Es war einmal, es fühlt sich an wie eine Ewigkeit her, als mein neuer Mann bei uns einzog und das Zusammenleben einen merkwürdigen Schatten bekam. Damals war meine Tochter, Johanna, fünfzehn Jahre alt, und als ihr Stiefvater Hans einzog, veränderte sie sich. Sie sprach kaum noch, setzte sich beim Essen nicht mehr zu uns und eines Morgens flüsterte sie mir überraschend zu: Mama, ich habe Angst vor ihm. Ich kann nicht mit ihm unter einem Dach leben, weil er…
Das erste Mal, als Hans bei uns übernachtete, war ein Freitag. Ich erinnere mich noch, wie ich vom Kaffeeduft im Haus geweckt wurde. Er stand schon in der Küche, rührte die Eier in der Pfanne, als ob es das Normalste der Welt wäre. Er begrüßte mich freundlich, gab mir einen Kuss auf die Wange und meinte, dass er das frühe Aufstehen gewohnt sei. Alles schien so gewöhnlich.
Johanna kam nach ein paar Minuten aus ihrem Zimmer. Sie erblickte Hans, nickte ihm kurz zu, schenkte sich Orangensaft ein und trank ihn stehend am Fenster. An den Tisch setzte sie sich nicht. Ich hielt das für pubertäres Verhalten mit fünfzehn Jahren lachen die wenigsten morgens beim Frühstück.
Ich war damals vierundvierzig, seit Jahren geschieden und arbeitete als Buchhalterin. Hans war neunundvierzig, Dozent, ebenfalls geschieden. Wir lernten uns durch gemeinsame Freunde kennen, schrieben lange, bevor wir uns trafen. Hans war ruhig, hatte keine Laster nach acht Jahren Einsamkeit fühlte ich mich an seiner Seite wieder wie eine richtige Frau, nicht nur Mutter.
In den ersten Monaten kam Hans immer nur vorbei, wenn Johanna nicht da war. Doch irgendwann fand ich, es müsse nichts mehr verheimlicht werden. Meine Tochter war alt genug, um zu verstehen, dass ihre Mutter auch ein Privatleben hat. Ich stellte sie einander vor. Es war höflich, ohne Drama, ich hielt alles für in Ordnung.
Trotzdem häuften sich mit der Zeit kleine, merkwürdige Begebenheiten, die ich nicht zueinander in Beziehung setzen wollte.
Johanna frühstückte nicht mehr, wenn Hans über Nacht blieb. Sie behauptete, keinen Hunger zu haben. Sie blieb immer länger beim Training, verbrachte fast jedes Wochenende bei ihrer Großmutter. Ich freute mich sogar ein wenig, weil sie beschäftigt war und der Oma half. Ich hielt alles für Zufall.
Nach vier Monaten blieb Hans öfter da. Ich gewöhnte mich an den Gedanken, dass er ganz einziehen könnte. Eines Abends übernachtete er unter der Woche. Am Morgen kam Johanna in die Küche, sah Hans und erstarrte in der Tür. Dann drehte sie sich um und verschwand wieder im Zimmer.
Ich folgte ihr und setzte mich auf ihr Bett. Sie starrte nur vor sich hin.
Ich fragte leise, was los sei.
Ihre Antwort war kaum hörbar: Mama, ich habe Angst vor ihm. Ich kann nicht mit ihm gemeinsam wohnen.
Tief in mir spürte ich, wie mir der Boden unter den Füßen wegzog. Ich fragte sie nach dem Grund.
Sie hob den Blick und sagte:
Nachdem Hans zu uns gezogen war, schloss sich Johanna immer mehr in sich ein. Sie setzte sich nicht mehr zu uns, wirkte abwesend. Eines Tages sagte sie plötzlich: Mama, ich habe Angst vor ihm. Ich kann nicht mit ihm zusammen in einem Haus leben.
Mama, du musst dich entscheiden. Entweder er oder ich.
Was ich daraufhin über Hans erfuhr, ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Ich warf ihn noch am selben Tag aus der Wohnung.
Erst jetzt begriff ich, wie blind ich gewesen war. Ich hatte nur an mein eigenes Glück gedacht und ihre Sorgen völlig übersehen.
Sie flüsterte: Er hat gesagt, dass er bald endgültig hierhin zieht.
Und? fragte ich so ruhig wie möglich.
Dann müssen wir alles in Ordnung bringen. Richtig Ordnung.
Ich verstand nicht sofort, was sie meinte.
Johanna erklärte weiter: Er meinte, im Haus müsse ein Mann das Sagen haben. Dass sich bald alles ändern wird.
Mir lief es eiskalt den Rücken hinunter.
Hat er das wirklich so gesagt?
Ja. Er meinte, ich müsse mich daran gewöhnen. Ihr baut euch schließlich eine neue Familie auf, und ich sei ja schon fast erwachsen. Er meinte, falls mir etwas nicht passt, könne ich ja zu Oma ziehen.
Abends wartete ich, bis Hans zurückkam.
Hast du zu meiner Tochter gesagt, sie müsse sich an dich gewöhnen? fragte ich ihn direkt.
Er seufzte nur.
Ich habe bloß ein paar Grenzen aufgezeigt. Verstehst du, wenn ich einziehe, dann soll alles seinen rechten Lauf nehmen. Ich wünsche mir schließlich eine richtige Familie.
Und was ist Johanna dann für dich?
Sie ist fast erwachsen. Sie wird bald ausziehen. Wir müssen auch an unsere eigene Zukunft denken, vielleicht an ein gemeinsames Kind.
Ich sah ihn an und begriff plötzlich, dass er all das ohne Wut, ganz nüchtern sagte. Er glaubte wirklich, was er da sagte.
Willst du, dass ich mich entscheide?
Er zuckte die Schultern.
Ich möchte nur, dass du weißt, was du willst.
In jener Nacht konnte ich kaum schlafen. Am Morgen setzte ich mich zu Johanna ans Bett.
Ich habe mich schon entschieden, flüsterte ich. Du wirst in deinem eigenen Zuhause niemals überflüssig sein.
Noch am selben Tag packte Hans seine Sachen und verließ unsere Wohnung.




