfrage nach Unterhosen.
Thermounterhosen! Ingrid! winselte er, das Gesicht purpurrot. Ich spreche von Liebe! Von Neuanfang! Von Renaissance!
Er zwängte den Flanell endgültig in den Koffer, warf sich verzweifelt auf den Deckel und riss den Reißverschluss zu. Der Koffer ächzte leise, klang schon ein bisschen wie die eigenen Gelenke.
Und du redest wieder nur von Unterwäsche! Du bist so bodenständig. Langweilig! Aber da da draußen wartet der Aufbruch! Die Energie!
Wie heißt sie dann, diese Energie? Ingrid hängte das Hemd auf einen Bügel und reichte es über den Tisch. Oder steht da nur Hase in deinem Handy?
Sie heißt Therese!, streckte sich Ernst. Und sie ist mehr als eine Frau. Sie ist meine Muse.
Ingrid schnaubte, denn sie wusste, dass Ernst in Wahrheit nur bei Geburtstagen dichterisch wurde und dann auch nur für Trinksprüche.
Therese also. Und, was, wie jung ist denn diese Muse?
Achtundzwanzig!, zischte Ernst, der Herausforderung in den Augen.
Ingrid ließ das Bügeleisen los, beäugte ihn mit dem Blick einer alten Hauskatze, die beobachtet, wie ihr Lieblingsstuhl umkippt.
Ernsts Rückenschmerzen verschwanden für einen Moment, als er in ihre Augen sah. Ausgerechnet jetzt: das Rezeptpapier war leer.
Ernst, sagte sie sanft, aber mit eisernem Ton, du bist fünfundsechzig. Längeres Sitzen auf der Toilette, und dein Ischias meldet sich vehement. Außerdem die Leber.
Sie seufzte:
Und was willst du mit einer jungen Therese eigentlich machen? Gedichte rezitieren?
Geht dich nichts an!, schnappt er nach dem Koffergriff. Wir werden reisen! Nächte durch laufen! Das Leben genießen! Ich fühl mich wie dreißig! Das wars, Ingrid! Leb wohl. Die Wohnung gehört dir; ich bin ein Ehrenmann.
Danke, Brotverdiener, nickte sie. Lass den Schlüssel auf der Kommode. Und nimm den Müll mit, wenn du schon gehst.
Das traf ihn wie ein stumpfer Schlag. Keine Szene, kein theatralischer Abgang. Nur: Nimm den Müll mit.
Er griff den Beutel an der Tür und trat, das Kinn kühn erhoben, auf den Hausflur. Die Tür klappte leise ins Schloss. Kein Knall, nur inneres Echo.
Im Treppenhaus duftete es nach Katzenhaar und gebratenen Kartoffeln aus Nachbars Wohnung. Der Koffer zerrte an seiner Schulter, der Rücken schmerzte und das Handy vibrierte wie ein ungeduldiger Hamster.
Gewiss, das war Therese. Wartete auf ihren Helden.
Er rief den Fahrstuhl, das Herz stotterte. Die Nachricht im Messenger las er mit klammen Fingern:
Liebling, bist du bald da? Ich habe schon einen Tisch reserviert. Übrigens: Es gab ein Missgeschick
Ernst las: Muss meiner Mutter kurzfristig 500 Euro für Medikamente überweisen, mein Limit ist erreicht. Bitte brings mit, ich gebs dir zurück!
Ernst runzelte die Stirn. 500 Euro? Gestern waren es 300 für ein Taxi. Vorgestern 200 fürs Internet. Und vor einer Woche zehn Scheine für einen Inspirationskurs.
Der Fahrstuhl kam. Ernst und sein Koffer rollten in die Kabine, er drückte auf Erdgeschoss. Im verspiegelten Blech starrte ihn ein alter, rotgesichtiger Mann im Schiebermütze an.
Ich gehe zu einer Jüngeren, wiederholte er im Kopf, aber der Satz klang plötzlich wie ein Knacken von morschem Holz.
Draußen klimperte Regen, Wind zerrte an den letzten Blättern. Ernst zog den Koffer zur Bushaltestelle, Therese wohnte weit draußen im Stadtteil mit den neuen Hochhäusern.
Er setzte sich auf eine nasse Bank. Die Finger steif, öffnete er die Bank-App.
Kontostand: 480 Euro. Die Rente kommt erst nächste Woche.
Verdammt, murmelte er.
Er tippt: Thereschen, ich hab kaum was auf dem Konto. Bring dirs bar vorbei, hab noch eine Reserve zu Hause.
Die Antwort kam sofort: ein Augenroll-Smilie. Dann: Ernstl, stell dich nicht so an! Leihs dir irgendwo! Wenn du mich wirklich liebst, findest du eine Lösung!
Ernstl. Nicht Ernst, nicht Schatz. Wie den Namen der Nachbarskatze.
Ein klebriges Gefühl kroch in seine Brust, Liebe war das nicht.
Da fiel ihm auf: Noch nie sprach er per Video mit Therese. Ihre Kamera war immer kaputt, das WLAN nie besser als ein leerer Bierkrug. Die Profilfotos blendend, wie aus der Werbung.
Er beschloss, anzurufen wenigstens die Stimme hören. Es klingelte lange, dann wurde aufgelegt.
Und das nächste Messenger-Ding: Ich kann gerade nicht sprechen, ich weine!
Ernst klammerte sich an den Koffergriff, Autos rauschten vorbei, spritzten ihn nass.
Die Kälte biss sich tief, der Rücken schrie lauter als der Herbstwind. Die Aufbruchstimmung war vorbei, blieb der Wunsch, einfach nur zu verschwinden.
Therese, flüsterte er, probierte das Wort es schmeckte nach Plastik.
Da vibrierte das Handy wieder: Und? Schon überwiesen? Wenn nicht, brauchst du gar nicht erst kommen. Ein Mann, der solche Probleme nicht löst, ist für mich niemand.
Ernst starrte den Bildschirm an die Buchstaben verschwammen.
Er dachte an Ingrid. Wie sie gestern wortlos seinen Rücken einrieb, als er gekrümmt aus dem Bad kam. Wie sie ihm Dampfklöße kochte, die er eigentlich hasste, aber aß, weil die Leber halt ist, was sie ist.
Wie sie besser wusste als er, wo seine Socken lagen.
Ein Mann, der
Er stellte sich vor, wie es in Thereses Neubauwohnung wäre: fremde Couch, fremder Geruch, fremde Regeln. Ständig beweisen, toll sein müssen. Zahlen, zahlen, zahlen für das Privileg, in der Nähe der Jugend zu sein.
Und wenn dann der Rücken dort reißen würde ob sie Salbe holen würde, oder einfach ins Schlafzimmer geht?
Ernst stemmte sich hoch, Knie knackten wie trockene Äste. Der Bus zur anderen Seite der Stadt fuhr vor aber er stieg nicht ein. Der Bus fuhr ab, die Abgase schmeckten nach Abschied.
Noch ein letztes Mal blieb er stehen, blickte in die leere Straße. Dann drehte er sich um, schulterte den Koffer, humpelte heimwärts.
Der Rückweg dehnte sich endlos. Der Aufzug war natürlich defekt Paralyse des Lebens. Den Koffer keuchend ins dritte Stockwerk gezerrt, jeder Absatz eine Zäsur.
Vor der Wohnungstür hielt er inne, ließ den Koffer sinken, drückte den Klingelknopf. Nichts. NiCHTS.
Panik wühlte in seinem Bauch: Vielleicht ist sie weg? Ernst, du Dummkopf, hast die Schlüssel dagelassen.
Er drückte noch einmal, atemlos. Ingrid! rief er. Mach auf, bitte!
Das Schloss schnappte, die Tür öffnete sich. In Ingrid Meyers Morgenmantel stand sie da, so ruhig, wie wenn ein alter Kater aus dem Regen zurückschleicht.
Ernst Meyer stand da: nass, bärtig, die Mütze tropfte. Tränen bahnten sich über sein Gesicht echte, bittere Tränen, auf sich selbst, auf das Alter ohne Würde.
Ich , begann er, doch die Stimme versagte. Ingrid der Bus der Regen und ich dachte
Er konnte nicht sagen, dass Therese sich als leerer Geldschlucker entpuppt hatte, das war zu tief.
Ingrid schaute zu ihm und dann zum Koffer.
Hast du den Müll rausgebracht?, fragte sie.
Ernst starrte seine Hand an. Keine Tüte. Er hatte sie an der Haltestelle stehen lassen.
Vergessen, murmelte er.
Ingrid seufzte, trat zur Seite. Komm rein, Romeo. Der Tee wird kalt. Wasch dir die Hände, du bist voller Dreck.
Drinnen umfing ihn der Duft nach frisch gewaschener Wäsche und ein Hauch Voltaren.
Der beste Geruch der Welt.
Er trat aus den Schuhen, ins Bad. Im Spiegel schaute ihm ein müder alter Mann entgegen. Kaltes Wasser spülte über Tränen und Scham.
Als er in die Küche kam, goss Ingrid gerade Tee in seinen Lieblingbecher. Auf dem Tisch dampften Klöße.
Ingrid, begann er leise, setzte sich. Verzeih mir. Dem alten Trottel. Mir ist alles durcheinander geraten…
Iss, sagte sie, ohne sich umzudrehen. Sonst ist alles kalt.
Wirklich, Ingrid. So eine Therese. Und Muse ich ohne dich Ich weiß nicht einmal, wo der Versicherungsschein liegt.
Im Ordner, oberste Schublade, wie immer, murmelte sie. Ernst, bitte, kein Theater mehr. Du bist zurück, das reicht.
Er biss in den Kloß, der war plötzlich köstlicher als alles, was ein Edelrestaurant je bieten könnte.
Und diese Therese…, log er plötzlich, wollte wenigstens etwas Gesicht wahren: Die raucht! Stell dir vor. Und flucht wie ein Bauarbeiter.
Ingrid warf ihm einen flüchtigen Blick über die Brille zu. In ihren Augen blitzten winzige Funken.
Ach herrje, wie entsetzlich. Sie nickte sehr ernst. Und du hast das als wahrer Ästhet natürlich nicht ertragen.
Selbstverständlich! Hab ihr gesagt: Fräulein, Ihr Vokabular passt nicht zu Ihrem Bild. Aber dann
Er zuckte mit den Schultern.
Seele leer, Ingrid. Vakuum.
Gut, dass du das an der Haltestelle gemerkt hast und nicht vorm Standesamt.
Sie holte Salbe aus dem Schrank, klatschte die Tube auf den Tisch.
Rücken schmerzt?
Ernst errötete.
Bisschen.
Ausziehen. Ich schmiere dir Salbe drauf.
Das alte Ritual er zog das Hemd aus, Ingrid knetete seine Schultern, das Brennen wohltuend, fast wie Geborgenheit.
Ingrid, murmelte er auf den Tisch.
Ja?
Wusstest du, dass ich zurückkomme?
Natürlich.
Warum?
Sie patschte ihm auf die Schulter: Weil du keine Unterhosen, keine Socken, keine Tabletten im Koffer hast.
Sie schmunzelte:
Dafür hast du meinen alten Mantel reingestopft, den ich längst in die Reinigung bringen wollte.
Ernst erstarrte, drehte sich langsam zu ihr.
Den Mantel?
Den Mantel. Ich habe dich heute früh dabei beobachtet. Dacht’st wohl, ich merke nichts? Ohne Brille bist du doch blind wie ein Maulwurf.
Stille. Ernst überlegte: Er wollte ins neue Leben ausgerechnet mit dem Mantel seiner Frau ziehen.
Plötzlich lachte er, erst leise, dann lauter. Das Lachen verwandelte sich in Husten, dann wieder in Lachen.
Ingrid zuckte am Mundwinkel, warf einen Blick, wie sie es immer tat.
Du bist ein ziemlicher alter Sturkopf. Sie griff nach dem Rest Kloß. Egal, Abenteurer. Iss zu Ende. Morgen gehts raus aufs Land, wir müssen ins Keller Bohnengläser schleppen. Fitnessprogramm.
Natürlich, Ingridchen. Morgen! Ernst trocknete sich Tränen ab.
Das Handy klopfte erneut. Therese: Wo bist du?? Mama stirbt!! Überweis wenigstens tausend!!
Ernst drückte ruhig Blockieren. Dann Chat löschen. Legte das Handy umgedreht auf den Tisch.
Ingrid, vielleicht lassen wir es mal mit den Gläsern und grillen einfach. Ich mariniere das Fleisch selbst, mit Zwiebeln, wie du magst.
Ingrid hob die Braue. Grillen? Das hatte er seit zehn Jahren nicht mehr angeboten.
Grillen? Und die Leber?
Wenigstens einmal, winkte er ab. Wir leben doch nur einmal.
Er fasste ihre schroffe, geschirrgeplagte Hand, küsste sie unbeholfen.
Danke, dass du aufgemacht hast.
Sie zog die Hand weg, aber langsam.
Nun iss, Don Juan. Sonst wirds doch noch kalt.
Draußen peitschte Wind den Herbstregen ans Fenster, auf der Küchenlampe hing das Hemd, die Luft roch nach Salbe und Tee.
Das war der beste Duft der Welt.
Ernst Meyer blickte zu seiner Frau und dachte: Achtundzwanzig ist sicher schön.
Aber wer außer Ingrid wusste, dass er versehentlich einen Mantel in den Koffer stopfte und ließ ihn trotzdem zurück ins Zuhause?
Ingrid, rief er.
Was denn jetzt?
Den Mantel bringe ich morgen in die Reinigung.
Ja, mach das. Aber räum erst mal den Koffer aus. Und hol den Flanell wieder raus, meine Füße sind schon kalt.
Ernst nickte und biss zufrieden vom Kloß ab.
Das Leben ging weiter und verdammt nochmal, es war gar nicht so übel.




