Liebes Tagebuch,
heute war es soweit: Ich habe meine Freundin meiner Mutter vorgestellt. Das Herz pochte mir bis zum Hals, als wir gemeinsam durch die Tür traten. Mama, das ist meine Freundin Annegret , brachte ich schließlich hervor, versuchte dabei gelassen zu wirken, aber die Nervosität stand wohl groß auf meiner Stirn. Und wir…, also…, wir möchten na ja, das Übliche eben…
Schon gut, ich ahne schon, was du willst, mein Junge, sagte meine Mutter und musterte Annegret neugierig von Kopf bis Fuß. Aber will das Mädchen auch, was du willst? Annegret, du kennst meinen Sohn doch schon eine Weile?
Annegret lächelte entspannt. Und wie ich den kenne. Ich könnte ein Buch über ihn schreiben.
Meine Mutter runzelte die Stirn. Wie bitte? Sagt man das so bei euch? Damen sollten sich etwas gewählter ausdrücken, oder?
Annegret grinste. In Deutschland sagt man halt mal salopp: Einen durchschauen wie ein offenes Buch. Aber es geht ja nicht nur um deinen Sohn, Frau Becker. Wir sollten uns auch kennenlernen vielleicht passen wir gar nicht zueinander?
Jetzt war meine Mutter tatsächlich erstaunt. Wie meinst du das?
Na ja, ich denke, wir werden oft zusammen dasitzen, auf dich wartend, wenn du wieder bei Freunden bist oder Fußball schaust und wir uns über deinen lauten Schnarcher amüsieren dürfen, neckte Annegret.
Meine Mutter wirkte überfordert. Aber was habe ich denn damit zu tun? Ihr habt doch bestimmt ein eigenes Zimmer hoffe ich jedenfalls.
Annegret zwinkerte. Trotzdem wartet jede Mutter doch nachts auf ihr Kind. Das ist nun mal so.
Ich wusste gar nicht, wie mir geschah. Was redet ihr denn da überhaupt über mich?
Sei ruhig, Max!, riefen die beiden Frauen im Chor.
Annegret wandte sich wieder meiner Mutter zu. Frau Becker, ich hätte eine ernst gemeinte Frage: Sind Sie eigentlich manchmal handgreiflich? Ihr Sohn rückt mit der Sprache nicht raus.
Meine Mutter riss die Augen auf. Handgreiflich? Wirklich? Doch nicht etwa ich?
Annegret lachte. Ach, manche Frauen sind da gar nicht zimperlich. Es gibt Ehemänner, die könnten so einiges erzählen!
Meine Mutter schlug die Hände vors Gesicht. Was für Ausdrücke… Was für Geschichten…
Annegret lehnte sich verschwörerisch vor. Seien Sie ehrlich, hatten Sie nie Lust, Ihrem Mann oder Sohn mal eine Kopfnuss zu verpassen?
Mutter überlegte kurz, fing sich dann aber schnell. Niemals!
Annegret schmunzelte. Das finde ich bemerkenswert, aber glauben kann ich es kaum. Eine Mutter mit so einem aktiven Burschen da hat man doch sicher schon mal geträumt, ihm einen Klaps zu verpassen. Haben Sie Max als Kind wirklich nie übers Knie gelegt?
Natürlich nicht!, diesmal war sie eindeutig ehrlich.
Dabei hätte es ihm gar nicht geschadet, Frau Becker, scherzte Annegret und tätschelte meinen Rücken. Solch ein Hinterteil, das immer Ärger sucht, sollte bekommen, was es verlangt. Aber insgesamt ist Max in Ordnung. Man kann ihn noch gut auf den richtigen Weg bringen. Möchten Sie vielleicht einen Tee? Ich habe extra einen kleinen Käsekuchen aus der Bäckerei Flöter besorgt.
Am Abend kam Papa von der Arbeit nach Hause. Meine Mutter konnte sich ein Strahlen nicht verkneifen und sagte gleich zur Begrüßung natürlich vor mir: Klaus! Unser Max wird wohl endlich heiraten!
Um Himmels willen! Ernsthaft? Papa grinste übers ganze Gesicht.
Jetzt beruhigt euch mal, warf ich ein. Ich überlege ja nur noch.
Doch da schaltete sich Mama wieder ein, und ihr Ton duldete keinen Widerspruch: Diesmal ist es sicher, Max. Und falls du dich doch umentscheidest, adoptiere ich einfach Annegret.
Mama, sie hat doch Eltern, lachte ich.
Ist doch egal! Dann bringe ich dich stattdessen ins Krankenhaus zurück und sage, sie haben mir das falsche Kind gegeben! Und dein Papa steht sowieso immer hinter mir.
Papa nickte und hob die Faust mit gespieltem Ernst: Ich schwörs, Junge!
So endete unser Kennenlernen voller typisch deutscher Direktheit, einer Prise Humor und jeder Menge Herz.
Bis morgen,
MaxAls wir an diesem Abend später gemeinsam am Esstisch saßen, jeder mit einem Stück Käsekuchen und einer großen Tasse Tee, blickten sich meine Mutter und Annegret immer wieder mit verschwörerischen Blicken an. Papa erzählte alte Geschichten aus seiner Jugend, Annegret lachte an den richtigen Stellen und nahm meine Hand unter dem Tisch.
Irgendwie fühlte es sich an, als hätte jemand einen Schalter umgelegt: Die Unsicherheit war verschwunden. Stattdessen lag da dieses eigenartige, warme Gefühl in meinem Bauch eine Gewissheit, dass das hier keine Fremdenrunde mehr war, sondern Familie. Nicht, weil irgendwer das anordnete, sondern weil es einfach passte.
Gegen Ende des Abends stand meine Mutter plötzlich auf, holte aus dem alten Buffet ein Polaroid raus und drängte uns zusammen: So, jetzt kommt ein Familienfoto. Vielleicht das erste von vielen.
Meine Eltern links und rechts, ich in der Mitte, Annegret eng bei mir. Blitzen, Lachen, ein Moment für die Ewigkeit. Der Käsekuchen schmeckte noch süßer.
Und während der Apparat langsam das Bild hervorzauberte, wusste ich: Manchmal reicht es, einfach durch die Tür zu treten. Der Rest ergibt sich von selbst ein bisschen Mut, ein bisschen Humor und ganz viel Herz vorausgesetzt.





