Ein Mensch für den Menschen

Aus dem weit geöffneten Fenster zog ein kalter Luftzug ins Zimmer, dazu der beißende Geruch von verbranntem Laub, feuchte Kühle und dieses undurchdringliche Grau, das Ende Oktober in Nürnberg als Nebel aufzieht. Es drückt aufs Gemüt, lässt die Menschen seufzend am Herd in der Küche stehen, sich in warme Flanellhemden hüllen und ihren Kaffee mit beiden Händen an ihrer Lieblings-Tasse festhalten.

Alle warten auf den ersten Schnee. Es hat etwas Neues, etwas Aufregendes obwohl er jedes Jahr fällt und bald schon wieder lästig wird, sehnen sich doch alle danach. Wovon wollen sie erlöst werden? Vielleicht von den schwarzen, ausgestreckten Zweigen der alten Linde vor dem Fenster von Klaras Wohnung, von der fiesen Nässe, ständigem Schnupfen und Erkältungen.

Klara hatte es schon als Kind gelernt: Kaum wird es richtig frostig, ist alles wie weggeblasen. Das hatte ihre Mutter, Margarete, immer gesagt.

Alle lachen immer über mich, aber ich weiß es!, grinste Margarete. Regen und Kälte, das ist die Pest, sag ich dir da kommst du zu den Leuten und sie sitzen da, als ob sie das Leben aufgegeben hätten. Da kann ich erzählen, Scherze machen oder Späße immer dieselbe Leier: Ach, Fräulein Doktor, das wird nichts mehr … Aber kaum fällt Schnee, erwachen sie wieder. Siehst dus? Das Schlimmste ist durch, der Meilenstein geschafft jetzt schaffen wirs auch bis zum Frühling!

Margarete war Hausärztin, sie kannte ihre Patienten beim Namen, wusste, wer mit wem verwandt war, wer in welchem Haushalt lebte, ja selbst, wer Allergien gegen welche Blumen hatte. Da war zum Beispiel Herr Albrecht, der Herzkranke aus Haus Nummer 18. Witwer, einsam, aber seine Tochter, Sigrun, kam oft. Streng, irgendwie immer wie unter Strom, mit geradem Rücken, als hätte sie eine alte Uniform an. Warum? Vielleicht wegen Erinnerungen an ihren Vater … Wenn Sigrun bei ihm war, wirkte sie wie ein Feldwebel: wachsam, beherrscht, fast angespannt. Margarete wusste, warum. Es lag nicht daran, dass Sigrun ihn nicht mochte im Gegenteil! Wenn man nur immer Mitleid spürte, würde man verrückt werden. Also tut Sigrun so, als hätte sie alles im Griff. Das macht es ihrem Vater leichter. Er fürchtete immer, zur Last zu fallen:

Sigrun, jetzt hab ich dich schon wieder gestört, tut mir leid, dass ich dir solche Umstände mache!

Und Sigrun schaute schuldbewusst zu Margarete.

Wirklich, es macht mir gar nichts aus! Ich liebe meinen Vater, beteuerte sie, während Margarete am Spülbecken stand und Sigrun das harte, frisch gewaschene Handtuch hielt. Mein Mann kommt mit ihm nicht klar, die beiden streiten ständig. Ich komme nur her, wenn mein Mann arbeitet. Und …

Ich versteh das, Sigrun. Kein Wort mehr! Gib mir lieber das Handtuch. Oh, wie schön der Weihnachtskaktus blüht! Meine Güte, der eilt aber. Aber wunderschön, ehrlich!

Ja, mein Vater liebt diese Pflanze, meine Mutter hat sie noch gepflanzt … Ich habe Angst, sie vertrocknet, sie ist schon so alt.

Die zwei Frauen tauschten Blicke; beiden war klar, dass es um mehr ging als eine Topfpflanze. Dann gingen sie leise ins Wohnzimmer. Albrecht saß auf dem Sofa, Flanellhemd, Wollsocken, Hausschuhe, die Hände ergeben gefaltet er ahnte ja alles. Margarete tat bloß ihren Dienst, Sigrun half ihm einfach durchzuhalten. Von Hoffnung war da wenig.

Jetzt lassen Sie sich doch nicht hängen! Und nun mal atmen! ruft Margarete extra laut und munter. Wie ein Fünfzehnjähriger, wirklich! So … so … Und wollen Sie morgen ins Theater gehen? Ich hab Karten bekommen, kann aber nicht, ich muss zum Fortbildungskurs! Um sieben ist ein Stück von Goethe im Kulturhaus. Mögen Sie Goethe?

Albrecht, bisher ganz zurückhaltend, wurde auf einmal lebendig, seine Augen funkelten.

Sehr sogar! Aber gehen Sie doch selbst, Frau Doktor. Wie …?

Geht leider nicht, wirklich! Ich muss lernen. Hier, die Karten, sind zwei Stück. Sigrun, gehen Sie mit?

Sigrun zuckte die Schultern der Gatte ließ sie selten irgendwohin, Abendessen wollte gemacht werden, und überhaupt …

Sigrun, bringen Sie Ihren Vater 20 Minuten früher hin, da ist noch eine Fotoausstellung, mit Aufnahmen von Straßen und Hinterhöfen genau seins. Haben Sie verstanden? Sigrun? Margarete nahm sie am Arm. Bitte, machen Sies! Sie wohnen doch gleich um die Ecke!

Für Sigrun war das ein enormer Aufwand. Zu Hause würde wieder Stress sein; ihr Mann würde schimpfen, und nachts, zur Strafe, wieder grob zu ihr sein…

Warum blieb sie bei ihm? Margarete wusste es: Herr Schuster, ihr Mann, hatte damals das Geld für Albrechts dringende OP besorgt, lange hätte er sonst nicht warten dürfen … Schuster hatte geholfen, Sigrun war ihm ausgeliefert. Margarete hatte den bulligen Kerl einmal gesehen, wie widerwillig er dem Schwiegervater ins Auto half nicht mal gestützt hatte er den alten Mann. Für Sigrun war er nun wie ein Besitzer; sie hätte das Geld nie auftreiben können, Schuster aber hatte gezahlt. Das würde nie enden.

Margarete mischte sich aber ungern in andere Leben ein; ihre eigenen Sorgen reichten. Sogar die Theaterkarten … Die hatte ihr Freundin Brigitte geschenkt, damit Margarete mit ihrer Tochter Klara ins Theater gehen konnte. Sie wusste, die beiden waren richtige Theaterfans. Margarete aber gab sie weiter nicht irgendwem, sondern dem alten Albrecht und der stillen, braven Sigrun!

Am Tag nach der Vorstellung klingelte Brigitte durch.

Was ist das denn? Ich habe dir die besten Karten besorgt, hab mich vor dem Chef zum Affen gemacht, gebettelt und? Was sollte da der alte Kerl mit seiner Tochter? Ist Klara jetzt sauer?

Klara war nicht nur enttäuscht, sie stritt so laut mit ihrer Mutter, dass es fast auf die Straße zu hören war. Wieder einmal der Vorwurf: Die Patienten gingen Margarete immer über alles.

Das war doch immer so, Mama! Immer Vorrang für deine doofe Arbeit und dann erst ich! Echt, warum hast du mich überhaupt bekommen?!

Wenigstens sind sie hingegangen? Hat er gelächelt? fragte Margarete einfach, ignorierend die Vorwürfe.

Hab nicht drauf geachtet. Na toll, Lene! Und jetzt? …, tobte Brigitte.

Es war das Richtige, Brigi! Und weißt du was? Deine Karten haben heute was Gutes gebracht! Komm doch am Samstag mit Klara zu uns, wir machens uns schön. Sei nicht sauer, du hast doch sonst zu hohen Blutdruck!

Brigittes Blutdruck tanzte wie ein Ball durch ihre Adern. Margarete hatte sie mehr als einmal ins Krankenhaus gebracht, besucht und mit Suppe und Brötchen gefüttert, wenns gar nicht mehr ging. Brigitte lebte allein; der Sohn war nach Hamburg gezogen, der Ehemann tot. Margarete war ihr engster Mensch.

Wegen deines Gutmenschenkram hast du ja schon wieder deinen Blutdruck!, moserte Brigitte, Na gut, ich komm. Ich bring Nussecken mit, keinen Kuchen kaufen!

Die Nussecken waren Brigittes Geheimwaffe, immer der Hit bei Treffen im Freundeskreis.

Brigitte schimpfte nicht aus Bosheit, ihr tat Margarete einfach leid: schuften, Tochter großziehen und nie an sich selbst denken. Wenigstens hätte sie ihr mal einen Theaterabend gegönnt! Aber nein, wieder verschenkt!

Margarete verschenkte nicht nur Karten, auch Klaras aussortierte Kleider, kaufte selbst Medikamente und brachte sie vorbei oft schickte sie Klara nach der Schule, mit dem Auftrag, jemanden zu besuchen. Sie tat das nicht für alle, aber doch öfter.

Warum bist du so, Mama? Die werden dir doch niemals danken! Für die bist du nur selbstverständlich! Die Meiers wollten heute schon wieder, dass du ihnen Tabletten bringst. Können die das nicht selber? Oder ich? Ich geh heute sicher nicht, ich wollte ins Kino! Und neulich hast dus nicht mal auf meinen Schulauftritt geschafft war wichtiger, die alte Frau Schröder aus dem Offiziershaus nach Hause zu fahren. Mama! Die ist dir doch völlig fremd, aber ich bin deine Tochter! Verflucht auch deine Arbeit und die ganzen Kranken!

Klara war richtig wütend sie knallte die Tür, eine Holzleiste fiel, traf Margarete am Bein.

Die Frau verzog das Gesicht, biss die Zähne zusammen.

Vielleicht zu Recht … Verdient, oder?, seufzte sie.

Sie sei eine schlechte Mutter, denkt Lene. Ihre Tochter sollte an erster Stelle stehen! Aber Klara ist ja gesund, stark, sie schafft das schon. Die anderen brauchen Hilfe. Irgendwann, wenn alles erledigt ist, backt sie Klara Lebkuchen und lebt nur für sie. Nur wann wird das jemals sein?

Klara ist inzwischen siebenundzwanzig, hat in Erlangen studiert, bloß nicht Medizin! Sie wohnt noch bei Margarete, ist aber selten da, immer beschäftigt oder unterwegs mit Freunden die schenken ihr die Aufmerksamkeit, die sie zuhause vermisst. Und Margarete? Die bleibt dieselbe: Hol das, bring dies, die brauchen dich!

Albrecht wird immer gebrechlicher, Margarete besucht ihn weiter. Sigrun spielt die Hilflose, klammert sich an die Versorgung durch ihren Mann und hofft, dass alles irgendwie weiterläuft.

Klara war voller Groll auf die Mutter und ihr ewiges Gutmenschentum.

Aber heute ist keine Wut mehr da. Sondern Angst. Mama hat einen Herzinfarkt gehabt, direkt auf der Arbeit. Brigitte, die zufällig gerade bei ihr war, rief Klara an.

Ich hab gleich gesehen, sie wurde ganz blass, ich hab sie gerade noch aufgefangen … Sie ist in die Notaufnahme gekommen, ins Klinikum Süd. Lauf los, Klara, geh zu ihr …, keuchte Brigitte.

Ohne dich wäre das nie passiert! Immer diese Sorgen wegen deiner ewigen Patienten!, zischte Klara, riss die Tür auf und stürmte los.

Was ist denn los, Frau Schneider? fragte ihr Chef, Herr Wagner.

Meine Mutter liegt im Krankenhaus, ich muss weg, ich hole das nach!, stotterte sie.

Kein Problem. Wie weit ist das? Ich kann Ihnen sogar mein Auto geben …, Herr Wagner zog die Brille aus, runzelte die Stirn. Er war müde, bräuchte auch mal Schlaf. Trotzdem griff er zum Telefon: Nehmen Sie meinen Wagen, ich lasse ihn vorfahren. Klara!

Doch sie lief schon zum Bus. Fahrer und Wagen brauchte sie nicht sie wollte selbst unterwegs sein.

Der Bus kam ewig nicht, Klara lief einen großen Teil zu Fuß durch das düstere, nasskalte Nürnberg am letzten Oktobertag. Vor dem Klinikum warteten viele, Übergaben belegten die Pforte, alles zog sich.

Zu wem? In welcher Abteilung? Wann eingeliefert?, fragte der Pförtner kühl, nahm ihren Perso, notierte etwas. Weiter. Nächste, bitte!

Klara bekam Herzklopfen beim Weg durchs Gelände. Auf Rasenstücken lagen schwarze Laubhaufen, aus den Krankenhausschlafzimmern blickten matte Gesichter. Klara blickte zurück sie wandten sich ab.

An der Anmeldung wurde minutenlang geblättert.

Merken Sie nicht, wie wichtig das ist? Sie wurde gerade erst eingeliefert!, drängte Klara.

Wenn gerade eingeliefert, kann es sein, dass die Akte noch fehlt. Ah, hier! Ihre Mutter liegt auf Intensiv. Sie dürfen nicht zu ihr, erklärte die Dame, Petra, ruhig.

Sie eilte herbei, half Klara auf einen Stuhl.

Meine Mutter ist auch Ärztin, sie hat sich immer für jeden aufgeopfert! Und jetzt? Mit 50 tot umfallen , wofür das alles?, schluchzte Klara.

Petra reichte wortlos ein Glas Wasser.

Kann ich sie sehen?, fragte Klara.

Nein, dafür ist es zu früh, reden Sie erst mit dem Arzt … dritte Etage, schrieb Petra ihr einen Zettel.

Dann fügte sie leiser hinzu: Wissen Sie, wer wie wir in der Medizin arbeitet, weiß nie, wo die Grenzen sind. Wann ists zu viel? Wann bleibt man selbst noch man selbst? Mein Mann ist Notfallsanitäter er ist für viele der Retter, ich hab auch oft gehadert … Jetzt hab ich akzeptiert, das ist sein Weg. Sie schaffen das!

Klara kletterte die Stufen hoch, zählte sie ein schräger Aberglaube, dass es dann laufen würde. Wenn nicht, war alles verloren.

Klara?, rief eine Frauenstimme. Sie zuckte zusammen, verpasste die Zählung.

Sigrun stand auf dem Absatz.

Warum sind Sie hier? fragte Klara scharf.

Sigrun wich aus ja, ihr Vater lag hier.

Klara wusste nicht, wie sie fragen sollte … Margarete hatte ihr erzählt, aber Klara hatte nie zugehört, als sei es unwichtig.

Schon gut, Klara. Ihre Mutter ist eine wundervolle Frau, sie wird durchkommen, sagte Sigrun leise. Mein Vater ist schon alt, aber er gibt nicht auf … Er wollte unbedingt hierher, wissen Sie …

Hierher?! Ich versteh das gar nicht wie kann man Krankenhäuser mögen? Für mich sinds Orte, an denen Leute leiden da will ich einfach nur weg!

Aber hier kann man helfen … Ihre Mutter kann das! Sie lindert nicht nur den körperlichen Schmerz, sondern auch den inneren. Menschen brauchen jemanden, der gütig ist, versteht, nicht urteilend. Margarete war so stolz, als sie fertig war mit dem Studium. Danach hörte sie auf zu strahlen. Es ist schwer, manchmal gehts nicht um Medikamente, sondern um Vertrauen, um Menschlichkeit. Ihre Mutter versteht das.

Sie hat immer nur ihre Patienten verstanden. Mich nie. Wir lebten wie in zwei Welten! Ich bring ihr den Tee, da schläft sie schon ein. Oder ich brauch sie nachts, aber sie hört nicht mal zu! Man sollte Ärzten verbieten, Familien zu gründen für alle wäre es besser!, giftete Klara.

Dann würden sie hart werden. Wer viel gibt, braucht auch einen Zufluchtsort, ein Heim, einen Platz, wo man schwach sein kann und jemand sich kümmert. Jeder Mensch braucht einen Menschen. Ohne gehts nicht!, erwiderte Sigrun wollte noch mehr sagen, aber als sie jemanden durch die Flurfenster sah, schwieg sie und weinte.

Klara sah hinaus Ärzte, Pfleger huschten vorbei. Unsichtbares Abschiednehmen in aller Stille. Albrecht hatte es geschafft …

Klara weiß nicht mehr, wie sie mit dem Arzt sprach irgendwas verstand sie: Sie müsse heim, alles entscheide sich nachts. Sie ging, Sigrun an der Seite, halb schlafend wirkend.

Auf halbem Weg verlor sie Sigrun. Erst zu Hause merkte sie, dass Sigrun nicht mehr da war. Vor Mutters Wohnung.

Und jetzt saß Klara mitten in der Nacht am offenen Küchenfenster. Überquellender Aschenbecher auf dem Tisch Mama rauchte viel …

Ich muss aufräumen! Sonst schimpft Mama, wenn sie wiederkommt!, murmelte sie, aber konnte sich nicht bewegen. Sie sollte das Fenster schließen, einen Schal holen doch nichts rührte sich.

Und wenn Mama … Was dann? Klara konnte sich das Leben ohne sie gar nicht vorstellen. Margarete freute sich immer an den kleinen Dingen, Klara sah meist nur das Schwere. Ihre Mutter wusste, wie man anderen ein Lächeln schenkte, Klara wollte oft nur ihre Ruhe.

Mama … bitte, geh nicht. Ich bin doch noch nicht bereit. Du hast immer für alle gelebt, jetzt sei mal gnädig für mich …, flüsterte Klara, eigentlich nicht bereit zu weinen. Doch dann kamen die Tränen, ganz echt, nicht wie bei den Schauspielerinnen im Kino.

Das Telefon klingelte, sie nahm mechanisch ab.

Klara? Ich bins, Paul. Ihr Chef … entschuldigen Sie die Uhrzeit! Wie geht es Ihrer Mutter? Brauchen Sie Hilfe?

Klara stoppte das Schluchzen, wurde ganz ruhig.

Herr Wagner? Sie sind so spät noch wach?

Ich kann nicht schlafen, denke an Sie, ich kenn so etwas, solche Nächte sind die schlimmsten … Soll ich zu Ihnen kommen?

Er sagte das so selbstverständlich, als sei er ein alter Schulfreund.

Freundinnen hätte Klara jetzt nicht anrufen können, die schliefen längst.

Er füllte Tee mit Honig und Zitrone in ihre große Tasse, als hätte Klara Halsschmerzen. Er schloss das Fenster, prüfte die Heizung, bat sie, auf dem Sessel Platz zu nehmen.

Sie müssen versuchen, etwas zu schlafen, Klara. Morgen wollen Sie zu Ihrer Mutter woher nehmen Sie Kraft, wenn Sie nur aus dem Fenster starren? Was sehen Sie draußen alles schwarz?, sagte Paul leise.

Paul war neun Jahre älter, hochgewachsen, mit langen Beinen, immer in Jeans, nie geraucht, aber immer am Bleistift geknabbert. Im Sommer kam er mit dem Rad zur Arbeit, lud die Kollegen im Winter zum Ausflug ins fränkische Land ein, grillte und entdeckte immer neue Weihnachtsmärkte. An Silvester schmiss er die Feten im Büro, im Nikolauskostüm alle mochten ihn, Klara ganz besonders.

Schwarz …, wiederholte Klara.

Nein, gar nicht! Es schneit. Morgen wirds matschig, aber heute einfach nur schön. Finden Sie nicht?, lächelte Paul.

Klara stand neben ihm, schaute auf die Schneeflocken, die langsam, sanft fielen. Ihre Mutter sagte immer, der Schnee mache alles neu, decke alles gut zu. Vielleicht stimmt das! …

Am nächsten Morgen wurde Klara vom Telefon geweckt. Paul war weg; sie war alleine.

Hallo, Frau Schneider?, fragte eine unbekannte Frauenstimme. Klara erschrak so eine Stimme hatte sie vor Jahren am Telefon gehört, damals als das Krankenhaus anrief … da war sie sieben.

Ja, ich bins.

Ihre Mutter ist wieder zu sich gekommen. Kommen Sie, ich sage Ihnen gleich, was Sie mitbringen können …

Klara schrieb, nickte, weinte. Draußen fiel Schnee unaufhörlich. Ganz still, zudeckend, als Hoffnung und Neubeginn. In der weißen Fläche werden bald die ersten Spuren zu sehen sein, neue Wege ins Leben.

Albrecht aber würde dort nicht mehr laufen. Er war gegangen. Aber Sigrun … Sigrun erwartet ein Kind.

Der Junge wird im Sommer geboren, Sigrun wird dann längst von ihrem Mann getrennt sein. Schuster lässt sie wider Erwarten ziehen. Er wird verschwinden, irgendwo da draußen. Er wird nie erfahren, dass sein Sohn seinem Opa Albrecht wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Kein Unterschied!

Margarete nimmt den Kleinen, zwinkert ihm zu, lacht so schön, neues Leben! Und bald heiratet Klara. Groß wird gefeiert! Margarete kann es kaum glauben, dass ihre Tochter heiratet. Paul Wagner gefällt ihr sehr. Er fühlt Klara, versteht sie vielleicht kann er ihr das geben, was sie selbst ihr nie schenken konnte? Das wünscht sie sich.

Ein Mensch braucht einen Menschen. Sigrun hat recht … Man braucht ihn.

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Homy
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