**Tagebucheintrag**
Das Leben verlief in seinem gewohnten Rhythmus: den Sohn großziehen, das Haus bauen, an der Seite des geliebten Mannes sein. Gisela hatte sich Michael selbst ausgesuchtunter all den Männern war er der Einzige, der ihr ans Herz gewachsen war. Als Michi aus der Bundeswehr zurückkehrte, heirateten sie. Bald darauf kam ihr Sohn Jakob zur Welt. Als der Junge älter wurde, begann Gisela, sich nach einem Mädchen zu sehnen.
“Michael, wenn wir erst das Haus fertig haben, bekommen wir ein Mädchen. Dann haben wir ein richtiges Zuhauseeine Familienidylle”, sagte sie oft.
Michael lächelte nur und nickte. Er wäre auch sofort bereit gewesen, noch einmal Vater zu werden. Oft trug er Jakob stolz auf den Schultern durch das Dorf und grüßte jeden Bekannten.
Doch dann kam der Winter. Schneeverwehungen blockierten die Straßen, ein Sturm fegte übers Land. Gisela blickte aus dem Fenster und wartete auf ihren Mann. Doch Michael kam nicht zurück. Ein tragischer Unfall auf der Baustelle hatte ihm das Leben gekostet.
“Die Zeit heilt alle Wunden”, sagten die Nachbarn und Bekannten zu Gisela. “Du bist nicht die Einzige. Weine, und in ein paar Jahren findest du vielleicht jemand Neuen.”
Gisela hörte schweigend zu, doch die Tränen versiegten baldund das machte es nur schlimmer. So verging ein Jahr. Die unruhigen Nachwuchsjahre der neuen Republik belasteten selbst die stärksten Familien. Im Dorf wurden die Löhne monatelang nicht ausgezahlt. Gut ging es denen, die ein Stück Land besaßen und keine Angst vor harter Arbeit hatten.
Gisela spürte die Last dieser Zeit schnell. Jakob kam in die Schule, brauchte Kleidung, Schuhe, Essen. Das bedeutete: den Garten komplett bestellen, um im Herbst etwas auf dem Markt verkaufen zu können.
Sie arbeitete bis spätabends im Garten. Ihre Hände wurden rau, ihr Lächeln verschwand, und ihre Seele schien zu verkümmern.
“Nimm den Eimer, du Taugenichts!”, schrie sie Jakob an, wenn er zu seinen Freunden fliehen wollte. “Weglaufen? Hast du deine Hausaufgaben gemacht?”
Jakob packte schweigend den Eimer, doch in seinem Kopf war noch die Erinnerung daran, wie alles mit Papa gut gewesen war und Mama fröhlich und liebevoll.
Nachts weinte Gisela oft, schalt sich dafür, dass sie ihren Sohn angeschrien hatte. Doch am Morgen war sie wieder mürrisch und streng.
Eines Samstags kamen ihre Freundinnen Ute und Renate vorbei. Früher hatte sie keine Freundinnen gebrauchtMichael hatte allein ihren Bedarf an Gesprächen gestillt. Doch jetzt besuchten die beiden geschiedenen Frauen sie oft, lachten und kamen angeblich “auf einen Kaffee”. Natürlich ging es nicht um den Kaffee.
Der Morgen begann wie immer. Gisela stand auf, ohne auch nur einen Blick in den Spiegel zu werfen. Sie wusste, ihr Gesicht sah zerknautscht aus. Sie fütterte die Schweine, streute den Hühnern Körner aus, türmte schmutziges Geschirr in die Schüssel und befahl Jakob, sich zu waschen und zur Schule zu rennen.
Am Abend erwartete sie niemanden, doch sie wusste, dass einer der “Stammgäste” vorbeikommen könnte. Solchen Versprechen stand sie gleichgültig gegenüber: Kam ergut. Kam er nichtes gab keine zweite Einladung. Die Männer verstanden schnell. Sie sahen den Sohn, wechselten ein paar Worte und verschwanden mit der Bemerkung: “Die hat ein Anhängsel.”
“Schau, Gisi, so verjagst du alle Männer”, lachte Ute. “Dir kann man es nicht recht machen. Oder liegt es an deinem Bett? Soll ich dir eine neue Couch besorgen?”
“Ach ja, ich renne gleich los und kaufe eine Couch”, seufzte Gisela. “Womit denn? Wenns dir leidtut, nimm sie dir.”
“Ach, sei nicht sauer. Mach lieber den Tisch fertig, du bekommst Besuch.”
Ute ärgerte sie manchmal, doch Gisela stellte wortlos eingelegte Gurken auf den Tisch. Ein Blick auf das Hochzeitsfoto, dann ein schweres Seufzen:
“Verzeih mir, Michi. Ohne dich ist es schwer.”
“Die sind doch alle gleich”, sagte Ute, als könnte sie ihre Gedanken lesen. “Komm, Gisi, auf uns! Wir sind doch die Besten!”
Am nächsten Morgen räumte Gisela seufzend die Reste des Abends weg und ging zur Arbeit.
Tante Hildegard, die Schwester ihres verstorbenen Mannes, kam zu Besuch.
“Was machst du da, Gisela? Man erkennt dich nicht wieder nach Michael”, sagte sie. “Und diese Freundinnen von dir die bringen dich nur vom rechten Weg ab.”
“Was ist denn, Tante Hilde, wollen Sie mir Moral predigen? Halten Sie mich für eine Versagerin? Ich habe ein Haus, führe den Haushalt, mein Sohn geht zur Schule, ich kontrolliere seine Hausaufgaben” Gisela verstummte plötzlich, als ihr einfiel, dass sie Jakobs Hefte seit über einer Woche nicht mehr angesehen hatte. Erst kürzlich hatte sie die Klassenlehrerin getroffen, die sie zu einem Gespräch einlud.
Gisela wusste nicht, was sie sagen sollte, also begann sie, schmutziges Geschirr in die Schüssel zu räumen.
“Du warst einmal ganz anders”, fuhr Hildegard fort. “Hübsch, fleißig, gutherzig Lass diesen dummen Trubel.”
“Ich feiere nicht”, widersprach Gisela. “Ich unterhalte nur manchmal mit Freundinnen, um abzuschalten. Ich darf wohl etwas ausruhen nach der Arbeit?”
“Natürlich darfst du”, nickte Hildegard mit einem Seufzer.
“Dann predigen Sie mir keine Moral. Und überhaupt, stecken Sie Ihre Nase nicht in fremde Angelegenheiten. Die Tür steht offen”, sagte Gisela und wandte sich zum Küchentisch.
Hildegard band ihr Kopftuch fester und verließ schweigend das Haus.
Gisela seufzte und runzelte die Stirn, als hätte sie Schmerzen. Es war ihr unangenehm, schwer, und etwas zog sie Hildegard nach. Sie lief hinaus und holte die Tante auf der Treppe ein.
“Tante Hilde, warten Sie, ich gebe Ihnen Möhren. Ich habe dieses Jahr so viele.”
“Brauchst du nicht, Kind”, winkte Hildegard ab, schon die Stufen hinabsteigend.
“Aber warten Sie, es ist von Herzen”, beharrte Gisela.
Hildegard kannte das Leben. Ihre Erfahrung ließ sie fremden Schmerz feinfühlig erkennen. Sie verstand, dass dies Giselas stumme Entschuldigung war. Auch wenn Gisela nichts sagte, baten ihre Stimme und ihre Augen um Verzeihung. Hildegard blieb stehen.
“Hier ist ein Beutel”, sagte Gisela und schüttete großzügig Möhren hinein. “Können Sie ihn tragen?”
“Ich schaffe es, Gisela”, antwortete Hildegard dankend und ging. Ihr Herz krümmte sich vor Sorge um Giselas Seele.
Am Freitagabend packte Gisela Zwiebeln und Möhren für den Markt.
Wenigstens etwas Geld, denn mein eigenes sehe ich so selten wie meinen eigenen Schatten, dachte sie.
“Wohin mit den Taschen?”, fragte die neugierige Nachbarin Gerda und lugte in die Beutel.
“Zum Markt, Gemüse verkaufen”, antwortete Gisela.
Sie schleppte die schweren Taschen zur Bushaltestelle. Dort warteten schon Opa Karl und Oma Lina, die auch in die Stadt wollten. Doch der Bus kam nicht.
“Was für ein Pech! Wieder kaputt”, seufzte die Oma.
Opa Karl schimpfte wütend über den Bus und den ganzen Fuhrpark. Schließlich gingen sie nach Hause, um es ein andermal zu versuchen.
Gisela blieb wartend zurück. Sie wollte die Taschen nicht zurücktragen, also versuchte sie, eine Mitfahrgelegenheit zu finden.
Zuerst fuhr ein alter Wartburg vorbei, dann ein Trabant, doch beide hatten keinen Platz. Schließlich kam ein Golf. Gisela blinzelte, um zu sehen, ob noch Plätze frei waren. Doch der Fahrer hielt von selbst an, bevor sie die Hand hob.
Ein etwas älterer Mann, den sie nicht kannte. Sie merkte, er kam aus der Kreisstadt. Er musterte sie, dann ihre Taschen.
“Der Bus fährt heute nicht. Ich fahre in die Stadt, kann dich mitnehmen.”
“Na gut, dann nehme ich das Angebot an”, seufzte Gisela.
“Abgemacht”, lächelte der Mann. Er stieg aus, hob mühelos die schwere Tascheschmächtig, aber stark.
“Können Sie mich bis zum Markt bringen?”, fragte sie.
“Könnte sein.”
“Ich bezahle.”
Unterwegs holte Gisela ihr Spiegelchen hervor und tupfte sich Lippenstift auf. Von der Rückbank aus beobachtete sie den Fahrer.
“Ich heiße Gisela”, brach sie schließlich das Schweigen.
“Jürgen Friedrich.”
“Oh, jung und schon mit Nachnamen? Sind Sie etwa Chef?”
“Ja, Direktor aller Werke und Besitzer einer Schiffsflotte”, scherzte er. “In Wahrheit Bauleiter.”
Jürgen brachte sie zum Markt und half sogar, die Taschen zu tragen. Für die Fahrt nahm er nur die Hälfte des Geldes.
“Den Rest gibst du mir abends. Ich fahre dieselbe Strecke zurück.”
“Wie großzügig”, lächelte Gisela. “Da habe ich Glück gehabt.”
Am Abend brachte Jürgen sie nach Hause.
“Komm rein, trink wenigstens einen Tee, Jürgen Friedrich.”
“Lass das Friedrich weg. Nur Jürgen.”
Gisela deckte schnell den Tisch. Jakob lugte in die Küche.
“Was stehst du hier rum? Geh ins Zimmer. Hausaufgaben gemacht?”
“Fast”, murmelte der Junge.
“Dann mach sie fertig!”, befahl sie streng.
Jürgen Friedrich, auf dem Stuhl am Ofen sitzend, lächelte und sprach den Jungen an.
“Kennenlernen? Ich bin Jürgen Friedrich. Und du?”
“Jakob.”
“Echter Name Jakob?”
“Ja.”
“Wie läufts mit den Hausaufgaben? Schwer?”
“Mathe kapier ich nicht.”
“Zeig mal her.”
Eine halbe Stunde später ging Jakob zufrieden schlafen.
“Räum den Tisch ab”, bat Jürgen ruhig. “Ich trinke nur Tee.”
“Wenn du fährst, dann nur Tee.”
“Auch ohne Fahrennur Tee. Und Kompott, Gelee, Saftalles.”
Gisela musterte ihn misstrauisch, goss heißes Wasser in die Tasse und stellte eine Schüssel Kartoffeln dazu.
“Ich muss jetzt los”, sagte Jürgen und stand auf. Er zögerte, dann fügte er hinzu. “Du gefällst mir, Gisela. Darf ich nächsten Freitag vorbeikommen?”
Gisela lächelte leichtgenau das hatte sie erwartet.
“Kannst du.”
“Ich bin nicht verheiratet”, sagte er, obwohl sie nicht gefragt hatte.
In einer Woche hast dus vergessen, dachte Gisela, ohne auf Fortsetzung zu hoffen.
Doch als Ute und Renate am Abend kamen, schickte Gisela sie früher weg. Vielleicht kommt er wirklich?
“Gisi, das ist unfair”, beschwerte sich Ute. “Komm mit uns in den Club!”
“Bin ich etwa eine Jugendliche?”
“Wieso? Wir gehen ins Kino!”
“Nein, Mädels, geht allein. Ich muss noch aufräumen.”
Sie schaffte es nicht. Jürgen kam früher als erwartet. Er betrat den Hof, und Gisela führte ihn ins Haus. Auf dem Tisch lagen noch Spuren des Abends, doch der Gast tat, als sähe er nichts.
“Ich wärme schnell die Suppe auf.”
Jürgen unterhielt sich mit Jakob, half in Mathe, erklärte PS in Autos. Als der Junge schlafen ging, war Gisela leicht beschwipst und gesprächig.
Jürgen stand auf, legte die Hände auf ihre Schultern, zog sie hoch und umarmte sie fest. Gisela keuchte vor Überraschung.
“Ich bleibe bis morgen”, sagte er einfach.
“Wer hetzt dich?”, fragte sie, endlich Luft holend. Sie wusste, dass er bliebWorte waren überflüssig.
Am Morgen, als Gisela Rührei machte, holte Jürgen Eimer und pumpte Wasser.
“Soll ich welches für die Badestube holen?”
“Hol es.” Normalerweise bat sie nie um Hilfe, denn sie glaubte nicht, dass so etwas Bestand hatte.
Beim Tee sagte Jürgen leise:
“Gisela, wenn du mit mir sein willst, dann dürfen diese Getränke von gestern nicht mehr da sein.”
Gisela erstarrte mit dem Löffel in der Hand.
“Eine Bedingung?”, fragte sie mehr erstaunt als empört.
“Ja. Ich ertrage den Geruch nicht. Ich bin normaldas weißt du.”
Er lächelte.
“Kommst du heute abend in die Badestube?”
Gisela wollte wütend werden, ihn hinauswerfen, doch etwas hielt sie zurück. Plötzlich wollte sie zustimmen.
“Komm”, sagte sie kurz.
Am Nachmittag kam Ute.
“Stimmt es, dass du alles weggekippt hast?”
“Ja. Es ist nichts mehr da.”
“Bist du verrückt? So was Gutes!”
“Gut? Es war nur Ärger. Geh, Ute, ich habe jetzt keine Zeit.”
Gisela wischte den Boden, wechselte die Bettwäsche, die jetzt frisch roch, denn sie hatte sie gewaschen und draußen getrocknet. Auf dem Herd wartete die Suppe, doch sie wollte etwas Besonderes kochen. Da Kuchen zu lange gedauert hätte, backte sie Törtchen. Jakob naschte sie mit Saft.
Die Zeit verging. Gisela ging noch in die Badestube, und es wurde dunkel. Doch Jürgen kam nicht.
“Auf Versprechen wartet man lange”, seufzte sie bitter. “Dumm, ich zu glauben. Alle sind gleichaußer Michael. War es unnütz, alles wegzuschütten?”
Sie lächelte bei dem Gedanken. Sie sah sich die aufgeräumte Küche an, roch das frische Essen und fühlte plötzlich Ruhe.
“Nein, nicht unnütz”, sagte sie fest. “Genug ist genug.”
Sie wandte sich an Jakob:
“Warte nicht, Jürgen kommt wohl nicht. Lass mich deine Hefte sehen. Du vernachlässigst dich.”
Doch dannMotorengeräusch. Jürgen stand in der Tür, mit einer Reisetasche. Er holte Wurst, Konserven, Kekse, Butter heraus.
“Ein Freund von der Lagerhalle gibt mir manchmal was”, erklärte er. “Für dich und Jakob.”
Gisela saß am Tisch, stützte das Kinn ab und sah ihn an.
“Das gibts hier lange nicht mehr.”
“Weiß ich. Deshalb bringe ich es.”
“Nimmst du erst Essen oder gehst in die Badestube?”
“Erst Badestube.”
Draußen war es dunkel. Beim Tischdecken spürte Gisela, wie das lange vergessene Gefühl von Geborgenheit zurückkehrte, das sie einst an Michaels Seite gehabt hatte. Sie lächelte und sah Jürgens Jacke an der Garderobe.
Wenn er heute kam, bleibt er. Ich will, dass er bleibt, dachte sie mit ungewohnter Sicherheit.
Der Herbsttag war grau, doch ruhig.
Tante Hildegard saß am Tor und blickte die Straße hinunter. Sie lächelte, als sie das Auto sah, das nun seit zwei Monaten regelmäßig bei Gisela parkte.
“Gut so. Mögen sie glücklich sein. Jung genug sind sie nochvielleicht bekommen sie noch ein Kind”, seufzte sie leise. “Gisela ist wieder wie früher: lächelnd, sanft. Sie soll das Leben genießen, denn es geht immer weiter. Hauptsache, man lebt.”
**Was ich gelernt habe:** Das Leben schreibt seine eigenen Geschichten. Manchmal muss man alte Lasten abwerfen, um neuen Glanz zu finden. Nicht jeder Sturm zerstörtmanchmal fegt er nur einen neuen Weg frei.




