Es ist schon viele Jahre her, aber ich erinnere mich noch gut daran, wie eine bestimmte Nachbarin mir eine wichtige Lehre fürs Leben erteilte und zwar in Sachen Hilfsbereitschaft, Ehrlichkeit und Nachbarschaftshilfe. In Deutschland gibt es das Sprichwort: Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht. Damals fand ich es etwas streng, doch das Leben zeigte mir, wie viel Wahrheit darin steckt.
Alles begann etwa ein halbes Jahr nachdem eine neue Nachbarin direkt gegenüber eingezogen war. Eine Frau um die vierzig, gepflegt, stets mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen typisch für viele Damen aus München. Meist sahen wir uns im Treppenhaus, wechselten höfliche Grüße, alles ganz normal, wie es sich gehört.
Der erste richtige Kontakt kam etwa zwei Wochen nach ihrem Einzug. Es war schon gegen neun Uhr abends, als es an meiner Wohnungstür klingelte. Ich öffnete, und vor mir stand Hildegard mit entschuldigendem Gesichtsausdruck und einer leeren Schale in der Hand.
Entschuldigung, dass ich störe, begann sie, ich hatte Lust auf Pfannkuchen, alles vorbereitet und jetzt ist das Salz aus! Könntest du mir vielleicht ein bisschen geben? Ich bringe es dir morgen zurück, versprochen!
Wie hätte ich dazu Nein sagen sollen? Ich schüttete ihr eine ordentliche Portion Salz in die Schüssel, sie dankte herzlich und verschwand in ihrer Wohnung.
Doch schon wenige Tage später klopfte sie wieder. Diesmal war es Zucker, den sie brauchte.
Ach, ich wollte doch Tee trinken, erzählte sie und zog fröstelnd ihren Bademantel enger um sich, und draußen regnet es so schrecklich, außerdem ist es schon spät… Leihst du mir ein Tässchen Zucker? Ich kaufe morgen eine ganze Packung und bringe dir welche!
Ich hatte eigentlich nichts dagegen, aber insgeheim fragte ich mich: Wohnt sie denn schon fast einen Monat hier und hat immer noch keine Grundnahrungsmittel gekauft? Salz, Zucker, Butter und Streichhölzer gehören doch in jeden deutschen Haushalt. Aber ich ließ es gut sein.
Woche um Woche kamen neue Bitten: Eier, dann etwas Sonnenblumenöl, dann eine Zwiebel, die Hälfte einer Zitrone, ein Teebeutel, eine Kopfschmerztablette und sogar eine Rolle Toilettenpapier.
Jedes Mal lief es gleich ab: ein peinlich-berührter Blick, eine erfundene Geschichte von vergessen zu kaufen und das feste Versprechen, spätestens morgen alles wiederzubringen. Aber nichts kam je zurück. Hildegards Gedächtnis war offenbar sehr selektiv sie erinnerte sich genau, dass ich abends zu Hause bin, aber alles andere vergaß sie sofort, sobald die Wohnungstür wieder zu war.
Eines Tages brauchte ich selbst mal etwas eine Karotte für die Suppe. Ich wusste, dass Hildegard da war, also klingelte ich bei ihr. Sie öffnete, hörte mir zu und lächelte nur verlegen.
Ach, ich hab Karotten, aber ich brauche sie selbst zum Kochen, kann dir leider keine abgeben.
Und damit schloss sie freundlich, aber bestimmt die Tür.
Das war der Zeitpunkt, an dem mir der Kragen platzte. Meine Vorräte waren offenbar allgemein, aber Hildegards Möhren waren schützenswerter Privatbesitz? Ich fasste einen Entschluss: Schluss mit der gegenseitigen Leihgabe.
Ich setzte mich hin, kramte mein Notizbuch hervor und machte eine Liste aus dem Gedächtnis, alles, was Hildegard sich von mir geliehen hatte: viermal Zucker, fünfzehn Eier, Kaffee, Öl, Zwiebeln, Tablette, Zitrone, Waschpulver. Zusammen ergab das laut Preisen im Supermarkt der Umgebung knapp 50 Euro. Den Zettel legte ich auf meine Kommode im Flur sicher war ich, dass ich ihn bald brauchen würde.
Am darauffolgenden Samstag hatte ich vor, einen Apfelkuchen zu backen, als das Klingeln an meiner Tür mich unterbrach. Durch den Türspion sah ich Hildegard mit einer Rührschüssel.
Ich atmete tief durch, setzte mein freundlichstes, wenn auch kühles Lächeln auf, und öffnete die Tür.
Hallo!, sprudelte sie los, du, ich brauch deine Hilfe ich will Quarkkeulchen machen, der Kefir reicht noch, aber das Mehl ist alle! Gibst du mir 300 Gramm? Ich bring dir dann alles wieder!
Mehl?, hakte ich nach. Habe ich.
Ihre Augen leuchteten. Super! Du weißt doch, ich gebe es dir zurück!
Ich nickte und sagte: Hildegard, machen wir dieses Mal vorher kurz Kassensturz unserer bisherigen Lebensmittel-Kooperation.
Ich reichte ihr die fertige Liste. Hildegard schaute verdutzt. Sonst gab ich ihr einfach alles, nun hielt ich mich an einen Rechenschaftsbericht.
Hier, schau mal, wies ich auf die Zeilen. Das alles hast du dir in den letzten zwei Monaten geliehen. Stimmen die Zahlen? Fünfzehn Eier, richtig?
Sie murmelte etwas, das wie ein zögerndes Ich hab nicht gezählt… klang, das Lächeln wich ihrem Gesicht.
Ich habe gezählt, entgegnete ich. Zucker, Butter, Kaffee, Waschpulver, Zitrone, Zwiebeln alles korrekt?
Hildegard starrte mich an, erst verwundert, dann verärgert. Wie konnte ich es wagen? Das war doch unter Nachbarn!
Ich habe mit normalen Lebensmittelpreisen gerechnet, sogar Rabatt eingerechnet. Macht zusammen 47 Euro, sagte ich und streckte die Hand aus.
Sobald wir abgerechnet haben, bekommst du gern dein Mehl sogar frisch gesiebt.
Sie schnappte nach Luft. Ernsthaft? Du stellst mir eine Rechnung für Salz und Streichhölzer? Bist du verrückt?!
Mehr als vernünftig, erwiderte ich. Wer etwas nimmt, gibt es zurück. Oder bezahlt. Du hast nichts zurückgebracht, also bitte ich um Bezahlung.
Du bist echt kleinlich! Ich dachte, wir sind gute Nachbarn Aber du Erbsenzählerin!
Ich lächelte gelassen. Kleinlich ist wer Geld für Sushi hat, aber den Nachbarn beim Klopapier anschnorrt.
Ihr Gesicht färbte sich vor Ärger rot.
Behalt doch dein Mehl! Ich bitte dich nie wieder um etwas!
Sie drehte sich schroff um, knallte die Tür zu. Ich stand mit meinem Zettel da ärgerte mich nicht einmal mehr, eher fühlte ich mich erleichtert.
Seitdem sind zwei Wochen vergangen. Hildegard grüßt mich nicht mehr, schaut im Aufzug demonstrativ aufs Handy. Ich hörte, wie sie sich bei der Hausmeisterin beschwerte, dass in diesem Haus hartherzige und seltsame Leute wohnen.
Wie hätten Sie an meiner Stelle gehandelt? Würden Sie solche Geduld aufbringen?




