Nicht nach seinem Drehbuch

Nicht sein Drehbuch

Hast du es gesehen? Er hat tatsächlich eine Einladung geschickt. Auf Papier, im Umschlag, mit goldener Prägung. Als wäre es eine Soiree und nicht… Judith sprach nicht weiter. Sie legte den Umschlag zwischen die zwei Tassen auf den Tisch und trat ans Fenster.

Martina sah den Umschlag an. Schweres, cremefarbenes Papier, feine Verzierungen am Rand. Drinnen sie wusste es auch ohne Öffnen stünde so etwas wie Mit Freude verkünden wir, dazu das Datum, die Adresse eines Landgasthofs bei München, und die Namen. Seiner und ihrer. Alexander Viktor Behringer und… Josefine. Martina kannte ihren Nachnamen nicht. Und sie wollte ihn auch nicht wissen.

Mach ihn auf, sagte Judith von der Fensternische aus. Oder wirf ihn weg. Es gibt kein Drittes.

Martina nahm den Umschlag. Das Papier fühlte sich teuer an, mindestens 120 Gramm. Alexander mochte immer schöne, auffällige Sachen. Nur nie dezent.

Warum hat er das gemacht, sagte sie, keine Frage, sondern eine Feststellung und beide wussten, warum.

Weil er ein Trottel ist, sagte Judith trotzdem.

Nein. Weil er will, dass ich mich klein fühle. Damit ich sehe: Schau her, ich mache weiter, ich habe eine junge Braut, ich feiere ein Fest. Und du kannst kommen, wenn du es aushältst.

Judith drehte sich um. Sie war Martinas Freundin seit mehr als zwanzig Jahren, seit ihren Tagen als junge Lektorinnen im gleichen Verlag, voller Hoffnung und Lärm. Sie konnte zuhören, aber auch im richtigen Moment schweigen.

Was wirst du tun?

Martina legte den Umschlag zurück. Strich mit dem Finger am Muster entlang.

Ich weiß es noch nicht.

Das war wahr. Vor drei Monaten hätte sie ich gehe nirgendwo hin gesagt, dann geheult, und Judith hätte wie immer ihre Hand gehalten. Doch es war jetzt anderthalb Jahre her, seitdem Alexander ihr beim Frühstück, zwischen erstem und zweitem Schluck Kaffee, mit kühler Sachlichkeit erklärte, dass er geht. Dass er jemand anderen getroffen habe. Nichts Persönliches. So ist das eben. Wie jemand, der den Handyvertrag wechselt.

Eineinhalb Jahre. Martina hatte seitdem einige Phasen durchlebt. Erst aß sie nichts. Dann aß sie zu viel und sah sich im Spiegel mit jenem Gesichtsausdruck, wie jemand, der in der Tasche einen alten, fauligen Apfel findet. Dann sortierte sie alles, suchte Logik, fragte sich, wo genau es schiefging. Irgendwann hörte sie auf zu suchen.

Dann kam Konstantin.

Judith… ich werde hingehen.

Wohin? Zur Hochzeit?

Ja.

Judith schwieg einen Moment.

Mit wem?

Zum ersten Mal zeigte Martina ein Lächeln. Nicht besonders erfreut, aber es hatte etwas, das Judith stutzen ließ.

Das ist der interessante Teil, sagte Martina.

Konstantin hatte sie ein Jahr nach der Trennung kennengelernt. Nicht online, nicht über Freunde. Sondern in der Warteschlange beim Notariat, als sie den Wohnungsanteil umschreiben ließ, den sie und Alexander einst gemeinsam gekauft hatten. Alexander hatte ihr die Wohnung großzügig überlassen, wenn sie auf das Häuschen am Chiemsee verzichtete. Sie stimmte zu das Haus voller Erinnerungen, die fürs Loslassen waren.

Im Notariat warteten sechs. Konstantin saß gegenüber, tippte am Handy, schaute dann auf: Sind Sie schon lang hier?

Etwas über eine Stunde.

Dann noch vierzig Minuten.

Woher wissen Sie das?

Ich war schon das dritte Mal diese Woche hier. Ich kenne den Rhythmus.

Martina schaute genauer hin: etwa siebenundfünfzig, breite Schultern, ehrliche Müdigkeit im Gesicht nicht träge, sondern vom Tun. Etwas graues Haar, akkurat geschnitten, ein guter, aber unaufdringlicher Blazer. Ein Mann, der nichts beweisen muss.

Sie unterhielten sich die versprochenen vierzig Minuten leichtfüßig. Das überraschte sie seit Alexander fiel es ihr schwer, offen und unbeschwert zu reden. Nach ihm wog sie jedes Wort ab, achtete ständig auf verborgene Fallen. Aber bei Konstantin war das anders.

Er erzählte von Restrukturierung von Unternehmensbeteiligungen, womit er kriselnde Firmen kaufte, sie sanierte, verkaufte oder behielt. Er berichtete beiläufig, ohne zu prahlen. Martina fragte, ob es schwierig sei. Er meinte, nicht schwieriger als alles andere, was man mit Aufmerksamkeit mache.

Und Sie?

Ich bin Lektorin. Bei einem Kinderbuchverlag.

Ein guter Job.

Warum denken Sie das?

Weil Kinder ehrliche Leser sind. Die kaufen nichts, was ihnen nicht gefällt.

Martina überlegte und gab ihm recht.

Danach gingen sie hinaus. Anfang Oktober, die Blätter gelb, Luft voller Herbst, der zum Gehen und Nachdenken einlädt. Konstantin schlug Kaffee vor. Martina wollte ablehnen, aus der neuen Gewohnheit heraus alles Gute zu meiden Gutes neigte dazu, zu verschwinden. Dann sagte sie doch ja.

Sie saßen am Wiener Platz im Café, tranken Kaffee. Für sie war es merkwürdig, aber nicht schlecht. Sondern ungewohnt. Seit Langem hatte sie sich nicht mehr so einfach gefühlt mit einem Menschen.

Wiedersehen folgten. Zu Weihnachten war es regelmäßiger, kein Zufall mehr.

Judith bekam das alles mit, aber äußerte sich kaum. Nur einmal fragte sie:

Ist er normal?

Normal.

Das bedeutet viel, sagte Judith.

Und für Martina bedeutete normal nach Alexander sehr viel. Alexander war charmant, klug, beeindruckend, großzügig aber nie normal. Ein normaler Mensch verlässt niemanden morgens ohne Erklärung. Und schickt keine Hochzeitseinladung an die Ex, um zu sticheln.

Martina war mit Alexander achtzehn Jahre zusammen. Nie verheiratet das hatte er immer vertröstet. Jetzt war klar, warum.

Sie hatten keine Kinder. Ein Thema, das Martina selbst mit Judith nie ansprach. Es war einfach so. Nach Alexanders Weggang spürte sie diese Tatsache wieder sie wurde zur Gestalt, die neben ihr stand. Martina schob sie fort, wie sie es einst lernte: einfach wegsehen.

Konstantin wusste von Alexander. Martina erzählte ohne Drama, als Fakt. Er hörte zu, unterbrach nicht, tröstete nicht. Als sie fertig war, sagte er:

Achtzehn Jahre sind lang.

Ja.

Was fühlst du jetzt für ihn?

Sie dachte ehrlich nach.

Nichts Besonderes. Manchmal Überraschung. Dass ich so vieles lange nicht sah.

Was denn?

Dass ihm vor allem wichtig war, der Erste zu sein nicht im Leben, sondern in den Augen anderer. Ein kindlicher Bedarf nach Aufmerksamkeit. Ich hielt es lange für etwas anderes.

Konstantin nickte. Sagte nicht mehr.

Dieses Nicht-zu-viel-Sagen schätzte sie an ihm am meisten.

Die Einladung zu Alexanders Hochzeit lag drei Tage auf ihrem Tisch. Martina lief daran vorbei, schaute, dachte nach. Dann öffnete sie. Drin: wie erwartet, schöner Text, hochwertiges Papier, Termin in eineinhalb Monaten, Gasthof Birkenhof außerhalb von München, Adressangabe, Bitte um Rückmeldung.

Sie griff zum Handy, rief Konstantin an.

Hallo.

Stör ich?

Geht schon. Was ist los?

Ich hab eine Einladung bekommen. Mein Ex heiratet. Ich will hingehen. Kommst du mit?

Kurze Pause.

Erzähl.

Sie schilderte alles. Umschlag, Prägung, dass es kein Zeichen von Freundlichkeit war, sondern etwas anderes. Konstantin hörte zu.

Verstehe. Wann?

In eineinhalb Monaten. Am dreiundzwanzigsten.

Okay. Ich bin dabei. Aber vielleicht habe ich bis dahin eine Neuigkeit, die den Abend… ungewöhnlich macht.

Was für eine?

Noch zu früh.

Martina bohrte nicht nach. Sie wusste, Konstantin sprach erst, wenn er bereit war.

Die Nachricht bekam sie zwei Wochen später. Sie saßen in ihrer Küche beim Essen; Konstantin hatte Hähnchen mit Gemüse gekocht, wieder einmal besser als sie es konnte, auch wenn sie es nie laut sagte. Er goss Tee ein, setzte sich:

Weißt du noch, die Firma Granit Invest…?

Die mit Logistik?

Genau. Ich habe sie vergangene Woche gekauft.

Glückwunsch, sagte Martina. Ein gutes Investment?

Durchaus. Es gibt noch Probleme mit dem Personal, aber ich arbeite daran. Rund hundertzwanzig Leute. Darunter jemand, den du kennst.

Martina stellte die Tasse ab.

Wer?

Behringer, Alexander Viktor. Drei Jahre lang schon Vertriebsleiter.

Stille. Draußen brausten Autos vorbei.

Wusstest du das?, fragte Martina leise.

Nicht beim Einstieg. Erst später, als ich mir die Belegschaft ansah. Dann erinnerte ich mich an deine Geschichte. Name, Vorname, Alter passen.

Sie sahen sich an.

Und jetzt?, fragte sie.

Nichts. Es ist meine Firma, meine Entscheidung. Ich trenne Privates und Berufliches. Aber du sollst es wissen. Denn es betrifft auch dich.

Wie das?

Konstantin zuckte die Schultern.

Allein schon, weil wir gemeinsam auf der Hochzeit auftauchen. Er sieht dann, wer ich bin. Und später erfährt er, dass ich sein Arbeitgeber bin. Das ist eine besondere Situation, an die du denken solltest.

Martina ging ans Fenster, blickte auf die Münchner Dämmerung.

Glaubst du manchmal, das Leben sortiert alles von selbst, ganz ohne Zutun?

Ja. Ich habs aber nie beurteilen können, ob das gut ist.

Und jetzt?

Kommt drauf an, was du daraus machst.

Sie drehte sich um.

Was sollte ich tun?

Nichts. Du bist zu nichts verpflichtet. Ich sage dir nur, was ist. Er arbeitet für mich. Seine Karriere hängt ein Stück von meinen Entscheidungen ab. Nur du entscheidest, wie du damit umgehst.

Sie schwieg.

Ist er gut im Job?

Nach allem, was ich sehe, ja. Ein guter Verkäufer, verhandelt geschickt. Ein klassischer Vertriebsleiter mit Kompetenz.

Also wirst du ihn nicht feuern?

Nicht, wenn er abliefert.

Martina nickte langsam.

Gut, sagte sie. Dann gehen wir einfach zur Hochzeit.

Einfach zur Hochzeit, stimmte Konstantin zu.

Sie tranken ihren lauwarmen Tee.

Warst du mal verheiratet? Sie wusste es, aber sie wollte es hören.

Ja. Vor Jahren. Zwölf Jahre lang. Die Trennung war friedlich, unsere Tochter lebt in Hamburg, das Verhältnis ist gut. Erwachsene Leute.

Erwachsene Leute, wiederholte Martina. Das zählte.

Die Wochen bis zur Hochzeit verliefen ruhig. Martina las Manuskripte, rang mit Autoren über Dialoge zwischen Kindern und Großeltern, damit sie lebendig klangen. Traf Konstantin zwei-, dreimal die Woche. Alexander war nun ein Abwesender der Schmerz vergangen, zurück blieb Erinnerung wie an einen Traum, den man nicht mehr versteht.

Judith rief eine Woche vor der Hochzeit an.

Du gehst wirklich?

Ja.

Mit Konstantin?

Mit Konstantin.

Martina, sagte Judith vorsichtig, weißt du auch warum?

Martina überlegte. Oft hatte sie sich das gefragt. Erst war es Neugier, dann Abschluss, dann der Wunsch, gesehen zu werden und alles gleichzeitig. Das war in Ordnung.

Weil seine Einladung keine noble Geste war, sagte sie. Ich hätte ignorieren können. Aber ich will kommen. Nicht, weil ich muss. Weil ich kann. Weil ich jetzt in Ordnung bin nicht wie vor eineinhalb Jahren. Und das darf er ruhig sehen. Für mich, nicht für ihn.

Judith schwieg, dann meinte sie: Dann kleide dich so, dass er merkt, was er verloren hat.

Martina lachte ehrlich.

Versprochen.

Sie wählte ihr Kleid lange nicht, weil sie nichts anzuziehen hatte, sondern weil es stimmen musste. Am Ende wurde es ein dunkelblaues, schlicht geschnitten, aus gutem Stoff. Keine Rüschen, kein Glitzer. Nur Farbe und Silhouette. Sie machte sich selbst die Haare zurecht, ließ Silber durchscheinen es stand ihr mittlerweile.

Der Blick in den Spiegel zeigte ihr eine Frau von dreiundfünfzig. Nicht jünger, nicht älter. Eine Frau, die weiß, wer sie ist.

Genau richtig.

Konstantin holte sie pünktlich ab. Er war immer pünktlich. Als sie die Tür öffnete, musterte er sie und sagte:

Sehr schön.

Nicht du siehst umwerfend aus einfach treffend. Martina schätzte das.

Sie fuhren schweigend. Dezember, Schnee am Straßenrand, gelbe Lichter. Vierzig Minuten zum Gasthof.

Bist du nervös?, fragte er.

Ein bisschen. Stört dich das?

Im Gegenteil. Wann hast du ihn das letzte Mal gesehen?

Letzten Februar, beim Notar wegen der Wohnung. Er kam mit ihr, mit Josefine. Sie wartete draußen, rosa Daunenmantel.

Konstantin nickte nur.

Sie ist hübsch, sagte Martina sachlich. Etwa dreißig, vielleicht zweiunddreißig. Blonde lange Haare. Ein Gesicht, das Eindruck macht, aber leicht vergisst.

Und was hast du damals empfunden?

Unbehagen. Nicht, weil sie attraktiv ist. Sondern weil er sie ansah, als wäre sie sein Beweis. Vor allem für sich selbst.

Wofür?

Dass er noch jung ist. Dass er noch kann, dass sein Leben weitergeht. Kurzes Schweigen. Ich hatte Mitleid mit ihm. Das ist schlimmer als Ärger.

Konstantin sah kurz zu ihr, dann zurück auf die Straße.

Das Mitleid ist weg?

Schon lange.

Gut.

Gut, sagte sie.

Der Birkenhof trug seinen Namen zu Recht: ein großes, hölzernes Haus zwischen weißen Birken, Lichter, Schnee auf den Ästen, geparkte Autos. Martina betrachtete das Bild. Vielleicht hatte Josefine ausgesucht Alexander war bei Geschmack vorhersehbar: entweder protzig oder nach Empfehlungen.

Drinnen Wärme, Tannenduft und Gebäck. Die Halle dezent dekoriert, Weiß und Grün, Kerzen, frische Zweige in Vasen. Circa vierzig Gäste, einige bekannte Gesichter, die zu Alexanders Umfeld gehörten. Manche sahen Martina überrascht, manche neugierig an.

Das Brautpaar war noch nicht erschienen.

Martina nahm ein Glas Wasser. Konstantin stand gelassen daneben, als stehe ihm ein Geschäftstermin bevor. Vielleicht war es für ihn so. Oder er konnte in jeder Lage ruhig bleiben ein Talent.

Dann sah sie Alexander.

Er trat mit Josefine aus einer Seitentür. Josefine trug ein weißes, kurzes Kleid mit Spitzenärmeln, blondes Haar hochgesteckt, das Gesicht wach und aufgeregt und glücklich. Martina schätzte: höchstens dreißig. Offenbar glücklich. Ihr gutes Recht.

Alexander im dunklen Anzug, weißes Hemd. Ein wenig runder geworden über die Monate, braun gebrannt anscheinend gereist. Sah gut aus, wie immer. Das musste man ihm lassen.

Er registrierte Martina nach ein paar Sekunden. Sein Blick schweifte über die Halle, blieb dann stehen. Etwas in seinem Gesicht veränderte sich kaum sichtbar. Überrascht, doch auch wie erwartet.

Martina nickte ihm freundlich, ohne Lächeln, zu.

Er nickte zurück.

Konstantin hatte inzwischen mit einem anderen Gast gesprochen, einem alten Bekannten aus Geschäftskreisen, wie sich hinterher zeigte. Selbst hier kannte er die richtigen Leute.

Sie saßen beim Essen an einem seitlichen Tisch. Die Zeremonie war klein und leise. Martina beobachtete. Alexander blickte mehrmals zu ihr oder eher zu Konstantin. Er maß ab, musterte, kalkulierte. Diesen berechnenden Blick kannte sie gut.

Josefine genoss ihren Abend unbeschwert, sprach mit Freundinnen, lachte, hielt Alexander bei der Hand. Martina dachte, in zehn Jahren wird sie vielleicht etwas an Alexander erkennen, oder auch nicht. Manche Menschen werden nie klüger das darf auch so sein.

Plötzlich kam Alexander herüber, allein.

Martina, sagte er, ich freue mich, dass du gekommen bist.

Etwas Komplexes lag in seiner Stimme, Zufriedenheit gepaart mit Ratlosigkeit.

Herzlichen Glückwunsch, entgegnete sie.

Das ist Konstantin? Alexander deutete zu Konstantin, der sich gerade entfernte.

Ja.

Stellst du vor?

Wozu?

Alexander lächelte mit seiner alten, charmanten Miene, die Martina früher geliebt hatte.

Nur Neugier. Er macht einen… nachhaltigen Eindruck.

Das tut er, bestätigte Martina.

Was genau macht er?

Er arbeitet.

Alexander schwieg eine Sekunde, begriff, dass weiteres Nachforschen sinnlos war.

Du siehst gut aus, sagte er dann.

Ich weiß.

Das war nicht schroff, nur Wahrheit. Martina sah, wie sich etwas in seinem Blick veränderte. Früher hatte sie Komplimente schüchtern, fast schuldbewusst angenommen. Die Zeit war vorbei.

Konstantin kehrte zurück. Alexander wandte sich ihm zu.

Guten Abend, sagte Alexander. Alexander Behringer. Bräutigam heute, und lächelte kurz.

Ich weiß, sagte Konstantin sachlich. Konstantin Reuter. Glückwunsch.

Schon lange mit Martina bekannt?

Etwas mehr als ein Jahr.

Aha. Alexander überlegte. Was machen Sie beruflich?

Ich führe mehrere Firmen.

Im welchen Bereich?

Verschiedene. Letzte Akquise war vergangenen Monat, Logistik. Granit Invest.

Die Pause war lang genug, um von allen bemerkt zu werden.

Martina sah, wie Alexander das Lächeln verlor, dann wiederaufschob ein Ersatzlächeln.

Tatsächlich?, sagte er. Stimme ruhig, fast.

Tatsächlich, sagte Konstantin.

Ein ungewöhnlicher Zufall.

Kommt vor, erwiderte Konstantin, ohne Ironie, bloß neutral.

Alexander schaute Martina an. Sie sah zurück, ohne Triumph, ohne Regung. Wie zu einem Bekannten aus alten Tagen.

Dann… schön, Sie kennenzulernen.

Ebenso, sagte Konstantin.

Alexander entfernte sich. Martina verfolgte ihn mit Blicken. Er ging zu Josefine, drehte sich nicht um. Gut gemacht. Er wusste, wie man Contenance wahrt.

Hast du es bemerkt?, flüsterte Konstantin.

Ja.

Und?

Martina nahm ihr Glas sie trank kein Alkohol auf fremden Festen.

Nichts. Das ist die richtige Antwort.

Sie blieben noch eine Stunde. Dann signalisierte Martina, dass sie gehen wollte. Sie verabschiedete sich, beobachtete im Augenwinkel, wie Alexander zu ihnen schaute, während sie zum Ausgang gingen. Sie drehte sich nicht um.

Im Auto war es warm. Draußen Schnee, Laternen, wenige Lichter auf der Landstraße. Konstantin schwieg. Martina auch. Dann sagte sie:

Weißt du, was ich denke?

Was?

Vor eineinhalb Jahren hätte mich eine solche Einladung klein gemacht. Genau das wollte er. Dass ich mich still fühlte, während er vorwärtsgeht. Aber jetzt weiß ich: ich stand nicht still. Ich ging einfach woandershin. Und da ist es spannender.

Konstantin lächelte sacht eine seiner seltenen, weichen Regungen nur in den Mundwinkeln.

Was machst du nun mit diesem Wissen?

Nichts. Martina sah aus dem Fenster. Einfach wissen. Es genügt.

Sie schwiegen weiter. Die Lichter zogen vorbei. Martina dachte daran, dass sie das Manuskript morgen zurückgeben, Judith anrufen und berichten sollte, dass der Dezember fast vorbei war. Und dass da ein guter Mensch neben ihr saß keine Kleinigkeit.

Sie dachte einen Moment an Alexander. Ohne Bedauern. Ohne Bitterkeit. Einfach so. Am Morgen würde er neben Josefine aufwachen, vielleicht glücklich sein oder so tun. Abends, in ein paar Tagen oder Wochen, würde er nach Konstantin Reuter recherchieren. Darin war sie sicher. Alexander hasste offene Fragen vor allem, wenn sie seine Position betrafen.

Und er würde fündig werden.

Was dann passierte, wusste Martina nicht. Aber ihre Rolle war gespielt. Nicht weil jemand gewann oder verlor. Jeder bekam, was er vorbereitet hatte. Alexander schickte eine Einladung. Sie kam.

Der Rest lag jetzt bei ihm.

Konstantin bog in ihre Straße. Parkte.

Kommst du noch rein?, fragte Martina.

Nein, ich fahr heim. Hab morgen früh ein Meeting.

Sie nickte. Öffnete die Tür, dann hielt sie inne.

Konstantin?

Ja?

Wann sagst du ihm… du weißt schon… deine Pläne für die Firma? Wer bleibt, wer geht?

In etwa einem Monat. Nach der Prüfung.

Und was entscheidest du mit ihm?

Konstantin sah sie offen an.

Das hängt allein von seiner Arbeit ab. Ich habe es dir gesagt.

Du hast es gesagt. Ich wollte nur sicher sein.

Bist du?

Ja.

Sie stieg aus. Der Schnee knackte frisch unter ihren Schritten. Oben auf der Treppe drehte sie sich um. Konstantin wartete, bis sie im Haus war. Eine von vielen kleinen Aufmerksamkeiten.

Martina winkte, schloss zu.

Zu Hause war es ruhig. Sie zog sich um, ging in die Küche, setzte Wasser auf. Währenddessen saß sie still am Tisch, wo vor Wochen der Umschlag gelegen hatte. Der Tisch war leer. Den Umschlag hatte sie gleich vernichtet, nicht zerrissen, einfach weggeworfen.

Der Wasserkocher pfiff. Martina schenkte sich Tee ein.

Ihr Handy lag griffbereit. Sie schrieb an Judith: Ich war da. Alles okay. Erzähl dir morgen.

Die Antwort kam sofort drei Fragezeichen.

Martina grinste.

Morgen, schrieb sie und legte das Handy weg.

Der Tee war warm. Draußen fiel Schnee. Sie saß, trank, dachte ans Manuskript, die Gardine, die gewechselt werden musste, die Planung für Silvester.

An Alexander dachte sie nicht. Er blieb am Birkenhof zurück, zwischen weißen Stoffen, Kerzen, Birken. Das war seine Geschichte, seine Feier. Seine Zukunft, die nur er versteht.

Martina hatte längst aufgehört, die Hintergründe begreifen zu wollen.

Sie trank den Tee aus, spülte die Tasse, löschte das Licht in der Küche.

Im Bett sah sie draußen noch den leichten Schein des fallenden Schnees.

Sie dachte an morgen: Manuskript, Anruf bei Judith, vielleicht abends Konstantin. Ein ganz normaler Dezembertag.

Es reichte.

Drei Wochen später rief Judith an. Freitag mittags Martina arbeitete gerade im Verlag.

Hast du es gehört?

Was?

Alexander hat Tamara angerufen. Du weißt schon, Tamara, damals aus dem Verlag, jetzt in der Werbung?

Klar. Die kennen sich ewig.

Eben. Er fragte sie wegen Konstantin aus. Wer er ist, wie er und du euch kennengelernt habt, wie lange ihr zusammen seid…

Martina schwieg.

Hat sie was erzählt?

Nur, dass sie keine Details kennt. Aber Alexander war irgendwie komisch. Nicht wie sonst.

Ich verstehe, sagte Martina ruhig.

Tangiert dich das nicht?

Martina schaute aus dem Fenster grauer Februartag, noch Schnee.

Nein. Hatte ich erwartet.

Und nun?

Weiterleben.

Judith zögerte. Dann:

Weißt du, was mich wundert?

Was?

Dass es dir egal ist wirklich egal. Ich kenne dich zwanzig Jahre. Früher hat dich so vieles beschäftigt. Jetzt… du bist anders.

Nein, ich bin nur ich selbst. Ich habe verstanden, dass ich seine Bestätigung nie gebraucht habe. Ich glaubte nur, sie zu brauchen. Das ist ein Unterschied.

Judith schwieg, dann sagte sie sanft:

Martina, ich freue mich für dich. Komm nächste Woche vorbei es gibt Apfelkuchen.

Mit Zimt?

Mit Zimt.

Dann komme ich auf jeden Fall.

Sie verabschiedeten sich. Martina legte das Handy weg, nahm das Manuskript, schlug an der Stelle auf, wo ein achtjähriges Mädchen die Oma fragt, warum Erwachsene oft nicht sagen, was sie denken.

Sie las die Stelle noch mal, griff zum Bleistift.

Schrieb am Rand: Oma sollte schlicht antworten ohne weitere Erklärungen. Kinder spüren Wahrheit.

Kurz überlegt, dann ergänzt: Erwachsene übrigens auch.

Einen Monat später erzählte Konstantin bei ruhigem Abend, dass er die Überprüfung in Granit Invest abgeschlossen habe.

Behringer bleibt. Er ist wirklich gut mit Kunden. Solche Leute sind selten.

Gut, sagte Martina.

Stört es dich nicht?

Warum sollte es? Ist deine Firma.

Und wenn ich ihn gekündigt hätte?

Martina sah auf.

Auch gut, wenn es ein nötig geschäftlicher Schritt wäre. Mach nichts für mich. Das will ich nicht.

Konstantin sah sie einige Sekunden an.

Ich weiß. Deshalb sage ich es dir wie es ist.

Martina nickte. Sie schwiegen. Draußen März, nicht mehr Winter, noch kein Frühjahr.

Er wollte ein Gespräch, sagte Konstantin.

Alexander?

Ja. Schrieb, er wolle Perspektiven besprechen, seine Rolle ganz klassisch.

Und, gehst du hin?

Hab zugesagt nächste Woche.

Martina dachte darüber nach: Wie es für Alexander sein musste, vor Konstantin zu sitzen, zu wissen, dass sie jetzt zu diesem Kreis gehörte nicht, weil sie es beabsichtigt hätte, sondern weil das Leben es so schob.

Vielleicht würde er einen Hauch dessen spüren, was sie damals spürte, als er beim Frühstück ging. Vielleicht nie.

Sagst du ihm, dass wir zusammen sind?

Nur, wenn er fragt. Warum extra herausstellen?

Nein, du hast recht.

Sie griff nach ihrem Buch vom Verlag. Konstantin goss noch Tee ein. Sie blieben in jener Stille, die friedlich, nie unangenehm war. Solch ruhige Stille verdient man sich erst. Nicht beim ersten Besten.

Martina las. Oder tat so. Sie dachte eher an Lebensgeschichten, die nie so verlaufen, wie man plant. An Beziehungen nach fünfzig, die anders funktionieren als mit dreißig ohne Eile, ohne ständige Beweispflicht. Zwei Menschen, die aus Erfahrung wählen, zusammenzugehen aus anderen Gründen als Gewohnheit oder Angst.

Martina dachte über Weisheit nach, die weniger mit Alter zu tun hat als mit dem, was man durchlebt und verarbeitet hat. Über echten Abschiedsschmerz, wenn man sich nicht betrügt, sondern bis zum Grund geht, um sich wirklich zu lösen. Es dauert; bei ihr anderthalb Jahre. Aber es geht.

Sie blätterte um.

Konstantin?

Ja.

Glaubst du, er versteht, dass das alles so kam, ohne dass jemand es geplant oder arrangiert hat?

Alexander ist klug. Kluge Leute begreifen solche Dinge.

Und wie geht es ihm damit?

Das ist sein Problem, nicht unseres.

Martina nickte. Sie musterte das Buch.

Weißt du… als er die Einladung schickte, dachte ich, es geht um mich. Dass er mir damit etwas sagen will. Dabei gings nur um ihn. Alles war nur über ihn.

Genau, bestätigte Konstantin.

Beziehungspsychologie ist wirklich seltsam, fuhr sie fort. Man meint, einen Menschen zu kennen. Achtzehn Jahre. Doch am Ende sieht man immer nur das, was er einen sehen lässt.

Das gilt für uns alle, nicht nur für ihn.

Jetzt ist es anders.

Ja. Aber besser oder schlechter keine Ahnung. Nur anders.

Konstantin sagte nichts mehr. Martina las nun wirklich.

Der Frühling kam Ende März. Der Schnee verschwand, wo er Sonne abbekam, in den Schatten lag er noch. Martina lief die Innere Wiener Straße entlang, dort, wo sie das erste Mal mit Konstantin Kaffee getrunken hatte. Sie blieb nicht stehen.

Das Telefon klingelte eine unbekannte Nummer. Sie nahm ab.

Martina? Hier ist Alexander.

Sie war nicht überrascht.

Ja.

Hast du gerade Zeit?

Ja, kurz.

Ich wollte nur… Pause. Er suchte nach Worten außergewöhnlich für ihn. Ich hätte nicht gedacht, dass du wirklich kommst. Und dass… ist ja auch nicht wichtig.

Warum rufst du dann an?

Pause.

Wie gehts dir?

Sie sah hinaus: nasse Straßen, die ersten Leute ohne Mützen, Tauben vor dem Café.

Gut. Und dir?

Ganz okay.

Freut mich für dich.

Schweigen.

Martina wusstest du das, wegen der Firma, wegen Reuter?

Kurz vor der Hochzeit.

Und du bist gekommen.

Ich bin gekommen.

Wieder Schweigen. Sie wartete.

Es war… ehrlich.

Ja. Es war ehrlich.

Na dann ich… alles Gute.

Dir auch.

Sie steckte das Telefon ein. Stand noch kurz. Dann lief sie weiter. Die Tauben flatterten auf, setzten sich wieder. Es war früher, aber wahrer Frühling.

Martina ging zur Arbeit zurück, zu ihren Manuskripten, Diskussionen darüber, wie Worte lebendig klingen. Sie dachte: Das ist eine gute Arbeit. Sie konnte froh sein, sie zu haben. Manches im Leben war richtig eingerichtet, auch wenn man es lange nicht sieht.

Das Handy blieb stumm.

Hinter den Häusern leuchtete die milde Frühlingssonne sanft aber echt.

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Homy
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