Nicht hergeben werde ich seine Wohnung
Wieso bist du eigentlich hier?
Waltraud stand breitbeinig im Türrahmen, als ob sie nicht den Durchgang ins Zimmer, sondern direkt ins Leben versperren wollte. Ihre Hände klammerten sich so fest an die Zargen, als könnte jemand versehentlich ins Wohnzimmer rauschen und ein neues Kapitel aufschlagen.
Guten Abend, Frau Waltraud Brenner.
Ich hab gefragt, wieso.
Sabine antwortete nicht sofort. Ihr Blick fiel auf die Fußmatte. Die hatte sie selbst vor Jahren am U-Bahnhof gekauft, blau mit weißem Rand. Lag immer noch da, verblichen und ein wenig zerfetzt irgendjemand brachte es offenbar nicht übers Herz, sie wegzuwerfen.
Darf ich reinkommen?
Die Pause, die darauf folgte, hätte man als ganze Jahreszeit angeben können. Dann trat Waltraud mit einem leisen Seufzer zur Seite. Kommentar gab’s keinen, nur eine Richtung: Küche. Das reichte wohl als Einladung.
Sabine trat ein und schloss die Tür leise hinter sich. Im Flur roch es vertraut, aber auch nicht ganz wie früher. Früher hing an dem linken Haken Gerdas Mantel diesen ewigen Qualmgeruch verteilte er im ganzen Haus. Heute hing da nur noch ein Flanellbademantel und eine angestaubte Strickmütze.
In der Küche fummelte Waltraud am Wasserkocher herum, als wollte sie lieber Tassen abtrocknen als Tee anbieten. Hauptsache, beschäftigt.
Ich hab Licht im Fenster gesehen, meinte Sabine. Bin zufällig vorbeigekommen.
Um zehn am Abend?
Der Bus kam nicht. Ich stand an der Haltestelle fest.
Waltraud stellte den Wasserkocher ab, drehte sich um, sah Sabine so an, wie man jemanden anschaut, dem man nicht über den Weg traut aber noch nicht entschieden hat, ob man ihn ganz fallenlässt.
Dann zieh dich halt aus, motzte sie. Jetzt bist du schon mal da.
Sabine hängte den Mantel an den linken Haken. Dann wurde ihr kurz mulmig, also bugsiert sie ihn an den rechten.
Am Tisch saßen sie sich dann gegenüber. Waltraud goß wortlos Tee ein, stellte Sabine kommentarlos eine Tasse hin. Den Zucker schob sie rüber, den Blick konsequent auf irgendeine Bröselkruste gerichtet. Die Handgriffe waren so mechanisch, wie sie eben sind, wenn der Körper sich noch an Anstand klammert, der Kopf aber auf stur schaltet.
Wie gehts dir? fragte Sabine schließlich.
Wie immer, brummte Waltraud, umklammerte die Tasse. Ihre Finger waren so knochig wie bei allen Frauen ihres Jahrgangs, mit Altersflecken, mit verborgener Kraft. Diese Kräfte wirkten jedenfalls zu groß für ein einfaches wie immer.
Ich wollte reden, meinte Sabine.
Worüber?
Über Verschiedenes.
Über die Papiere?
Sabine zögerte.
Nicht nur.
Waltraud nahm einen Schluck, setzte die Tasse ab. Das Klirren hätte einfach nichts bedeuten können, aber da steckte eine ganze Biografie drin.
Die Papiere klärst du besser mit dem Notar. Ich hab da alles gesagt.
Weiß ich.
Dann musst du es nicht wiederholen.
Das sollte keine Frage sein, also sparte Sabine sich eine Antwort. Ihr Tee war zu heiß und wenig einladend zurück auf den Tisch damit.
Draußen zog Nieselregen vor der Fensterscheibe vorbei. Der Laternenmast schwankte, die Schatten rutschten über’s Fensterbrett.
Sabine kannte diese Küche auswendig: In der linken Schublade lagen Paketbändel und alte Batterien, weil Gerhard sie nie wegschmiss vielleicht bringen sie noch ein Prozent. Unter der Spüle der Eimer, aber der stand nur da, wenn die Leitung tropfte, und sie tropfte eigentlich immer im Oktober. Die Lücke hinter dem Kühlschrank hatte einmal eine 1-Euro-Münze geschluckt; eine Ewigkeit lang fummelten Gerhard, Uli und Sabine mit dem Lineal daran herum, bis alle lachten.
Uli. Drei Monate ist er jetzt weg.
Ich hab dir Zwetschgenmarmelade mitgebracht, sagte Sabine. Steht im Flur, im Stoffbeutel. Weiß nicht, ob dir das aufgefallen ist.
Waltraud schielte zur Tür, dann wieder zum Tisch.
Ist mir aufgefallen.
Du hast die doch immer so gern gegessen.
Hab ich, kurze Pause, dann ein leises, Tu ich.
Wie sie das sagte, traf exakt ins Schwarze als wüsste Waltraud selbst nicht mehr, in welchem Tempus sie eigentlich lebt.
Sabine verstand das zu gut. Auch sie sprach manchmal in der Gegenwart von Uli, verhaspelte sich mitten im Satz und dann schien die Stille danach noch schwerer auszuhalten.
Ich hab gehört, du wolltest zu Ingrid nach Leipzig, begann Sabine vorsichtig.
Wollte ich, bin aber nicht.
Warum wartest du?
Ach, Waltraud machte so eine fahrige Bewegung. Kram halt.
Sabine sah sie an. Kein Kram dieser Welt hielt sie hier. Es war die Wohnung die sollte nicht einfach so alleingelassen werden. Es gab Angst, wegzufahren und in die Stille zurückzukommen. Und vielleicht auch die Furcht vor Ingrids Mitleid und Mitleid, das konnte Waltraud nun gar nicht ab.
Frau Brenner, sagte Sabine und ihre Stimme wurde plötzlich sanfter. Ich bin nicht wegen der Papiere hier. Wirklich.
Wirklich, wiederholte Waltraud. Glaubte sie das? Es blieb offen.
Ich weiß, dass du auf mich wütend bist.
Bin ich nicht.
Doch.
Ich verstehs halt nicht, und jetzt war da plötzlich Leben in ihrem Ton, als hätte sie den Widerstand kurz vergessen. Sechs Monate sind vorbei, und du hast anscheinend wieder Fuß gefasst. Und ich sitze hier.
Sabine verzichtete auf Du verstehst das falsch oder Du denkst zu viel. Sie schwieg lieber.
Ich hab dich gesehen, setzte Waltraud nach. Die Renate von nebenan hats mir erzählt. Café an der Königstraße, im August. Du warst zu zweit.
Kollege. Wir haben zusammen an einem Projekt gearbeitet.
Kollege, aha.
Waltraud stand auf, trat ans Fenster, blickte hinaus auf Laterne und Regen.
Uli hat dich geliebt, sagte sie, immer noch mit dem Rücken zu Sabine. Sehr sogar. Vielleicht mehr, als du gedacht hast.
Ich wusste es.
Ich bin mir nicht sicher.
Sabine drückte die Tasse fester. Da war diese Bewegung, wie ein Schatten am Rand sie wusste, sagt sie noch einen Satz, geht es schief.
Ich sage ja nicht, dass du schlecht bist, meinte Waltraud. Das denke ich nicht. Du bist jung, zweiundvierzig, hast dein Leben noch vor dir. Aber ich bin achtundsechzig, und mein Sohn war mein einziger.
Ich weiß.
Und jetzt ist er nicht mehr da. Und du kommst mit Marmelade.
Das hätte verletzend klingen können, wäre es nicht so präzise gewesen. Sabine spürte fast so etwas wie Dankbarkeit für diese Ehrlichkeit, auch wenn es schwer zu erklären war.
Anders kann ich nicht, gestand sie. Ganz leer in die Wohnung, das geht auch nicht. Marmelade ist greifbarer als meine Worte.
Waltraud drehte sich langsam um, musterte Sabine eindringlich.
Du hast doch geweint, bevor du reingekommen bist, oder?
Ein bisschen.
Im Treppenhaus?
Wo sonst.
Da verrutschte in Waltrauds Gesicht etwas. Ganz leise. Sie setzte sich zurück.
Ach, wir alten Trampel, sagte sie schief und das war das erste am ganzen Abend, das keine doppelte Bedeutung hatte.
Stille. Der Regen prasselte jetzt lauter.
Erzähl mir von dem Testament, bat Sabine. Was genau nagt an dir? Nicht was der Anwalt meint, dein eigenes Gefühl.
Waltraud sah sie überrascht, unerwartet offen an. Wahrscheinlich begegnete ihr diese Frage heute das erste Mal.
Die Wohnung, seufzte sie. Wir haben die damals für ihn gekauft, mit meinem Mann Hans. Acht Jahre zusammengespart. Uli war noch jung, und wir wollten, dass er was Eigenes hat. Er lebte da, dann du. Ich find das völlig okay. Aber es war eben seine, und jetzt laut Papier
Laut Papier erbe ich sie, sagte Sabine.
Ihr wart nicht verheiratet.
Aber sechs Jahre zusammen.
Schon, Waltraud verschränkte die Hände, aber ich hatte das Gefühl dass er wollen würde, dass ich irgendwie dazugehöre. Nicht, dass ich so gar nichts mehr damit zu tun habe.
Das hat er selbst so geschrieben, Frau Brenner.
Ja, das weiß ich. Vielleicht war’s richtig, vielleicht nicht. Am Anfang war ich sehr böse. Jetzt bin ich’s nicht mehr. Nur ich versteh’s halt nicht.
Was genau verstehst du nicht?
Du klagst, dass es dir zu viel ist, die große Wohnung alleine. Hast Renates Tochter das erzählt. Warum also behalten?
Sabine zuckte mit den Schultern.
Das hab ich im Juli gesagt, da gings mir gar nicht gut. Ich weiß es doch selbst nicht.
Falls du verkaufst, begann Waltraud.
Hab ich nicht vor.
Falls doch, zeigte sie plötzlich Beharrlichkeit, würdest du mir vorher Bescheid geben? Nicht einfach jemandem Fremden.
Und genau da verstand Sabine: Es ging nicht ums Eigentum. Es war die Verbundenheit. Erstens wissen dürfen. Den Faden zum Sohn nicht verlieren, durch diese Frau, die in seiner Wohnung wohnte, in seiner Küche kochte, ihn nicht als Mutter, sondern ganz anders kannte.
Du wärst die Erste, die es wüsste. Versprochen, versicherte Sabine.
Waltraud nickte knapp und goss neuen Tee ein.
Hast du heute was gegessen? fragte sie.
Noch heute früh.
Soso, früh. Sie stand wortlos auf, öffnete den Kühlschrank. Ich hab Nudelsuppe gemacht. Magst du?
Klar.
Während Waltraud sich ums Aufwärmen kümmerte, betrachtete Sabine ihren Rücken. Andere Welt, ehrlich gesagt. Möglicherweise hätten sie in einer anderen Realität einmal zusammen auf dem Land gegärtnert oder Weihnachten gefeiert. Oder eben auch nicht, vielleicht wäre immer diese Mischung geblieben nicht genug verbunden, um eng zu werden, nicht verschieden genug, um ganz fremd zu sein.
Die Suppe war schlicht, ohne Schnickschnack. Möhren, Zwiebeln, ein bisschen Nudeln, etwas Petersilie. So eine Suppe, wie sie niemand für Gäste, sondern für sich selbst kocht.
Schmeckt gut, fand Sabine.
Übertreib nicht, grummelte Waltraud.
Nee, wirklich.
Sie aß langsam, dann meinte Waltraud plötzlich, mit Blick in die Suppe:
Er hat nach dir gefragt, damals im Krankenhaus. Weißt du das?
Sabine erstarrte.
Was?
Im April bist du doch zu dieser Tagung. Da musste er zur Untersuchung stationär bleiben. Ich war da und er fragte dauernd, wann du zurückkommst. Ich sagte, weiß ich nicht. Er meinte, heute müsste sie da sein. Dann morgen. Dann übermorgen.
Sabine legte die Löffel ab.
Ich kam gleich am nächsten Tag, als ichs erfahren hab.
Ich weiß. Waltraud sah Sabine an. Ich nehms dir nicht krumm. Ich erzähls nur.
Wozu?
Keine Ahnung. Damit dus weißt. Damit jemand außer mir noch Bescheid weiß.
War ehrlich. Sabine spürte einen Kloß, aber dagegen half auch kein Tee.
Er hat mir nie gezeigt, dass er Angst hatte, murmelte sie. Ich dachte immer, er ist ruhig, akzeptiert alles. Ich dachte, wenn ich weniger nervös bin, hilft ihm das.
Er mochtes nicht, bemitleidet zu werden.
Genau. Deshalb hab ich mich zurückgehalten.
Vielleicht war richtig. Vielleicht auch nicht.
Das Wer weiß das schon stand im Raum wie ein Topf, der sich mit Dampf füllte.
Sabine half beim Abräumen, obwohl Waltraud protestierte. Seite an Seite am Spülbecken ungeplant synchron, ungewohnt einvernehmlich.
Dann gabs Kekse. Die Reste vom letzten Einkauf, leicht zerbröselt, aus dem Backshop Bäckerei Schäfer um die Ecke.
Renate behauptet, ich soll in einen Malkurs gehen, berichtete Waltraud plötzlich. Senioren malen Aquarell, donnerstags im Gemeindezentrum.
Und, gehst du hin?
Keine Ahnung, klingt albern.
Wieso albern?
Na, in meinem Alter.
Jetzt ist genau das richtige Alter, konterte Sabine.
Waltraud grinste schief.
Jetzt klingst du wie so eine Betreuerin.
Und du wie 108.
Achtundsechzig.
Dann hast du also noch Zeit.
Waltraud biss ins Keks und kaute nachdenklich.
Ich hab mein ganzes Leben immer irgendwen versorgt. Hans, dann Uli, dann Arbeit, eigentlich sollten irgendwann mal Enkel kommen, aber das hat nicht geklappt. Ich weiß gar nicht, was es heißt, einfach so. Malen? Einfach so?
Vielleicht sollte man das lernen.
Ja, schön wärs.
Leicht gesagt.
Schwer gesagt, verbesserte Sabine. Ich tu mir ja auch schwer.
Waltraud zückte die Augenbraue.
Willst du auch in einen Malkurs?
Nein. Aber ich hab Arbeit, Freundinnen, alles. Und trotzdem sitze ich abends rum und würde am liebsten, dass Uli zurückkommt und irgendeinen Blödsinn erzählt, dann wäre alles wieder normal.
Pause.
Blödsinn das konnte er. Waltraud lachte zum ersten Mal wirklich. Der kam rein und sagte so Sachen wie: Mama, als Kind dachte ich, Dackel sind kleine Dachse. Woher hatte der das nur mit Dachs?
Mir hat er erzählt, dass Elefant auf Mongolisch zaan heißt und dass das wie eingebildet klingt. Superwitzig.
Waltraud lachte kurz überrascht und erleichtert, als hätte sie nicht geglaubt, dass ihr das je wieder passiert.
Der hatte wirklich einen an der Klatsche manchmal.
Viel gelesen.
Von klein auf! Buch unterm Arm, mit fünf schon. Ich musste ihn aus der Küche rausprügeln.
Er zeigte mir mal ein Foto von euch in Timmendorfer Strand. Acht war er, saß allein mit Buch, ringsum alle spielten.
Die Wochenenden auf dem Schrebergarten ja, Hans hat im Garten gewühlt wie ein Irrer und Uli mit seinem Roman, das war unser Leben. Ich habs irgendwann einfach akzeptiert.
Was hat er mit acht so gelesen?
Kaptain Blaubär, Geschichten von fremden Ländern. Das Meer hat er erst mit sechzehn gesehen das echte. Stand da eine Stunde und starrte. Hans meinte: Na, wie findest dus? Und Uli: Es ist kleiner, als ich dachte. Im Buch wars größer.
Sabine schmunzelte. Sie kannte Ulis Version: eine andere Pointe, aber dieselbe Essenz. Wahrscheinlich hatte jede Familie so ihre eigenen Legenden.
Er hat oft von Hans erzählt, meinte Sabine. Hat ihn vermisst.
Hans Brenner war vor sechs Jahren gestorben, kurz bevor Sabine und Uli sich kennenlernten.
Ja, sagte Waltraud schlicht. Hat er immer erwähnt.
Vermisst du ihn auch?
Jeden Tag. Ohne Bitterkeit, als wäre es ein Grundgesetz. Man gewöhnt sich, aber es bleibt. Das widerspricht sich nicht.
Nein, stimmt.
Stille.
Erzähl mir was von Uli als Kind, bat Sabine. Ich weiß nicht viel. Er mochte nicht von früher sprechen.
Waltraud musterte Sabine.
Wozu?
Solange noch jemand da ist, der ihn beschreiben kann.
Ein bisschen zu direkt vielleicht, aber sie nahm es nicht zurück.
Waltraud schwieg eine Minute. Dann stand sie auf, holte aus dem Schlafzimmer eine Pappschachtel eindeutig von der Sorte wird nie geöffnet, es sei denn, Notfall.
Das ist noch von ihm, sagte sie. Hab ich im September sortiert. Einiges weggegeben, das hier behalten.
Sie hob den Deckel ab: Hefte, kleine Figuren, Kinderzeichnungen. Sabine nahm ein Heft heraus, Zweitklässlerschrift: Uli Brenner, 2. Klasse.
Ach du meine Güte, wisperte Sabine.
So sag ichs jedes Mal, meinte Waltraud.
Sie blätterten. Die Geschichten dazu hörte Sabine: Kopfstand trainieren mit sechs, eine Woche Beule. Ein zugelaufener Kater, der nach zwei Jahren beschlossen hatte sein Leben selbst zu ordnen, ist sein Recht. Mit vierzehn der Entschluss, Informatiker zu werden, weil man dann daheim in Pantoffeln arbeiten kann.
Hat er durchgezogen, schmunzelte Sabine.
Wort gehalten.
Es war fast Mitternacht, als Sabine auf die Uhr sah.
Ich müsste los, der letzte Bus
Bleib hier, sagte Waltraud plötzlich, sogar ein bisschen erschrocken über ihr eigenes Angebot. Das Sofa ist frei.
Unbequem.
Für wen?
Sabine sah sie an. Waltraud blickte weg, als wäre ihr der Satz selbst entkommen und gar nicht ihre Idee.
Okay. Danke.
Während Waltraud das Sofa bezog, spülte Sabine ab. Der Blick aus dem Küchenfenster zeigte nur den gelblichen Schimmer von innen, ihr dunkles Spiegelbild. Drei Monate zuvor hätte sie nie gedacht, so einen Abend zu erleben Suppe, Hefte, Bleib da.
Sie dachte, dass es Dinge gibt, die sich nicht vor einen Notar bringen lassen Dinge, die einfach Zeit brauchen. Marmelade. Tee. Sitzen und warten, dass es irgendwann passt.
Ob das je passt? Wer weiß. Aber heute schien sich etwas verschoben zu haben.
Das Zimmer war noch wie immer, wo sie manchmal mit Uli übernachtet hatte. Dasselbe Sofa, ein bisschen durchgelegen, der karierte Wolldecke, die Waltraud als braun bezeichnete, obwohl sie eindeutig ziegelrot war. An der Bücherwand standen vor allem Hans Bücher: Die Blechtrommel, Das goldene Kalb, Sachbücher. Eine schmale Fremde stach heraus Briefe aus Nirgendwo, unbekannter Autor. Sabine nahm sie, öffnete das Buch. Ganz vorn: Für Mama zum Geburtstag. Lies langsam. Lieb dich. In Ulis Handschrift.
Sabine legte es zurück. Starrte lange.
Durch die Wand hörte sie Waltraud in der Küche klappern, die Dielen knarzen, den Wasserhahn laufen. Das Leben weiter, klein und störrisch.
Am Morgen stand ein Teller Haferbrei auf dem Tisch, ohne Nachfrage von Waltraud. Daneben ein Glas Orangensaft, Sabine blickte verwundert drein. Draußen schlich der Oktobermorgen grau am Fenster vorbei, das Laub fast weg.
Wann musst du los zur Arbeit? fragte Waltraud.
Zehn reicht.
U-Bahn, oder?
Ja.
Dritte Station, weiß ich noch.
Weißt du wirklich, sagte Sabine, ehrlich überrascht.
Uli hats erwähnt. Kurz. Ohne weitere Erklärung.
Der Haferbrei war salzig, nicht süß, mit Butter. So, wie sie ihn in hundert Jahren nicht gegessen hatte so wie ihre Mutter früher. Jetzt schmeckte er wie eine Rückfahrkarte in die Kindheit.
Ich hab was zum Zeigen, meinte Waltraud, holte einen Umschlag. Gefunden beim Aufräumen. Feldpost-Style, aus dem Uni-Camp. Uli hat mir das geschrieben. Ich gebs nur kurz, nicht für immer.
Sie zog einen Brief heraus. Drei Seiten, enge Schrift. Sabine las langsam, wie es im Buch stand: Lies langsam.
Uli schrieb vom Nebel am Morgen, wie draußen eine alte Pappel stand: Alles ändert sich, die Pappel bleibt. Sehnsucht nach den Brötchen daheim. Nach der Stille im eigenen Zimmer.
Ein anderer Uli, als Sabine kannte weicher, noch nicht völlig festgelegt, was aus ihm werden würde.
Darf ich eine Kopie machen? Oder ein Foto? Nur für mich?
Waltraud sah sie an.
Behalts, sagte sie nach einer langen Sekunde. Mir tuts nicht mehr weh.
Es ist deins.
Sabine, zum ersten Mal nannte sie sie beim Vornamen. Nimms. Bitte.
Sabine steckte den Umschlag ein. Lange suchte sie nach einem passenden Kommentar vergeblich.
Gemeinsames Abwaschen schloss sich an. Dieses Mal nicht nur mechanisch, sondern beinahe eingespielt.
Fahr zu Ingrid, riet Sabine. Die Wohnung läuft nicht weg, und Ingrid wartet bestimmt.
Hat letzte Woche schon angerufen, gab Waltraud zu. War beleidigt, weil ich nicht gefahren bin.
Dann los.
Mal sehen.
Frau Brenner.
Mal sehen, sage ich!
Sabine hängte das Tuch weg.
Ich kann gern mal wiederkommen wenns recht ist. Nicht dauernd, nur ab und zu.
Waltraud schloss den Hahn, knetete das Tuch.
Komm ruhig vorbei, sagte sie schließlich. Ich koch Suppe.
Nudelsuppe?
Lieber mit Buchweizen, oder?
Nudeln reichen.
Na also.
Sabine zog sich an. Waltraud brachte sie zur Tür. Sabine im Mantel, Tasche gegriffen, drehte sich nochmal um.
Danke für die Übernachtung.
Ist schon gut, Waltraud blickte woanders hin. Mach, dass du nicht zu spät kommst.
Sabine packte schon die Klinke, hielt dann inne.
Das Buch, das Uli dir geschenkt hat. Hast du es gelesen?
Angefangen. Zögernd. Les langsam.
Er hat extra reingeschrieben: Lies langsam.
Gesehen, klar. Der wusste, wie ich lese.
Sabine nickte. Öffnete die Tür.
Tschüss.
Tschüss, sagte Waltraud.
Die Tür fiel ins Schloss. Sabine blieb auf der Treppe stehen und hörte, wie drinnen erst nach zögerlichem Zögern abgeschlossen wurde als ob Waltraud lauschte, ob sie wirklich schon weg war.
Treppenhaus muffig, frisch gestrichen, die Glühbirne flackerte obligatorisch. Unten ging das Leben gewohnt weiter: Leute auf dem Weg zur Arbeit, irgendwo jault ein Müllauto, Tauben stolzieren wie eh und je.
Sabine lief zur U-Bahn, dachte: Versöhnung ist kein Moment, nach dem plötzlich alles anders ist. Vielleicht ist sie einfach das hier: Suppe. Hefte. Übernachtung auf fremdem Sofa. Ein altes Handtuch. Ein Brief im Umschlag.
Was später kommt? Keine Ahnung. Was sie und Waltraud werden, braucht wahrscheinlich keinen Namen: Nicht Schwiegermutter, nicht nur Bekannte, keine Freundinnen irgendwas dazwischen. Zwei Menschen, die den gleichen Menschen geliebt haben, jede auf ihre Weise. Kein Grund Nähe zu erzwingen, aber auch kein Grund Kälte zuzulassen.
Im Umschlag steckte der Brief für später am Abend, bei gutem Licht, beschloss Sabine.
Sie stieg in die U-Bahn, Türen zu, Fahrt los.
Kurz vor ihrer Station tippte sie eine Nachricht an Waltraud: Bin gut angekommen. Danke für den Haferbrei.
Antwort: Gern, Marmelade ist im Schrank.
Sabine schaltete das Handy ab und zog den Mantel aus.
Jemand lachte im Flur, laut und grundlos. Über den Büros schimmerte ein hellgrauer Himmel. Vielleicht, dachte Sabine, klart es heute Abend mal auf oder auch nicht. Oktober ist ein launiger Monat.
Sie ging zur Besprechung.
Freitagabend, drei Tage später, rief Waltraud an. Sabine war gerade beim Abendessen, nahm nach dem dritten Klingeln ab.
Ich fahr zu Ingrid. Morgen früh.
Gut, sagte Sabine.
Für zehn Tage.
Schön.
Pause.
Störe ich?
Nein. Ich freue mich.
Na, Waltraud hielt kurz inne. Dann ist ja gut.
Grüß Ingrid von mir.
Mache ich. Noch eine Pause. Sabine.
Ja?
Das Buch auf dem Regal im Gästezimmer. Nimm es ruhig, wenn du wiederkommst. Es war Ulis, dann soll’s auch bei dir stehen.
Sabine stand am Herd, der Eintopf blubberte, sie musste den Herd runterschalten.
Mach ich, sagte sie.
Na dann. Ich muss noch packen.
Gute Fahrt!
Danke.
Sie schwiegen einen Moment so, wie Leute schweigen, die wissen, dass die Stille schon alles sagt.
Tschüss, sagte Waltraud.
Tschüss.
Sabine drehte die Herdplatte kleiner, stellte die Kelle weg und blickte raus auf die Straßenlaternen.
Irgendwo in Leipzig wartete Ingrid und bereitete schon Kuchen vor. Irgendwo stand das Buch Lies langsam mit der Widmung im Regal. Und im Küchenschrank wartete ein Glas Zwetschgenmarmelade.
Das ist wohl alles, was bleibt nicht, was in den Akten steht. Kein Quadratmeter, kein Vertrag sondern Marmelade im fremden Schrank. Ein Brief im Umschlag. Ein beiläufiger Satz zur rechten Zeit.
Sabine rührte den Eintopf um.



