Unser einziger Sohn hat uns völlig überrascht, als er erklärte, dass er heiraten möchte und das mit gerade einmal 22 Jahren. Aber mein Mann und ich beschlossen, ihm keine Steine in den Weg zu legen, denn wir selbst haben sehr jung geheiratet: Mein Mann war damals gerade 22, ich sogar erst 19. Wahrscheinlich ist das einfach Schicksal. Außerdem mochten wir seine Verlobte sehr: Annika studierte mit unserem Sohn in derselben Seminargruppe an der Uni. Als uns klar wurde, wie ernst es ihnen damit war, begannen wir mit den Vorbereitungen für die Hochzeit. Wir dachten uns, da Viktor unser einziger Sohn ist, sollten wir ihm auch eine richtige deutsche Hochzeit ausrichten.
Wie es sich gehört, statteten mein Mann und ich den Eltern von Annika, unserer zukünftigen Schwiegertochter, einen Besuch ab. Bis auf ein paar kurze Begegnungen wussten wir kaum etwas über das Mädchen. Sie hatte uns erzählt, dass sie mit ihrer Mutter in einem Dorf nahe München lebt. Also machten wir uns auf den Weg, um offiziell um Annikas Hand anzuhalten. Ihren Besuch kündigt eine künftige Schwiegermutter natürlich rechtzeitig an.
Mein Mann kaufte einen schönen Strauß Blumen, ich backte einen Kuchen, und wir fuhren voller Spannung los. Angekommen, fiel uns sofort der überaus gepflegte und blitzsaubere Hof auf.
Auch das Haus, durchaus etwas älter, aber liebevoll hergerichtet und makellos sauber, beeindruckte uns. Schon an der Tür empfing uns Annikas Mutter, Frau Meier. Sie gefiel uns auf Anhieb eine sympathische und attraktive Frau. Frau Meier bat uns zu Tisch, und das Essen war köstlich; es war deutlich zu spüren, wie viel Mühe sie sich gegeben hatte. Wir führten sehr angenehme Gespräche und Frau Meier zeigte sich als wunderbare Gastgeberin, aber über die Hochzeit kamen wir an diesem Abend auf keinen grünen Zweig. Sie machte uns von Anfang an klar, dass sie selbst kein Geld für eine Hochzeit habe. Das war Annikas deutlich anzumerken das Gespräch war ihr sichtlich unangenehm. Auch Viktor war enttäuscht, denn er plante die Hochzeit vor allem, weil er wusste, wie sehr Annika sich das wünscht. Also beschlossen mein Mann und ich, das Fest auf unsere Kosten auszurichten und sagten unserem Sohn zu, dass wir alles in die Wege leiten würden der Rest würde sich zeigen.
Wir baten Frau Meier, eine gewisse Anzahl wichtiger Gäste von ihrer Seite einzuladen; schließlich kommt in Deutschland niemand ohne ein Präsent oder eine Karte mit einer kleinen Spende zur Hochzeit. Das, was die Gäste im Umschlag mitbringen, sollte dazu beitragen, die Kosten für ihre Plätze im Restaurant zu decken. Frau Meier überlegte eine Weile, ob sie unser Angebot überhaupt annehmen sollte, stimmte dann aber doch zu, um den Kindern eine Freude zu machen.
Am Mittwoch, nur wenige Tage vor der Hochzeit, klingelte es plötzlich an unserer Tür. Zu unserer Verwunderung stand Frau Meier auf der Schwelle. Wir baten sie herein, setzten uns gemeinsam an den Tisch. Nach einer Weile zog sie einen weißen Umschlag aus ihrer Tasche, darin einen Batzen Geld. Es stellte sich heraus, dass ihr unser Angebot so unangenehm war, dass sie extra zur Bank gegangen und einen Kredit aufgenommen hatte. Wir baten sie inständig, den Kredit zurückzuzahlen schließlich hatten wir bei unserem Besuch gesehen, wie bescheiden Mutter und Tochter lebten. Doch sie blieb fest entschlossen und betonte, dass sie dazu stehe. Die Hochzeit wurde schließlich ein großer Erfolg.
Die Kinder waren überglücklich. Während der Feier bemerkten mein Mann und ich, wie sehr Frau Meier noch einmal aufblühte: Perfekt frisiert, wunderschön geschminkt, die elegante Garderobe wir erkannten sie kaum wieder! Sie ist mit ihren 45 Jahren eine beeindruckende Frau, bereits lange geschieden und hat Annika alleine großgezogen. Es blieb nicht nur uns, sondern auch den anderen Gästen nicht verborgen, darunter mein jüngerer Bruder Thomas. Thomas ist 46, ebenfalls geschieden und lebt und arbeitet seit über zehn Jahren in Polen, war aber extra zur Hochzeit seines Neffen angereist. Den ganzen Abend über hatte Thomas nur Augen für Frau Meier, und nach der Feier verkündete er, dass er noch eine Weile in Deutschland bleiben wolle. Und ich ahnte sofort, warum …
Schon am darauffolgenden Sonntag fuhren wir wieder ins Dorf zu Frau Meier diesmal jedoch, weil Thomas um ihre Hand anhalten wollte. Mit ihm und Frau Meier hat es wunderbar funktioniert: Sie haben geheiratet, und einige Monate später zog meine neue Schwägerin zu Thomas nach Polen. So wurde aus meiner Schwiegermutter auch eine echte Verwandte und ich kann nur sagen: Sie ist ein wunderbarer Mensch und hat ihr Glück wirklich verdient.




