Fritzchen

Väterchen

Annika, bist du verrückt geworden? Frau Blume macht dich fertig, wenn sie das hier mitkriegt!

Greta, wohin soll ich ihn denn sonst? Soll ich ihn etwa aussetzen? Das bring ich doch nicht übers Herz! Er lebt ja noch!

Er ist vielleicht noch am Leben, aber um dich wärs geschehen, wenn du ihn hier behältst.

Greta, du Gute, jetzt übertreib mal nicht so! Das ist doch kein Tiger, sondern nur ein Kätzchen. Lass ihn doch einfach ein wenig hierbleiben, ja?

Was willst du mich überreden? Greta lachte und streichelte den unerwarteten kleinen Gast mit den roten Öhrchen. Meinst du, mir ist er nicht leid? Wo hast du den Knirps denn überhaupt aufgetrieben? Der ist ja mager wie ein Strich! Und krank ist er auch noch, hält den Kopf nicht mal richtig. Ein wahres Kleinod!

Wir gehen los! Annika schnappte sich den langen, von Greta gestrickten Schal von der Garderobe und wickelte ihren Findling darin ein. Ich kam heute aus der Spätschicht und bin durch den Stadtpark gegangen. Da lag er mitten auf dem Weg. Entweder aus den Büschen gekrochen oder gleich dort ausgesetzt worden. Schneebedeckt war er schon ganz. Ich hätte ihn fast übersehen, wäre er nicht feuerrot gewesen. Hebe ihn hoch, eiskalt. Ich dachte schon, der atmet gar nicht mehr. Dann merkte ich aber: doch, lebt noch. Hab ihn unter den Schal und bin gerannt, die ganze Strecke bis zum Wohnheim. Annika schmunzelte, goss Milch in den Emaillebecher zum Erwärmen. Frau Blume hat mich so angesehen, als ich vorbeihetzte mit offenem Mund!

Dann erwarte mal wirklich bald Besuch. Ach, Annika, die macht dir Feuer unterm Hintern! Erinnerst du dich noch, wie sie Sonja beschimpfte, als die eine Katze angeschleppt hatte? Wollte sie fast rausschmeißen. Es heißt: Ordnung muss sein! Tiere sind im Wohnheim verboten!

Aber Greta, du verpetzt mich doch nicht? Annika sah unsicher zur Tür. Wenn sie ohne mich kommt bitte, versteck ihn. Ich geb ihm nur eben die warme Milch, dann bring ich ihn wieder weg.

Na los, geh schon! Greta nahm Annika den Schal samt Kätzchen ab, räumte schnell ihr Strickzeug aus dem Körbchen. Ich hab nichts gesehen, nichts gehört, nichts gesagt! trällerte sie und zwinkerte Annika zu. Na los, beeil dich, ich pass schon auf!

Annika ging, und Greta beugte sich mit einem Kopfschütteln übers Körbchen:

Na, das ist ja ein Glück, roter Bandit… Atme, mein Kleiner! Annika ist ein gutes Mädchen wenn dir was passiert, weint sie wochenlang. Und mir reicht das!

Das Kätzchen blieb stumm, atmete kaum merklich, lag mit geschlossenen Augen da und regte sich nicht, als Greta mit ihm sprach.

Die Dämmerung senkte sich langsam über das Zimmer, und Greta wollte das Licht nicht anmachen. Sie liebte diesen Moment zwischen Tag und Nacht. Der ganze Abend lag noch vor ihr. Zuhause, wenn sie von der Zwölfstundenschicht kam, war es anders dann fiel sie gleich ins Bett. Jetzt aber genoss sie die Stille. Sie konnte noch lesen, mit Annika schwatzen, sie ein bisschen über ihren Freund Thomas ausfragen. Greta seufzte leise. Annika hatte es wirklich gut, Freund, Verlobter, alles wie im Bilderbuch. Sie? Ganz allein. Wer wollte sie schon, so ein langer Lulatsch. Annika war zierlich wie eine Porzellanpuppe, mit hellblonden Zöpfen bis zur Taille, und ihre großen, blauen Augen… Wunderschön! Und sie, Greta? Ein echtes Bauernmädel, wie Oma immer sagte, wenn die kräftige Enkelin einmal mit einem Schlag Ordnung unter ihren drei frechen Brüdern schuf. Die Brüder waren längst erwachsen, der Älteste sogar schon verheiratet, hatte gerade eine ganz liebe Frau aus dem Dorf geheiratet da war Greta auf der Hochzeit. Und sie? Immer noch allein. In der Stadt gab es einfach keinen, zu dem sie passen würde. Und zu Hause? Gibt ja kaum noch Männer, die ins Dorf zurückkehren. Arbeit? Nur der Hof. Wofür hatte sie denn studiert? Hier, in der Fabrik wird sie geschätzt, bekam sogar einen Reisegutschein beim letzten Urlaub. Greta schob die düsteren Gedanken beiseite Ach, was soll’s, Hochzeit läuft ja nicht weg! Irgendwann wird schon jemand kommen.

Annika kam zurück und suchte nach einer Pipette, um das Kätzchen zu füttern. Aus der Schale konnte er nicht trinken, schnupperte nur schwach, hatte keine Kraft zu lecken. Greta sah zu, wie Annika verzweifelt versuchte, ihm die Milch einzuflößen, nahm kurzerhand das winzige Bündel an sich.

Gib mal her!

Mit der Pipette zog sie Milch auf, fixierte das Köpfchen und zwang ihm den Mund auf:

Na los, streng dich an! Sie hat dich nicht deshalb hierhergeschleppt, damit du hier verhungerst!

Das Kätzchen prustete und schluckte, aber es begann zu trinken.

Sie tauften ihn Felix. Fast ein Jahr lang wusste Frau Blume nichts von dem heimlichen Mitbewohner, bis sie an einem stürmischen Frühlingstag zufällig sah, wie ein oranger Blitz mit buschigem Schwanz durchs geöffnete Fenster im Erdgeschoss nach draußen huschte.

Was ist das denn?!

Ihr Schrei hallte durchs ganze Wohnheim.

Frau Blume, bitte! Sie haben es gar nicht gemerkt so brav ist unser Felix! Fängt sogar Mäuse!

Welche Mäuse? Wir haben keine Mäuse im Wohnheim! Unser Internat ist ein Vorzeigebetrieb!

Na klar. Unsere Mäuse sind eben auch vorbildlich. Schön fett! Felix legt sie mir jeden Morgen neben mein Bett. Ich kann sie Ihnen beim nächsten Mal zeigen. Sonst glaubt uns ja keiner! Soll ich den Betriebsleiter einladen? Der wird staunen.

Maria! Pass auf, was du sagst! Frau Blume funkelte Annika an. War das deine Idee? Und wenn du heiratest wohin mit ihm? Nimmst du ihn mit?

Ich weiß nicht… Annika nahm Felix hoch. Er liebt mich zwar, aber irgendwie ist doch Greta seine Herrin. Wird ihn wohl vermissen…

Pah! Frau Blume musste lachen, als sie Annikas besorgtes Gesicht sah. Du sprichst ja von dem wie von einem Mann! Annika, er ist ein Kater. Wos Futter gibt, ist er zufrieden.

Sie irren sich. Ich kann machen was ich will am liebsten kuschelt er doch mit Greta. Annika reichte Felix ihrer Freundin und umarmte Frau Blume. Also? Dürfen wir ihn behalten?

Na gut, ihr Schlitzohren! Aber wehe, ich höre oder sehe auch nur ein Miau! Sonst fliegen wir hier alle raus. Und dann kann ich euch nicht helfen.

Die Hochzeit von Annika wurde ordentlich gefeiert, und Greta blieb mit Felix allein. Die Tage zogen sich jetzt zäher dahin, irgendwie leerer. Frau Blume beeilte sich nicht, einen neuen Mitbewohner ins Zimmer zu stecken. Das alte Wohnheim stand kurz vor der Schließung, alle hofften auf ein Zimmer im neuen Haus. Greta half an den Wochenenden beim Bau, wanderte einsam durch die Gänge und überlegte, wie es mal sein würde, wenn alles fertig war. An so einem Abend begegnete sie, wie sie damals dachte, ihrem Schicksal.

Matthias war wie sie ein Zugezogener, einziges Kind, hatte seine Eltern bis zuletzt gepflegt. Nach ihrem Tod kam er in die Stadt besaß nichts, aber war froh, raus zu sein. Mädchen gab es in der Stadt viele, aber er hatte seine eigenen Vorstellungen: er suchte eine richtige Frau zum Heiraten, mit Mitgift, vielleicht sogar einer Wohnung. Greta passte so gar nicht ins Raster. Doch an der kräftigen Schönheit, die ihm mit kühlem Blick im Flur begegnete, kam auch er nicht vorbei.

Seine unbeholfenen Annäherungsversuche belustigten Greta anfangs.

Himmel, was will denn so einer wie der? Dem müsste ich über den Kopf streicheln, so klein ist der neben mir! lachte Greta, als sie Annika, die sie einmal besuchte, davon erzählte.

Ach Greta! Was sagt Größe schon aus? Wie ist er denn sonst?

Weiß nicht… dann wurde Greta nachdenklich. Weiß ich wirklich nicht, Annika.

Sie sah, wie Annika sich mühsam erhob, um nach Hause zu gehen, wie sie Felix streichelte, der sich genüsslich auf dem Bett räkelte, die Hand auf den mittlerweile runden Bauch gelegt.

Schwer?

Ach, geht schon. Es ist nur ein komisches Gefühl. Wie am Bahnhof, wenn man weiß: gleich geht der Zug, und dann wird alles gut. Nur wartet man und wartet… Annika nahm den Honig, küsste Greta und winkte Felix. Machs gut, mein Kater. Pass auf sie auf!

War es Annikas Schwangerschaftsbauch oder ihre eigene Einsamkeit jedenfalls wurde Matthias bald zum Dauergast. Felix mochte ihn nicht. Kaum betrat Matthias die Tür, stellte Felix den Rücken hoch, fauchte und schlich auf den Fenstersims, peitschte mit dem Schwanz. Greta ließ ihn dann oft raus, er kam nachts wieder, schmollte im Eck und rührte kein Futter an. Was ihn plagte, wusste sie nicht.

Eifersüchtig, was? fragte sie auf Frau Blumes Vorschlag, zu der Felix neuerdings ab und zu auswanderte, wenn Matthias kam.

Kann sein. Oder er spürt irgendwas. Sei vorsichtig, Greta. Wer weiß, wie das endet. Der verschwindet vielleicht auf Nimmerwiedersehen, und was dann?

Er ist nicht so, Frau Blume. Ich glaube an ihn.

Ach, Mädchen… stöhnte sie leise, hörte aber auf zu mahnen. Die Entscheidung triffst du.

Felix und Frau Blume sollten Recht behalten.

Die morgendliche Übelkeit schob Greta auf den sauren Joghurt. Auch die eingelegten Pilze, die ihre Schwägerin ihr geschickt hatte, waren schon seit Tagen offen gewesen. Doch es hielt tagelang an sie war nur müde, hungrig, palte sich einmal mehr neben dem Babybett ihres Sohnes draußen an der Luft ab. Erst als sie Annika mit dem Kinderwagen traf und ihr klagte, dämmerten ihr die Umstände.

Greta! Wie hast du das hinbekommen? Und, hast du es Matthias schon gesagt?

Greta stand wie vom Donner gerührt. Ihre Gedanken wirbelten durcheinander, doch im Innersten drang Frau Blumes leise Stimme durch:

Mädchen… Pass auf!

Dieser leise, warnende Ton riss sie aus ihrer Lähmung. Sie nickte Annika schweigend zu, machte sich schnellen Schrittes auf den Heimweg. Sie musste Matthias sprechen. Die freie Zeit war vorbei, jetzt zählte Verantwortung.

Aber das zukünftige Leben musste Greta allein durchdenken.

Tut mir leid, Greta. Aber wer weiß, ob das überhaupt von mir ist? Das kann ich nicht akzeptieren. Matthias beachtete Felix, der wütend auf ihn losging, nicht und trat ihn grob zur Seite. Geh weg!

Felix sprang auf, verbiss sich doch noch in Matthias Hose, sein Aufschrei entlockte Greta ein schwaches Grinsen:

Lass ihn, Felix! Der taugt uns nichts. Wer so geht, kann gleich bleiben, wo der Pfeffer wächst.

Lange saß sie dann auf dem Stuhl, starrte zur Tür, durch die Matthias verschwunden war. Felix schlich um ihre Beine, sprang irgendwann entgegen ihrer Gewohnheit zu ihr auf den Schoß und schnurrte leise, bis Greta ihn schließlich absetzte.

Jetzt reichts mit der Traurigkeit. Ich brauche einen heißen Tee.

Ihren Sohn meldete Greta nur auf ihren Namen an. Sie sah der jungen Standesbeamtin fest in die Augen:

Er hat keinen Vater. Nur eine Mutter. Reicht das?

Annika besorgte dem Kind alles, was es im Kinderzimmer braucht, Frau Blume fand eine gute gebrauchte Kinderkarre und marschierte mehrmals zum Fabrikdirektor, um für Greta eine bessere Wohnung zu verlangen. Doch der Bau stockte erneut, der Direktor zuckte nur die Schultern:

Ich würde ja, aber im Moment gehts nicht. Sie müssen durchhalten.

Das Zimmer war kühl, so sehr Greta die Ritzen auch abdichtete. Also duldete sie Felix beim Kind, der scheinbar beschlossen hatte, dass dieses kleine, schreiende Bündel jetzt zu ihm gehörte. Er rollte sich neben dem Baby zusammen, und der Kleine schlief selig, solange Felix bei ihm wachte. Greta musste schmunzeln, wenn Felix das Kind beschützend wie ein Teddybär bewachte auch wenn Geld knapp war und die Brüder manchmal Pakete schickten. Matthias war weggezogen, und Greta vermisste ihn nicht. Hilfe gab es ohnehin nicht, seelisches Gift schon gar nicht. Sie strich ihn aus ihrem Kopf, behielt nur das schönste ihren Sohn.

Die ganze Familie stand auf der Matte, als Greta mit dem Baby aus dem Krankenhaus heimkam.

Schau dir an, was für Backen! Ein richtiger Wonneproppen, ganz wie du!

Greta war so gerührt, dass ihr fast die Tränen kamen. Niemand sagte auch nur ein böses Wort, im Gegenteil: die Frau des Bruders drückte sie in der Küche an sich und flüsterte ins Ohr:

War genau richtig so, Greta. Jetzt bist du nicht mehr allein. Der richtige Mann kommt noch, keine Sorge. Nicht alle sind so wie deiner. Und den Kleinen schaffen wir alle zusammen.

Und die Familie hielt Wort. Alle paar Wochen kam einer der Brüder mit Lebensmitteln in die Stadt. Greta sortierte die Körbe, trocknete leise die Tränen, die ihr manchmal kamen eigentlich war das Glück so einfach, wenn man nur wusste, dass man nicht allein war. Dass es diejenigen gibt, die dich lieben, dich nie im Stich lassen. Sollte einmal etwas passieren, würde ihr Kind aufgenommen, nicht verstoßen. Manchmal ärgerte sich Greta über diese Tränen, aber sie freute sich, nicht allein zu sein.

Die Kinderkrippe für ihren Jan wurde eine echte Bewährungsprobe. Er war oft krank, und Greta riss sich zwischen Job und Zuhause auf. Ohne die Hilfe von Frau Blume und Annika wäre sie sicher zurück aufs Dorf gegangen, aber sie wusste, dass sie dort dann mit der Schwiegerfamilie zusammensitzen müsste und das wollte sie ihnen nicht zumuten.

Abends saß sie am Kinderbett und dachte über ihre verflossene Liebe nach. Wahrscheinlich hat eben nicht jeder das Glück, den richtigen Menschen zu finden. Sie wusste jetzt, was sie wirklich wollte: keinen Schwurbel mehr, keine leeren Worte, sondern einen, der ihr einfach einen Tee kocht, ihr sagt, dass sie schlafen gehen soll, weil er beim Sohn sitzt. Einer, der sie am Wochenende in den Tierpark begleitet, Jan einen Luftballon kauft, ihr für den Eintopf dankt und die schon Monate herumliegende Regalbrett endlich montiert. Einer, der einfach da ist. Immer.

Das würde für sie Familie bedeuten. Mehr brauchte sie nicht.

So schlief Greta manchmal am Esstisch ein, den Kopf auf die Platte gelegt, keinen Platz für Ängste in der Brust.

In einer solchen Nacht veränderte sich ihr Leben erneut, stellte alles endgültig auf den Kopf und brachte endlich ein bisschen Sinn und Hoffnung in ihre scheinbar unvollendete Geschichte.

Jan war schon den dritten Tag krank. Hohes Fieber, das einfach nicht sinken wollte Greta war fast am Ende ihrer Kräfte. Die Kinderärztin aus dem Nachbarhaus kam jeden Tag, obwohl sie gar nicht gerufen wurde:

Weiter so, das machen Sie sehr gut. Starkes Kind, das verkraftet das! Warten wir ab!

Greta trug ihren Sohn auf dem Arm, wiegte ihn in den Schlaf, verteilte Kompressen, hörte ihn aufwachen und weinen vor Schmerz im Ohr. Abends brachte Frau Blume einen Topf heiße Brühe und strich Jan zärtlich über die Stirn:

Der kocht ja!

Ich schaffe es nicht, das Fieber runterzukriegen.

Vielleicht gar nicht schlecht? Frau Blume spielte Die kleine Schnecke mit Jan, bis er lächelte. Wenn der Körper kämpft, ist das ein gutes Zeichen.

Weiß ich ja, aber ich ertrage es einfach nicht, wenn er leidet.

Wird schon! Aber gib auf dich Acht, wenn du umfällst, hilft das keinem. Iss was, dann schlafen.

Greta nickte, bereitete einen neuen Wickel. Frau Blume verließ leise das Zimmer.

Felix lag inzwischen neben Jan im Bett, peitschte mit dem Schwanz, neckte das Kind, das ihn kichernd zu fangen suchte, schlief dann aber friedlich an Felix Seite ein noch bevor Greta mit dem Wickel fertig war. Sie überlegte, ob sie Jan wecken sollte, entschied sich dagegen.

Sie nahm die Brühe, ging zur Küche zum Wärmen. Da hörte sie, wie etwas fiel und zerbrach dann das schrille Schreien von Jan. Sofort eilte sie zurück. Sie riss die Tür auf erstarrte: Felix kämpfte in wildem Sturm gegen eine riesige Ratte. Der Kampf war heftig: bereits war ihm ein Ohr zerfetzt, der Bauch blutete. Sie wollte schon eingreifen, doch Felix warf sich auf die Ratte, packte sie am Hals und ließ nicht mehr los. Greta konnte ihn kaum von der toten Ratte lösen.

Felix, mein Guter, lass los! Du hasts geschafft!

Der Kater wimmerte leise, gab das Biest frei, humpelte sofort zu Jan, der immer noch weinte. Greta stürzte zum Bett neben Jan lag eine zweite, kleinere, aber immer noch beängstigende Ratte. Sie schnappte Jan, stürmte zur Tür und rief:

Hilfe!

Eine Stunde später saß sie, den Sohn warm eingepackt, bei Frau Blume, die ihr einen Ersatzschlüssel gab und versprach, den Kater zu versorgen.

So etwas Schlimmes… Ratten! Gerade erst wurden sie doch bekämpft! Frau Blume schimpfte, doch sie konnte gegen das alte, marode Gebäude nichts tun.

Sie räumte Gretes Zimmer auf, nahm Felix zu sich in die Garderobe und behandelte seine Wunden.

Tapferer Kater, Felix! Gut, dass ich dir damals Asyl gegeben habe! So einen findet man nicht so schnell wieder.

Felix lag ausgelaugt da, rührte sich kaum, wollte nicht fressen. Frau Blume runzelte die Stirn, ahnte, dass das nicht gut war.

Als sie am Morgen von der Schicht nach Hause kam, sagte sie Greta am Telefon, dass es Felix schlechter ginge.

Passen Sie auf Jan auf? Greta war schon halb auf dem Sprung. Wohin mit ihm? Gibts hier Tierärzte?

Gibts, gleich um die Ecke vom Wohnheim! Mach dich auf den Weg!

Greta rannte fast. Felix lag ausgestreckt auf dem Teppich, atmete schwer.

Felix, halt durch! Ich beeil mich!

Greta schaffte es zur Tierarztpraxis, stürmte an einer jungen Arzthelferin vorbei:

Ich brauche sofort den besten Tierarzt!

Die junge Frau wollte protestieren, musterte dann aber Gretas entschlossenes Gesicht, nickte und schickte sie auf die Bank im Wartezimmer.

Greta presste Felix an sich, spürte jeden schwachen Atemzug, war drauf und dran, selbst nach dem Tierarzt zu suchen, als sich die Tür öffnete und ein Bär von einem Mann eintrat.

Was haben wir denn da? dröhnte seine tiefe Stimme, dass Greta fast die Sprache verschlug.

Bei seinem Blick reichte sie ihm Felix:

Das ist mein Kater…

Wer hat denn dem so zugesetzt? Der Arzt nahm Felix wie eine Feder auf, betrachtete die Wunden.

Ratten.

Der sieht aber nicht wie ein Streuner aus. Prachtkerl.

Gehört zu mir.

Wie kommt der denn an Ratten? Lassen Sie ihn raus?

Nein, das war im Zimmer.

Sachen gibts!

Wollen Sie noch lange fragen? Er braucht dringend Hilfe! Greta wurde laut vor lauter Angst, Felix lag völlig erschöpft, sie hatte Tränen in den Augen. Er hat mein Kind gerettet! Bitte tun Sie etwas!

Keine Sorge, ich bin Dr. Jonas. Und wie heißen Sie?

Greta.

Angenehm, Greta. Und künftig: lieber ruhig bleiben, dann klappt alles besser.

Dr. Jonas lächelte.

Wir helfen Ihrem kleinen Helden.

Einige Jahre später schlich ein großer, roter Kater durchs Kinderzimmer, prüfte jede Ecke, sprang ins Bett neben Jan. Die kleine Leni, die sich an den warmen, weichen Bauch kuschelte, ließ die Fingerchen durch das dichte Fell gleiten. Felix begann zu schnurren eigenes Katzenlied, und das Mädchen schlief noch fester. Die Eltern traten leise herein. Greta zog dem Sohn die Decke hoch, steckte Leni das verrutschte Sockenpaar wieder an, schmiegte sich an Jonas Schulter:

Ein wahrer Babysitter, nicht wahr, Jonas?

Besser gehts nicht, Jonas kraulte hinter Felix ehemals verletztem Ohr. Gut, dass du mich damals so angeschrien hast. Und ich habe tagelang um ihn gekämpft. So einen Kater gibts kein zweites Mal.

Er ist Gold wert. Siehst du, wie er strahlt?

Felix drückte sich an Gretas Hand, rollte sich an Lenis Seite zusammen. Greta knipste das Lämpchen aus, winkte Jonas, schloss vorsichtig die Kinderzimmertür. Ihre Kinder hatten nie Angst vor der Dunkelheit denn Felix war immer da. Und mit ihm musste sich wirklich niemand mehr fürchten.

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Homy
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