Das unvollendet gelesene Buch

Ungelesenes Buch

So, Annemarie, ich geh jetzt los! Begleite mich nicht, es wird spät! Für morgen leg bitte mein blaues Hemd und die blaue Hose raus, vergiss nicht, die Sachen von der Reinigung abzuholen! rief ich aus dem Flur, zog rasch meinen Trenchcoat über, musterte mich kritisch im Spiegel, griff zum Hut und schlug hinter mir fest die Tür zu.

Die Scheibe im gekippten Fenster klirrte vom Luftzug.

Durchzug, dachte ich, stellte das Wasser ab, trocknete mir die Hände am Schürzenband und blickte aus der Küche in den Flur. Alles wie immer der von Sonnenlicht durchflutete Flur, der in die Diele mündet, Fotos an den Wänden, Tapete im fröhlichen Streifenmuster zwei breite, zwei schmale, zartblau; Annemaries Mantel am Haken. Und

Annemarie runzelte die Stirn.

Das Päckchen! Ich habe das Paket vergessen, und da sind doch die Brötchen drin! Annemarie hatte sie heute früh mit Lauch und Ei gebacken, genau so, wie ich sie mag. Speziell für meinen heutigen Ausflug zum Bauprojekt. Da gibts sowieso nichts Vernünftiges zu essen, und Selbstgemachtes schmeckt immer besser!

Schnell zog sie die Schürze aus, richtete ihre Frisur, griff das noch warme Päckchen und rannte, noch immer im schlichten Hauskleid mit kurzen Puffärmeln und einem kleinen Kaffeefleck am Saum, schon die Tür hinaus immerhin hatte sie daran gedacht, den Schlüssel einzustecken, sonst hätte sie draußen gesessen!

Hastig lief sie die Stufen hinunter, hielt sich am glänzenden, lackierten Geländer fest, das sich elegant nach unten schlängelte vierter Stock, dritter, zweiter

Andere Hausfrauen hätten vielleicht einfach zum Fenster hinausgerufen, sobald der Mann das Haus verlassen hatte, aber Annemarie wollte das nicht Schreien passt nicht zu ihr. Sie bringt mir das Päckchen lieber selbst, verabschiedet mich noch einmal richtig; ich würde sie auf die Wange küssen, nicken Zeit, loszugehen

Vom schnellen Laufen geriet Annemarie außer Atem, stürmte in den Hof und schlug die Tür hinter sich zu, dabei ist sie keineswegs mehr zwanzig, sondern stolze neunundvierzig, und das Rennen strengte sie sichtbar an.

Sie suchte meinen vertrauten Mantel unter den Nachbarn im Sonnenlicht.

Ich liebte meine langen Mäntel, offen getragen, damit der Wind mit den Stoffbahnen spielt, sie flattern wie Flügel. Und den Hut davon hatte ich viele, einen für jede Jahreszeit. Annemarie achtete auf Sauberkeit, putzte die Hüte, kaufte neue. Sie kümmerte sich eben.

Ein Hut ist stilvoll! widersprach ich, wenn unser Sohn Gustav, benannt nach meinem Vater, sich darüber lustig machte. Ihr Jungen versteht sowas nicht, lauft doch inzwischen nur noch in Kunststoff und Lederimitat herum!

Wo bin ich?

Da verlasse ich gerade das Hoftor, tauche ein in die sonnige und rumpelnde Stadt. Wenn Annemarie sich nicht beeilt, fahre ich gleich mit dem Bus davon

Schnell läuft Annemarie über den Asphalt, grüßt im Vorbeihasten die älteren Nachbarinnen, die ihre Nasen in die Sonne halten. Sie verfolgen ihren Sprint mit wohlwollendem Lächeln, als freuten sie sich über ihre Liebe, ihr Familienglück.

Was ist passiert? ruft Frau Gertrud meiner zierlichen Annemarie hinterher.

Mittagessen! Er hat es vergessen, dabei sind doch Brötchen drin!, ruft Annemarie zurück.

Frau Gertrud nickte, lachte: Brötchen sind etwas Feines, Liebe auch. Ganz wunderbar.

Inzwischen hat Annemarie das Hoftor verlassen, will rufen, bleibt aber abrupt stehen, lässt die Schultern hängen, als sei plötzlich das Licht ausgegangen und alles so dunkel, dass das Atmen schwerfällt. Es war, als würde ihr schwindelig, sie klammerte sich an ein Fallrohr.

An der Haltestelle stand ich, hielt eine junge, wohlproportionierte Dame am Arm. Sie lachte, zuckte kokett mit den Schultern, ich lachte mit. Plötzlich stieß sie mich weg, blickte mich überheblich an, und ich Ich beugte mich hündisch zu ihr, griff nach ihrer Hand, wollte sie küssen. Aber sie zog ihre gepflegte, füllige Hand weg, als hätte sie mir eine Ohrfeige verpasst. Ich richtete mich auf, schien wütend, vielleicht, Annemarie meinte es zu erkennen, dann winselte ich wieder, tätschelte ihr den Rücken, bot ihr eine Praline an. Sie lachte, öffnete den Mund, ließ sich bedienen.

Annemarie wurde übel. Gott! Ich, ein respektierter, erwachsener Mann, fast schon im Ruhestand, schmeiße mich so an diese Jüngere ran!

Das Mädchen trug ein hübsches Sommerkleid, blau mit weißen Punkten, davon flimmerten Annemaries Augen. Im Haar ein passendes Band, die Frisur perfekt, Sandalen an den Füßen.

Annemaries Blick huschte unsicher über ihre Gestalt. Was sollte sie jetzt bloß mit dem Paket, den dummen Brötchen, und überhaupt mit ihrem Leben tun

Der Bus fuhr vor, die Menge stieg ein, ich half dem Pünktchenkleid” hinein, die Türen schlossen sich.

Als der Bus abfuhr, glaubte Annemarie, ich würde sie ansehen. Plötzlich schämte sie sich für ihr Hauskleid, ihre abgetragenen Hausschuhe und den Beutel mit Brötchen.

Annemarie drehte abrupt um, lief zurück, kreuzte den Hof mit den in bunten Kleidchen auf Bänken sitzenden Nachbarinnen, die ihre Strickjacken ausgezogen hatten, fast wäre sie an Frau Gertrud vorbeigelaufen.

Und der Beutel, Annemarie? Nicht geschafft? fragte sie, nahm die Zigarettenspitze aus dem Mund und zeigte auf das Päckchen.

Nicht geschafft, murmelte Annemarie abwesend.

Schade. Brötchen verderben nur. Ich schicke Manfred rüber. Bist du zu Hause?

Annemarie schüttelte vage den Kopf.

Na, dann ists recht. Dann isst er sie. Er liebt Brötchen, und ich backe keine, mag den Teig nicht an den Fingern. Also. Warte auf ihn.

Frau Gertrud sprang plötzlich auf, fuchtelte wild und schimpfte einen Traktorfahrer an, der im Hof parkte.

Hau ab! Du zerstörst schon wieder meine Petunien! rief sie. Lass den Motor laufen und mach dich vom Acker!

Annemarie achtete nicht weiter darauf, stapfte in den Hauseingang und tauchte ein in kühle Leere. Ihre Schritte hallten auf den Marmorstufen, ihr Schluchzen mischte sich mit dem Quietschen der Tür, dann verstummte alles.

Das war es. Aus. Ende der Familie, des Warmen, Gemütlichen, des Vertrauens. Schluss mit Glaube an die Menschen. Gut, Menschen ist zu weit gefasst. Aber Mann das schien endgültig. Der eine, dem Annemarie anvertraut war, der sie schützen und hüten sollte. Und jetzt? Was nun?

Annemarie ließ sich plump auf einen Schemel im Flur fallen, der Beutel mit Brötchen fiel. Kater Fritz kam, schlich um ihre Beine und schnurrte fordernd nach Futter. Doch Annemarie merkte nichts, sah nichts sie blieb in Gedanken an diesem Fallrohr, sah das blaue Punktkleid und deren Trägerin, und mich. Und die Tränen liefen heiß, bitter, so herrlich, dass es Annemarie sogar gefiel: nicht geradestehen, nicht das ewige Lächeln der glücklichen Ehefrau, sondern einfach daliegen und sich selbst bemitleidigen wohltuend weiblicher Schmerz.

Wie lange sie dort saß, weiß keiner, denn dann ging die Tür auf, Fritz sprang erschrocken beiseite.

Ein Kopf lugte in den Flur. Es war Onkel Manfred, Frau Gertruds Mann. Fleischige Nase, Narben auf den Wangen, dicke Lippen, fettige Locken, ein roter Hals alles an Manfred wirkte irgendwie zu grob für dieses Haus, für die bessere Schicht hier. Aber er gehörte dazu ein Intellektueller, nur eben etwas sonderbar.

Künstler, Annemarie sagte ich oft. Und sogar talentiert, Galerieleiter! Kreative sind immer etwas verrückt. Sonst wären sie gewöhnlich und talentlos.

Annemarie wischte sich die Tränen ab, sah auf in die klarblauen, großen Augen.

Hätte er keinen Pinsel, könnte er Pfarrer sein, dachte Annemarie so passend das Bild.

Herr Manfred? Sie? fragte sie verblüfft.

Na, wem seh ich sonst ähnlich? Bin ich Manfred. Gertrud meinte, du hast zu viele Brötchen übrig? Bei uns drüben ist Baustelle, Gertrud erneuert die Möbel… seufzend betrat er die Diele, füllte mit seiner massigen Gestalt den Fleck Sonnenlicht.

Ich zieh nur schnell die Schuhe aus, erklärte Manfred im breiten Dialekt, bückte sich nass, im Matsch gestanden. Die Socken auch gleich, ja! nickte er, Annemarie senkte den Blick. Große Füße, gewöhnliche Socken, im Kaufhaus um die Ecke gekauft. Am großen Zeh war sogar ein Loch.

Annemarie nahm die nassen Schuhe ungefragt, brachte sie auf den Balkon zum Trocknen.

Lass die Schuhe hier! rief Manfred, sie blieb verdutzt stehen.

Aber, die müssen doch trocknen, sonst werden Sie krank! flüsterte sie.

Mein Körper, meine Sache! Bring sie zurück! schimpfte Manfred vergnügt.

Doch Annemarie ließ es nicht dabei. Was solls, wenn der Gast mit nassen Schuhen geht? Das kommt nicht infrage!

Sie stellte die Schuhe in den Sonnenfleck, verscheuchte Fritz, seufzte. Manfred schon am Klappern in der Küche, raschelte, schmatzte.

Annemarie! Herrin des Hauses! Mach uns Tee, ja? So richtig frisch, dunkel wie Buchweizenhonig, mit Zitrone. Seit Ewigkeiten keinen guten Tee getrunken bitte, Nachbarin! Och, ich bin so hungrig Und gleich legte er seine großen Füße in den Weg, dass Annemarie fast stolperte.

Gleich! Kommt sofort flüsterte sie, stellte den Wasserkessel auf, während ihr im Kopf ein Schneesturm tobte, eiskalt und schmerzhaft.

Ich mein Mann Wie kann er nur? Gerade außerhalb der Haustür, schon mit einer anderen unterwegs, gewissenlos!

Hitze stieg ihr ins Gesicht, als sie an die möglichen Abenteuer von mir dachte.

Nein! Das muss ein Missverständnis sein! Zufällig getroffen kommt doch vor. Kollegen vielleicht!, redete sie sich mit Mutters Stimme zu. Sei fürsorglich, Annemarie, kümmere dich, dann wird er andere vergessen!

Manfred runzelte die Stirn.

Willst du mir echt alten Tee einschenken? Für Gäste gibts frischen! Weg mit dem Rest! ergriff das noch warme Teekännchen, roch daran und verzog das Gesicht. Nein, komm, das schüttest du weg! Gehört sich nicht!

Ach so?… Kaum aufgegossen, probieren Sie doch! widersprach Annemarie, seufzte aber und nickte.

Ihr fiel es nicht schwer, neuen Tee zuzubereiten. Aber mit mir leben Wie sollte das jetzt funktionieren?

Der Kessel pfiff, heißes Wasser goss sie in das vorgewärmte Porzellan. Bald duftete die Küche angenehm nach kräftigem Assam mit einer Spur Zitrone.

Ja, jetzt sprechen wir! Und bitte, Annemarie, bring mir die gute Kobalt-Tasse, ja? Ich liebe die mit dem Goldrand, bin ganz verrückt danach. Nicht sparen! dirigierte Manfred und sah sie listig an.

Wir haben ein neues Service, aus Hamburg mitgebracht, sehr praktisch, gefällt Ihnen sicher! wehrte Annemarie ab, erschrak aber, als Manfred energisch auf den Tisch klopfte.

Ich will die KobaltTasse! Habe immer daraus getrunken, deine Mutter auch, immer diese Tasse! Brötchen will ich dazu. Leg sie aufs Tablett. Nein, nicht das! Das hat eine Macke. Ich will das schöne. Während ich esse, nähst du meine Socken. Galka will nicht, kümmert sich ums Möbel. Aber mich drückt der große Zeh, tut weh! reichte er die Socken, legte den Kopf schief, tat harmlos.

Annemarie, eine angesehene Pädagogin (wenn auch seit Jahren nicht mehr unterrichtend, alles für den Haushalt aufgegeben, um mir Halt und Fürsorge zu geben), schaute nur kurz mitleidig auf die Socken und griff schon mechanisch danach.

Plötzlich haute Manfred mit der Faust auf den Tisch, machte sich breit, wurde zur Berggestalt, wild und schnaubend.

Was machen Sie da, Fräulein Annemarie?! Haben Sie keine Selbstachtung mehr? Sie sind die Herrin im Haus und lassen mich mit Ihnen umspringen! Furchtbar! Meine Gertrud hat es mir gesagt, aber ich wollte es nicht glauben! Sie waren mal stolz, eine richtige Dame! Sie sind so stolz durch den Hof gegangen, dass selbst die Spatzen im Busch verstummten und jetzt? Jetzt kann man Sie wie einen Fußabtreter behandeln, und Sie schweigen? Pfui!

Manfred fuchtelte mit den Armen, prustete, dass sogar das Kobalt-Geschirr klirrte.

Warum sind Sie überhaupt gekommen? Warum sagen Sie mir das jetzt? Mir ist gerade nicht danach! An der Haltestelle, ich hab alles gesehen, ich wollte dir doch nur die Brötchen bringen Und jetzt Annemarie weinte, die Tränen tropften auf die Tischdecke.

Dann wurde es still, als habe die ganze Welt den Atem angehalten. Selbst der Vorhang bewegte sich nicht mehr.

Manfred seufzte, brummte:

Genau deshalb hat er sich eine andere zugelegt. Früher sind Ihnen die Schüler hinterhergelaufen, damit Sie die Noten verbessern. Sie hatten Kraft, sogar ich (obwohl Gertrud meine Schönheit war) fühlte ein gewisses Prickeln, wenn Sie so durch den Hof gingen Und jetzt? Brötchenbeutel unter den Arm und basta! Sie umsorgen Ihren Mann wie ein Muttertier. Ach, mein Paulchen, die Mütze! Paulchen, die Brotzeit! Paulchen, geh nicht zum Einkaufen, ich mach das!, ahmte Manfred nach.

Annemarie war zuerst verletzt, dann musste sie lächeln. Es stimmte, genauso war sie.

Eine Glucke, ja? sagte sie, nachdenklich. Antworten Sie nicht. Ich weiß es. Aber Ich mag es, mich zu kümmern, zu versorgen, zu bewahren. Es scheint mir

Und ich sage, das tötet die Männlichkeit deines Pauls. Wir Männer wollen jagen! Brüten Sie nicht alles tot! Gustav ist ausgezogen, die Mutterrolle ist auf den Mann übergegangen. Die Aufregung und das Abenteuer fehlen. Die anderen, kecker, geben ihm dieses Gefühl. Da fühlt er sich jung! Verstehen Sie?

Annemarie verstand nicht oder wollte es nicht wahrhaben. Wie kann das sein? Ihr ganzes Leben der Familie gewidmet, und nun das alles verloren?

Vor zehn Jahren gab sie die Schule auf, um es Paul bequemer zu machen, morgens Tschüss am Fenster, keine durchkreuzten Abende mit Klassenarbeiten oder Konferenzen, nur noch Häuslichkeit und Sauberkeit. Privatstunden gab sie auf, als ich lange krank war, schickte die letzten Schüler fort zu laut, zu anstrengend! Auch das Singen beim Putzen hörte sie auf, das Radio blieb aus. Malen tat sie nicht mehr. Ich sagte, der Leinölgeruch störe mich. Die Leinwände wanderten auf den Schrank, die Pinsel in die Schublade, das Öl in den Müll.

Und dann? Sie haben sich ganz dem Haushalt ergeben! sagte Annemarie ihrem Spiegelbild spöttisch. Maniküre? Wann denn, Suppe und Frikadellen warten.

Neue Kleider? Wozu sie gehen kaum aus.

Absätze? Warum ziehst du hohe Schuhe an? Die Venen quellen doch schon! spottete ich. Die Schuhe landeten auf dem Dachboden.

Freundinnen riefen selten an, Gustav kam einmal im Monat, aß, nahm Tüten und Beutel, meldete sich nicht mehr.

Aus. Das war das Ende

Nun stell dich nicht so, Annemarie! Du bist noch jung, blühst noch! Sei stolz, sonst fährt Paul weiter mit anderen Bus! Manfred trommelte mit dem Finger auf den Tisch. Und Brötchen machst du göttlich! Ach, wär ich noch jung, ich hätt dich umworben!

Und weg war er. Annemarie blieb zurück

Paul kam spät, leicht angetrunken und zerknittert nach Hause. Der Duft fremder Parfüms und Wein lag in der Luft.

Die Konferenz hat sich gezogen, reichte ich ihr die Aktentasche, verzog das Gesicht wegen Schmerzen im Kreuz. Koch bitte Tee. Und Kartoffeln hätte ich gern. Mit einem kleinen Schnaps. Was stehst du so?

Annemarie nahm die Tasche nicht, bedeutete mir zur Seite zu treten, sie müsse ihren Koffer abstellen.

Wohin willst du denn? Was ist los? fragte ich erstaunt, als ich Annemarie so hübsch sah, das Haar als Schnecke frisiert, Ohrringe, ein sandfarbenes Kleid, Sandalen und wie sie strahlte

Ich bin auf Dienstreise. Du machst das jetzt mal alleine hier Ob mit Schnaps oder ohne, ist deine Sache, hob Annemarie die Schultern.

Und die Kartoffeln? Mein Hemd für morgen? fragte ich streng.

Annemarie wandte sich ab, als wolle sie ins Schlafzimmer zum Bügeln, doch dann winkte sie ab:

Mach selbst. Oder laden Sie doch sie ein mir egal, Paul. Wenn das eure Art ist, dann macht man das eben so. Leb wohl, Paul. Es wird Zeit!

Und sie schwirrte aus der Wohnung, kurz hielt sie inne an der Treppe, weil der Koffergriff einschneidend war. Die Absatzschuhe klackerten, das Kleid verschwand in der Dämmerung, draußen schnurrte das Taxi, dann war Ruhe.

Ich stürzte zum Treppenabsatz, rief ihr nach, aber nur ein Schmerz zog durch meinen Rücken, es funkelte weiß vor Augen, Tränen stiegen auf.

Annemarie stammelte ich.

Wo bist du, Annemarie? Jetzt würdest du massieren, Salbe holen, einwickeln in die warme Decke, dich anschmiegen alles wäre gut…

Helene? Sind Sie das? fragte ich ins Telefon. Ja, ich weiß, ich soll nicht anrufen, aber mein Kreuz, Helene! Ich kann kaum bis in die Küche gehen! Wir sind doch keine Fremde! Hallo?…

Nur ein Murmeln, dann das Besetztzeichen. Helene kommt nicht, wird mich nicht salben, nicht massieren, kein Hemd bügeln, sich nicht an mich schmiegen. Sie ist zu stolz, zu unabhängig. Sie ist nicht Annemarie. Überhaupt nicht. Schrecklich…

Ich schleppte mich in die Küche, sah die kalten Brötchen auf dem Teller, stöhnte. Das ist kein Alptraum, das ist eine Katastrophe. Selbstverschuldet!

Am nächsten Tag erschien Annemarie mit einem Arzt und Rosen im Arm. Sie hatte sich selbst einen Strauß gekauft, stellte ihn in eine Kristallvase, duftete nach Parfüm und etwas nach Zigaretten ja, sie rauchte manchmal. Wenn sie sehr aufgeregt war.

Einen Moment, Herr Doktor, noch nicht spritzen! stoppte sie den Arzt mit der Spritze.

Ich stöhnte immer noch ohne Erleichterung.

Was ist? fragte der Arzt.

Einen Moment. Paul, was hast du ihr versprochen? Solche Frauen laufen einem nicht einfach so über den Weg, du bist zu alt für sie, fragte Annemarie über mein schweißnasses Gesicht gebeugt.

Ich bin nicht alt! Ich bin im besten

Rentenalter, ergänzte der Arzt. Also, was hast du ihr versprochen? Rede, oder ich geh nach Hause, ich habe Termine!

Eine Stelle. Und den Doktortitel. Aber sie bekommt nichts! Gar nichts! Annemarie, ich habe mich schrecklich getäuscht! Nur du! Bitte verzeih! Sie bekommt gar nichts!

Doch. Männer halten ihr Wort. Sie soll die Stelle und den Titel bekommen, damit sie sich nicht gedemütigt fühlt. Aber du, Paul, du kündigst in deinem Büro. Woanders wirst du was finden! Und ab nächster Woche arbeite ich wieder. Das Bügeleisen steht im Schrank, Hemden in der Wäsche. Wenns dir nicht passt trenn dich. Verstanden?

Ich keuchte, rollte die Augen, wischte mir den Schweiß ab und nickte. Rückenschmerzen unerträglich, Annemarie gönnt mir keine Schonung, der Arzt auf ihrer Seite, Manfred steht im Türrahmen, schaut auf meinen und jeden Moment könnte Gertrud kommen Das Maß der Demütigung!

Verstanden. Wirklich. Spritz endlich, du Henker! Sonst sterbe ich! murmelte ich, schluchzte.

Annemarie nickte zufrieden. Der Arzt packte an

Helene war glücklich. Ach was, sie schwebte. Ihre Dissertation ging durch, Titel und eine nette Stelle. All das dank des dummen, lieben, alten Paul.

Jetzt blendete sie mich aus, erwiderte den Gruß nicht warum auch? Die Ehefrau hatte klar signalisiert, dass der Titel entzogen werden könne, die Kündigung schneller als gedacht folgen würde. Helene sucht sich schon einen anderen.

Ich kündigte. Die Kollegen wunderten sich, bei so einer sicheren, einträglichen Stelle. Ich äußerte mich nicht. Nur einmal sagte ich, ich gab ein Versprechen mehr nicht.

Zum Abschied gabs eine Feier, ich brachte Annemarie im Perlenkollier mit, wir tanzten Tango, und mein Blick lag auf ihr wie nie bei Helene. Warum? Was hatte sie, Annemarie?

Ganz einfach: Sie ist alles. Sie ist die Luft, die ich ein Leben lang geatmet habe. Erst wenn sie fehlt, merkt man, wie sehr sie gefehlt hat. Und Annemarie bleibt für mich das ungelesene Buch, bittersüß und geheimnisvoll, wie die frühe Erdbeere an der Nordsee, von der ich sie einst küsste. Und vielleicht liest keiner je die letzte Seite. Hoffentlich.

Und Helene? Vielleicht wächst sie noch daran. Vielleicht nicht. Vielleicht findet sie erst ihren Leser. Das Leben wird es zeigen

Ich habe für mich gelernt: Liebe und Achtung dürfen nie selbstverständlich werden. Man muss das eigene Leben bewahren, sonst bleibt am Ende nur ein ungelesenes Buch zurück und die große Leere.

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Homy
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