Warte auf mich
Mit zitternder Hand wählte Friedrich die Nummer von Anneliese und drückte schnell das Handy ans Ohr. Hoffentlich geht sie ran, hoffentlich betete er innerlich.
Der Teilnehmer ist vorübergehend nicht erreichbar oder befindet sich außerhalb des Empfangsbereichs, verkündete die Automatenstimme und Friedrich wusste, dass seine Gebete nicht erhört wurden.
*****
Die Liebe fragt nicht, ob sie Einlass findet in unser Herz. Sie klopft nicht sacht an, bevor sie einfach eintritt. Nein! Sie rollt über uns hinweg wie eine Flutwelle und lässt uns keine Chance auf Rettung. Manch einer mag beim Gedanken an so eine gewaltige Welle inmitten eines romantischen Sturms erschrecken:
Wie schrecklich!
Aber das stimmt nicht
Gerade das macht die Liebe so wundervoll dass sie solche unbeschreiblichen Gefühle auszulösen vermag, wie es sonst nicht einmal die wildeste Fahrt auf der Achterbahn vermag.
Ja, Liebe ist aufregender als jedes Karussell im Europapark.
Und meist entsteht sie ganz plötzlich, im Bruchteil einer Sekunde. Wie ein Stern, der im tiefsten All explodiert.
Das fühlt sich an, als hätte jemand mit dem Hammer zugeschlagen und schon bist du Hals über Kopf verliebt, bis zur Besinnungslosigkeit.
Genau diese Liebe auf den ersten Blick wurde von vielen Dichtern besungen. Goethe, Heine, Rilke Viele haben über die Liebe geschrieben und tun es noch heute.
Friedrich aber war immer skeptisch gewesen, überzeugt davon, dass es Liebe auf den ersten Blick gar nicht gibt. Höchstens im Kino oder in Büchern.
Im wirklichen Leben gibts das nicht pflegte er zu sagen, wenn jemand ihn vom Gegenteil überzeugen wollte.
Doch dann kam dieser eine Tag
Friedrich stand am Busbahnhof in München, genau bei einer Bank, und hielt nach seinem Bus Ausschau, der jeden Moment einfahren sollte.
Den durfte er auf keinen Fall verpassen, denn es war ein Durchgangsbus: Wer nicht pünktlich ist, bleibt stehen. Wer zu spät kommt, hörte er schon manche Fahrer sagen, den bestraft das Leben.
Und der nächste Bus fuhr erst am nächsten Morgen. Bis dahin musste man eben warten, mindestens zwölf Stunden noch. Friedrich hatte seine kleine Wohnung schon verlassen zurück konnte er auch nicht.
Also kontrollierte er jeden Bus, der auf den Hof kam, ganz penibel.
Plötzlich rief jemand lautstark aus dem Tumult:
Fritzchen, komm schnell! Der Bus ist da!
Wie sich später herausstellte, war damit ein etwa achtjähriger Junge gemeint, nicht er. Das wurde Friedrich aber erst etwas später klar.
Denn in dem Moment
drehte er sich ruckartig um, um zu sehen, wer ihn mit diesem Kosenamen gerufen hatte. Plötzlich knallte es und vor seinen Augen explodierten die Funken, als hätte jemand einen Silvesterknaller gezündet.
Es war zwar Ende Mai, nicht Dezember, also konnte es kein Feuerwerk sein, und doch
Was war das denn? schoss es Friedrich durch den Kopf.
Viel Zeit zum Nachdenken blieb ihm nicht. Denn auf die Funken folgte Schwärze.
Nach ein paar Sekunden nur begannen die Umrisse langsam zurückzukehren, dann gewann auch sein Verstand allmählich Klarheit und vor ihm stand sie.
Eine junge Frau, die sich ihren angeschlagenen Kopf rieb. Irgendwie erinnerte sich Friedrich dabei an seinen eigenen Kopf und fing an, dasselbe zu tun.
Verwunderung, Ratlosigkeit, tausend unausgesprochene Fragen in ihren Augen und auch in seinen.
So standen sie mitten im lauten Münchener Busbahnhof, starrten sich an, keiner wollte wegsehen.
Sie lachten nicht, weinten nicht sie blickten sich nur schweigend an. Er sie, sie ihn.
Seit ihrem Zusammenstoß waren erst wenige Minuten vergangen, aber Friedrich kam es vor wie eine Ewigkeit. Und noch mehr wurde ihm bewusst: Er war verliebt. Hals über Kopf.
Wie gefesselt starrte er in die Augen dieser Unbekannten und konnte sich nicht rühren.
Instinktiv spürte Friedrich: Diese Frau Sie war nicht zufällig hier.
Alles deutete darauf hin, dass das Schicksal selbst sie buchstäblich aneinanderprallen ließ, damit sie sich nicht in der anonymen Münchner Menge fürs Leben verpassten.
Entschuldigen Sie vielmals! unterbrach die junge Frau endlich das Schweigen und hob ihr kaputtes Handy auf Ich war leider sehr in Eile und habe Sie überhaupt nicht bemerkt. Wie geht es Ihnen? Haben Sie sich verletzt?
Was? Friedrich sah, wie sich ihr Mund bewegte, aber er hörte kein Wort.
Ich meine, geht es Ihnen gut? Haben Sie vielleicht eine Gehirnerschütterung? Ihr Blick ist etwas abwesend
Mir ist schwindelig sehr sogar, nickte er. Wenn ich in Ihre schönen Augen sehe, glaube ich, der Boden schwankt Ist das jetzt diese Liebe auf den ersten Blick?
Sind Sie ein Spaßvogel? lächelte sie. Gut so, dass Sie lachen können. Aber bitte, setzen wir uns besser. Sie werden ja sonst noch ohnmächtig. Ich habe noch Wasser.
Mit der Sonne im Gesicht und ehrlicher Fürsorge in der Stimme lächelte sie ihn an.
Keine Spur von Falschheit Friedrich spürte und sah, dass ihre Sorge echt war. Und das tat ihm gut, trotz seines wirren Kopfes.
Hier, bitte! Sie hielt ihm eine Flasche Wasser hin. Friedrich trank gierig, das kühle Nass tat richtig gut.
Kurz darauf war ihm tatsächlich leichter, und die Welt um ihn herum wurde wieder klarer.
Ich heiße Anneliese, stellte sie sich vor.
Friedrich.
Sehr angenehm. Es tut mir wirklich leid, das war nicht böse gemeint. Ich habe mich beeilt, meinen Bus zu bekommen, aber Anneliese sah Richtung Abfahrten er ist schon weg. Selbst schuld. Und dabei ist mein neues Handy auch noch hin
Bus! plötzlich durchzuckte es ihn. Er drehte sich zur anderen Plattform. Da fuhr sein Bus, der letzte für heute, bereits los.
Er konnte den Fahrer regelrecht höhnisch sehen Wer zu spät ist wartet bis morgen!
Toll Jetzt habe ich auch meinen Bus verpasst.
Echt jetzt? fragte sie erschrocken, schaute in die Richtung, in die Friedrich blickte.
Ja
Das ist alles meine Schuld! Meine Mutter sagt immer, ich sei ein bisschen chaotisch
Unsinn, lächelte Friedrich. Das war einfach Schicksal.
Wann fährt Ihr nächster Bus?
Morgen früh.
Meiner auch. So ein Zufall. Wie meine Mutter immer sagt: Zwei verlorene Seelen begegnen sich wohl öfter, als sie denken.
Wissen Sie was, Anneliese? begann er aufgeregt Wie wäre es, wenn wir durch den Park gehen? Der ist gleich ums Eck.
Ehrlich? Das klingt schön, sie verstaute ihr kaputtes Handy in ihrer Tasche und lächelte.
*****
Friedrich hatte zwei Kugeln Vanilleeis gekauft und lief zurück zu seiner wunderschönen Begleiterin, die auf der Bank im Park auf ihn wartete.
Irgendwie hatte er Angst, dass Anneliese einfach nicht mehr da sein würde, dass sie ihn sitzen lassen könnte. Dafür gab es keinen richtigen Grund, aber sein Herz schlug zu schnell.
Als er die Bank sah, atmete er erleichtert auf. Sie saß dort und wartete.
Er trat langsamer, dann blieb sogar stehen, betrachtete sie aus der Ferne. Sie war ihm unglaublich ans Herz gewachsen. So, dass ihn niemand mehr davon lösen könnte.
So sieht sie also aus, die Liebe auf den ersten Blick Fast kam ihm Scham auf, dass er nie daran geglaubt hatte.
Warum stehst du hier einfach so rum?! Geh mir aus dem Weg! knurrte eine alte Dame hinter ihm.
Er drehte sich um und sah eine Seniorin mit Gehstock, die ihn verärgert anstarrte.
Verzeihung, ich war in Gedanken, sagte Friedrich, trat zur Seite und ließ sie vorbei.
Schaust du so die ganze Zeit zu ihr? fragte sie, deutete mit ihrem Stock auf Anneliese.
Ja Sie ist wunderschön.
Du verschwendest deine Zeit. Ihr beide werdet nie zusammenkommen! zischte sie und humpelte wortlos davon.
Friedrich war wie vor den Kopf gestoßen.
Allein der Gedanke, dass er Anneliese nie wiedersehen könnte, schmerzte. Während die seltsame Frau im schwarzen Mantel im Park verschwand, drehte er sich wieder zur Bank
und erstarrte. Die Bank war leer.
Was soll das denn jetzt?
Nervös blickte er sich um. Sie konnte doch nicht weit sein! Sie war eben noch da Er spürte, sie war ganz nah.
Doch wie er auch suchte Anneliese war nirgends zu sehen.
Vorübergehende huschten vorbei, verschwammen zu einem bunten Schleier. Aber die Worte der alten Frau klangen schmerzhaft nach: Ihr werdet nie zusammen sein nie zusammen
Er hätte ihr am liebsten nachgerufen: Warum? Was haben wir dir nur getan?
Was stehst du da rum? Hast du etwa vergessen, auf welcher Bank du mich sitzen gelassen hast?
Friedrich drehte sich bei der vertrauten Stimme ruckartig um und stieß erneut mit Anneliese die Stirn an.
Anneliese! Du bist doch noch hier! rief er erleichtert und schloss sie in seine Arme.
Friedrich, lass los, du erwürgst mich! lachte sie und rieb sich die Stirn. Ich bin doch nur kurz zum Mülleimer gegangen. Dann sah ich dich da stehen und wollte wissen, was los ist.
Ich hatte Angst dass du weg bist
Nein, ich gehe nicht. Ich muss aber sagen, wir sollten uns vor weiteren Kopfstößen hüten, denn bald habe ich Prüfungen und befürchte, nach so vielen Zusammenstößen bin ich alles Gelernte wieder los.
Oh, entschuldige grinste Friedrich verschämt. Da war so eine merkwürdige alte Dame Aber schon gut. Gehen wir?
Wird Zeit!
Er überreichte ihr das Eis, nahm sie an der Hand und gemeinsam spazierten sie durch den Park.
Danach schlenderten sie an der Isar entlang, durch die nächtlichen Straßen Münchens, bis zum Morgengrauen.
Die Zeit verflog. Friedrich erzählte aus seinem Leben, sprach von zukünftigen Plänen. Seine Arbeit als Schlosser, und dass er beruflich in München unterwegs war.
Anneliese erzählte: Sie wohnte im Studentenwohnheim, war Medizinstudentin im letzten Semester, träumte davon, Ärztin zu werden und Menschen zu helfen.
Am nächsten Morgen kehrten sie an den Busbahnhof zurück. Der Abschied fiel schwer. Beim Einstieg in den Bus versprach Friedrich: Er würde zurückkommen, ganz sicher.
Er wollte ihre Nummer aufschreiben, aber Anneliese lächelte verlegen und zeigte auf das kaputte Handy.
Ich kann momentan nicht einfach anrufen. Aber sobald ich zuhause bin, besorge ich ein neues und melde mich, sobald ich die SIM-Karte getauscht habe. Schreib dir meine Nummer auf!
Sehr gern! freute sich Friedrich. Und schreib dir auch meine auf, damit wir uns nicht verlieren.
Junger Mann, der Bus fährt jetzt ab! rief der Fahrer. Fahren Sie mit, oder nicht?
Ich komme! rief Friedrich.
Dann wandte er sich nochmals an Anneliese:
Warte auf mich! Ich hole dich ganz bestimmt ab, hörst du?
Ich höre dich! Ich warte auf dich! winkte sie ihm nach.
Noch ein paar Sekunden blieb Friedrich auf der Busstufe stehen und betrachtete das Glück, das ihm so unverhofft zugefallen war, bevor er einstieg.
*****
Ein Monat verstrich.
Es war der qualvollste Monat für Friedrich. Von Anneliese kam kein einziger Anruf, und er selbst kam auch nicht durch. Endlich bekam er zwei Wochen unbezahlten Urlaub vom Chef doch dann musste er die Reise absagen, weil
seine Mutter, Ursula, wurde ins Krankenhaus gebracht.
Sie lebte auf dem Land, und Friedrich musste in sein Heimatdorf zurück.
Dort angekommen, erfuhr er: Schlaganfall, seine Mutter konnte nicht mehr alleine gehen.
Sie braucht ständige Pflege, erklärte der Arzt. Die Reha wird lange dauern.
Friedrich nickte niedergeschlagen. Das kommt jetzt aber wirklich zur Unzeit
Es war eine schwere Entscheidung, aber Friedrich blieb bei seiner Mutter. Es gab sonst niemanden, der helfen konnte.
Und Anneliese Die würde er später suchen, sobald seine Mutter wieder auf den Beinen war.
*****
Doch soweit kam es nicht. Wenige Monate später starb seine Mutter. Friedrich beerdigte sie, versorgte die Tiere aus dem Garten an die Nachbarn weiter und schloss den Hof ab. Dann machte er sich auf die Suche nach Anneliese. Ein halbes Jahr war vergangen; ob er sie je finden würde, wusste er nicht aber versuchen musste er es.
Als er sich dem Studentenwohnheim näherte, zitterte er vor Aufregung. Vielleicht hat sie längst einen anderen? ging es ihm durch den Kopf. So viel Zeit war vergangen, alles konnte passiert sein.
Außerdem fiel ihm die Prophezeiung der alten Frau wieder ein: Ihr werdet nie zusammen sein
Was, wenn es wirklich so ist? Was, wenn ich Anneliese nie mehr sehe?
Er grübelte noch immer darüber nach, warum sie ihn nie angerufen hatte obwohl sie doch seine Nummer hatte. Und wieso war sie nie erreichbar?
Zu wem wollen Sie? fragte die resolute Pförtnerin am Eingang.
Zu Anneliese. Ich weiß leider ihren Nachnamen nicht, nur, dass sie Medizin studiert. Und ich habe ein Foto!
Er zeigte ihr das Selfie vom Münchner ZOB.
Ach, der Bräutigam ist zurück! grinste die Dame sarkastisch. Ihre Anneliese ist nicht mehr hier. Heute ist sowieso niemand im Haus ist ja der 31. Dezember
Wohin ist sie? Wann ist sie weg?
Schon vor Wochen. Abschluss gemacht, Diplom, dann weg. Sie wird wohl wieder zu ihren Leuten ins Dorf gezogen sein.
Hat sie vielleicht eine Nachricht oder ihre neue Nummer hinterlassen?
Wart mal, die Frau kramte in einer Schublade doch, hier ist ein Brief. Sie hat gesagt, das soll ich geben, falls du kommst. Die Nummer steht unten.
Und die Adresse?
Leider ist da unten die Adresse naja, da ist mir Kaffee drauf gekippt. Kann man nicht mehr lesen. Aber die neue Telefonnummer sieht man gut.
Friedrich hörte schon kaum noch zu, riss den Brief auf und las gierig:
Friedrich, mein Lieber, ich vermisse dich so sehr! Du ahnst gar nicht wie. Verzeih, ich Dussel, hab deine Nummer verloren Gleich am Tag als du gingst, wurde mir die Tasche auf dem ZOB in München gestohlen, samt dem kaputten Handy und deinem Zettel. Ich wusste nicht, wie ich dich erreichen sollte. Du hattest keine Adresse dagelassen. Und mein Handy ist jetzt auch eine neue SIM-Karte. Ich wartete jeden Tag auf dich, nach der Uni, einen Monat lang, immer bei der Bank, wo wir mit den Köpfen zusammengestoßen sind.
Jeden Tag war ich da. Aber du bist nie gekommen.
Nur ein großer roter Kater war immer dort. Seine Augen erinnerten mich an deine. Ich nannte ihn Friedrich. Mit ihm habe ich auf dich gewartet und mit ihm geredet, oft stundenlang.
Ich konnte ihn nicht mit ins Wohnheim nehmen. Wenn du kommst, bitte füttere ihn. Er liebt das Truthahnfutter aus dem kleinen Laden ums Eck.
Länger kann ich nicht bleiben, ich habe mein Examen gemacht jetzt ist meine Mutter schwer krank, ich muss ins Dorf. Aber hier meine neue Nummer! Melde dich, wenn du den Brief findest! Ich hoffe so sehr, du hältst dein Versprechen
Mit bebender Hand tippte Friedrich die Nummer ein und hielt das Handy an sein Ohr. Bitte, bitte, geh ran dachte er.
Der Teilnehmer ist nicht erreichbar oder befindet sich außerhalb des Empfangsbereichs, sagte wieder die Automatenstimme.
So klang es seit Monaten, wenn er es versuchte.
Was soll das? Auch die neue Nummer nicht verfügbar?! schimpfte Friedrich innerlich.
Wieder schaute er auf den Brief.
Die Adresse war ein großer brauner Kaffeefleck, unleserlich geworden. Friedrich steckte den Brief sorgfältig ein, seufzend.
Wie, verdammt noch mal, sollte er Anneliese nun finden?
*****
Langsam schlenderte Friedrich durch das verschneite München zurück zum Busbahnhof. Er beachtete die strahlenden Gesichter der Menschen nicht, auch nicht die bunten Lichterketten in den Schaufenstern.
Obwohl heute Silvester war, hatte er kein bisschen Festtagsstimmung.
Kein Wunder er musste mit leeren Händen heimkehren. Die Hoffnung, dass Anneliese Nummer irgendwann wieder erreichbar sein würde, war das Einzige, was blieb.
Er holte sich ein Ticket für den nächsten Bus, blickte auf die Uhr: Noch vierzig Minuten Zeit.
Vielleicht sollte ich zu unserer Bank gehen und sehen, ob der Kater da ist? überlegte er.
Immerhin wenn schon keine Anneliese, dann wenigstens ihrem roten Kater ein Zuhause bieten.
Und tatsächlich: Dort saß ein großer roter Kater neben der Bank und musterte die Leute, als würde er jemanden Bestimmten suchen.
Vielleicht sogar mich? dachte Friedrich schmunzelnd.
Als er näherkam, guckte der Kater erst gelangweilt, dann begann Friedrich das Gespräch.
Na, hallo, mein Namensvetter!
Der Kater drehte den Kopf, schaute überrascht als würde er denken: Was machst du denn hier?
Dann kam er schnurrend heran und schmiegte sich an Friedrichs Beine, als wären sie alte Bekannte.
Irgendetwas an diesem Kater berührte Friedrich sofort etwas, das sich vertraut und nah anfühlte.
Er nahm den Kater auf den Arm, streichelte ihn und erinnerte sich: Anneliese hatte gebeten, für Truthahn-Futter zu sorgen.
Pass auf, Kumpel, bleib fünf Minuten hier! bat Friedrich. Ich hole dir Futter aus dem Laden um die Ecke.
Miau antwortete der rote.
Bleib, bitte, Friedrich. Ich beeil mich ja.
Im Laden war die Hölle los Silvester eben zehn Minuten dauerte es. Als Friedrich zurückeilte, sah er, wie eine junge Frau
versuchte, den Kater mitzunehmen.
Ja, wirklich für ihn war der rote Kater schon seiner. Und was, wenn sie ihn ihm jetzt wegnahm?
Friedrich beschleunigte den Schritt, schließlich rannte er fast. Ihm fehlte nur noch, dass auch der Kater verschwand!
Der Kater jedoch zierte sich und mauzte laut, als wolle er der Fremden etwas besonders Wichtiges mitteilen.
Was ist denn los mit dir? wundert sich die Frau über den Kater. Erkennst du mich nicht, Friedrich? Ich bins doch, Anneliese!
Friedrich blieb verdutzt stehen, die Frau hatte sich noch nicht umgedreht.
Anneliese?! rief er, trat näher Bist du das wirklich?
Sie fuhr herum und
wieder explodierten die Funken. Noch einmal dieser seltsame Kopfschlag, als hätte jemand zufällig ein Silvesterfeuerwerk gezündet.
Als die Welt wieder klar wurde, stand sie vor ihm, rieb sich die Stirn, lachte.
Sie schauten sich an, konnten ihr Glück kaum fassen.
Dann umarmten sie sich, küssten sich, lachten und weinten vor aller Augen. Und eigentlich war es ihnen egal, was andere dachten.
Wichtig war nur: Sie hatten sich wiedergefunden.
Und von jetzt an würden sie sich nie mehr loslassen. Nie.
Wie bist du überhaupt hierhergekommen, Friedrich? fragte Anneliese.
Ich bin zurückgekommen; so wie ich es versprochen habe. Und du?
Ich habe mein Studium beendet, wollte in München arbeiten, doch meine Mutter wurde schwerkrank. Ich musste ins Dorf zurück. Sie ist vor einem Monat gestorben. Heute bin ich hergekommen, um Friedrich, den Kater, zu holen. Und dann stehst du plötzlich hier ist das nicht ein Wunder?
Es ist ein Wunder, lächelte Friedrich. Ich hatte Futter für den Kater geholt, wie du gesagt hast.
Ich habe mich gewundert, warum er nicht mitgehen will. Aber er hat wohl auf dich gewartet.
Und du?
Ich habe auch gewartet.
Ich bin so froh, dich gefunden zu haben. Ehrlich, ich hatte den Glauben fast verloren den Kaffefleck auf deinem Brief konnte ich nicht lesen
Ach, Frau Fromm am Empfang Ich habe doch gesagt, sie soll nicht schnüffeln. Aber meine neue Nummer war zu erkennen?
Ja, aber du warst nie erreichbar.
In diesem Moment erhielt Friedrich die SMS: Teilnehmer ist wieder erreichbar. Er zeigte es Anneliese und lächelte:
Genau rechtzeitig
Und, weißt du, ich habe heute noch eine kleine Wohnung gemietet. Es ist zwar gar nichts vorbereitet, aber wir hätten Zeit zusammen. Lust, den Jahreswechsel gemeinsam zu verbringen?
Du fragst? Natürlich!!!
Dann los! meinte Anneliese, nahm Friedrichs Hand und den roten Kater und ging mit ihm einkaufen.
Sie deckten gemeinsam den Tisch, schmückten den Baum, warteten auf Mitternacht.
Und als das neue Jahr kam, waren sie alle glücklich: Friedrich hatte seine Liebe gefunden, der rote Kater ein Zuhause und Anneliese war doppelt glücklich, denn jetzt hatte sie zwei FriedrichsAls draußen die Kirchenglocken den Jahreswechsel einläuteten, standen Friedrich und Anneliese am Fenster. Der Himmel explodierte in Farben, Funkenregen spiegelte sich in ihren Augen. Der rote Kater saß schnurrend zwischen ihnen auf der Fensterbank sein Blick zufrieden, als hätte er gewusst, dass alles genau so kommen musste.
Friedrich legte den Arm um Anneliese. Weißt du noch, wie alles begann? Mit einem Knall am Bahnhof und jetzt fängt alles erneut an, mit einem ganz eigenen Feuerwerk.
Anneliese lächelte. Vielleicht braucht wahre Liebe manchmal einfach Umwege und einen kleinen roten Kater.
Sie lachten. Dann schwiegen sie und hielten sich einfach nur fest, während draußen das neue Jahr begann.
Inmitten all des Lärms und Lichts wusste Friedrich: Manchmal rollt das Schicksal wie ein Bus vorbei aber die größte Fahrt im Leben ist die, für die man bleibt. Ankommen. Und einander niemals mehr verloren gehen.
Ein sanftes Miau unterbrach die Gedanken. Anneliese streichelte den Kater, der sich genüsslich räkelte. Blöd nur, dass ich mich erst verirren musste, um dich zu finden.
Friedrich küsste sie. Ab jetzt kannst du dich so oft verirren, wie du willst ich komme immer wieder und warte auf dich. So lange es sein muss.
Draußen verstummte das Feuerwerk. Drinnen blieb ein Flimmern, das niemals verglühte.
Denn sie wussten: Ihre Zeit war jetzt. Ihr Glück wartete nicht sie hatten es gefunden. Und so begann ihr neues Jahr Hand in Hand, Herz an Herz, bereit für jedes Wunder, das noch kommen mochte.





