Leschka Bedanow wuchs ohne Vater auf. Genauer gesagt, einen Vater hatte er, doch als Leschka vier Jahre alt war, verunglückte sein Vater tödlich.

Du, ich muss dir unbedingt von einer wirklich bewegenden Geschichte erzählen, die mir nicht mehr aus dem Kopf geht. Es geht um Paul Wiesner, der ohne Vater aufgewachsen ist. Also, streng genommen hatte er einen Vater, aber als Paul vier Jahre alt war, ist sein Vater bei einem Einsatz ums Leben gekommen.

Sein Vater, Herr Michael Wiesner, war bei der Feuerwehr im Auslandseinsatz und hat beim Retten nach einem Erdbeben in einer asiatischen Region sein Leben verloren zusammen mit Rex, seinem deutschen Schäferhund, den Michael seit dem Welpenalter großgezogen hatte.

Pauls Mutter, Gisela, ist nach dem Tod ihres Mannes nie wieder verheiratet gewesen und hat ihren Sohn ganz alleine großgezogen.

Mit 14 Jahren hat Paul sich dann beim Kinderhundeverein im örtlichen Vereinshaus angemeldet. Gisela war damit einverstanden, hatte aber insgeheim Angst, ihr Sohn würde den gefährlichen Weg seines Vaters gehen. Als Paul dann mit 16 einen Schäferhundwelpen nach Hause brachte, konnte er sich ewig nicht für einen Namen entscheiden.

Eines Tages kam er nach Hause und hörte, wie seine Mutter zu dem kleinen Racker meinte: “Ach du mein Schlingel, hast du schon wieder was angestellt, du kleiner Spitzbube!” Paul musste grinsen das hatte sie früher immer zu ihm gesagt, wenn er dreckig von draußen kam. Lachend rief Paul: “Na dann, der Kleine heißt ab jetzt Schlingel!”

Schlingel wurde innerhalb von zwei Jahren zu einem prächtigen, kräftigen und gut erzogenen Diensthund. Paul war unfassbar stolz auf sich und auf das Talent seines Hundes.

Dann kam irgendwann die Zeit zur Bundeswehr. Paul wollte unbedingt mit Schlingel zusammen Dienst tun und stellte den Antrag beim Kreiswehrersatzamt. Heimlich hat er Schlingel auf den Dienst vorbereitet und gehofft, dass sie beide zusammen die Prüfungen bestehen. Und tatsächlich sie wurden in ein Ausbildungszentrum versetzt und haben drei Monate geschuftet, um zu zeigen, dass sie bereit sind.

Danach wurden sie an die deutsch-tschechische Grenze versetzt. Die Leute auf der Wache nahmen die beiden herzlich auf, und alle nannten sie nur noch “Schlingel und Wiesner”. Wenn sie zusammen auf Streife gingen, hieß es immer: “Na, da gehen sie wieder, Schlingel und Wiesner!”

Das Leben im Einsatz verlief normal, bis bei einer nächtlichen Patrouille plötzlich alles anders wurde. Sie trafen auf Schmuggler, es kam zu einer Schießerei, ein Soldat wurde verletzt, ein anderer getötet und Paul verschwand spurlos.

Auch Schlingel wurde verwundet. Die ganze Einheit suchte tagelang das Grenzgebiet ab, aber Paul blieb vermisst. Wochenlang wurde gesucht, Zeitungen berichteten, aber es gab keine Spur von ihm.

Mit der traurigen Nachricht kam eines Tages ein Offizier zu Gisela nach Hause und brachte Schlingel zurück. Der Hund war inzwischen wieder fit, humpelte aber noch leicht auf der Vorderpfote.

Der Offizier schilderte alles, was passiert war, und versuchte, Hoffnung zu machen. Aber Gisela hörte kaum zu. Sie streichelte den Kopf von Schlingel, während er sanft seinen Kopf auf ihren Schoß legte und sie leise weinte. Dann sagte sie: Ach du mein Schlingel, was du alles aushalten musst

Seitdem sah man Gisela jeden Tag mit Schlingel im Park spazieren gehen. Sie bewegten sich langsam über die Wege, die Frau und ihr humpelnder Schäferhund, und irgendwas Besonderes lag in ihrer Erscheinung. Es war so, als wären sie mehr als nur Mensch und Hund als hielte sie ein ganz tiefes Band zusammen. Gisela gab ihm leise Befehle und sprach mit ihm über alles. Und Schlingel hörte aufmerksam zu, nie kläffte er, sondern ging brav an ihrer Seite.

Manchmal sagte sie: “Komm, Schlingel, heute backen wir Pilz-Piroggen und machen morgen einen Spaziergang an die Elbe, dann kannst du schwimmen.”

Ein Jahr ging vorbei. Wieder kam jemand von der Bundeswehr brachte Lebensmittel, Hundefutter und sagte, dass Paul, falls es auch im nächsten Jahr keine Hinweise auf ihn gäbe, offiziell für verstorben erklärt werden könnte.

Gisela hörte ruhig zu, bedankte sich mit einem leisen Lächeln und schloss mit den Worten die Tür: Glaub dem nicht, Schlingel. Paul lebt, das spür ich einfach.

Und dann, an einem ganz normalen Nachmittag, klingelte es ein junger Mann, den sie nicht kannte, stand vor der Tür. Gisela war unsicher, aber Schlingel wedelte sofort mit dem Schwanz.

Guten Tag, Frau Wiesner. Ich bin Moritz Schreiber. Ich habe mit Paul beim Bund gedient…, stotterte der Junge etwas verlegen und kraulte dabei Schlingels Ohren, na, du Schelm, erkennst mich, was?

Sie unterhielten sich bis spät am Abend. Moritz erzählte viel von der gemeinsamen Zeit im Einsatz, Gisela bewirtete ihn mit Tee und Streuselkuchen, zeigte Kinderfotos von Paul und schmunzelte über alte Geschichten.

Auf einmal wurde Moritz ganz ernst. Sie halten mich jetzt bestimmt für verrückt, sagte er ganz leise.

Gisela legte ihm beruhigend die Hand aufs Knie: Was gibts denn, Moritz?

Paul hat mir aufgetragen, Ihnen zu sagen, dass er ganz bestimmt nach Hause kommt.

Gisela brach in Tränen aus, hielt sich die Hand vor den Mund. Und Schlingel sprang zu Moritz, schnupperte ihn und bellte leise.

Ehrlich, Frau Wiesner. Ich habe ihn nicht gesehen, habe keine Ahnung, wo er steckt aber er ist mir vor zwei Wochen im Traum erschienen und hat mich gebeten, das auszurichten.

Gisela weinte hemmungslos, Schlingel leckte ihr die Hand, Moritz blieb still sitzen er wollte das Glück der beiden nicht stören. Er wusste selbst, dass ein Traum kein Beweis ist, aber er hätte niemals zu Gisela gehen können, ohne ihr diesen Hoffnungsschimmer zu bringen.

Ein weiteres Jahr verging. Die Leute im Park kannten den Anblick schon: Gisela mit ihrem tapferen, humpelnden Hund, im Gespräch versunken, ganz für sich.

Es wurde Herbst. Überall goldenes Licht zwischen den kahlen Baumkronen, und man spürte in der Luft diese sanfte Melancholie. Gisela und Schlingel gingen wie immer ihre Lieblingsrunde am Kanal entlang, als ihnen plötzlich auf dem Weg jemand entgegenkam ein großer Mann, gehüllt in Sonnenlicht, humpelte langsam auf sie zu.

Schlingel spitzte die Ohren, blieb stehen und winselte ganz leise vor Aufregung. Gisela ließ instinktiv die Leine los, und Schlingel rannte, so schnell ihn sein verletztes Bein trug, los direkt zu Paul, ihrem geliebten Sohn.

Sie stand einfach da, die Hände herunterhängend, und ließ ihren Tränen freien Lauf, als sie sah, wie sich Schlingel und Paul am Ende der Allee fest in die Arme schlossen.

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Homy
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