Einzelstück
Hilde atmet tief durch, öffnet langsam die Augen und lauscht.
Im Haus ist es so still, dass sie das Ticken der Wanduhr im Erdgeschoss, in der Küche, hören kann.
Lotta, die Schäferhündin, jammert leise und zieht Hilde immer wieder an ihrem Pyjamaärmel, tippelt unruhig hin und her, stupst mit ihrer nassen, rauen Zunge an Hildes Gesicht, rennt zur Tür, schlägt mit dem Schwanz dagegen, kehrt dann aber wieder zurück zum Bett.
Hilde dreht sich entschieden weg.
Nein, sie geht jetzt nicht raus zum Spazieren. Heute muss sie richtig ausschlafen! Sie will aus diesem Dämmerzustand des Schlafs so viel wie möglich rausholen!
Hilde! Hildchen, bist du schon wach? Nein? Komm, wir gehen! hört sie Opas Stimme durch die Tür.
Also wirklich! Sie hatte extra gesagt, sie wollen sie nicht stören! Aber nein Lotta und Opa sie geben keine Ruhe, wollen Hilde dauernd irgendwohin mitschleppen. Gestern Abend zum Beispiel: Da haben sie sie noch in den Park gezerrt, um Glühwürmchen zu sehen. Die winzigen Tierchen schwebten scheinbar über der Wiese, Lotta, Großvaters Schäferhündin, winselte neugierig, schiefte den Kopf und betrachtete sie.
Die versteht, was los ist, das Tier! erklärte Opa Paul stolz das Verhalten des Hundes. Na, Hilde, hörst du das?
Was soll ich hören? Ich gähne nur noch, meine Kiefer tun schon weh! murmelt Hilde, lehnt sich an Opas Schulter.
Hörst du, wie der Abend heranschleicht? Ganz leise, mit den Pfoten auf weichen Ballen flüstert Paul.
Ach Opi… Seit Kindheit nennt Hilde ihren Opa so. Ich höre nur, wie meine Kiefer knacken. Na gut, ich gehe schon, okay?
Paul nickt. Die Enkelin war müde, hat’s in der Großstadt schwer gehabt, ist ganz blass geworden und abgenommen. Aber das wird schon! Opa bekommt seine Hilde schon wieder auf die Beine!
…Hilde blinzelt auf die Uhr. Das Ding, so ein gescheites, modernes Teil, zeigt ihr an, dass sie heute noch keinen einzigen Schritt gemacht hat, dass sie hervorragend geschlafen hat, und dass in Kürze Regen zu erwarten ist.
Opa! Es ist erst sechs! Ich schlafe noch! ruft sie zur Tür und schiebt Lotta von sich, rollt sich unter die Bettdecke.
Die Schäferhündin seufzt, Paul öffnet ganz leise die Tür, pfeift und ruft Lotta zu sich. Lotta tappt brav hinterher. Sie gehen heute eben ohne Hilde, aber morgen…
…Nachdem sie sich voll ausgeschlafen und ausgiebig im Bett gewälzt hat, steht Hilde endlich auf, schneidet vor dem alten, leicht blinden Spiegel von Oma ein paar Grimassen der Rahmen ist aus Messing, mit verschnörkeltem Muster.
Hilde! Ich höre, wie du herumläufst. Komm zum Frühstück! Sonst wird alles kalt! tönt es schon von unten, die Treppe knarzt, Opa taucht wieder auf, dreht sich beschämt weg, weil Hilde gerade den Schlafanzug auszieht.
Paul kann sich immer noch nicht daran gewöhnen, dass seine Enkelin jetzt erwachsen ist, räuspert sich verlegen.
Ich komme ja schon! Lotta, gib den Socken her! Opa, sag ihr doch was! Gutsch, du Lump!
Doch Lotta saust schon mit dem Socken die Treppe runter und fiept fröhlich, aber als sie eine bunte Schmetterlingsmotte in der Küche entdeckt, lässt sie den Socken fallen, hüpft aufgeregt hinterher, schnappt nach ihr und schlägt dabei mit dem Schwanz gegen alle Stühle.
Jetzt reichts! Du, Sonne, ab zur Tür was stöberst du hier im Fenster herum? fragt Paul den Schmetterling, macht die Flügelfenster weit auf.
Das Tier flattert noch ein wenig durch das Zimmer, setzt sich auf die Lampe, und schwirrt dann Richtung Fenster, aus dem es nach frisch gemähtem Gras, süßlichem Wiesenduft und harzigem Kieferngeruch strömt.
Lotta knurrt vor Enttäuschung.
Jetzt sei ruhig! Du bist doch kein Welpe mehr tadelt Paul sie, wendet den Pfannkuchen mit seinen dicken Fingerspitzen, hilft sich mit der Gabel.
Auf der Pfanne zischt und duftet es so, wie es nur Opa kann.
Opa brät nämlich Pfannkuchen, steckt viel Butter hinein und streitet sich darüber mit jedem, der behauptet, sie müssten gebacken werden.
Opa, Cholesterin! schimpft Hilde.
Butter macht alles nur besser! Und du futterst sowieso alles weg! Kritisier den Künstler nicht, sonst gibts keine mehr! schnarrt Paul und korrigiert die Schleife seiner karierten Schürze mit Katze darauf.
Diese Schürze und zwei passende Topfhandschuhe hatte Hilde einst Oma aus Lübeck mitgebracht, als sie dort mit dem Orchester auftrat. Später waren die beiden mit Marie, der Geigerin, aus dem Hotel abgehauen, um durch die Stadt zu schlendern, Leute zu beobachten, Häuser zu bestaunen, Kaffee zu trinken und stundenlang in einem kleinen Laden für Handgemachtes zu stöbern. Hilde sortierte die Taschen, Geldbörsen, Deckchen, Tücher und die damals modernen Fäustlinge mit Füchsen oder Hirschen. Und blieb an genau dieser Schürze hängen und wusste: Die braucht Oma.
Es gibt auch passende Topfhandschuhe dazu! lächelte die Ladenbesitzerin. Möchten Sie?
Klar! Und die Fäustlinge mit den Füchsen! lachte Hilde begeistert und zückte den Geldbeutel.
Och Hilde, das ist doch voll die Provinz! raunte Marie ihr zu. Im Einkaufszentrum findest du doch viel cooleres Zeug! Wer zieht so einen Kitsch an?
Du verstehst einfach nichts vom häuslichen Wohlgefühl, meine Liebe! Zuhause muss es warm und gemütlich sein, nicht schick. Und solche Fäustlinge das ist Gemütlichkeit pur. Außerdem: Einzelstücke, extra gemacht, gestrickt, genäht für genau einen. Das ist doch was, Marie!
Hilde seufzte, und die Verkäuferin holte noch ein hellfliederfarbenes, gehäkeltes Tuch.
Nehmen Sie das auch? Wunderschön! Und Sie schätzen so etwas, das sehe ich, sagte sie stolz, breitete das Tuch auf dem Tresen aus, warf einen Seitenblick auf Marie.
Marie hatte mehr Sinn für Mode, konnte mit dem Handgemachten nichts anfangen. Höchstens als Souvenir für Touristen, oder um eine russische Ecke im Wohnzimmer einzurichten aber tragen? Sicher nicht.
Hilde sah das ganz anders. Solch ein Einzelstück, etwas, das von jemandem extra gemacht, gestrickt oder genäht wurde das ist Wärme. Genau das hat ihre Oma Gerda immer gesagt: “Handgemachtes bewahrt die Wärme und Güte der Hände.”
Wer macht denn bei Ihnen sowas? wollte Hilde beim Bezahlen wissen.
Meine Tochter, Lena. Sie ist sehr talentiert, hat Kunsthandwerk gelernt, aber unser Enkel ist krank, darum bleibt sie zuhause, fertigt Sachen an und ich verkaufe sie. Freunde haben mir die Ecke hier überlassen.
Das ist schwer seufzte Hilde.
Ihre Oma arbeitete auch mit kranken Kindern, schulte Mütter in Massagen und Pflege. Sie war mal Krankenschwester, bildete sich weiter, half, wo sie konnte, und wenn sie nicht mehr weiterwusste, suchte sie andere, die helfen konnten.
Aber für das Kind gäbe es doch einen Betreuungsplatz oder eine Tagesmutter, dann könnte Ihre Tochter wieder arbeiten. Sonst wird sie ja verrückt zuhause! mischte sich Marie ein. Gibts hier einen guten Shoppingcenter? Können Sie einen empfehlen?
Wir kommen zurecht. Danke. Die Ladenbesitzerin war sehr bestimmt, schaute die Mädchen streng an und verschwand in den Nebenraum.
Marie, echt jetzt? Kannst du nicht mal nett sein? schimpfte Hilde, zog ihre Freundin mit sich nach draußen.
Ach komm, du bist aber auch speziell, Hilde! Fäustlinge, Wollschals, selbstgestrickte Röcke Du liest ja gar keine Modezeitschriften, lebst nur für dein Cello. Umarmen sollst du Jungs, nicht Instrumente! Männer stehen auf was anderes. Zieh dich mal modern an, dann kommt das Glück ganz von selbst. Das ist doch besser als diese Öko-Outfits! Und die beiden da wie sie in ihrem kleinen Laden rumhängen und sich wohlfühlen Man muss Erfolg haben, mit der Mode gehen, dann kommt das Lebensglück von allein. Marie läuft voran, leichtfüßig. Wo gibts hier gescheite Läden?!
Jeder ist anders. Männer auch, murrt Hilde, wickelt sich ihren Kapuzenumhang um, weil es draußen kühl ist. Für dich bin ich halt altbacken. Aber für einen anderen sie lächelt, macht eine Pause ja, für einen anderen bin ich genau das Einzelstück, das es so kein zweites Mal gibt.
Na klar! Die Ökos heiraten immer zuerst, wie konnte ich das vergessen! grinst Marie und steuert den glitzernden, großen Laden am Ende der Straße an.
Hilde lässt sie gehen, bereut schon fast, dass sie Marie überhaupt mitgenommen hat. Sie liebt solche Lädchen, stöbert, schaut, berührt alles und lacht dabei.
Das hat sie von Oma Gerda übernommen. Wenn Hilde bei ihr im Dorf war, ging es samstags über den Marktplatz: Händler und Handwerker mit Holzarbeiten, Brotbäckereien, Tischler, Maler, Strickerinnen, Stickerinnen da direkt danach Marmelade-Stände in bunten Gläsern und Sauergemüse, duftend nach Dill und Knoblauch, dazu Pilze, frisch und getrocknet, die nach Wald, Harz und Erde duften.
Die kleine Hilde bestaunte den Reichtum und kam immer mit einer bemalten Löffel, einer Pfeife oder einer Matroschka zurück zu Opa Paul.
Das, Kind, ist mit Liebe gemacht, jedes Stück nur ein Mal. Es gibt auf der Welt kein zweites. So wie Menschen auch, einzigartig und besonders. Manche vergessen das im Alltag. Aber du, Hildchen, bist mein kleines Blümchen und sollst immer du selbst bleiben! das betont Oma Gerda, während sie nach Hause gehen.
Hilde nickt, läuft voraus, während Oma das Marmeladenglas in ihrer Tasche trägt. Gerda kocht selber ein, aber sie liebt es, die Werke anderer zu kosten, vielleicht ein neues Rezept zu lernen…
Die Marmelade ist für das obligatorische Pfannkuchenessen. Hilde isst alles auf, und Oma rührt Teig, trällert leise und backt, für alle.
Wespen kommen meist auch, setzen sich auf die Gläser. Hilde verscheucht sie, Opa stellt einen Extrateller auf einen Baumstumpf für sie.
Oma Gerda lacht immer, dass Paul sogar mit dem Teufel eine Einigung finden würde, wenn’s sein muss.
Mit Teufeln will ich nichts zu tun haben! wirft Paul stolz ein. Aber mit Tieren, ja da kenne ich mich aus.
Abends, bevor sie einschläft, schaut Hilde ihre Geschenke an und denkt: Wer hat das gemacht? War er glücklich oder traurig? Einzelstück, und das Leben des Künstlers als Einzelstück…
Als sie ihrer Oma dann die Schürze und Topfhandschuhe brachte, war sie hocherfreut. Besonder geschätzt aber hat sie das Tuch.
Wie warmer Nebel legt sich das um mich, schwärmt Oma Gerda. Weißt du, wer es gemacht hat?
Die Tochter der Ladenbesitzerin. Sie bleibt wegen ihres kranken Kindes zuhause und werkelt.
Hilde erinnert sich an die unschöne Szene mit Marie und ist wieder betrübt.
Wenn ich nur den Namen wüsste, dann würde ich eine Kerze anzünden lassen Aber ohne Namen geht das nicht klagt Gerda, geht dann aber in die Dorfkirche, zündet eine Kerze an für die Gesundheit aller Kinder. So ists richtig
Dann stirbt Oma, das Haus wird einsam, die Gardine am Fenster hängt schief wie ein gebrochenes Flügel. Opa Paul leidet lange, Hilde kommt oft vorbei, auch mit ihrer Mutter Sabine, die Paul eh nicht mochte, weil er nur der Vater ihres verstorbenen Mannes war.
Hilde versucht, Opa zu beschäftigen, geht mit ihm Pilze sammeln, auf den inzwischen winzigen Dorfmarkt oder bepflanzt das Blumenbeet, während er mit Schubkarre Erde bringt und anleitet.
Einmal, als sie den Schürzenhaken erblickt, wird sie ganz traurig und weint heimlich, leise.
Jetzt verstecke dich doch nicht! ruft Opa einmal, als er es nicht mehr aushält. Komm her, wir trauern zusammen.
Und so sitzen sie zusammen, Lotta schmiegt sich an, leckt die salzigen Tränen, legt ihre Pfoten aufs Knie und seufzt.
Es ist schwer. Aber Gerda wollte, dass wir fröhlich sind, hörst du, Hilde? Schluss jetzt, Mädchen! Blumenbeet wartet auf uns, los…
Sie machen weiter, tüfteln, pflanzen neu, genießen trotzdem. Im Gewächshaus reifen die Tomaten, die Paprika leuchten wie Lampions im Türrahmen, bereit für diese wunderliche Familie.
Diesmal kommt Hilde, Cellistin und Orchestermusikerin, unangemeldet, klopft nicht mal vorher an. Zum Glück ist Opa Paul nicht zum Angeln mit dem Nachbarn gefahren.
Er hört Autoreifen auf dem Kies, schaut zum Fenster: Lotta tanzt schon an der Tür, will raus in den Regen, zum Tor.
Was ist denn da draußen los? Wo sind meine Brillen? Lotta, still jetzt! schimpft Paul, hängt den Regenmantel um, steht auf dem Treppenabsatz.
Opa! Mach auf, bitte! Ruft Hilde, und Paul weiß nicht weint sie, oder tropft nur der Regen ihr übers Gesicht? Er geht schnell zur Pforte, öffnet, hilft ihr, das rote Auto unter das Dach zu fahren.
Hallo Opa! Da bin ich! ruft Hilde überschwänglich, aber irgendwie anders. Wie gehts? Ich habe eingekauft, es gibt ein Festmahl. Aber ich muss mich hinlegen.
Sie läuft ins Haus, spielt schnell mit Lotta und schleppt die schweren Taschen.
Irgendwas stimmt nicht, spürt Paul sofort. Ja, das ist eine Katastrophe Gerda, jetzt wärst du nötig. Was mache ich bloß? Über Frauen weiß ich nichts, Einzelstücke wie ihr seid
Nach dem Abendessen, als die Wolken aufreißen, will Paul mit Hilde Glühwürmchen bestaunen.
Opa, ich will nicht. Können wir nicht morgen…? Ich bin müde… nörgelt die Enkelin.
Erst die Schönheit anschauen, dann ins Bett bleibt Paul stur.
Hilde dreht sich weg, reibt die Augen, gähnt.
Da, schau doch, Glühwürmchen! ärgert sich Opa.
Ja…hübsch… schmiegt sich an die Schulter und schläft bald ein.
Und diesmal hat sie das Cello nicht dabei Gerda, was los mit ihr? Was soll ich bloß? Ihr Frauen so rätselhaft, lauter Einzelstücke denkt Opa ratlos und zieht sich zurück…
Am nächsten Morgen, nach Kapitulation vor Opa, sitzt Hilde zerzaust am Frühstückstisch wie ein kleiner wütender Igel, isst Pfannkuchen mit Cholesterin und Marmelade, trinkt Tee und nimmt noch einen.
Paul wird beim Braten immer geschickter, die Pfannkuchen sind goldgelb und ohne verbrannte Stellen.
Nicht so hastig essen, Hilde! Sonst wird dir schlecht! mahnt Opa. So, jetzt ist Schluss! Er setzt sich, nimmt ihr Marmelade und Tasse und schiebt alles weg.
Wieso denn! Erst lädst du mich ein, dann nimmst du es weg! schimpft sie.
Jetzt erzähl schon, du frisst mir ja die Seele auf. Was ist los? fragt er streng, wie bei einer schlechten Note im Klassenbuch. Jetzt lass die Marmelade in Ruhe, bekommst du wieder.
Hilde legt den Löffel hin, verschränkt die Arme.
Ach Opa, du bist genau wie Mama. Die lässt einem auch keine Ruhe Was los ist… ach was…
Na klar, Hilde. Ich merke das doch. Wenn du nicht reden willst, musst du nicht. Wer will sich schon mit euren Frauengeschichten befassen? murrt Opa, schiebt ihr Marmelade und Pancakes wieder hin, zieht die Schürze aus und geht in den Garten.
Lotta trottet hinterher, scheinbar eingeschnappt.
Hilde schnaubt noch etwas, isst zu Ende und macht sich an die Hausarbeit die beste Methode, den Kopf leer zu kriegen und sich selbst Abstand zu geben.
Oma Gerda sagte immer, Hilde ist ein Selbstverzehrer.
Mal hatte sie Schuldgefühle, weil die Eltern sich ihretwegen getrennt haben, dann, weil sie dachte, nicht gut genug Cello zu spielen, und nun weil sie ein anderes Problem hat, wie Opa sagt, so ein Frauenthema.
Hilde putzt die Regale, sortiert die gekauften Löffel, Holzbretter, bemalte Schneidebretter und Servietten.
Ab in die Wäsche, sofort! schimpft sie, packt alles in den Korb, bringt ihn ins Bad und startet die Waschmaschine. Lotta tapst mit schmutzigen Pfoten hinterher und setzt sich, schaut fasziniert auf die kunterbunten Tischdecken im Sichtfenster.
Was, guckst du gern Fernsehen? Es gibt auch eine Fortsetzung! tätschelt Hilde ihren wuscheligen Kopf
Als das Haus endlich wieder auf Vordermann ist, kehrt Ruhe ein.
Paul werkelt im Gewächshaus, hört Reinhard Mey und tut so, als sei alles in Ordnung.
Also, eigentlich… steht Hilde plötzlich hinter ihm, sodass er den Eimer fallen lässt und auf die Steine scheppert. Sorry. Komm Opa, lass uns reden.
Sie setzen sich, seufzen.
Ich war verliebt, Opa. So richtig. Weisst du? sagt Hilde.
Paul runzelt die Stirn. Davor hatte er zwei Jahre lang Angst. Gerda hat immer gesagt, er soll sich vorbereiten… Aber wie denn?
Und? presst er hervor, könnte sich ja freuen, aber das ist nicht der Moment.
Das wars wohl. Hilde hebt die Hände.
Was meinst du?
Ich entspreche seinen Erwartungen nicht. Bin nicht wie alle anderen. Und Einzelstücke wie ich sind wohl nicht gefragt! Man soll modern sein, Jeans tragen, Omas Geschenke wegwerfen und ständig auf Instagram sein. Aber das bin ich nicht. Altbacken, eine richtige Schrapnelle. Ich habs vermasselt, Opa.
Hilde schniefend wischt sich über die Nase.
Paul muss auch räuspern, um die Pause zu überbrücken.
Bist du schwanger? fragt er plötzlich. Na und? Dann bekommst du halt dein Kind hier, bleibst bei uns, vergiss für eine Weile dein Cello und deine Konzertreisen. Die Umgebung tut dir und dem Baby gut, taufen kannst du es gleich nebenan. Ich helfe, wie ich kann. Und den Vater? Den brauchen wir nicht. Deine Mutter schon informiert? Sicher geschimpft, was? Hör nicht auf sie auf mich vielleicht. kichert er. Wird bestimmt ein Junge. Die sind einfacher zu verstehen. Und falls nicht, auch gut. Deine Mutter gewöhnt sich auch daran. Alles Gute kommt noch. Und Einzelstücke sind doch besser als Massenware. Du musst nur warten. Und später werde ich sogar Urgroßvater wie das klingt! Warum lachst du, Hilde?
Und sie lacht wirklich, weint und lacht zugleich, weil sie sich plötzlich nicht mehr fürchtet und keine Scham mehr spürt.
Ich weiß es noch nicht genau, die Ergebnisse kommen noch. Meiner Mutter habe ich nichts gesagt, sie ist einfach zuna du weißt schon legt Hildes Kopf an Opas Schulter.
Das ist das Alter… hab ich alles erlebt. Und der Vater? Wer ist es?
Der heiratet Marie. Die ist bildhübsch, modisch, kann Outfits kombinieren. Er sagte, mit mir traut er sich nicht zu seinen Freunden. Marie meint, ich sei plump.
Wie bitte?
Naja, halt zu einfach, geschmacklos. Aber jeder mag was anderes, nicht wahr, Opa?
Plump? Geschmackssache Warte, da ist jemand am Tor. Ich schau mal.
Paul öffnet das Tor, draußen steht eine Frau mit einem Jungen an der Hand.
Guten Tag, Sie wollten zu wem? fragt Paul.
Wir suchen Gerda Schröder. Uns wurde gesagt, sie wohne hier, es geht um ihren Jungen.
Paul schluckt, beißt sich auf die Lippe, macht das Tor auf.
Kommen Sie rein. Ich setz schon mal Wasser auf.
Und Frau Schröder? fragt die Fremde vorsichtig.
Gerda sie lebt nicht mehr. Sie ist vor zwei Jahren verstorben. Aber kommen Sie ruhig herein, wir finden zusammen eine Lösung. Wie heißen Sie? Ich bin Hilde.
Maria. Aber wirklich, unser Beileid, dann werden wir wieder fahren.
Nein, Maria! Paul lässt sich nicht beirren. Lotta, jetzt lass das Kind in Ruhe. Keine Angst vor ihr, wendet er sich an den schüchternen Jungen, Sie ist nur etwas stürmisch, aber sehr lieb.
Nein, wir fahren. Es gibt andere Möglichkeiten. Entschuldigen Sie die Störung legt Maria los, aber Tim bleibt wie angewurzelt stehen, und lacht plötzlich, als Lotta ihn auffordert, zu spielen.
Maria bleibt stehen, erstaunt.
Er kann nicht lachen. Man hat uns gesagt flüstert sie.
Unsinn! Lasst uns rein, ich habe Gugelhupf gebacken. Hier gibts bei uns immer kleine Therapie-Sitzungen, verstehen Sie, Maria? Keine Sorge!
Wenn Paul so eingeladen worden wäre, wäre er weggelaufen. Aber Maria bleibt.
Tim tappt langsam hinter seiner Mutter her, seine Beine sind schwach wie mit Lauflernhilfe.
Paul kommt, hebt Tim auf die Schultern, trägt ihn einfach rein.
Nicht nötig! Er ist zu schwer! protestiert Maria, aber Paul winkt ab, entscheidet selbst.
Beim Essen erzählt Maria, der Junge wurde schon krank geboren, gesund würde er nie sein. Freunde hatten ihr geraten, sich an Gerda zu wenden, die mit ihren Händen kleinen Kindern sehr helfen konnte.
Woher haben Sie diese Schürze? fragt Maria plötzlich und zeigt auf den karierten Kittel, der bei Paul am Stuhl hängt. Tim weisst du, das ist doch dein Kätzchen, du hast es ausgesucht!
Hilde und Paul schauen verblüfft, Maria ebenso.
Sie sind aus Lübeck? Ihre Mutter hatte den Laden. Ich habe sie dort gekauft! Mit Topflappen. Und ein Tuch! Moment, das hole ich! Hilde eilt ins Obergeschoss, sucht im alten Kommodenschub, kehrt zurück und strahlt. Da ist es, das Tuch! Kaum zu fassen…
Sie sind sehr talentiert, Maria sagt Paul, seine Hände zittern. Gerda hätte Sie gern mögen. Aber jetzt zur Sache! Wir haben ihr Notizbuch noch, mit vielen Kollegenkontakten. Wir helfen Ihnen. Ich kenne mich in dem Bereich nicht aus. Aber Sie sprechen am besten direkt mit den Leuten.
Maria nickt, erinnert sich, dass ihre Mutter mal von zwei Freundinnen als Kundinnen erzählte. Und eine fand Handgemachtes altmodisch. Das war sicher nicht Hilde. Maria war damals so enttäuscht, dass ihre Mutter traurig war
Mama ist zuhause geblieben. Wir haben jetzt die Adresse, sind gekommen Maria lächelt. Es ist schön, dass meine Arbeiten so wertgeschätzt werden. Schade, dass wir Gerda nie getroffen haben…
Oma hat solche Einzelstücke immer sehr geschätzt. Sie sagte, dass sie alles Handgemachte wie eine Umarmung spürt. Maria, Ihre Wärme kam an! Es ist wirklich schade. Hilde schenkt Tee nach, während Paul das Notizbuch mit Gerdas krakliger Schrift durchsucht.
Ein Spezialist wird gefunden, zum Glück kennt Maria alle Diagnosen. Einer von Gerdas früheren Kollegen sagt zu, Tim zu sehen, verspricht aber nichts.
Und? Was gibts Neues, Maria? hibbelt Hilde am Auto herum.
Nun lass sie doch! Wenn du dich aufregst… bremst Paul sie, hütet seine Vase. Maria, und wie wars? Tim, steig ein, es regnet fast…
Langsam fahren sie los, reihen sich in die Hamburger Rushhour, Richtung Heimfahrt.
Man hat uns Hoffnung gemacht. Es gibt viel zu tun, aber Tim hat Chancen, lächelt Maria.
Hilde legt die Hände entspannt auf ihren Bauch. Nun ist sie ganz ruhig und weiß, dass die Zukunft nicht so schlimm werden kann.
Danke, Omi, flüstert sie dem wolkenverhangenen Himmel zu. Du schaffst es, gute Menschen zusammenzubringen…
Tim und Maria verbringen die Hamburg-Therapietage oft bei Paul. Maria fährt selbst, ist stark, selbstständig und heiter. Sie will sogar Miete zahlen oder ausziehen, man könnte ja auch eine Wohnung nehmen. Aber Paul ist strikt dagegen. Solche Vorschläge hält er für verrückt.
Hildes Stimmung schwankt mit den Hormonen. Mal musiziert sie traurig auf dem Cello, begleitet von Lotta, mal lacht sie über Kleinigkeiten, spielt wie ein Kind durchs Haus.
Paul erweitert das Gewächshaus, zieht mehr Samen hoch. So viele Kindsköpfe wie er nun in der Familie hat!
Gerda, schaffe ich das? fragt er manchmal abends.
Na klar, ein Urgroßvater muss das können! murmelt sie in seiner Erinnerung, und Paul schläft ruhig ein. Er lebt jetzt für zwei, für sich und Gerda. Und um ein Urenkelkind großzuziehen. Ohne Paul wäre Hilde verloren!
Ab und zu kommt ein junger Mann zu Hilde, bleibt im SUV vor dem Haus, redet widerwillig mit ihr.
Willst du dich mit ihm versöhnen? fragt Paul.
Wir haben uns nie gestritten. Er hat Angst, ich könnte das Kind auf ihn eintragen. Er will sein Leben mit Marie nicht riskieren winkt Hilde ab. Vergiss das, Opa, brate lieber ein paar Pfannkuchen, ich koche Tee.
Abends sitzt sie wieder am Cello.
Kompliziert, das Leben, stellt Hilde fest. Wenigstens habe ich geliebt. Aber warum tut das so weh? Mama meint, ich sei dumm gewesen
Es ist kompliziert, Hilde. Wer fühlt, lebt eben und das tut manchmal weh. Aber du bist tapfer. Alles wird gut.
Und sie sitzen Arm in Arm auf der Treppe, daneben liegt Lotta. Gerda hat ihr aufgetragen, alle ihre Einzelstücke zu behüten, und das tut sie. Ihre Aufgabe.
Hilde heiratet vier Jahre später. Er: Kinderarzt, schüchtern und sanft, kein bisschen modisch, keine Tiger-Stärke. Nicht mal Fitnessstudio! Sie: eine alte Socke, Einzelstück. Beide Außenseiter, beide handgemacht und verlieben sich genau deshalb, weil sie so einzigartig sind und wissen, wie echte Schönheit aussieht. Ein Einzelstück zu sein gefällt Hilde sehr. Niemand kann sie ersetzen. Solche wie sie werden nicht mehr gemacht. Omas Rat war richtig: Man muss einfach sich selbst bleiben, dann findet das Leben Ordnung und alles passt an seinen Platz. So ist das.





