Nur noch eine bleibt übrig

Ganz allein

Draußen wurde es schon dunkel, aber Mama war immer noch nicht heimgekommen. Marlies, die mit flinken Fingern die Räder ihres Rollstuhls drehte, fuhr an den großen Küchentisch, griff zum Telefon und wählte Mamas Nummer.
“Der gewünschte Teilnehmer ist nicht erreichbar oder befindet sich außerhalb des Empfangsbereichs”, meldete sich eine fremde, kühle Stimme.
Marlies starrte verwirrt auf das Display und erinnerte sich dann, dass kaum noch Guthaben auf dem Handy war. Sie schaltete es ab.
Mama war zum Einkaufen gegangen und kam einfach nicht zurück. So etwas hatte es noch nie gegeben. Sie ließ ihre Tochter nie lange alleine, schließlich war Marlies von Geburt an gehbehindert und konnte nicht laufen. Sie war auf ihren Rollstuhl angewiesen. Außer Mama gab es keine Familie.
Marlies war schon sieben Jahre alt und fürchtete sich nicht, alleine zu sein. Aber ihre Mutter sagte immer genau, wohin sie ging und wann sie wieder zurück war. Jetzt konnte Marlies einfach nicht verstehen, was los war.
“Heute ist Mama in den entferntesten Supermarkt gegangen, da ist es günstiger. Wir sind immer gemeinsam dorthin gefahren. So weit ist er gar nicht weg in einer Stunde ist man hin und zurück. Aber jetzt”, sie blickte auf die Uhr, “jetzt sind schon vier Stunden vergangen. Ich habe Hunger”
Sie steuerte ihren Rollstuhl zur Küche, setzte Wasser auf, holte ein Frikadellchen aus dem Kühlschrank. Schnell war alles aufgewärmt, gegessen ein Schluck Tee tat gut.
Doch Mama kam nicht zurück. Schließlich griff sie wieder zum Handy, wählte die Nummer erneut die gleiche automatische Nachricht: “Der gewünschte Teilnehmer”
Sie rollte ins Schlafzimmer, steckte das Handy unter ihr Kissen. Das Licht ließ sie diesmal an es war ihr zu unheimlich ohne Mama.
Sie lag lange wach und schlief irgendwann erschöpft ein.

***

Als sich langsam die Sonne ins Zimmer schlich, wachte Marlies auf. Mamas Bett war ordentlich gemacht.
“Mama!”, rief sie in Richtung Flur.
Nichts als Stille. Sie griff zum Handy, rief wieder an, und wieder hörte sie nur diese blecherne Stimme.
Panik stieg in ihr auf, Tränen schossen in ihre Augen.

***

Konstantin kam wie jeden Morgen aus der Bäckerei zurück, in der es frisch gebackene Brötchen gab. Seit Jahren war es ihr Ritual: Seine Mutter machte Frühstück, er holte die Brötchen dazu.
Konstantin war dreißig Jahre alt und immer noch Junggeselle. Die Frauen schenkten ihm wenig Beachtung: Er war blass, schmal und krank seit seiner Kindheit. Die vielen Krankheiten machten teure Behandlung nötig, doch seine Mutter war immer allein mit ihm gewesen. Nach dem letzten Befund, einer endgültigen Diagnose, wusste er, er würde keine eigenen Kinder haben. Mit dem Gedanken, nie zu heiraten, hatte er sich abgefunden.
Im Gras am Straßenrand blinkte ein ramponiertes Handy. Technik war seine Leidenschaft und Beruf: Programmierer und Blogger, immer von den neuesten Geräten umgeben, doch aus Neugier hob er auch dieses Wrack auf. Es war zerquetscht, als hätte es ein Auto erwischt und weggeschleudert.
“Ob da was passiert ist? Wird sich zeigen”, steckte er es ein, “zu Hause schaue ich es mir an.”

***

Nach dem Frühstück baute er die SIM-Karte aus dem gefundenen Handy aus, steckte sie in eines seiner Smartphones. Die Kontakte auf der SIM gehörten fast alle zu Behörden, Krankenhäusern, Rentenstellen. Oben auf der Liste: “Tochter”.
Kurz überlegt, dann wählte er die Nummer.
“Mama?”, ein heller, aufgeregter Kinderstimme am anderen Ende.
“Ich bin nicht deine Mama”, stotterte Konstantin.
“Wo ist meine Mama?”, kam es verzweifelt zurück.
“Ich weiß es nicht. Ich habe nur ihr Handy auf der Straße gefunden, die SIM-Karte getauscht und dich angerufen.”
“Meine Mama ist verschwunden”, schon schluchzte es wieder. “Sie ist gestern weggegangen und nicht zurückgekommen.”
“Hast du keinen Papa oder Oma?”
“Nein, nur meine Mama.”
“Wie heißt du?”, fragte Konstantin pragmatisch.
“Marlies.”
“Ich bin der Onkel Konstantin. Marlies, kannst du deine Wohnung verlassen und die Nachbarn informieren?”
“Ich kann nicht raus. Meine Beine funktionieren nicht. Nebenan wohnt auch keiner.”
“Wie meinst du das funktionieren nicht?”
“Ich war schon immer so. Mama meinte, wir müssten Geld sparen, dann könnte ich operiert werden.”
“Wie bewegst du dich?”
“Mit dem Rollstuhl.”
“Kennst du deine Adresse, Marlies?”, jetzt wurde Konstantin aktiv.
“Natürlich. Hauptstraße Nummer 12, Wohnung 5.”
“Ich komme gleich, wir suchen deine Mama.”
Er legte auf und ging ins Wohnzimmer, wo seine Mutter bereits auf ihn wartete.
“Konstantin, was ist los?”
“Mama, ich habe ein kaputtes Handy gefunden, die SIM in mein Gerät gesteckt und angerufen. Ein kleines Mädchen ist alleine zu Hause sie ist behindert und hat sonst niemanden. Ich fahre hin.”
“Ich komme mit”, begann seine Mutter sich anzuziehen.
Sie hatte ihr Leben lang ihren kranken Sohn allein großgezogen und wusste, wie einsam das mitunter war. Nun war sie im Ruhestand, ihr Sohn verdiente gut, doch gebraucht fühlte sie sich noch immer. Zusammen riefen sie ein Taxi und machten sich auf den Weg.

***

Durch den Türöffner hörte man eine traurige Kinderstimme.
“Wer ist da?”
“Marlies, ich bins, Konstantin.”
“Kommt rein.”
Sie betraten das Haus, gingen zur Wohnung. Die Tür stand schon einen Spalt offen. In einem Rollstuhl saß ein dünnes, blasses Mädchen, dunkle Augen blickten ernst.
“Werdet ihr meine Mama finden?”
“Wie heißt deine Mama mit Vornamen?”, fragte Konstantin.
“Helga.”
“Nachname?”
“Schneider.”
“Warte, Konstantin!”, seine Mutter legte die Hand auf seine Schulter, wandte sich an Marlies: “Möchtest du was essen?”
“Im Kühlschrank war noch ein Frikadellchen, aber das habe ich gestern gegessen.”
“Konstantin, du weißt, was zu tun ist. Kauf alles, was wir immer brauchen.”
“Kommt sofort!”, er rannte los.

***

Als er zurückkam, war seine Mutter schon in der Küche beschäftigt, das Essen war auf dem Tisch.
Nach dem gemeinsamen Essen begann Konstantin direkt, nach Marlies Mama zu suchen. Er öffnete das Stadtportal und durchforstete die Meldungen des gestrigen Tages.
“Na, hier… Auf der Lindenallee wurde eine Frau von einem Auto der Marke VW Polo angefahren schwer verletzt, ins Krankenhaus eingeliefert.”
Er griff zum Telefon, wählte das Krankenhaus, erreichte nach dem dritten Versuch jemanden.
“Ja, gestern wurde uns eine schwer verletzte Frau von der Lindenallee eingeliefert. Sie ist noch nicht wieder bei Bewusstsein.”
“Wie ist ihr Name?”
“Sie hatte keinerlei Ausweise und kein Handy bei sich. Sind Sie ein Angehöriger?”
“Ich… ich weiß noch nicht”
“Kommen Sie vorbei.”
“Ich kenne die Adresse, ich komme gleich.”
Er legte auf und wandte sich an das Mädchen:
“Hast du ein Foto von deiner Mama?”
“Ja.” Vorsichtig rollte sie zum Schränkchen, holte ein Album hervor. “Das sind wir beide vor kurzem fotografiert.”
“Deine Mama ist wunderschön!”, Konstantin fotografierte das Bild mit seinem Handy.
“Ich gehe jetzt, um deine Mama zu suchen.”

***

Als Helga die Augen aufschlug, blendete sie das weiße Deckenlicht. Langsam kehrte das Bewusstsein zurück und dann sah sie das Auto wieder vor sich
Sie wollte sich bewegen, spürte Schmerzen überall. Eine Schwester trat ans Bett, fragte leise: “Wach, ja?”
Urplötzlich weiteten sich Helgas Augen panisch.
“Wie lange liege ich hier schon?”
“Zwei Tage.”
“Meine Tochter ist allein in der Wohnung”
“Helga, beruhig dich!”, die Schwester legte sanft die Hand auf ihre Brust. “Gestern war ein junger Mann hier. Hat dir sein Handy dagelassen, deines war völlig zerquetscht.”
“Ich muss telefonieren”
“Warte!”, die Schwester wählte den Kontakt ‘Tochter,’ legte das Telefon an Helgas Ohr.
“Mama!”
“Marlies, meine Maus, wie geht es dir?”
“Alles gut! Oma Nina und Onkel Konstantin sind bei mir.”
“Wer ist Onkel Konstantin?”
“Keine Sorge, wir kümmern uns!”, mischte sich nun der Arzt ein. “Sonst muss ich Ihnen das Telefon wegnehmen. Ich untersuche Sie jetzt.”
“Maus, ich rufe dich gleich wieder an”, rief Helga, bevor die Schwester ihr das Handy abnahm.
Nach der Untersuchung brachte die Schwester das Handy zu sich.
“Bitte, darf ich noch eine Minute telefonieren?”, flüsterte Helga.
“Der Doktor möchte Sie nicht aufregen”, doch schließlich gab sie ihr noch das Telefon.
“Maus…”
“Helga, ich bin Nina Schneider, bitte hören Sie mich an. Mein Sohn hat Ihr Telefon gefunden. Über die SIM-Karte hat er sowohl Sie als auch Ihre Tochter ausfindig gemacht. Ich bin Rentnerin, ich bleibe so lange bei Ihrer Tochter, bis Sie wieder da sind. Keine Sorge. Hier ist Marlies.”
“Mama, sei nicht traurig und werd ganz schnell gesund!”, rief das Kind.
“Maus, hör auf Oma!”, stieß Helga heraus.
“Das reicht, Schluss jetzt!”, mahnte die Schwester.

***

Am nächsten Tag kam Helga auf die Normalstation. Abends klopfte es, die Schwester kam herein: “Schneider, Besuch für Sie.”
Helga sah den jungen Mann, mager, unscheinbar.
“Guten Tag, Helga. Ich bin Konstantin”, lächelte er, “hoffentlich stört es dich nicht, wenn ich du sage?”
“Nein”
Er stellte einen großen Beutel aufs Tischchen.
“Von meiner Mutter. Sie hat dir was eingepackt.”
“Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll”, sprach Helga verwirrt.
“Ich habe einfach zufällig Ihr Telefon gefunden, Kontakt aufgenommen, Marlies betreut und Sie gesucht.”
“Wie geht es meinem Kind?”
“Warte”
Er nahm das Handy, das er beim ersten Besuch dagelassen hatte, zeigte ihr, wie man es bedient und schon sah Helga das Gesicht ihrer Tochter auf dem Display.
“Mama!”, rief Marlies, “tut’s dir weh?”
“Nein, mein Schatz. Und bei dir?”
“Oma Nina ist bei mir.”
Helga sprach lange mit ihrer Tochter, Konstantin wartete geduldig.
“Ich bin euch was schuldig”, sagte sie schließlich beschämt.
“Quatsch, Helga, wir sind doch inzwischen Freunde, du kannst ruhig ‘du’ sagen.”
“Danke, Konstantin.”
“Ich zeig dir gleich, wie das Telefon funktioniert.”

***

Zwei Wochen vergingen. Der Unfallverursacher erschien im Krankenhaus mit einem Umschlag 10.000 Euro als Entschädigung und brachte seinen Anwalt mit.
Am nächsten Tag wurde Helga entlassen. Konstantin holte sie ab und brachte sie nach Hause.
“Mama!”, rief Marlies voller Glück.
Ihr Strahlen war so groß, als würde sie gleich aus dem Rollstuhl springen. Helga kniete neben ihre Tochter, umarmte sie und weinte vor Freude.
Dann trat sie zu der älteren Dame.
“Nina, ich danke Ihnen so sehr”
“Ach, Helga! Marlies ist inzwischen wie ein Enkelkind für mich geworden.”
“Ich habe das Geld vom Unfallverursacher bekommen”, Helga zog einen Stapel Scheine aus ihrer Tasche, “bitte, nehmen Sie es ich habe sonst nichts, um mich erkenntlich zu zeigen.”
“Leg das zurück, Helga!”, entgegnete Nina streng. “Mein Sohn und ich kommen zurecht. Du brauchst das Geld für die Behandlung von Marlies. Konstantin hat schon mit einer Klinik gesprochen.”
“Mama!”, rief Marlies strahlend. “Onkel Konstantin sagt, wir gehen zur Klinik und dann kann ich vielleicht laufen!”

***

Zwei Wochen verbrachten Helga und Marlies in der Klinik. Metallstäbe wurden eingesetzt. In drei Monaten sollten sie zurückkommen, dann noch einmal in einem Jahr und noch einmal danach. Vielleicht könnte Marlies nach drei Operationen und viel Reha tatsächlich laufen.
Vorerst war Marlies aber noch an ihren Rollstuhl gebunden, das neue Metall machte ihr oft Schmerzen.
Doch Schicksal wollte die vier noch härter prüfen. Nina bekam schwere Herzprobleme und musste ins Krankenhaus. Helga verbrachte drei Nächte an ihrem Bett, nur zum Kochen und kurz zum Schlafen kam sie nach Hause. Um Marlies kümmerte sich nachts Konstantin.
Nach vier Tagen war Nina endlich über den Berg. Sie blickte lange traurig zu Helga, dann flüsterte sie:
“Kind, meine Zeit ist wohl bald vorbei. Bitte, heirate meinen Konstantin. Er ist zuverlässig gemeinsam bringt ihr Marlies auf die Beine.”
“Nina, warum sollte er mich wollen?”
“Er will! Ganz bestimmt. Er liebt euch beide”, lächelte Nina zum ersten Mal seit Tagen.

***

Eine ältere Dame hält die Hand eines schlanken Mädchens mit Schulranzen und Blumengrüßen. Wäre Marlies nicht so groß, könnte man denken, sie ginge zum ersten Mal in die Schule.
Dabei war es tatsächlich ihr erster Tag im vierten Schuljahr. Die letzten drei hatte sie im Hausunterricht absolviert, immer gute Noten. Aber heute, zum ersten Mal, läuft sie auf ihren eigenen Beinen zur Schule.
“Oma, ich habe ein bisschen Angst”
“Ach was, Marlies! Du bist zehn und tapfer. Da kommen auch schon Mama und Papa.”
“Schatz, warum so bedrückt?”, fragte Helga.
“Sie hat etwas Angst vor der Schule”, erklärte Nina sanft.
“Na komm, gib mir die Hand”, sagte Konstantin. “Wir gehen zusammen.”
“Mit dir, Papa, fürchte ich mich gar nicht mehr”, lächelte Marlies.
Fröhlich schwatzend gingen sie zur Schule und hinterher die Mama und Oma. Sie alle strahlten vor Glück.

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Homy
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