Nirgendwohin entkommen
Frau Margarete Steinbach, erkennen Sie mich denn gar nicht? Ich bins, Sebastian… Ihr einziger Neffe.
Sebastian?!
Einige Sekunden lang atmete die Tante schwer.
Um Himmels willen, ich habe ja schon gedacht, du bist längst tot oder im Gefängnis. Kein Anruf, kein Brief, nichts von dir…
*****
Warum ausgerechnet jetzt?! denkt Sebastian und sitzt vor seinem Laptop, während auf der anderen Seite der Wand unaufhörlich ein Bohrhammer lärmt. Eigentlich will er das gar nicht hören, aber es hilft nichts der Krach dringt durch alles hindurch.
Sebastian hat sich schon die Ohren zugehalten, Kopfhörer benutzt, sogar seinen Kopf unter das Kissen gesteckt…
Vergeblich.
Jeder neue Schlag wird von einem hochfrequenten Kreischen und schrecklichem Metallgeräusch begleitet, als würde Sebastian nicht in seiner Wohnung, sondern direkt auf einer Baustelle sitzen.
Wann hört das denn auf?! Wie lange kann man Menschen so quälen?
Am liebsten würde Sebastian vom Schreibtisch aufstehen, auf den Hausflur stürzen und mit einem Tritt die Stahltür eintreten, um dem Nachbarn endlich das verhasste Werkzeug aus der Hand zu reißen.
So etwas geschieht allerdings höchstens in seinen wilden Fantasien oder in den Seiten seiner neuen Geschichte.
Im echten Leben würde Nachbar Viktor, ehemaliger Fallschirmjäger, ihm mit dem Bohrhammer eines überziehen.
Ein Riese von einem Mann, so breit wie ein Doppelbett und ein Blick, der Gänsehaut macht
Deshalb bleibt Sebastian nichts anderes übrig, als sich zu fügen.
Eigentlich könnte er sich ja mit dem Ganzen abfinden, gäbe es da nicht eine wichtige Sache…
Der Chef eines bekannten Verlags vermutlich beeindruckt von Sebastians letzten Buch über einen mysteriösen Kriminalfall in einer fiktiven Kleinstadt hat Kontakt zu ihm aufgenommen und ein Angebot gemacht.
Ein lukratives Angebot, bei dem er Sebastian eine gute Stange Geld in Aussicht stellt.
Ich bin dabei! ruft Sebastian begeistert.
Sehr gut. Aber du musst das Buch in drei Monaten abliefern, sagt der Verlagsleiter.
Kein Problem.
Sebastian geht es oft so: Erst sagt er zu, dann denkt er nach. So auch jetzt er hat zugesagt, weiß aber noch nicht einmal, worüber er schreiben soll.
Natürlich, es muss irgendwie ein spannender Krimi sein. Für einen erfahrenen Autor wie ihn sollte das doch keinen großen Aufwand bedeuten. Doch weit gefehlt.
Ein mitreißender Krimi braucht eine gute Idee, einen ausgeklügelten Plot, interessante Charaktere und vor allem ein Verbrechen, das glaubwürdig und originell ist.
Das jedoch findet man nicht mal eben so. Es erfordert einiges Kopfzerbrechen.
Beim letzten Mal hat Sebastian dafür fast ein halbes Jahr gebraucht damals ohne Zeitdruck. Jetzt bleiben ihm bloß drei Monate.
Und ausgerechnet jetzt startet der Nachbar seine Großbaustelle… Statt kreativer Einfälle gibt es nur noch Gedanken ans Verenden.
Sebastian erkundigte sich bei Viktor, als der auf dem Balkon rauchte, wie lange der Lärm denn noch anhalten würde.
Wahrscheinlich noch drei Monate. Stör ich dich etwa?
Nein nein, hab nur gefragt, Sebastian wird blass und zieht sich schnell ins Zimmer zurück.
Es ist klar: Bleibt er in dieser Wohnung, bringt er kein Buch zustande. Also muss er weg. Aber wohin?
Eine Nacht im Hotel? Unbezahlbar bei den Münchner Preisen das scheidet aus.
Eine Mietwohnung? Interessant, aber ebenfalls teuer. Und sicher ist auch das Risiko da: Wer garantiert, dass es nicht gleich wieder einen lärmenden Nachbarn gibt?
Und was, wenn die Nachbarn stattdessen ein Baby feiern oder ein Mädchen Klavier übt?
Eine Mietwohnung ist vielleicht sogar riskanter als ein Hotel ständiges Umziehen, noch teurer.
Im Nachbarzimmer kracht etwas zu Boden es klingt, als ob die Decke einfällt. Sebastian erschrickt, vergisst ganz, dass er auf dem Bett sitzt und hat prompt die Buchstütze im Nacken.
Kopf massierend fällt ihm da plötzlich seine Tante Margarete Steinbach ein.
Das Verhältnis zu ihr ist neutral nicht gut, nicht schlecht. Das letzte Mal hat er sie auf der Beerdigung seiner Mutter gesehen. Sieben Jahre ist das schon her.
Immerhin ihre Nummer weiß er auswendig. Nach dem Anstoß mit dem Bücherregal taucht sie wieder in seinem Gedächtnis auf eine Chance, die er nutzen will.
Hallo! hört Sebastian ihre Stimme und ist froh, dass die Tante noch lebt.
Guten Tag, Frau Steinbach. Hier ist Sebastian.
Sebastian… Sebastian… die Frau wiederholt den Namen. Ach, der Handwerker, richtig? Ich hab das doch mit dem Wasserhahn in der Küche schon bezahlt… Haben Sie was vergessen?
Frau Steinbach, erkennen Sie mich nicht? Es ist Sebastian, Ihr Neffe. Ihr Einziger!
Sebastian?!
Sekundenlang atmet sie schwer.
Ach du meine Güte, ich hab schon gedacht, du wärst tot oder im Knast. Kein Lebenszeichen von dir…
Nein, ich lebe noch. Viel gearbeitet, konnte mich nicht melden, entschuldigt sich Sebastian.
Sieben Jahre rund um die Uhr arbeiten und nicht eine Minute frei? Bist du etwa in die Sklaverei geraten?
Nein, ich bin Schriftsteller geworden. Schreibe gerade Krimis, weil die Leser das mögen.
Schriftsteller? Wozu hast du dann Physik studiert? Deine Mutter und ich haben da ganz schön viel reingesteckt… Alles umsonst?
Tja, ich habe gemerkt, dass das nicht mein Ding ist… Ich rufe Sie aber eigentlich aus einem anderen Grund an…
Aha, also nicht nur so, um zu hören, wie es mir geht? Du brauchst was?
Ja… Also, ich meine, natürlich interessiert es mich, wie es Ihnen geht. Aber ich habe da eine Bitte.
Geld?
Nein. Ihr Gartenhaus.
Was?! Du willst meinen Garten? Du bist ja verrückt geworden…
Woher wissen Sie…? Sebastian reibt sich immer noch den Kopf Sie verstehen mich falsch. Ich würde nur gern für eine Weile in Ihrem Gartenhaus wohnen.
Eigentlich steht es gerade zum Verkauf. Die Maklerin kümmert sich darum.
Könnten Sie den Verkauf vielleicht drei Monate aufschieben? fragt Sebastian hoffnungsvoll.
Vielleicht.
Wirklich?!
Aber erklär mir zuerst, wozu du mein Gartenhaus brauchst. Wenn du dort Mädels einschleppen willst, kommt das gar nicht in Frage! Und heimlich geht auch nicht!
Ach was, Mädels… Ich habe ja noch nicht mal eine Freundin
Sebastian erzählt seiner Tante die ganze Wahrheit und lässt sie auch das Dröhnen des Bohrhammers hören.
Hören Sie das? Ich betrüge Sie nicht! Bitte, helfen Sie mir, Tante Margarete!
Zu Sebastians Glück zeigt sie Verständis und erlaubt ihm für drei Monate dort zu wohnen aber unter einer Bedingung: Er muss den Garten in Ordnung bringen, damit es für potenzielle Käufer ordentlich aussieht.
Kein Problem! sagt Sebastian. Senden Sie mir bitte die Nummer der Maklerin, wegen des Schlüssels.
Später überlegt er kurz, wann er das noch erledigen soll, wo ihm ohnehin schon die Zeit davonläuft. Doch er hofft, dass er genug Ruhe hat, um das Buch schnell fertigzustellen und dann den Garten auszumisten.
*****
Sebastian glaubt, alles durchdacht zu haben. Es ist Spätsommer, die meisten Gartenbesitzer sind in die Stadt zurückgekehrt.
Er rechnet also fest damit, im Kleingartenverein allein zu sein.
Das Wetter ist noch angenehm, und der geringe Komfort im Gartenhaus bereitet ihm keine Sorgen.
Mitten durchs Unkraut stapft Sebastian auf das Haus zu, als plötzlich eine Stimme erklingt:
Halt! Wer geht da?!
Sebastian bleibt stehen.
Ich frage, wer ist da?! Warum antwortest du nicht?! Der Geist aus dem Off klingt jetzt ungeduldig.
Sebastian, ich bins!
Was machst du hier?
Zu Besuch.
Bei wem? Hier wohnt doch seit sieben Jahren niemand mehr! Du bist doch bestimmt ein Einbrecher!
Das ist das Haus meiner Tante Margarete Steinbach. Sie hat mir erlaubt, drei Monate hier zu sein.
Komm mal an den Zaun.
In welche Richtung?
Nach links.
Sebastian sieht, als er nach links geht, einen älteren Herrn mit einem riesigen Hund am Nachbargrundstück. Der Hund schaut ihn an, als würde er ihn zum Abendessen verspeisen wollen.
Mag aber sein, Sebastian ist seit Kindheit an ängstlich bei Hunden.
Der Alte, der sich als Heinrich vorstellt, ist redselig. Nachdem er weiß, dass Sebastian tatsächlich der Neffe von Margarete ist, sprudelt er los. Sicher ein Ausdruck von Einsamkeit.
Ich wohne hier schon sieben Jahre. Die Wohnung hab ich meiner Tochter überlassen, weil sie geheiratet hat, und dann bin ich eben hierhergezogen. Und dann kam auch noch Freimut zu mir mein Hund. Jetzt leben wir zusammen.
Aha, sagt Sebastian leise, sein Blick ist weiter auf den Hund gerichtet.
Ich passe auch auf die Gärten auf, wenn die Besitzer in der Stadt sind. In jedem Häuschen stehen Kühlschränke, Mikrowellen, Fernseher… Ich arbeite ein bisschen als Wächter. Verdient zwar nicht viel, aber besser als gar nichts. Bleibst du nur drei Monate?
Ja, drei Monate. Muss ein Buch schreiben und brauche Ruhe. In der Stadt unmöglich.
Da bist du hier genau richtig. Außer dir, mir und Freimut ist keiner da. Perfekt!
*****
Nach dem Gespräch mit Heinrich bringt Sebastian die Taschen mit Lebensmitteln, Laptop und Mikrowelle aus dem Auto ins Häuschen. Ein Kühlschrank ist schon da, einen Fernseher braucht er nicht deshalb ist er ja hier.
Als er das Grundstück betrachtet, seufzt Sebastian. Er beschließt, den ursprünglichen Plan zu ändern.
Ich muss das Grundstück herrichten schließlich lebe ich drei Monate hier. Vor dem alten Herrn wäre es auch unangenehm bei dem ist es blitzblank.
In den nächsten vier Tagen nimmt Sebastian eine gründliche Entrümpelung in Angriff. Am fünften Tag ist kein Unkraut mehr zu sehen.
Das ganze Grünzeug stapelt er erst einmal im hinteren Garten: Vielleicht braucht ja jemand Kompost.
Die ganze Zeit beobachtet Freimut wachsam, aber schweigsam, Sebastians Arbeit. Irgendetwas Unheimliches liegt im Schweigen des Hundes es jagt Sebastian eine Gänsehaut ein.
Zum Glück trennt sie ein Maschendrahtzaun der große Hund wird ihn kaum überspringen.
Der Zaun wirkt auf Sebastian beruhigender als jede Baldriantablette. Ohne ihn hätte er Weißhaare vor lauter Sorgen.
So, jetzt kann ich mich ans Schreiben machen, Sebastian lächelt und klappt den Laptop auf.
Die Stille im Kleingartenverein ist perfekt keine Autos, keine Hähne, keine Nachbarn mit Bohrmaschinen. Das Glück währt jedoch nur kurz.
Kaum tippt Sebastian auf der Tastatur, bellt Freimut auf dem Nachbargrundstück los.
Was ist denn mit ihm los?, denkt Sebastian verwundert.
Die vier Tage über, als er den Garten herrichtete, war der Hund vollständig stumm. Aber jetzt brüllt er los so durchdringend, dass Sebastian nicht weiß, was schlimmer ist: der Nachbar mit dem Bohrhammer oder der bellende Freimut.
Sobald Sebastian das Häuschen verlässt, herrscht Ruhe. Betritt er das Haus wieder, bricht das Bellen aus.
Was soll das denn?
Sebastian spricht Heinrich darauf an, doch der zuckt nur bedauernd die Schultern; er versteht es auch nicht.
Heinrich versucht, den Hund an die Kette zu legen, aber Freimut bellt dann nur noch stärker. Das hilft gar nichts, verschlimmert nur alles.
Tage vergehen, Sebastian versucht am Buch zu arbeiten, doch im Kopf herrscht Stille. Keine kreativen Gedanken nur das Bellen von Freimut. Es schneidet bis ins Mark.
Sebastian denkt: Am liebsten würde ich hingehen und dem Hund einen Tritt verpassen aber das bleibt wohl Fantasie oder Stoff für einen Krimi.
In Wirklichkeit hat er Angst, dem Hund näher als drei Meter zu kommen Freimut erinnert ihn zu sehr an Viktor, den Nachbar in München.
Und nun?, fragt sich Sebastian, Eigentlich müsste ich hier abhauen. Aber wohin? Es gibt keinen Ort, an den ich könnte. Schon eine Woche vorbei…
Und am schlimmsten: Unter ständigem Stress kann er sich nicht konzentrieren.
Tag für Tag starrt er auf den leeren Bildschirm. Manchmal schweben Ideen durch seine Finger, doch im letzten Moment sinken sie kraftlos.
Anstatt am Roman zu arbeiten, schlendert Sebastian ziellos über das Grundstück und plündert die Vorräte, die er mitgebracht hat.
Heinrich, können Sie mir sagen, warum Ihr Hund immer genau dann bellt, wenn ich ins Haus gehe?
Woher soll ich das wissen? Ich kann nicht in seinen Kopf sehen. Aber eines sage ich: Er mag dich.
Na, das Gefühl ist nicht ganz gegenseitig…
Gib ihm Zeit. Hunde nicht zu lieben ist unmöglich. Weißt du, wie viele Leute mir gesagt haben, sie könnten nie einen Hund mögen und dann haben sie sich nicht mehr getrennt.
Aber irgendwer hat Freimut ja mal ausgesetzt…
Ja, solche Leute sind keine Menschen…
*****
Noch am gleichen Abend kommt spät ein Krankenwagen auf das Nachbargrundstück, und Heinrich wird auf der Trage herausgetragen. Sebastian beobachtet alles aus dem Badezimmerfenster.
Er hört, wie der alte Mann unter Mühe zu den Sanitätern sagt:
Aber wer passt jetzt auf die Gärten auf? Und wer füttert Freimut? Der Hund ist ganz allein. Der überlebt das doch nicht.
Machen Sie sich keine Sorgen, sagt ein junger Pfleger freundlich. Sie kommen wieder auf die Beine. Im Moment dürfen wir Sie nur nicht da lassen. Herzinfarkt ist kein Spaß.
Die ganze Nacht liegt Sebastian wach, hört Freimut zum Mond heulen. Erst im Morgengrauen schläft er ein.
So geht es mehrere Tage weiter, bis eines Tages der Bezirksbeamte auftaucht.
Er läuft wortlos an Freimut vorbei, bleibt eine Weile im Haus und kommt dann heraus, um die Tür zu versiegeln.
Entschuldigen Sie, was ist passiert? fragt Sebastian.
Und Sie sind?
Ich wohne hier gerade vorübergehend.
Sebastian erzählt dem Polizisten das Gleiche wie Heinrich und zeigt seinen Ausweis, gibt sogar die Nummer von Margarete Steinbach an. Dann erfährt er die traurige Nachricht:
Ihr Nachbar ist verstorben. Herzinfarkt.
Das tut mir leid… So ein lieber Mann. Und was passiert jetzt mit dem Hund? Er ist hier doch ganz allein.
Keine Ahnung, zuckt der Polizist die Schultern. Sie können ihn ja übernehmen. Ansonsten lassen Sie ihn frei, wird schon klarkommen.
Leicht gesagt denkt Sebastian und blickt Freimut an, der die letzten Tage an der Kette sitzt.
Hunger hast du sicher auch? fragt Sebastian und schämt sich direkt für die Frage. Natürlich hat Freimut Hunger; er hat tagelang nichts bekommen.
Sebastian bringt Wurststücke, wirft sie mit geschlossenen Augen zum Hund.
Doch wie immer beim Werfen: Er verfehlt das Ziel. In der Schule wurde Sebastian nie zum Basketball gewählt.
Das Wurststück landet kurz vor dem Hund, der es, wegen der Kette, nicht erreicht. Sebastian versucht es erneut, auch das zweite Stück landet zu kurz. Das dritte auch.
Fluchend schleicht er auf das Nachbargrundstück, die Beine zittern. Er betet, nicht ohnmächtig zu werden.
Freimut schaut hungrig und leckt sich die Lippen. Sebastian legt die Wurst näher an die Hütte, Freimut schlingt alles runter.
Und dann aus einem plötzlichen Impuls heraus löst Sebastian Freimut von der Kette. Doch anstatt abzuhauen, springt der Hund ihn freudig an, bringt ihn zu Boden und leckt ihm das Gesicht ab.
Aaah! ruft Sebastian.
Doch seine Schreie hört niemand es ist niemand da im Kleingartenverein.
Eigentlich wollte Sebastian den Hund, wie vom Bezirksbeamten vorgeschlagen, laufen lassen. Aber Freimut denkt erst gar nicht ans Weggehen… Stattdessen folgt er Sebastian auf Schritt und Tritt.
Was soll das jetzt werden? fragt Sebastian den Hund. Denkst du vielleicht, ich nehme dich mit zu mir?
Wuff!
Irrtum… Erstens gehört der Garten meiner Tante, sie will keine Haustiere hier; wenn sie das merkt, schmeißt sie mich raus! Zweitens, ich bin nur vorübergehend hier. Drittens, ich bin pleite, weil ich das Buch nicht rechtzeitig schaffe dank dir, übrigens!
Wuff!
Ja, genau, weil du Tag und Nacht gebellt und geheult hast, habe ich nichts geschafft, seufzt Sebastian.
Doch egal. Freimut fragt nicht nach Erlaubnis: Du bist jetzt mein Mensch, ich bleib bei dir.
Sebastian fügt sich ins Schicksal.
Zu seiner Überraschung bellt Freimut nicht mehr und stört ihn beim Schreiben nicht. Eigentlich perfekt aber trotzdem klappt es nicht mit dem Roman. Keine Ideen, kein Plot, keine Charaktere.
Er hat sich so an Lärm gewöhnt, dass jetzt die Stille lähmt. Fast bereut Sebastian, die Wohnung in München verlassen zu haben. Vielleicht hätte er doch einen Krimi schreiben sollen über Nachbar Viktor, den sie mit Bohrhammer in der Hand tot in seiner Wohnung finden. Natürlich ein Mordfall.
Statt zu schreiben, macht Sebastian andere Dinge. Zum Beispiel schleppt er die Hundehütte aus dem Nachbargarten herüber.
Eine richtige Hütte mit Gittertür, vermutlich Eigenbau von Heinrich. Da sperrt er Freimut während des Essens ein.
Warum? Weil Freimut das Essen vom Tisch klaut.
Kaum hat Sebastian den Tisch draußen gedeckt (das Wetter ist schön Essen an der frischen Luft ein Genuss), holt er den Teekessel und zack: Teller leer.
So nicht! ärgert sich Sebastian.
Freimut sitzt daneben und leckt sich das Maul. Also schleift Sebastian die Hütte herüber. Schließlich muss er sich wehren!
Den halben Tag schleppt er die Konstruktion. Vielleicht gibts auf Heimrichs Grundstück irgendwo eine Schubkarre, aber die Gartenhäuser sind alle versiegelt Pech gehabt.
Das Problem: Die Strafe bringt nichts. Sebastian stellt sicher, dass Freimut wirklich in seiner Hütte sitzt, die Tür mit dem Haken gesichert ist, dann holt er den Tee… und prompt: Teller leer.
Freimut sitzt in der Hütte, schaut treuherzig und leckt sich die Lippen.
Sebastian untersucht alles, die Tür ist zu. Poltergeist?!
Am nächsten Tag versucht er es anders. Er deckt den Tisch, holt sich Tee, späht aber durchs Fenster.
Und da taucht der wahre Poltergeist auf: Ein grauer Kater. Geschickt öffnet er mit der Pfote den Haken der Hütte, dann laufen beide Hund und Katze zum Tisch und fressen alles ratzfatz.
Freimut verschwindet zurück in die Hütte, der Kater schließt die Tür wieder.
Irrsinn…, denkt Sebastian. Gibts sowas wirklich?
Ob echt oder nicht ab jetzt isst Sebastian mit Hund und Kater. Sebastian am Tisch, Freimut darunter.
Sogar der Kater den Sebastian Niers nennt darf bleiben. Zu dritt sind sie jetzt: Sebastian, Freimut und Niers.
Als Dank dafür, dass Sebastian ihn duldet (obwohl er annimmt, der Kater würde sowieso irgendwann verschwinden), jagt Niers im Haus alle Mäuse, häuft sie ordentlich vor Sebastians Bett.
Seine Flüche am Sonntagmorgen sind wahrscheinlich bis nach München zu hören, immerhin sind es 15 Kilometer bis dahin.
Also, wie sieht die Bilanz aus Sebastian trinkt Tee und sinniert. Zwei Wochen sind vergangen Keine geschrieben Zeile, keine Idee, keine Handlung, keine Figuren. Dafür zwei Mäuler mehr zu stopfen. Wovon eigentlich? Sebastian schaut in den leeren Kühlschrank.
Er muss in die Stadt, Proviant nachkaufen. Eigentlich will er allein fahren, aber Freimut und Niers sehen das anders offenbar glauben sie, Sebastian ließe sie zurück.
Kaum öffnet er die Tür, sausen beide ins Auto. Also fährt er gemeinsam mit Hund und Kater.
Hin und zurück, mit Einkauf und Gassi-Pause für die Tiere und einer kleinen Sperlingsjagd, dauert alles knapp drei Stunden.
Dabei hatte Sebastian mit einer Stunde gerechnet. Aber Planen mit Freimut und Niers bringt nichts am Ende entscheiden sie, nicht er. Am liebsten würde Sebastian fortlaufen doch es gibt kein Entkommen.
*****
Nach dem Abendessen fasst Sebastian zwar schweren Herzens, aber entschlossen den Plan, den Verlagschef morgen anzurufen und die Zusammenarbeit abzusagen.
Und dann heimzukehren. Hier kann er eh nichts mehr ausrichten.
Doch wieder passiert unerwartet etwas diesmal haben die Tiere nichts damit zu tun.
Als es dunkel wird, trinkt Sebastian seine dritte Tasse Tee und hört ganz nah einen Fahrzeugmotor. Es klingt nach Transporter, nicht Pkw.
Er ruft vorsichtshalber den Bezirksbeamten an und schildert seinen Verdacht.
Der sagt nichts, verspricht, bald nachzusehen, wer um diese Uhrzeit unterwegs ist.
Noch während Sebastian auf das Klo geht, sieht er, wie ein weißer Transporter auf Heinrichs Grundstück hält. Das Licht ist draußen kaputt, niemand sieht Sebastian und seine Tiere, aber er selbst hat freie Sicht, als zwei Gestalten sich in das verlassene Haus begeben und es durchwühlen.
Dass das Diebe sind, ist unbestreitbar. Gestellt sich nur die Frage: Was tun?
Bis der Polizist kommt, sind die längst auf und davon immerhin liegt Heinrichs Grundstück ganz am Rand des Kleingartenvereins.
Immerhin haben die Gauner seinen eigenen Wagen noch nicht entdeckt. Sollte das passieren, merken sie, dass noch jemand hier ist…
Ich muss jetzt handeln, flüstert Sebastian und tastet nach Klopapier.
Er verlässt die Toilette, schickt Hund und Kater draußen Wache stehen und schleicht zum Nachbargrundstück.
Der Transporter ist voller Technik: Kühlschränke, Mikrowellen, Fernseher, mit Glück sogar eine neue Spielekonsole.
Kaum will Sebastian genauer schauen, kommen ihm die Typen entgegen. Irgendwie kommen sie ihm bekannt vor, doch woher?
Ein guter Fang heute, freut sich der eine, hält einen Fernseher in der Hand.
Ja, nicht schlecht. Der Alte hatte auch noch Medaillen, die bringen bestimmt viel.
Dann entdecken sie Sebastian.
Wer bist du?
Polizeibehörde! ruft Sebastian. Ihr seid auf frischer Tat ertappt! Hände hoch und umdrehen, Widerstand ist zwecklos!
Diesen Spruch kennt er aus einem Krimi im Fernsehen.
Mist… der Typ mit dem Fernseher wird blass.
Doch der andere…
Das ist kein Polizist, Micha. Der Nachbar, von dem der Alte geredet hat der, der angeblich ein Buch schreibt. Wir dachten, er spinnt…
Ach so! grinst sein Komplize.
Sebastian kann nicht kämpfen und rechnet schon mit dem Schlimmsten: Zeugen lassen die Ganoven sicher nicht leben.
Doch gerade als sie auf ihn zugehen, stürzen aus der Dunkelheit zwei Gestalten: Freimut und Niers. Der Kater springt dem einen auf den Kopf und massiert kräftig dessen Glatze, während Freimut den anderen zu Boden ringt und mit sabberndem Maul knurrt.
Aaaaah! schreit der Typ.
Schrei nur, denkt Sebastian. Hier hört dich keiner.
Auch der andere fällt bald zu Boden, windet sich unter dem Katermassaker.
Sebastian schnappt sich eine Kette, fesselt so gut es geht die Hände.
Kaum später trifft der Bezirksbeamte ein und legt den beiden Handschellen an, lächelnd.
Tapfer, Sebastian! sagt er. Zwei Diebe außer Gefecht gesetzt.
Ach, alleine war ich nicht, Sebastian deutet auf Hund und Kater. Meine Freunde haben geholfen.
Gute Freunde. Mit solchen kann man alles angehen. Hüte sie gut.
Als ob ich noch eine Wahl hätte?, denkt Sebastian.
Kennen Sie die Täter? fragt er noch.
Klar, das sind die Sanitäter aus dem Krankenwagen… Dachten wohl, sie könnten sich hier bereichern. Ich hab ihnen schon lange aufgelauert. Und du fängst sie an nur einem Abend.
Der Polizist fährt ab, Sebastian eilt zurück ins Haus. Plötzlich hat er eine geniale Idee für ein neues Buch.
*****
Zweieinhalb Monate später überreicht er das Manuskript dem Verlagsleiter; der kann nicht mehr aufhören zu lesen.
Sebastian! Das ist ein Bestseller! Nach der Veröffentlichung bekommst du dein Geld und eine ordentliche Beteiligung.
Kurze Zeit später verkauft Sebastian seine Münchner Wohnung, kauft von der Tante den Garten und später auch das Nachbargrundstück von Heinrich dazu. Mit dem Honorar baut er ein echtes Haus mit Badezimmer und Zentralheizung.
Und so lebt Sebastian jetzt hier auf dem Land, zusammen mit Freimut und Niers. Warum auch nicht?
Ringsum Frieden und Ruhe… Und das Beste: seine Freunde sind immer bei ihm.
Tagsüber schreibt Sebastian am Laptop, abends machen sie einen Rundgang über das Gelände. Dankbar denkt er daran, wie alles gekommen ist auch dem Nachbarn Viktor samt Bohrhammer. Wäre dessen Renovierung nicht gewesen, hätte Sebastian das alles nie erlebt…




