“Wer braucht dich denn noch mit fünf Kindern im Schlepptau?“ — Mutter wirft 32-jährige Witwe hinaus, ohne zu ahnen, dass im alten Haus ein Erbe und ein nächtlicher Besucher auf sie warten…

Wer braucht dich denn schon mit fünf Kindern am Rockzipfel? So jagte mich meine Mutter damals aus dem Haus, eine 32-jährige Witwe, ohne zu ahnen, welches Erbe und welche Begegnung mich in dem alten Haus erwarten würden…

Es war feucht auf dem Friedhof. Der nasse Lehm schlürfte unter meinen Schuhen, klebte in großen, schweren Klumpen an den billigen Stiefeln. Ich stand da und sah zu, wie die Männer mein altes Leben zuschaufelten. Heinrich war ganz plötzlich gegangen, mit nur fünfunddreißig. Einfach in der Werkschicht umgefallen und nicht mehr aufgestanden.

Neben mir trat meine Mutter, Hannelore Peters, nervös von einem Bein aufs andere. Sie hüllte sich fröstelnd in ihren Nerzmantel, blickte geringschätzig auf die Enkelkinder, die sich an meinen schwarzen Mantel klammerten.

Jetzt reicht es aber mit der Heulerei, sagte sie schließlich laut, als der Hügel fertig war. Komm, Annegret. Kein Grund, sich hier weiter die Nase abzufrieren. Wir müssen reden.

Zu Hause, in unserer engen Zweizimmerwohnung in Mannheim auf Kredit gekauft , nahm Hannelore direkten Weg in die Küche und setzte sich mit der Selbstverständlichkeit einer Hausherrin an den Tisch.

Also, fing sie an, die Mütze noch auf dem Kopf. Die Bank holt sich die Wohnung, das ist ja wohl klar. Du kannst den Kredit nicht zahlen. Heinz ist tot, und du hockst schon ewig im Erziehungsurlaub.

Ich finde schon Arbeit, murmelte ich leise, wiegend den einjährigen Moritz auf dem Arm.

Ach ja? Wo denn? Als Putzfrau, vielleicht? rümpfte meine Mutter die Nase. Du hast fünf Kinder! Fünf! Wer nimmt dich denn? Die beiden Großen, Klara und Paul, würde ich erst mal ins Heim bringen. Nur vorübergehend. Und die Kleinen vielleicht hilft das Jugendamt.

Das wage ich zu bezweifeln, flüsterte ich.

Wie bitte? fragte Hannelore.

Aus MEINEM Haus, hob ich den Kopf und schaute sie trocken und fest an. Meine Kinder geb ich nicht her. Lieber hungere ich. Ich werde sie allein groß bekommen.

Ach, du Träumerin, fuhr meine Mutter auf und rückte ihren Mantel zurecht. Ich habe dir immer gesagt, du musst besser planen, bevor es zu spät ist. Jetzt schau, wie du klarkommst. Und lass mich bloß in Ruhe mit Geldfragen.

Nach einem Monat kam tatsächlich das Schreiben der Bank. Zwei Wochen Frist zum Auszug. Ich spürte die Wände um mich herum immer enger werden, niemand wollte eine Witwe mit fünf Kindern aufnehmen.

Da erreichte mich ein Brief aus dem kleinen Ort Grünwald. Ein Notar schriftlich: Ich hätte ein altes Haus von einer entfernten Großtante geerbt, die ich nur ein einziges Mal gesehen hatte. Alt, aber immerhin ein Dach über dem Kopf, dachte ich. Es gab keine Wahl.

Grünwald empfing uns mit eisigem Wind. Das Haus stand gleich am Waldrand. Die Balken waren schwarz, die Veranda schief, die Fenster blickten trüb in die Welt.

Mama, hier ist es kalt, wimmerte die kleine Liesbet.

Sofort, mein Schatz, wir heizen ein, versuchte ich mit fester Stimme.

Die erste Nacht war eine Prüfung. Der Ofen qualmte, die Kinder husteten, es zog durch alle Fugen. Ich deckte sie zu mit allem, was wir hatten Jacken, Decken, Teppichen. Ich selbst blieb wach, dem Stillen von Jonas lauschend.

Jonas, mein siebenjähriger Sohn, litt an einer schweren Krankheit. Er brauchte dringend eine Behandlung. Die Kassenhilfe war für ein Jahr angekündigt, aber der Arzt in Heidelberg sprach Klartext: Unklar, ob er so lange durchhält. Der Zustand verschlechtert sich. Bezahlte Behandlung in München wäre optimal. Die Kosten? So hoch wie zwei der verlorenen Wohnungen.

Am Morgen stieg ich auf den Dachboden, um Ritzen zu stopfen. Zwischen alten Zinkwannen, Zeitungen aus Großvaters Zeit und zerfetzten Mänteln fand ich eine alte Teedose. Innen, eingewickelt in fettiges Tuch, lag etwas Schweres.

Eine Taschenuhr. Massiv, mit Kette. Ich rieb mit dem Daumen über das Silber. Das Metall zeigte einen doppelköpfigen Adler und die Gravur: Für Treue und Glauben.

Hübsch, seufzte ich. Aber was soll’s wert sein?

Die Uhr schwieg. Die Zeiger standen auf kurz vor zwölf.

Ich steckte sie in den Schrank für Antiquitäten war jetzt nicht die Zeit. Essen hatten wir noch für drei Tage, das Brennholz ging aus, und Jonas wurde schwächer. Seine Kräfte schwanden bei jeder Anstrengung.

Abends brach ein Schneesturm los. Flocken drängten das alte Haus von der Welt ab. Ich bettete die Kinder, setzte mich ans Fenster. Zweifel nagten: War’s falsch, die Kinder in diese Sackgasse zu holen?

Plötzlich klopfte es leise an die Tür.

Ich zuckte zusammen. Halluzination? Wieder ein ruhiges, dunkles Pochen.

Mit dem Schürhaken in der Hand tastete ich zur Tür.

Wer ist da?

Lass mich ein, gute Frau, das Wetter treibt mich, kam die brüchige, ruhige Stimme durch das Holz.

Wie in Trance öffnete ich den Riegel. Auf der Schwelle stand ein alter Mann. Klein, mit abgetragener, grauer Kappe, grobem Kittel und mit Kordel umgürtet. Der Bart lang und weiß, die Augen jung, klar wie Bachwasser.

Treten Sie ein, bat ich zur Seite.

Er trat leise ein von ihm fiel kein Schnee, keine Kälte. Im Gegenteil: Es fühlte sich wohlig warm an, als er eintrat.

Der Alte trat ins Kinderzimmer, sah auf Jonas, der schwer atmend schlief.

Der Junge ist krank?, fragte er.

Schwere Krankheit, seufzte ich, wir brauchen Hilfe. Aber ich habe kein Geld.

Geld ist nur Staub, sagte er und setzte sich auf die Bank. Die Zeit die ist Gold. Hast du meine Uhr gefunden?

Ich erstarrte.

Die Uhr? Ihre?

Ja, mein Herr gab sie mir als Dank, als ich ihm einst das Leben rettete. Bewahrt hab ich sie ich wusste, sie wird gebraucht.

Ich könnte sie verkaufen! rief ich aufgeregt. Vielleicht reicht es zumindest für Medikamente. Immerhin Silber.

Der Alte schmunzelte unter seinem Bart.

Verkaufe sie nicht zu schnell. Sie hat ein Geheimnis. Uhrmacher Blume war ein Schelm. Nimm eine dünne Nadel und suche am Scharnier. Da ist ein doppelter Boden.

Er erhob sich.

Leb wohl, Annegret. Dein Name passt zu dir. Verlier nicht den Mut.

Bleiben Sie doch, trinken Sie noch Tee! Wie heißen Sie?, fragte ich.

Man nennt mich Theodor.

Als ich mit dem Kessel zurückkam, war das Zimmer leer. Die Tür auf Riegel. Die Kinder schliefen. Nur ein Hauch von Weihrauch und frischem Brot hing noch in der Luft.

Die ganze Nacht lag ich wach. Im ersten Morgengrauen holte ich die Uhr, eine feine Stecknadel in der Hand. Zitternd suchte ich am Scharnier, drückte vorsichtig.

Es klickte.

Der scheinbar massive Deckel sprang auf. Im Hohlraum lagen ein vierfach gefalteter Zettel und eine goldene Münze. Schwer, warm. Ganz anders als die im Pfandhaus.

Ich entfaltete das Papier. Hiermit bescheinige ich, dem Inhaber dieses… Der Rest in gotischer Schwurhand.

Ich fuhr mit Kind und Uhr nach Heidelberg, klopfte an eine Antiquitätenhandlung. Der Besitzer, ein beleibter Mann mit wachem Blick, sah zunächst gelangweilt aus.

Na, Silberschrott, 84er Punze. Vielleicht fünftausend Euro, abgenutztes Gehäuse.

Schauen Sie noch hier, legte ich die Münze und den Zettel vor.

Er setzte die Lupe an. Die Brauen schoben sich nach oben, sein Gesicht wurde blass.

Woher haben Sie so etwas?

Von einer Tante geerbt.

Er schluckte. Das ist eine Goldmark, Sonderprägung von Kaiser Konstantin es gibt weltweit vielleicht eine Handvoll. Und das hier ein Besitzbestätigung mit Großherzoglichem Siegel. Ich kann das nicht kaufen. Ich habe diese Summen nicht. Damit müssten Sie nach Berlin zur Auktion. Das ändert alles!

Für Jonas Behandlung wurde sofort der beste Spezialist gefunden, die beste Klinik. Ich blickte im Weißen Saal auf seine rosigen Wangen. Das Geld reichte mehr als aus. Auch für ein neues Haus, und für die Ausbildung aller fünf.

Als ich zurück ins Dorf kam, suchte ich gleich den Friedhof auf. Ich streifte durch trockenes Gras, bis ich fand, wonach ich suchte. Ein verwittertes Kreuz, die Inschrift fast vom Regen ausgelöscht: Theodor Müller, 1888 1960.

Ich legte frische Blumen nieder und verneigte mich tief.

Danke, Opa Theodor.

Das neue Haus war groß und hell, mit Gas, Badezimmer und allen Bequemlichkeiten. Die Nachbarn achteten mich die junge Witwe, fleißig und ordentlich, Kinder wohlgezogen.

Ein halbes Jahr später erschien Hannelore wieder. Sie kam im Taxi, stolz und mit Torte im Arm, musterte den neuen Zweitstockbau und den gepflegten Garten.

Na, Annegret, wie schön dus hast! Alle sagen, du hast einen Schatz gefunden? Ich habs ja gesagt, das wird schon! Aber weißt du, ich bin ein wenig krank, die Rente ist knapp, du hast doch so viele Zimmer vielleicht kannst du deiner Mutter helfen?

Ich trat auf die Veranda. Hinter mir standen meine älteren Kinder, musterten die Großmutter unter finsteren Brauen.

Guten Tag, Mutter, sagte ich ruhig.

Was stehst du so? Lade mich doch ein!, setzte sie schon den Fuß auf die Stufen.

Nein.

Wie, nein? Ihr Lächeln gefror.

Es gibt hier keinen Platz für dich. Du hast uns damals deinen Platz gezeigt, als du uns vor die Tür gesetzt hast.

Du wagst es! Ich bring dich vor Gericht! Ich bin deine Mutter! Du bist verpflichtet!, ihr Gesicht lief rot an.

Dann tu, was du nicht lassen kannst. Aber jetzt geh. Die Mittagsruhe beginnt, Jonas braucht Schlaf.

Ich schloss die schwere Eichentür. Der Riegel schnappte zu.

Von draußen drang noch eine Zeit lang ihr Protest, ihr Zetern über fünf Kuckuckskinder herein, doch ich hörte nicht mehr hin. Ich ging in die Küche zurück, wo der Duft von Apfelkuchen waberte und die alte Standuhr in guten, tiefen Schlägen die Zeit eines neuen, glücklichen Lebens zählte.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

“Wer braucht dich denn noch mit fünf Kindern im Schlepptau?“ — Mutter wirft 32-jährige Witwe hinaus, ohne zu ahnen, dass im alten Haus ein Erbe und ein nächtlicher Besucher auf sie warten…
Eine Tochter für zwei Eltern