Darf ich auf dich warten?

Darf ich auf dich warten?

Der Weg zum Glück für Johann Johannsen und nicht nur für ihn führte über seinen Magen, der von chronischer Gastritis geplagt war.

Tag und Nacht leitete Johann Johannsen Stein in seinem kleinen, für einen so großen Mann viel zu engen Büro, gekleidet in einen strengen Anzug und stets frisches, sauberes, gestärktes Hemd. Von wem gereinigt? Natürlich von der Reinigung. Johann lebte allein. Und so dirigierte er Tag für Tag das Geschehen, schwitzte im Wolljacket, zupfte unentwegt am Gürtel, der ihm unangenehm den Bauch abschnürte, nestelte am Knoten der Krawatte, schimpfte, schlug auf den Tisch, errötete, rieb sich das Kinn, zupfte nervös an einem imaginären Bart, unterschrieb Papiere, telefonierte, murmelte ins Hörer, lauschte, murmelte wieder und stand dann, schluckend, auf dem Teppich vor den Vorgesetzten. Die Folge: stets litt er unter Bauchschmerzen.

Um wenigstens zeitweise wieder ins Gleichgewicht zu kommen, ließ sich Stein alle sechs Monate vorsorglich in der Charité einweisen, schluckte seltsame Tabletten, schluckte später mit Unbehagen eine Sonde, damit sich die stets witzelnden Ärzte an seiner Magenschleimhaut ergötzten, und nahm daraufhin wieder Tabletten er verzog das Gesicht, ächzte und stöhnte. Während des Aufenthalts ernährte sich Johann ausschließlich von Diätkost. Abends, bei einer Tasse Kamillentee, philosophierte er mit Freunden, die ihn besuchten, über das Leben, das Universum und alles dazwischen, zwinkerte den hübschen Krankenschwestern zu, worauf diese erröteten und verschämt die von ihm angebotene Schokolade ablehnten.

Nehmen Sie ruhig! Sie mögen wohl keine Süßigkeiten? Stein war fast schon beleidigt. Keine Hintergedanken, ehrlich, ich schenke einfach gern.

Mit der Zeit trauten sich die Schwestern doch, die Schokolade anzunehmen, tranken später im Schwesternzimmer ihren Tee, philosophierten über die Liebe und über Herrn Stein, bedauerten ihn ein wenig diesen armen, einsamen Mann und wünschten ihm von Herzen alles Gute.

Abgesehen von diesen kleinen Freuden geriet Johann regelmäßig gewaltig mit Dr. Nina Theobald aneinander, die jedes Mal zur Tür hinausschaute und ihn mit der Zigarette auf dem Balkon erwischte.

Schon wieder? Es ist Ihnen doch gesagt worden, dass hier nicht geraucht wird! Passen Sie auf, Herr Stein: Ich werde morgen Ihre Entlassung vorschlagen, und dann kommen Sie hier nie wieder unter! Die kleinen Fäuste geballt, das Kinn trotzig vorgeschoben, musterte sie ihn streng von unten mit ihren großen grau-grünen Augen.

Ach kommen Sie, Frau Dr. Theobald! Sie selbst ich habs gesehen haben doch auch mal geblüht! Warum darf ich nicht? Ich würde ja gerne raus auf die Straße, aber Sie sehen doch, was für ein Regen soll ich etwa nass werden? Konterte Johann, zog an der Zigarette, warf sie dann mit theatralischer Geste in die bereitstehende Konservendose, voller Kippen, schloss seinen viel zu großen roten Frottee-Bademantel, ein Geschenk seiner Schwester Annchen, und stolzierte davon.

Nina Theobald wich nicht beiseite, so musste er sich an ihr vorbeidrücken. Für einen Moment nahm er den Duft von Sauberkeit, Desinfektionsmittel, Waschpulver und leichten Blütenparfüm wahr.

Wir sind hier nicht im Sanatorium, wo Sie machen können, was Sie wollen! wetterte die winzige Frau neben dem Hühnen. Morgen sind Sie raus!

Sie schimpfte auf ihn und wusste selbst nicht, warum sie sich so aufregte. Seit Stein da war, hatte sie ständig an ihn denken müssen vorher kamen ihr die Gedanken trüb und traurig vor, nun aber dachte sie oft an ihn, Johann Johannsen.

Lassen Sie mich durch, ich habe zu tun! Gehen Sie, Herrgott, Sie Fels in der Brandung! brummte er, zwängte sich vorbei. Einmal trat er ihr sogar auf den Fuß, der im hellblauen Clog blitzschnell zurückzog. Entschuldigung, nuschelte Johann.

Schon gut. Ihre Anwendungen setze ich aber bald ab! knirschte Nina und rauschte davon. Später am Abend, wenn die Station still wurde, schlich sie selbst auf den Balkon und zündete sich eine Zigarette an, obwohl es draußen weiter regnete.

Ich müsste umziehen, neu anfangen, endlich mal durchatmen! murmelte sie wie schon oft, schnippte Asche weg und musterte missmutig die gezeichneten jungen Ärzte auf dem Poster an der Wand, alle in weißen Häubchen wie in einer Kochschule. Ihr glaubt nicht, dass ich es schaffe? Doch, ich schaffe es! Und ich werde glücklich, jawohl! Normalerweise seufzte sie dann, setzte sich auf den alten, rostigen Hocker und ging im Geiste die Liste aller ihrer Patienten durch. Nur noch Herrn Berger muss ich gut entlassen, Frau Vollmer auch, der arme Kerl steht so schlecht Und gestern haben sie schon wieder Frau Nickel gebracht, ein Drama.

Nina entschied dann, noch ein Jahr zu bleiben, vielleicht zwei, bis keine Patienten mehr da seien oder bis Annika zurückkehrte. Aber die Patienten rissen nicht ab. Immer neue kamen, wurden entlassen, trafen Nina draußen, grüßten, bedankten sich oder liefen wortlos an ihr vorbei, den Blick gesenkt. Meist waren es Verwandte, die auf Wunder gehofft hatten. Aber nicht jedes Wunder geschah.

Nina nahm es ihnen nicht übel. Sie hatte sich daran gewöhnt: Man kann nicht für jeden der Liebling sein, ich bin keine Praline, flachste sie manchmal, aber ein kleines Stechen blieb

Nach dem Rauchen strich sie ihre kurz geschnittenen, aschblonden Haare glatt, zur Seite länger als auf der anderen reine Asymmetrie schaute sich im kleinen Spiegel im Stahlrahmen, angebracht auf Wunsch der Schwestern, die sich hier gerne herrichteten die Patienten benutzten ihn selten.

Wieder betrachtete sie sich kritisch. Stand ihr die Frisur eigentlich? Sie schien zu passen feine Züge, große ausdrucksvolle Augen, klare Wangenknochen Betonung von Zartheit, Zerbrechlichkeit, Weiblichkeit. Oder machte sie aus Nina einen Knaben? Ihre Kleidung: karierte Flanellhemden, Jeans, Lederjacken, natürlich Turnschuhe, und diese einzige dünne schwarze Strickmütze.

Kauf dir doch mal ein gescheites Mützchen! Es gibt so schöne! riet ihr Frau Theresia Seemann, die älteste in der Wäschekammer, eine richtige Märchenoma. Mit der schwarzen Kappe siehst aus wie aus einem Krimi!

Nein, Tante Resi. Die ist von Annika. Dann stopfte Nina die Mütze gewohnheitsmäßig in die Jackentasche.

Die wird ja nass, leg sie lieber aufs Regal! Meine kleine Wilde Tante Resi zog die Mütze raus, pinkelte sie glatt, ließ sie trocknen. Nina war da schon weitergeschlurft in ihren hellblauen Clogs, leise auf den Fluren.

Ist schon gut, Mädel. Es wird alles gut werden!, murmelte Frau Seemann, machte ein Kreuzzeichen hinter Ninas Rücken, kniff die Augen zusammen und wandte sich wieder ihrem Rätselheft zu, das, wie sie lachte, ewig reiche

Jetzt aber, abends, zog Nina die schwarze Mütze auf, zuckte das Reißverschluss ihrer Jacke zu.

Nina, soll ich dich mitnehmen? flötete Dr. Dennis Paulsen, der Casanova der Klinik, und strich mit seinen Händen über ihre Schultern.

Lass gut sein, Paulsen. Ich geh zu Fuß. Da wartet die neue aus dem Röntgen, Gabi, auf dein Taxi. Fahr sie nach Hause gute Fahrt. Olli, ciao! Nina nickte noch einem Kollegen zu, schnappte ihren Rucksack und eilte zur Haltestelle.

Sie musste um alles in der Welt vor zehn Uhr daheim sein. Erst kürzlich hatte Nina das Schloss gewechselt, und Annika hatte keinen neuen Schlüssel käme sie, müsste sie draußen warten, wäre beleidigt und verschwände wieder, ohne dass Nina es je erfahren hätte.

Im Laufschritt hetzte Nina zur Bushaltestelle, schulterte im Gehen ihren Rucksack, trat im Dunkeln in eine Pfütze, ihre Turnschuhe und die Socken waren klatschnass, die Füße froren sofort.

Verdammter Mist, fluchte sie leise, schaute dem gerade um die Ecke verschwindenden Bus hinterher, stampfte durch das Wasser, steckte die Monatskarte mit grünbunter Hülle, samt Katermotiv, ein Geschenk von Annika zum achten März aus dem örtlichen Zeitungsstand wieder ein. Es war rührend gewesen

Schon wieder alleine, Dennis? feixte Frau Seemann. An unsere Nina kommst du nicht ran. Such dir jemand einfacheren!

Ach, Frau Seemann, Sie wissen immer alles besser, was? Vielleicht meine ich es ernst! Vielleicht bin ich verliebt! Und überhaupt

Er versuchte, den Arm in den Ärmel zu bekommen, aber die verdammte Neuralgie hinderte ihn.

Mist!, fluchte er just, als Nina den Bus verfehlte. Jeder mischt sich ein!

Regen dich nicht auf! Du bist neu, unsere Nina ist schon ewig hier auch damals, mit Annika. Ihr Männer, ihr würdet Nina nie wirklich verstehen! Komm, lass helfen. Arm rein so!, sie klopfte Dennis auf die Schultern. Ab nach Hause! Keine Zeit mehr für Privates!

Dennis zuckte mit den Schultern, wollte etwas fragen, winkte dann ab. Wenn er sich sputet, erwischt er Nina vielleicht an der Haltestelle! Doch er kam zu spät. Dann eben Gabi…

Frau Seemann hatte es weniger eilig, sie blieb, trank später im überstellten Schwesternzimmer mit Tamara und Luise Tee. Die Schwestern, halb eingeschlafen, langweilten sich, stocherten im selbst mitgebrachten Abendessen.

Guten Appetit!, nickte Resi, plauderte weiter, als hätte sie davor nicht aufgehört: Dennis himmelt unsere Nina an, geht wie ein Jüngling ohne Bart herum, sah ihn sogar mit einer Schokolade er wollte ihr eine schenken, aber sie hat sie nicht genommen, stolz ist sie. Sie passt nicht zu ihm schade, sie wären ein hübsches Paar.

Luise stellte Tassen auf den Tisch und schüttete Tee ein. Nina ist das egal, Bart oder keiner. Sie lebt doch gar nicht mehr, sie wartet nur… Wenn sie sich mal nicht um Patienten oder Papierkram kümmert, starrt sie aufs Handy, telefoniert irgendwohin, raucht und schimpft mit… diesem Stein.”

“Der, der ständig unseren jungen Kolleginnen schöne Augen macht und sich aufführt, als wäre er zu Hause der ist nur da, weil er eine Komfortstation hat. Und er ärgert Nina. Unser Herr Stein läuft im Bademantel auf den Balkon, raucht, macht einen auf den großen Herrn und Nina schreit ihn an, er kontert und freut sich. Und wozu kommt er immer hierher mit seiner Gastritis? Geld hat er doch mehr als genug, könnte sonst wo verweilen! Ach, trinken Sie Tee, Frau Seemann

Ich glaube, er kommt wegen Nina, warf Tamara ein, öffnete eine Praline.

Ach was!, winkte Resi ab.

Doch, es ist so. Ich spür solche Dinge…, sagte Tamara, tippte sich an die Stirn.

Warum auch nicht ein kluger, lustiger, hübscher Mensch unser Nina! Nur: Sie ist nicht bereit. Sie wartet, wie meine Oma im Krieg auf ihren Mann wartete, der nie zurückkam. Kein Grab, kein Ort, kein Halt. Sie wartete ihr ganzes Leben dabei hätte sie ein neues anfangen können. Seemann seufzte. Annika… hat alles durcheinandergebracht…

Im Flur hustete es, die Frauen verstummten, Tamara spähte hinaus, schloss die Tür fester.

Was ist denn eigentlich mit der Schwester?, wollte Tamara wissen.

Nina kam mit Annika nach dem Tod der Eltern zu uns, erklärte Seemann. Annika war mindestens zehn Jahre jünger. Sie kamen, Nina fing hier als Ärztin an, mieteten eine kleine Wohnung. Annika beendete das Gymnasium, war ab und zu bei uns, merkwürdiges, nervöses Mädchen, schwer durchschaubar. Erinnerst du dich? Die Schwestern nickten die Kopie von Nina, nur mit leuchtend violetten Haaren und Nasenring.

Du warst damals im Mutterschaftsurlaub, Tamara. Annika sollte ins Studium, lief aber irgendwann fort. Sie war öfter mal weg, aber diesmal fanden sie sie nicht mehr. Nina suchte überall, auch bei der Polizei. Einmal gabs Ärger, doch angezeigt hat dann doch keiner. Annika landete sogar kurz beim Psychologen, erzählte lauter Unsinn, sie wollten sie in die Psychiatrie bringen, aber sie lachte nur. Dann verschwand sie einfach. Nina fiel ins Loch.

So sind manche. Draußen. Überlegte Luise. Nina sollte einfach wegziehen.

Kann aber nicht: Sie rennt jeden Abend heim, um Annika nicht zu verpassen! Einmal wurde sogar eingebrochen, sie tauschte die Schlösser, und jetzt? Wie käme Annika heim? Dabei könnte Nina längst näher am Krankenhaus wohnen oder ganz neu anfangen.

Es wurde ruhig.

Wie soll man denn loslassen bei einer Schwester? Man hat eben Verantwortung…, murmelte Tamara. Im Flur hustete es wieder, eine Tür flog zu. Die Schwestern wurden still, jede hing ihren Gedanken nach

Johann Stein lag in seinem Bett, die Hände unterm Kopf, starrte nachdenklich an die Decke.

Es ist, wie einen Schmetterling mit einer Nadel festzustecken, dachte er. Dabei könnte sie fliegen, jung, schön, voller Energie doch sie hält sich selbst fest. Welch ein Unglück!

Er erinnerte sich an Ninas große Augen, den frechen Kurzhaarschnitt, das mädchenhafte Figürchen, die kleinen Knie, die unter engen Jeans hervorstachen, ihre kühlen Hände, als sie seinen Bauch abtastete, bewusst fast schmerzhaft. Stein hatte sie sich genau eingeprägt. Ein Frauenheld? Nein es war etwas anderes: Er wollte sie retten, beschützen, wusste selbst nicht wovor.

Sie raucht zu viel! Gar nicht gut, schloss er.

Stein schlief kaum, drehte sich im Bett, setzte sich immer wieder auf. Er schämte sich für das Gespräch auf dem Balkon, für seine Vorwürfe und seinen aufdringlichen Stil. Alles war schlecht gelaufen.

Dabei war er gewohnt, über den anderen zu stehen, gönnerhaft Schokolade zu schenken, damit man seinetwegen gern hundert Euro ausgebe, immer das Beste zu wählen, zu fordern und besondere Behandlung zu erwarten.

Andererseits wusste Nina, dass private Patienten eine eigene Kaste waren, eine Elite, wie man es dreht und wendet, und er erwartete deshalb einen gewissen Umgang. Und sie ihre kalten Hände am Bauch!

Johann setzte sich, suchte Slipper, steckte seine langen, dünnen Füße hinein, stand auf.

Nebenan ächzte jemand. Er lauschte, dann schlich er in das Nachbarzimmer der Komfortstation.

Entschuldigen Sie, darf ich? Es roch nach alter Luft. Oder lieber nicht…?

Zögernd blieb er an der Tür, trat schließlich doch ein: Das Stöhnen klang so jämmerlich.

Soll ich einen Arzt rufen? Ich mache mal das Licht an und lüfte…

Sonst hatten immer alle ihn umsorgt: Kopfkissen richten, Tee mit Zucker, Gardinen, Mantel bringen.

Um andere zu kümmern, hatte er verlernt, seit die Eltern tot waren. Mit den Frauen, die ab und zu bei kamen, war es ähnlich: Er war König, sie dienten. Er zahlte, schenkte, sie dankten…

Stein drückte den Lichtschalter.

Bläuliches Licht beleuchtete lila Vorhänge, einen Tisch mit kaltem Abendbrot, einen Bademantel am Boden. Und einen alten Mann, vertrocknet, mit Schatten im Gesicht wie einer Totenmaske.

Reichen Sie mir bitte etwas Wasser im Glas dort. Die Maske sprach zahnlos.

Der Becher war leer. Johann ging, holte Wasser, kam zurück.

Der Alte stemmte sich mühsam hoch.

Da soll ich doch einen Arzt rufen? Sie haben so gestöhnt, fragte Johann mitfühlend.

Nein, lassen Sie die Schwestern schlafen. Ich quäle sie schon genug… Aber… Der Alte hob müde die Hände, ließ sie auf die Knie fallen. Danke. Gehen Sie, ich werde versuchen, still zu sein. Entschuldigen Sie! Der Magen schneidet seit Stunden. Alle Spritzen genützt, alles getrunken. Aber das ist der Preis für die Jugend. Und wie schön es war!

In der Jugend ist jedem schön zumute, sagte Johann und erinnerte sich an seine wilden Neunziger, an die Furcht, abends Schritte hinter sich zu hören.

Das denkt man, aber Freude ist nicht jedem geschenkt… Der Alte krümmte sich wieder.

So hatte Johann noch nie jemanden leiden hören. Fluchen, knurren, ja; mit den Zähnen klappern, auch. Aber dieses jammernde, hoffnungslose Winseln…

Ich hole einen Arzt. Immerhin sind Sie auf der Privatstation! Johann sprang auf.

Privat…, lächelte der Kranke traurig. Mein Sohn hat mich hierher geschafft, damit ich niemanden störe. Geld genug zusammengekratzt, aber besucht hat er mich nie. Hier, Papa, alle Annehmlichkeiten, wie ein König, sagte er. Ich komme in zwei Wochen, wenn du entlassen wirst. Und so warte ich.

Ihr Sohn, undankbares Stück!, murmelte Johann und dachte an eigene Versäumnisse.

Ach, lassen Sie. Die Jungen haben das Leben, wir gehen. Es ist ermüdend, immer nur zu anderen zu schauen. Haben Sie Ihrem Glück gefrönt? Sie schon, das sehe ich. Das ist gut, lächelte der Mann. Ist Nina nicht da? Heim gerannt, wartet auf Annika… ach, meine arme Kleine.

Schon recht. Nicht meine Geschichte, murmelte Johann. Ich hole einen Arzt, Sie sehen schlimm aus! Ihm war plötzlich furchtbar.

Johann suchte im trüben Flur, fand die schlafende Tamara, schüttelte sie.

Was? Geht es Ihnen schlecht?, sie blinzelte.

Nein. Der Nachbar… sieht schlimm aus, stöhnt, deutete Johann.

Danke. Gehen Sie auf Ihr Zimmer! Tamara sprang auf, eilte los. Bald kam der Nachtdoktor dazu.

Johann verstand nicht alles nur, dass er nichts mehr tun konnte.

Er schaute aus dem Fenster auf die funkelnden Lichter der Stadt, seufzte und verspürte das dringende Verlangen nach süßem Tee und Zimtschnecke wie bei der Oma nach dem Astronomie-Kurs, als kleiner Johann, am Küchentisch mit klebrigem Wachstuch und Blumentopf auf der Fensterbank, Holzlöffel an der Wand, ein Segelschiff auf dem Poster… Die Oma hatte das Bild geliebt.

Er schlief erst gegen Morgen ein, unruhig, immer wieder hörte er Stimmen.

Am nächsten Tag wurde das Nachbarzimmer bereits für den nächsten Patienten geputzt.

Und, wo ist der Alte? Mein Nachbar? fragte Johann ernst. Tamara zuckte die Schultern. Johann verstand. Es war zu spät gewesen, wieder einmal. Er war der letzte, mit dem der Mann gesprochen hatte, und Namen kannten sie nicht einmal…

Johann drehte sich um, prallte fast mit Nina Theobald zusammen.

Sie, immer noch klein, wie ein Daumelieschen, stand zitternd da und weinte.

Ich hätte ihn besuchen sollen gestern, war aber in Eile… musste doch spätestens um zehn Zuhause sein, weil… naja, ich musste! Und jetzt, Onkel Konrad… Vielleicht hat er auf mich gewartet, und ich habe mich nicht verabschiedet…

Nina schluchzte, rieb sich die Nase, dünn, zerbrechlich, mit der störrischen Kurzhaarfrisur. Johann wollte sie nehmen, an sich drücken, beruhigend streicheln, trösten, ihr süßen Tee und Schnecke geben.

Er ist nicht böse. Er meinte, Sie sollten Ihr eigenes Leben leben, sagte Johann leise, streckte die Hand, zog sie zurück.

Nina blickte ihm mit großen, verlaufenen Augen an, das Kinn bebte. Sie riss sich los, stieß Paulsen an, rannte hinaus, griff nach den Zigaretten, stürmte ins Freie, atmete schwer. Suchte nach dem Feuerzeug, fluchte. Da schob sich eine Hand mit Streichholz vor ihre Nase: Johann.

Er stand da, finster. Und wartete, ob Nina ihn gleich anschreien würde, solange das Streichholz glühte.

Nina zündete an, sog tief, blies aus, fauchte jetzt: Sie dürfen hier nicht sein! Gehen Sie sofort zurück ins Zimmer! Ich sagte hundertmal: Der Balkon ist für Personal was soll das? Gitter vielleicht? Schlösser? Lassen Sie mich endlich in Ruhe!

Ich tue ja nichts. Nur das Feuer gegeben. Ich darf hier sein, antwortete Johann betont ruhig.

Ach ja? Warum?

Weil Ihr Jurist Ihre Verträge so dämlich formuliert hat: Verbot gilt nur, wo Schilder sind. Hier keine also.

Er rückte mit dem Ellenbogen, lehnte sich an die Brüstung, schlug den Bademantel weit auf es war warm darin.

Schauen Sie, es hat geschneit. Hübsch. Ihr Park ist schön hier. Auf der Bank sitzt jemand… Nein, das ist ein Schneemann, plapperte Johann Unsinn, um sie abzulenken, und Nina schaute ihn groß an. Die Zigarette erlosch, sie warf sie weg.

Ich kannte Herrn Berger noch von früher, seit Annika weg war… Er spielte gern Geige im Park, begann sie leise.

Geige? Der alte Herr?, wunderte sich Johann und bot seine Zigarette an. Sie winkte ab.

Stellen Sie sich vor. Er stand immer auf der Allee, mit Jackett und Hut der Hut war sein Markenzeichen…

Und ein roter Schal? Oder eher Saxophon? überlegte Johann.

Doch, ein grob gestrickter, kratziger Schal den hätte Annika gemocht… Aber sie ist fort. Herr Berger hat sie zuletzt gesehen. Jetzt ist auch er fort, und ich ich bin geblieben.

Sie wollte noch mehr sagen, da rief Paulsen nach ihr zum Rundgang.

Warum ist der Patient hier?! rief Dennis. Doch Nina zog ihn mit Johann blieb alleine am Balkon, betrachtete den schmelzenden Schneemann, der langsam zusammensank.

Irgendwann steckte jemand den Balkon von außen ab, und Johann, im roten Bademantel und gestreifter Pyjama, blieb vorerst draußen…

So war das damals.

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Homy
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