Andreas – Die bewegende Geschichte eines cleveren Berliner Jungen

Andreas

An diesem Abend kam mein Sohn ungewöhnlich spät nach Hause.

Ich, Irmgard, hatte Andreas sicher schon ein Dutzend Mal auf dem Handy angerufen, doch er blieb unerreichbar.

Natürlich antwortet er nie, solange er hinter dem Steuer sitzt. Das weiß ich längst. Andreas Vater ist vor vielen Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen, weil er durch einen Anruf abgelenkt war. Mein Sohn will diesen Fehler nicht wiederholen. Aber… trotzdem…

Als ich schließlich das Licht der Scheinwerfer von Andreas SUV hinter dem Zaun aufblitzen sah und das Quietschen der Gartentore hörte, zog ich mein Poncho fester um die Schultern und fröstelte. Das war ein besonders warmer Poncho gewesen, den Andreas mir vor ein paar Jahren aus Polen mitbrachte damals, als ich endgültig in unser Haus am Rande von Baden-Baden gezogen war, direkt nachdem ich in Rente gegangen war. Oder war es aus Tschechien? Ach, ich weiß es nicht mehr. Unwichtig.

Die Nächte im August waren rau, oft regnerisch, und es roch nach feuchtem Gras und fallenden Äpfeln das stimmte mich melancholisch, dagegen halfen weder gute Bücher noch Filme. Dabei hatte Andreas extra ein eigenes Bibliothekszimmer für uns eingerichtet, im modernen Stil, mit einer eisernen Veranda und schwarzen Fensterrahmen, in unserem großzügigen Haus.

Jeder hatte sein eigenes Zimmer, dazu drei weitere für Gäste, die allerdings immer seltener kamen; ich wurde schnell müde von der Hektik, mochte das Kochen nie besonders, und eigentlich… Eigentlich genügte es uns, zu zweit zu sein. Abends im Wohnzimmer zu sitzen, dem Plumpsen der Äpfel im Garten zu lauschen, zu schweigen, später Tee mit Honig und Zitrone oder Minze zu trinken für einen guten Schlaf, dann ein Kuss auf die Wange, leise Wünsche für eine gute Nacht, das Quietschen der Tür…

Er legte sich hin, ich auch. Alles und jeder an seinem Platz.

Sogar Haustiere hatten wir keine, obwohl meine Eltern früher immer Katzen gehalten hatten.

Heute aber sind diese Tiere eine echte Plage für meine Heidelbeersträucher. Die frechen Katzen der Nachbarn haben es sich angewöhnt, genau unter meinen gepflegten, empfindlichen Büschen ihr Geschäft zu machen meine kleine botanische Stolz und stille Liebe.

Soll ich da etwa Fallen aufstellen? schimpfte ich jedes Mal. Warum passen die Besitzer nicht besser auf ihre Tiere auf? Das ist doch das Mindeste!

Als ich ein Kind war, hatten wir Kater Siegmund, riefen ihn Siegi. Er streunte Tage und Nächte durch die Gärten, kam nur zum Fressen und um sich den Bauch kraulen zu lassen, schleppte Mäuse an, lag überall, wo er wollte. Damals erschien es niemandem notwendig, da groß aufzupassen.

Heute sehe ich das anders. Deshalb halte ich keine Tiere mehr. Andreas ach Jungs bleiben halt immer Jungs hat sich in einem Tiergeschäft mal eine Vogelspinne gekauft, die in ihrem Glaskasten hockt und sich von Grillen ernährt. Jedes Mal, wenn ich mich ihr näherte, schüttelte sie demonstrativ ihre haarigen Beine.

Andreas, das ist doch widerlich! Wozu brauchst du so ein Tier überhaupt? Ich konnte es nicht lassen, übers ganze Gesicht zu verziehen.

Er zuckte nur die Schultern: Einfach so. Es ist cool.

Viel cool war bei uns schon lange nicht mehr.

Früher, als Andreas jung war und sein Opa, Wilhelm, und seine Oma, Elisabeth, noch lebten, kamen Freunde von überall her aufs Land Studienkollegen, Schulkameraden, sie grillten Steaks, drehten Musik auf, stapelten sich irgendwie im alten Holzhäuschen, rauchten, dass ich glaubte, die Luft reichte nie wieder aus. Papiergeschirr, keine Mühen beim Abspülen, Lachen bis spät in die Nacht, und am Ende kroch jeder in irgendeine Ecke davon.

Auch Maria kam damals sie sollte später Andreas Frau werden. Eine anspruchsvolle junge Frau mit leuchtend blauen Augen und endlos langen Beinen. Sie klimperte mit den Wimpern, lachte glockenhell, legte Andreas die Hand auf die Schulter, und er warf ihr seine Jeansjacke über, entschuldigend, dass die Nächte zu kalt waren.

Dass ich sie nach ihrem fünften Besuch zusammen im Bett erwischte, ist eine Anekdote, die mir nie aus dem Sinn ging. Maria wurde rot, Andreas war peinlich berührt und murrte, warum ich nicht angeklopft hätte.

Lieber Junge, natürlich habe ich angeklopft aber du hattest besseres zu tun…, sagte ich streng, während Maria hastig unter der Bettdecke nach ihrer Kleidung tastete. Ich habe meine Kopfhörer vergessen, wollte sie holen. Entschuldigt, wenn ich gestört habe…

Würde- und wortlos verließ ich das Zimmer, schürzte die Lippen und lief die Treppe hinunter, hinaus in den Garten, immer wieder auf und ab zwischen Tür und Gartentor.

Andreas bemerkte meine Unruhe, aber bald war er wieder ganz bei Maria und früh beim Frühstück sah man die beiden auch nicht…

Dann, wenig später, kam Sebastian zur Welt, zu früh, begleitet von Maries hysterischen Ausbrüchen, immer neuen Streitereien… Andreas hatte schon begonnen, das neue Haus für die Familie zu bauen um unabhängig zu werden, wie er sagte doch fertig wurde es nie. Ein Blitz schlug in die große Fichte nebenan ein, das Haus brannte nieder, niemand konnte mehr helfen…

Das ist ein Zeichen, Andreas. Es ist ein Zeichen…, murmelte ich.

Ach was, Mama, hör doch auf mit dem Aberglauben. Ich bau ein neues Haus, hab genug verdient, mach dir keine Sorgen!, knallte Andreas die Autotüren zu und lud Maries Kisten ein.

Maria hatte ihn gerade wieder angerufen, geschrien, er solle zurück nach Stuttgart kommen, Sebastian schreie die ganze Zeit, sie halte es nicht mehr aus…

Sie waren sowieso nicht verheiratet. Schließlich trennten sie sich, Maria zog zu ihren Eltern nach Rostock, und trug Andreas jahrelang einen stillen Groll nach…

Na, warum hast du es kaputt gemacht, Dummkopf? Wärst du nur etwas kompromissbereiter gewesen, hättest das Maul nicht so weit aufgerissen, dann hättest dus gut gehabt! Was war denn daran so schlimm? Der Junge war doch in Ordnung, Geld hattest du genug warum bist du ausgerastet? schimpfte ihre Mutter später, während Maria in der Diele auf dem Boden saß, der kleine Sebastian schaute sie mit großen Augen an wie eine strenge Fremde.

Ach Mama, ich bin nicht auf die Welt gekommen, nur um Windeln zu wechseln, irgendwem hinterherzukochen und mir von Schwiegermüttern Vorschriften machen zu lassen. Wer ist sie denn, dass sie mich zur Schnecke macht, wenn ihr Anderl blass und hungrig nach Hause kommt?!…

Getrennt, unehelich, nicht mehr miteinander verbunden als durch den Jungen. Andreas zahlte Unterhalt, sah Sebastian nur selten, Maria blieb schwierig, ließ ihn kaum treffen…

Das alles machte ihm sehr zu schaffen. Nie hätte ich gedacht, dass er so an dem Kind hing. Dabei war er selber noch jung, das Leben lag vor ihm. Und doch… litt er. Verzweifelt versuchte er immer wieder, mit Maria zu reden, doch sie blockte ab.

Komm, lass los, mein Junge. Schluss. Ihr habt Familie gespielt, es hat nicht geklappt. Jetzt kümmer dich um dich. Bist erfolgreich im Job, vielleicht wirst du bald Chef, dann findest du auch eine Frau, richtige Familie, Kinder…, versuchte ich, ihn aufzumuntern.

Und Sebastian? Mama, das ist doch mein Sohn. Mein Fleisch und Blut. Als ich ihn das erste Mal auf dem Arm gehalten habe, musste ich fast weinen…

Damals kam Andreas oft zu mir, in die Stadtwohnung oder aufs Land, saß endlos lange in der Küche, sagte nichts, trank eine Tasse Tee nach der anderen, murmelte heraus nur das Nötigste. Manchmal schloss er sich mit einer Flasche Bier in seinem Zimmer ein…

Es verging. Alles vergeht in dieser Welt. Sebastian wuchs heran, ging zur Schule, träumte davon, Pilot zu werden.

Wer will das in dem Alter nicht? Feuerwehrmann, Polizist, Kapitän, Taucher… Mit der Mutter bestenfalls schafft er Abitur, die bringt ihn gleich auf den Arbeitsmarkt!, wusste ich, erfahren aus den harten Jahren der neunziger Jahre mit Andreas schon immer Realistin.

Mama, er ist doch dein Enkel… Interessiert das dich gar nicht?, fragte Andreas mal.

Ich antwortete nicht gleich, schnitt an den verwelkten Rosen die Stängel zurück, drehte mich nur halbherzig um und zuckte mit den Schultern.

Um Himmels Willen, Andreas… das sind nicht mehr unsere Sorgen jetzt! Lass es los! Wenn Maria vernünftig mit mir umgegangen wäre, hätte ich gerne geholfen, und ich hätte auch Sebastian erzogen ich kenne schließlich viele Leute… Aber so? Leb dein Leben! Du hast doch alles Ruhe, Freiheit, du kannst reisen, baust dein Haus neu. Du bist ein echter Mann!

Ich küsste ihn auf die Stirn wie ein kleines Kind, schob ihm Behälter mit Eintöpfen in die Hand, wenn ich ihn verabschiedete. Ich machte mir Sorgen, weil Andreas als Geschäftsmann ständig unterwegs war, zu schnell zunahm.

Nichts Schlimmes, mir war er immer lieb, auch mit kurzem Bauchansatz unter dem T-Shirt. Aber das Herz…

Andreas hatte ein paar Kreislaufprobleme, Übergewicht könnte ihm das Genick brechen. Daher kochte ich gesund, stellte Rezepte zusammen, zwang meinen Sohn zu Bluttests, kaufte Vitamine und Kräutertees.

Mama, es reicht!, platzte es einmal aus ihm heraus, als ich ihm wieder drei Dosen gefüllte Zucchini überreichte. Ich will Fleisch. Richtiges, fettes Fleisch. Bier mit Freunden, Wodka, Whiskey. Das kannst du behalten kümmer dich doch mal um dich selbst, fahr ans Meer, triff alte Freundinnen, lad sie doch mal ein! Es gibt genug Platz. Und esst meinetwegen den ganzen Sommer Zucchini!

Im Nachhinein wusste er wohl selbst nicht, warum er mich so anfuhr. Er fuhr ab, ohne das Tor zu schließen, die rot gestrichenen Flügel knarrten noch ewig in der Nacht.

Ich sperrte später selbst ab, quetschte mir den Finger ein, fluchte über das Schloss. Doch ich verzieh ihm. Jungs müssen manchmal ausbrechen. Hauptsache, er kommt zurück. Dann wird alles wieder gut.

Meine echten Freundinnen, ja, die waren längst virtuell im Handy, per E-Mail, und in echt war da nur noch Andreas. Er, der unglückliche, den ich retten musste.

Schließlich versöhnten wir uns, erst per SMS, dann kam er eines Augusttages plötzlich aufs Land, überhäuft mit Tüten und Kartons. Kuchen, Aufschnitt, Grillfleisch, meine Lieblingsplätzchen, Sushi, exotische Früchte…

Andreas!, rief ich gleichzeitig erschrocken und glücklich, stand vom Beet auf, wo die Kürbisse fast reif waren (nur wohin mit denen, wenn der Sohn sie nicht isst?). Feiern wir etwas? Kommt Besuch?, stammelte ich.

Andreas gab mir einen Kuss auf die Wange und verschwand im Haus.

Nein, ich will einfach hierbleiben. Hab mir ein paar Tage freigenommen, rief er vom Flur.

Ich strahlte auf. Keine Gäste, kein Chaos nur wir beide, der Kamin, füreinander da sein. Der richtige Kamin! Ich kann ihn zwar nicht bedienen, machs elektrisch, aber Andreas kann das. Wie gut, dass er da ist…!

Und von da an ging alles schnell voran. Das Haus wurde fertig, nun begann er mit der Terrasse. Die Bauarbeiter nervten mich zwar, rannten hin und her, aber immerhin: Andreas war immer zuhause, abends war er immer pünktlich zurück.

Na, Irmgard!, rief einmal die Nachbarin. Klopft Ihr wieder? Will Andreas heiraten?

Unsinn, wir bauen halt endlich fertig, winkte ich ab.

Aber wie er strahlt in letzter Zeit! Das fällt doch auf!, zwinkerte sie.

Ich zuckte die Schultern. Andreas ist einfach froh mit mir, das ist alles.

Doch an diesem Abend kam er nicht, obwohl wir gemeinsam Äpfel für Marmelade schälen wollten. Ich hatte drei Körbe voll gesammelt Rekordjahr! Und wartete… Er blieb aus.

Stattdessen brachte er eine Frau mit. Sie stieg erst lange nicht aus, saß wie erstarrt im Auto, ich blinzelte ins Scheinwerferlicht, versuchte sie zu erkennen.

Wer war das? Was wollte sie hier? Maria? Doch, nein, so sah sie nicht aus, und sowieso die würde hier nie aufkreuzen.

Mama, heizt du das ganze Haus? Ich bräuchte das Gästezimmer oben. Bei mir wärs zu kalt…, sagte Andreas undeutlich, öffnete der anderen Frau die Tür, sagte irgendetwas. Ich verstand es nicht.

Die Frau stieg aus. Schlank, Haare im Zopf, grober Strickpullover, enge Jeans, große Holzarmbänder und bunte Kette.

Komm rein, es ist kalt! Da entlang das ist meine Mutter, Irmgard Faber. Mama, das ist Olga, meine Kollegin. Mach uns bitte Tee, ich esse schnell etwas und muss wieder weg, Termine. Olga… Sie kann hier ein bisschen ausruhen.

Ich zog die Augenbrauen hoch. Also so… Tee, ausruhen…

Erstmal guten Abend, Andreas. Und ich… Ich hätte halt gern, dass du Besucher vorher ankündigst. Ich bin doch gar nicht vorbereitet, die Küche voller Äpfel, wir hatten Pläne…, raunte ich ihm zu.

Weiß ich, Mama. Aber jetzt keine Zeit. Olga! Komm schon! Wir gehen rein!, rief er und schaltete im Wohnzimmer das Deckenlicht ein ich bekam fast einen Schreck, so hell war es. Du musst was essen! Und trinken auch… Mama, hast du etwas Starkes da? Schnaps, vielleicht…

Andreas warkerte sich durch die Schränke, die Anrichte, öffnete den Kühlschrank.

Ich musste fast schmunzeln: Wie fürsorglich mein Sohn war. Nur schade: Nicht für mich, sondern für diese Fremde!

Da! Gefunden! Olga, trink doch!”, reichte er ihr ein Gläschen.

Die Frau schüttelte den Kopf, stieß seine Hand weg.

Ich lege mich lieber hin. Mir ist schwindlig, säuselte sie matt.

Na gut. Mama, wir gehen nach oben. Ich erkläre nachher alles. Jetzt keine Zeit, ja? Olga, komm. Vorsicht. Kopf… Vielleicht etwas Süßes? Tee?

Sie gingen, er stellte noch Fragen, die Frau antwortete, und ich stand da, das Glas noch in der Hand, trank aus, verzog das Gesicht.

Oben polterte es, dann ward alles still. Ich setzte mich an den Küchentisch und wartete.

Kannst du mir vielleicht erklären, warum ich mit dieser Frau alleine bin und du verschwindest? Es ist dein Haus, klar, aber…, fragte ich irgendwann, strich unsichtbare Krümel vom Tisch.

Andreas setzte sich, kratzte sich an der Schläfe, seufzte.

Mama, das ist Olga. Wir arbeiten zusammen… Und ich mag sie. Ernsthaft. Ich wollte es dir nicht vorher sagen, du reagierst immer so scharf… Ihr Sohn… Naja, es ist was Schlimmes passiert, und… Er könnte tot sein. Ich fahre jetzt gleich hin, um das zu prüfen. Wir wurden darüber im Büro informiert… Ich muss erstmal alles checken. Erinnerst du dich an Viktor Lenz? Ich hab ihn angerufen, er macht den Fall. Olga geht später selbst hin, zur Identifizierung. Ich beeile mich, Mama. Und iss mir die Olga nicht auf, ja?

Er sprang auf, griff die Autoschlüssel.

Was sollen diese Anweisungen? Misch dich da ja nicht ein, Andreas!, rief ich, aber er war schon zur Tür hinaus…

Ich konnte in jener Nacht nicht schlafen, wartete auf Andreas. Suchte, womit ich mich ablenken konnte.

War nervös, wollte eine Serie schauen, doch meine Gedanken schweiften ständig zum Fenster. Der Tee schmeckte bitter, wie Wermut. Ich tigerte durch die Stube, ordnete meine kleine Decke zurecht, stellte die Figuren um, rückte am Teppich.

Gegen drei Uhr früh konnte ich die Augen kaum noch offenhalten. Also begann ich, die Äpfel zu schälen.

Die Schalen fielen in gleichmäßigen Spiralen ins Glas, das Fruchtfleisch lief braun an.

Da hinter mir Schritte.

Ich schrak zusammen, schnitt mir in den Finger.

Ach!, ich ertrage kein Blut, mir wurde schwindlig.

Einmal hatte Andreas sich auf dem Grundstück eine Platzwunde an der Stirn zugezogen. Es blutete furchtbar, ich wäre fast selbst zusammengebrochen. Zum Glück bandagierte die Nachbarin ihn rasch, dann fuhren wir ins Krankenhaus…

Jetzt wurde mir wieder ganz schummrig, meine Beine versagten, ich knickte ein.

Doch Olga sprang hinzu, setzte mich sanft auf den Stuhl, beugte mich nach vorne.

Was machen Sie da? Lassen Sie los!, fauchte ich matt.

Ich will nur helfen. Wo ist die Hausapotheke?, fragte sie ruhig.

Ich deutete nur mit dem Kopf.

Fünf Minuten später trank ich heißen, süßen Tee, der Finger war fachmännisch versorgt.

Nicht so viel rummachen, mahnte ich streng.

Ich will einfach etwas helfen, antwortete sie.

Dann gießen Sie sich auch ein. Allein schmeckts nicht, murrte ich.

Da fiel mir auf, wie ähnlich Olga mir war, in Haltung, Gestik, vielleicht im Gesicht… Oder war es nur der Schmerz? Mir fiel der Spruch einer alten Bekannten ein: Söhne suchen sich Frauen, die den Müttern ähneln! Ob da etwas dran ist?

Wir tranken den Tee schweigend. Ein süßer Geruch nach Äpfeln, nach Minze, nach Spätsommer hing im Raum als hätte man den Herbst direkt durchs gekippte Fenster hineingelassen.

Machen Sie Marmelade?, fragte Olga leise. Ihre rauchige Stimme passte überraschend gut in die Küche.

Ja, Andreas wollte helfen…, entgegnete ich.

Ich helfe. Ich muss etwas tun, sonst werde ich wahnsinnig Schlaftabletten helfen gar nichts, jede Nacht ist die Hölle, sagte Olga, griff das Messer, rutschte näher und begann die Äpfel zu schälen. Ich arbeite mich durch alles durch, bis ich umfalle, aber irgendwann holt mich alles wieder ein…

Sie sprach ununterbrochen, ohne eine Antwort zu verlangen, erzählte, wie ihr Sohn verschwunden war, wie sie ihn suchten, dass er mit schlechtem Umgang verkehrte, ihr Geld gestohlen hatte… Und jetzt das.

Sie haben im Büro angerufen, weiter weiß ich nichts mehr. Erst jetzt, hier, bin ich wieder halbwegs klar geworden…, schloss sie, zitterte.

Ich blickte sie streng an, sammelte mich und sagte dann:

Sie sollten meinen Sohn nicht in Ihre Angelegenheiten hineinziehen. Er ist ein guter, anständiger Mann, er hatte schon genug Kummer im Leben, gerade erst schöpft er wieder Hoffnung, und jetzt kommen Sie mit Ihren Leiden! Wie können Sie das verantworten?!

Meine Stimme überschlug sich, ich ließ das Poncho auf den Boden gleiten.

Er hat selbst entschieden zu helfen, sagte Olga leise.

Selbst? Ja! Andreas ist hilfsbereit, ein lieber Junge! Aber Sie nutzen das aus. Wo ist er überhaupt hin? Warum regelt er Ihre Probleme, und Sie sitzen hier? Sie glauben doch nicht allen Ernstes, dass er Sie heiratet! Mein Sohn wurde früher auch schon auf diese Weise benutzt Liebe war das keine, es ging nur ums Geld. Fünf Prozesse um Alimente, es war ihr immer zu wenig! Ich hab ihn mit Mühe da rausgeholt, er hat fast daran zerbrochen Ja, auch er hat einen Sohn Sebastian. Er litt so sehr, fing an zu trinken… Ich habe ihn gerettet! Und jetzt jetzt stehen wir gemeinsam im Leben!

Gegen wen?, unterbrach sie mich.

Diese Frage saß wie ein Schlag, ich zuckte tatsächlich zusammen.

Wen wohl? Das Leben! Die Ungerechten, die von meinem Sohn profitieren wollen. Wie Sie…, deutete ich auf Olgas verbundenen Finger.

Vor mir brauchen Sie keine Angst zu haben. Ja, ich mag Andreas, und er mich scheinbar auch. Aber ich weiß, wie viel Kummer ich bringe. Er hat mir einfach geholfen, die ersten Minuten durchzustehen, nach nach…, sie schluckte, hustete. Aber ich werde ihm nicht zur Last machen Sie sich keine Sorgen. Jetzt wohl erst recht nicht

Dann bestelle ich Ihnen ein Taxi. Sie fahren jetzt. Und rufen Andreas an, sagen ihm, dass er sich nicht mehr einmischen soll. Zum Wohl aller…

Es dauerte ewig, bis das Taxi kam; Olga saß auf der Treppe im Halbdunkel, weinte still. Drinnen brannte auch in mir auf einmal ein Schmerz, gegen den ich kaum ankam, doch ich durfte sie nicht trösten. Sie verbiss sich in die Hände, kniff die Augen zu.

Ich saß drinnen, hörte alles durch die Tür wie ein Hund am Teppich. Und lauschte.

Würde ich jetzt auch noch Andreas verlieren? Er war immer da gewesen, ein Griff er war bei mir. Bei Maria war er doch auch, aber trotzdem kam er immer, wollte ich ihn sehen. Diese kleine Welt mit Andreas war mein Trost, meine Freude, meine Fürsorge.

Nun war er anders geworden, selbstständig, half anderen Frauen… verschwand um Mitternacht, ohne zu essen.

Und Olga? Sie hatte ihren Sohn ganz verloren. Für immer. Für immer…

Mir wurde innerlich eiskalt. Was, wenn auch mir Andreas genommen würde? Wie weiterleben?

Zuerst schob ich es auf Olga, gab ihr die Schuld. Doch dann kam Mitgefühl. Ich bin doch kein harter Mensch, bloß zu sehr um mein eigenes Herz bemüht. Unter meinem warmen Poncho war nur ich und meine Liebe zu Andreas. Dabei habe ich auch eine Schwester den Kontakt lange verloren. Mein Freundinnenkreis existiert nur noch per E-Mail…

Aber da, auf der Treppe, weinte eine Frau, wie ein Tier in der Falle…

Ich erinnerte mich, wie Andreas einmal im Suff mit dem Kopf gegen die Wand schlug, ich ihn wegzog, er mich dabei stieß, wir beide weinten… Aber ich habe ihn noch Olga hat ihren Jungen verloren, für immer.

Kommen Sie wieder rein, es ist kalt. Sie müssen nicht weg. Hier, nehmen Sie mein Poncho. Es steht Ihnen bestimmt.

Olga nickte dankbar. Ich hatte meine Grenze überwunden, meine Welt geöffnet.

Das Taxi wurde abbestellt, wir kochten noch einmal Tee, schwiegen nun aber gemeinsam.

Andreas kam gegen Morgengrauen, leise, düster.

Meine Wenigkeit und Olga saßen auf dem Sofa, dicht aneinander, schliefen fast. Ich schnarchte sogar etwas, murmelte im Schlaf.

Sie ist schon alt…, dachte Andreas plötzlich. Alt, und fürchtet sich vor dem Alleinsein.

Ein ganzer Stapel Taschentücher lag vor uns.

In der Küche, in der großen Emailletopf unter dem Deckel, fand Andreas die in Zucker gezogenen Apfelstücke.

Er griff einfach zu, ohne sich die Hände zu waschen. Der Zucker knirschte, die Äpfel waren säuerlich, aber wurden im Mund süß. Die Mischung ließ einem die Wangen ziehen.

Olga wachte als Erste, blickte hoffnungslos zu Andreas.

Der schüttelte den Kopf.

Nicht er. Es sind seine Papiere aber er war es nicht.

Olga fing an zu weinen.

Ich schüttelte beim Erwachen die Wolldecke ab, sah ihn an, dann kamen auch mir die Tränen.

Nicht mein Kind! Nicht mein Junge!, flüsterte Olga, schluchzte, trocknete die Augen am Ärmel, konnte sich kaum beruhigen.

Gott sei Dank, Olga. Gott sei Dank!, schlug ich ihr den Rücken, stand auf und drückte meinen Sohn fest.

Mein Kind war längst erwachsen, brauchte weder mein Gemüse noch mein Kompott, einfach nur eine Mutter, die ihn liebte. Aber vielleicht war es Zeit, jemanden in meinem warmen Heim aufzunehmen, und Andreas Haus würde auch für jemand anderen zum Zuhause. Und das ist gut. Das gibt dem Leben neuen Sinn.

Olgas Sohn wurde später gefunden, es gab einen Gerichtsprozess, bei dem so stellte sich heraus ein alter Bekannter involviert war, der früher zu Besuch war, Geschenke brachte, Maria nach Hause begleitete, aber stets vor der Tür blieb… Michaels Wege waren tragisch, und doch vielleicht würde Olga in Andreas einen Menschen finden, der half, die Wunden zu heilen.

Sie, die Erwachsenen, hatten es verdient, wieder glücklich zu sein.

Ich lebe jetzt nicht mehr allein auf dem Land, Olga ist nun meine Schwiegertochter geworden eine interessante, belesene Frau. Andreas blüht regelrecht auf in ihrer Nähe, ist fast wie verjüngt.

Und mein alter Poncho hängt in der Diele, für jeden zum Wärmen bereit, wenn es in der Seele kühl wird. Er ist jetzt für alle, ein Stück Zuhause und Liebe für viele Herzen.

Sebastian hat ihn auch einmal anprobiert, schüchtern unter den Blicken seines Vaters, errötete dabei. Andreas lächelte. In seinem Haus sollte es allen warm ums Herz werden. Und letztlich ist es das, was zählt.

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Homy
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Andreas – Die bewegende Geschichte eines cleveren Berliner Jungen
Wölfe im Wald