Ich war ihr Projekt
Sag mir eine Sache sagte Hildegard Steinmann, ohne ihre Schwiegertochter anzusehen. Wann hast du das letzte Mal selbst etwas entschieden? So ganz für dich. Ohne jemanden zu fragen, ohne dich abzusprechen. Einfach gemacht, ohne Rücksprache.
Johanna stand am Küchenfenster und beobachtete den Innenhof. Unten zog der Hund des Nachbarn an der Leine, der Besitzer hatte Mühe Schritt zu halten. Sie dachte nach, suchte nach einer ehrlichen Antwort und fand keine.
Ich kann mich nicht erinnern, sagte sie schließlich leise.
Eben, erwiderte Hildegard und stellte die Tasse vorsichtig auf den Tisch. Niemals gab es bei ihr ein Klappern. Sie tat alles mit Genauigkeit, jeder Handgriff überlegt.
Dieses Gespräch fand im dritten Jahr von Johannas Ehe mit Martin statt. Damals dachte Johanna noch, Hildegard sei einfach so: zugewandt, fürsorglich, ein Mensch für Ordnung und Klarheit. Dass diese Frage bloß von gewöhnlicher Besorgtheit um den Sohn, um die Familie zeugte vielleicht auch um sie selbst. Sie achtete nicht auf Tonfall oder Blicken, merkte nicht, wie Hildegard sie genau studierte. Fast als wolle sie sich jedes Detail einprägen.
Johanna lächelte, ein versöhnliches Lächeln.
Dafür machen wir immer alles gemeinsam, meinte sie ruhig.
Ja, sagte Hildegard. So ist es.
Johanna hatte Martin Krüger auf der Arbeit kennengelernt. Sie war achtundzwanzig, er zweiunddreißig. Sie arbeitete als Bibliothekarin am Kulturamt, er war Dozent an der Universität, wo seine Mutter früher den Fachbereich Psychologie geleitet hatte. Sie trafen sich das erste Mal auf einer städtischen Veranstaltung über Bildung und Literatur. Den genauen Titel hatte Johanna vergessen geblieben war ihr nur Martins ruhiges Wesen, seine warmherzige Zurückhaltung, der Mangel an Bedürfnis, sich zu inszenieren. Das war selten. Und genau das zog sie an.
Sie waren über ein Jahr zusammen. Keine Stürme, keine Dramen. Martin war zuverlässig, er kam nie zu spät und wenn, schrieb er vorher. Er wusste, dass Johanna keinen kalten Tee mochte, und im Kino immer am Rand sitzen wollte. Ihre Freundin Kathi sagte:
Johanna, der ist Gold wert. Halte ihn fest.
Und Johanna tat es. Oder bildete sich ein, es zu tun. Denn was sie zwischen ihnen spürte war kein Rausch und keine Aufregung sondern ein ruhiges Wasser, auf dem sie trieben. Sie hielt das für Reife. Für das, was zählt.
Hildegard Steinmann tauchte schon nach vier Wochen in Johannas Alltag auf. Martin führte sie in ihre große Altbauwohnung am anderen Ende von München, die nach dem Tod des Ehemannes zu groß für Hildegard allein war. Die Schwiegermutter war aufmerksam, stellte viele Fragen: nach Familie, Arbeit, Herkunft, Kindern, die Rolle der Frau. Johanna antwortete offen. Später schrieb sie Kathi: Eine kluge Frau. Etwas streng. Aber okay.
Geheiratet wurde nach einem Jahr. Klein, dreißig Gäste. Hildegard organisierte fast alles. Johanna ließ es geschehen. Ihr fehlte die Energie zum Diskutieren um Details. Die Feier war stilvoll, das Essen gut, die Gäste glücklich.
Nach der Hochzeit rief Hildegard monatelang täglich an. Meist am Abend. Oft sprach sie mit Martin, manchmal fragte sie nach Johanna:
Erzähl, wie war dein Tag.
Und Johanna erzählte: von der Arbeit, vom Einkaufen, wo sie am Wochenende waren. Es kam ihr normal vor. Viele Schwiegermütter interessieren sich für das Leben der Kinder. Das ist Fürsorge, dachte Johanna.
Sie wohnten in einer schönen Zweizimmerwohnung, ein Hochzeitsgeschenk von Hildegard. Johanna überlegte manchmal, ob sie ihren Anteil abbezahlen sollte um etwas Eigenes zu schaffen. Martin winkte ab:
Das ist unser Zuhause, ein Geschenk von Mama. Übertreib nicht.
Hildegard kam einmal die Woche vorbei. Samstags, zum Kaffee oder mit Auflauf. Sie meldete sich immer vorher. Sie hatte einen Schlüssel Martin hatte ihn ihr gegeben, ohne Johanna zu fragen. Als Johanna vorsichtig sagte, sie hätte das gern gemeinsam besprochen, sah er sie nur verständnislos an:
Es ist meine Mutter. Was gibt es da zu reden.
Johanna ließ das Thema fallen. Er hatte ja recht. Seine Mutter. Und außerdem: Hildegard war nie aufdringlich. Sie kommentierte keine Einrichtung, stellte nichts um, drang nie in Entscheidungen ein. Sie war einfach da. Beobachtete. Manchmal stellte sie Fragen, die erst harmlos schienen und dann lange nachwirkten.
Hast du mal über eine Fortbildung nachgedacht, Johanna? fragte Hildegard einmal. Du bist sicher unterfordert in deinem Job.
Johanna dachte später darüber nach und verspürte eine seltsame Unruhe. Kein Groll, eher das Gefühl, nicht zu genügen, etwas zu verpassen. Sie meldete sich zu einem Projektmanagementkurs an, brach aber ab Max war krank, und sie war erschöpft. Hildegard sprach nie darüber weiter. Schaute nur auf ihre stille Art.
Max kam im vierten Ehejahr zur Welt. Die Geburt verlief gut, Johanna erholte sich schnell. Hildegard kam gleich am ersten Tag in die Klinik, mit Blumenstrauß und einer prall gefüllten Tasche. Sie wusste genau, was gebraucht wurde. Johanna war dankbar. In den ersten Wochen zu Hause kam Hildegard fast täglich, half, kochte, gab Ratschläge. Es tat gut.
Doch als Max etwa fünf Wochen alt war, saß Hildegard am Kinderbett, schaute ihr Enkelkind an und sagte plötzlich in den Raum:
Nun ist das Projekt vollständig.
Johanna stand in der Tür. Sie glaubte, sich verhört zu haben.
Was haben Sie gesagt?
Ich meinte, jetzt ist die Familie komplett. Ein Kind macht das Bild rund.
Johanna antwortete nicht. Sie ging in die Küche, goss sich Wasser ein. Vielleicht hatte sie sich verhört das Wort Projekt kann ja vieles heißen, dachte sie.
Sie verdrängte es. Es gab wichtigeres ein fünf Wochen altes Kind.
Das Jahr war schwer. Nicht, weil etwas Schlimmes geschah. Johanna fühlte nur, wie sie sich selbst verlor. Nicht mit einem Mal, sondern wie beim Umzug, wenn immer etwas liegen bleibt: Ein Teil auf der Fensterbank, ein anderer in der alten Schublade. Sie ging nicht mehr zu Ausstellungen, die sie liebte. Las nur noch Bücher, die Hildegard empfahl. Ein gutes Buch, weiterbringend, sagte die Schwiegermutter, und Johanna las, ohne nachzudenken warum.
Martin blieb gleichmäßig und verlässlich. Er liebte Max, arbeitete, half. Trank nicht, wurde nie laut. Alles war so, wie es sein sollte. Manchmal sah Johanna ihn an und fragte sich: Was denkt er wirklich? Nicht das, was er sagt das andere, das Innere. Sie versuchte es mit Fragen.
Martin, kannst du mir etwas sagen etwas Echtes. Nicht über Max, nicht über die Arbeit. Über uns.
Er sah sie an und antwortete:
Es ist alles gut, Johanna. Wir sind eine gute Familie.
Darauf wusste sie nichts zu erwidern. Denn er hatte ja recht. Nach außen war alles in Ordnung.
Im fünften Jahr begannen die Streitereien. Leise, aber ehrlich. Hildegard schlug vor, Max in einen teuren, exklusiven Förderkurs am anderen Ende der Stadt zu geben. Johanna sagte, es gäbe doch gute Angebote in der Nähe.
Willst du das Beste für dein Kind oder das Bequeme? fragte Hildegard.
Ich will Normalität, ohne Stress.
Normalität, wiederholte Hildegard und schwieg so lange, dass Johanna sich klein fühlte.
Martin stellte sich auf die Seite der Mutter. Sanft, ohne Streit:
Mama kennt sich aus. Hör auf sie.
Johanna trug Tage daran. Dann rief sie Kathi an.
Hast du gemerkt, dass ich kaum mehr selbst entscheide?
Wie meinst du das?
Was mit Max passiert, was ich koche, wie wir das Zimmer einrichten. Alles scheint schon entschieden, ich stimme nur zu.
Deine Schwiegermutter ist eben eine starke Frau, sagte Kathi vorsichtig. Vielleicht sprich mit Martin?
Hab ich. Er sagt, es ist alles gut.
Lange schwieg Kathi.
Vielleicht ist es das ja, Johanna? Vielleicht bist du nur müde und siehst es deshalb so?
Johanna sagte: Vielleicht. Doch sie konnte es nicht glauben.
Im sechsten Jahr fiel ihr immer öfter auf, wie viel Hildegard wusste. Zu viel. Gespräche von vor zwei Jahren konnte sie fast wortgetreu zitieren. Einmal hatte Johanna beiläufig von ihrer Mutter erzählt, bei einem ganz anderen Thema ein halbes Jahr später griff Hildegard das genau wieder auf.
Sie erinnern sich gut, sagte Johanna.
Ich habe immer Wichtige aufgeschrieben, antwortete Hildegard.
Wie meinen Sie das?
Angewohnheit aus Universitätszeiten. Ich führe ein Beobachtungstagebuch. Es hilft sehr.
Über Beobachtung von wem?
Von Menschen. Von Prozessen.
Johanna beschloss, nicht weiter zu fragen. Es tat einfach weh.
Dann, an einem gewöhnlichen Dienstag, stieß Johanna beim Abstauben auf einen kleinen Diktiergerät, versteckt hinter Büchern. Sie hob es auf. Ein hochwertiges Gerät, aufgeladen. Sie drückte Play.
Da war ein Gespräch: Sie mit Martin, über Alltägliches, Geld, irgendetwas Banales. Drei, vier Monate her. Sie wollte damals die Fliesen im Bad erneuern. Ihre Stimme, seine Stimme. Alles deutlich.
Sie legte das Gerät weg, ging in den Flur, blieb stehen. Kam zurück, nahm es wieder.
Martin! rief sie.
Er stand im Schlafzimmer.
Was ist das?
Er sah das Diktiergerät und schien nicht überrascht.
Wo hast du das gefunden?
Im Regal. Wer hat das hier versteckt?
Stille.
Das ist von Mama. Manchmal lässt sie ihre Sachen liegen. Angewohnheit, du weißt schon.
Sie hat uns aufgenommen?
Johanna, bitte.
Was bitte, Martin, was ist das?
Das sind Arbeitsnotizen. Sie hat ihr Leben lang mit Familien geforscht, Dynamiken dokumentiert. Es ist ihre Methodik.
Methodik? Ohne unser Wissen?
Sie nutzt sie nicht gegen uns. Sie ist doch Familie.
Familie, wiederholte Johanna leise.
Und in ihr brach etwas auf. Keine Tränen, kein Aufschrei nur feine Risse.
Sie machte keinen Streit. Ging zu Kathi, sagte, sie brauche einen Tag. Legte sich auf deren Sofa und starrte an die Decke.
Erklär mir, sagte Kathi. Hat sie euch ausspioniert?
Er sagt, das sei ihre Wissenschaft.
Wissenschaft wovon?
Ich weiß es nicht.
Johanna schlief die Nacht kaum. Sie dachte an den Diktiergerät, an das Wort Projekt, das Hildegard am Babybett benutzt hatte, an die fast perfekte Erinnerung der Schwiegermutter, an die Empfehlungen. An die Konfliktvermeidung, an all den leisen Gehorsam.
Morgens rief sie Martin an.
Ich will mit deiner Mutter sprechen.
Johanna, jetzt komm erst mal runter.
Ich bin ruhig. Bitte organisiere das Treffen.
Zwei Tage später gingen sie in Hildegards Wohnung zusammen. Johanna kam alleine, lehnte den Tee ab.
Sagen Sie mir, was es mit dem Diktiergerät auf sich hat.
Martin hat es erklärt.
Von Ihnen möchte ich es hören.
Sie setzten sich. Hildegard blickte Johanna unverwandt an.
Du bist eine kluge Frau, Johanna. Du hast viel verstanden, oder?
Sie haben uns ohne unser Wissen aufgenommen. Ich will wissen: Warum?
Ich arbeite seit Jahrzehnten an einem Forschungsprojekt wie Familien entstehen, wie Einfluss verteilt wird, wie Entscheidungen fallen. Eine Langzeitstudie.
Und wir sind Teil davon?
Ja.
Johanna starrte sie an.
Sie haben mich bewusst für Martin ausgesucht?
Ich habe nach einem passenden Typ gesucht. Einige Jahre. Du passtest perfekt: emotional gefestigt, ein gewisses Maß an Intelligenz, wenig Konfliktpotenzial, Reflexionsvermögen. Du bist optimal in dieses Experiment.
Für Johanna fühlte es sich an, als höre sie zwar Worte aber eigentlich waren es nur Geräusche, etwas Unbenennbares.
Martin wusste Bescheid?
Pause.
Er kannte die Grundidee. Er glaubte an Wissenschaft. Dass seine Familie, unser Beispiel, von Nutzen für viele sein kann.
Seine Familie, sagte Johanna. Nicht meine. Ich habe nie zugestimmt.
Du hast mitgespielt. Und genau das macht die Daten wertvoll: Sie sind authentisch.
Johanna stand auf, griff ihre Tasche. Blieb an der Tür stehen.
Ich will alles, was Sie dokumentiert haben. Alles, was mich betrifft.
Johanna, bleib. Lass uns reden.
Wir haben genug geredet. Alle Unterlagen ich erwarte sie.
Sie ging. Lief die Treppen hinunter, obwohl es einen Aufzug gab. Stand auf dem Gehweg. Es war ein kühler, heller Apriltag in München.
Sie rief Kathi an.
Kathi, ich trenne mich von Martin.
Langes Schweigen.
Das wurde Zeit, sagte Kathi endlich.
Zuhause packte Johanna nur das Nötigste. Als Martin abends kam und die Taschen sah, sagte er:
Johanna, mach das nicht.
Martin, bitte. Sag nur ein Wort. Nicht es wird alles gut, nicht du siehst das falsch. Nur: Wusstest du, dass sie uns aufnimmt, und hast es zugelassen? Ja oder nein.
Er schaute nur auf die Taschen.
Ja. Ich wusste es. Ich fand es wichtig für die Forschung. Sie hat es oft erklärt. Dass es anderen hilft. Ich glaubte ihr.
Du glaubtest ihr. Mich hast du nicht gefragt.
Du hättest es nicht verstanden.
Vielleicht nicht. Oder ich hätte abgelehnt, Martin. Das ist ein Unterschied.
Er schwieg.
Max bleibt bei mir. Um alles Weitere Wohnung, Geld kümmern wir uns über einen Anwalt.
Johanna…
Was?
Es tut mir leid.
Sie sah ihn an. Vielleicht wusste er es selbst nicht. Sie verstand ihn nicht mehr oder seinen verlässlichen Ton, die ruhige Art.
Ich glaube dir. Aber jetzt ist es egal.
Nach einer Woche hatte sie eine kleine Wohnung, dritter Stock, Blick auf eine ruhige Straße. Kathi half. Max weinte abends oft, fragte nach dem Papa. Sie sagte ihm: Papa liebt dich und wird dich sehen. Das stimmte, Martin wollte an seinem Sohn teilhaben.
Hildegard rief am dritten Tag an.
Du machst einen Fehler, Johanna.
Möglich.
Und Max? Er braucht beide Eltern.
Ich denke jeden Tag an ihn.
Dann komm zurück. Wir besprechen alles. Es ist nicht, was du denkst. Es ist bedeutend. Es ist nicht gegen dich.
Nicht gegen mich, wiederholte Johanna. Aber für mein Einverständnis hatten Sie keinen Gedanken. Interessanter Ansatz, Frau Steinmann.
Werd nicht ironisch.
Ich spreche mit Ihnen als Erwachsene. Und als solche entscheide ich nun selbst. Endlich wirklich selbst.
Sie legte auf.
Wenige Tage später kam ein Umschlag, kein Absender. Drinnen ein USB-Stick, dazu ein handschriftlicher Zettel:
Dies ist ein Teil der Aufzeichnungen. Damit du siehst, wer du warst.
Johanna ließ den Stick tagelang unangetastet. Dann öffnete sie ihn.
Dutzende Tabellen, sauber gegliedert: Subjekt A Verhaltensmuster in Anpassungsphasen. Reaktionen auf äußeren Druck. In einer Spalte: Grad des Einflusses der Versuchsleitung auf A. In der letzten Zeile: vierundsiebzig Prozent.
Johanna las lange. Las ihre eigenen Entscheidungen, Reaktionen, alles erfasst, kategorisiert. Als hätte jemand sechs Jahre ihres Lebens in einen Forschungsbericht verwandelt.
Sie schloss die Dateien, stand auf, ging in die Küche, kochte sich Tee.
Max schlief im Nebenzimmer. Gleichmäßiges, beruhigendes Kinderschnaufen. Vier Jahre war er alt. Schnürsenkel konnte er nun selbst binden. Und er liebte es so, wenn sie Hasen mit ihm malte.
Johanna ging zurück, öffnete ein leeres Dokument, tippte ein Wort, das nächste, hielt inne und schrieb weiter.
Es wurde kein Tagebuch, keine Beschwerde sondern etwas anderes. Sie wusste selbst noch nicht, was.
Eine Woche später rief Hildegard wieder an.
Ich hörte, ihr seid umgezogen. Wo lebt ihr genau?
Das ist meine Sache.
Max ist mein Enkel. Ich habe ein Recht zu wissen, wo er ist.
Sie sehen ihn aber nur zu Zeiten, die wir per Anwalt vereinbaren.
Johanna, du weißt nicht, wohin das führt. Ich besitze Aufnahmen. Auch Gespräche, die für dich unangenehm wären, sollte es vor Gericht gehen.
Johannas Herz machte einen seltsamen Sprung kein Schreck, sondern Klarheit. Aha, dachte sie. Das ist ihr wahres Gesicht.
Welche Gespräche?
Verschiedene. Mit deiner Freundin, deiner Mutter, über Martin. Dinge, die dir im Scheidungsprozess schaden könnten.
Sie wollen das preisgeben.
Ich spreche von Möglichkeiten.
Ich habe verstanden, sagte Johanna.
Kapierst du?
Ja. Auf Wiederhören.
Diesmal blockierte sie die Nummer, nachdem sie auflegte. Dann schrieb sie Martin eine kurze Nachricht: Deine Mutter droht, ihre Aufnahmen gegen mich einzusetzen. Das solltest du wissen.
Er antwortete Stunden später: Ich rede mit ihr.
Johanna wartete auf nichts mehr.
Der Anwalt war ein älterer Herr mit ruhiger Stimme.
Johanna schilderte alles Diktiergerät, Tabellen, Drohung.
Aufnahmen ohne Einwilligung in eigenen vier Wänden: schwerer Verstoß. Wie offen wollen wir damit umgehen?
Ich weiß es nicht.
Zunächst schütze ich Sie. Die Drohungen dokumentieren wir.
Johanna nickte.
Seien Sie ehrlich suchen Sie Gerechtigkeit? Oder wollen Sie Ruhe?
Johanna dachte lange nach.
Erst Ruhe. Dann vielleicht Gerechtigkeit.
Der Anwalt lächelte zum ersten Mal:
Gute Reihenfolge.
Die Scheidung dauerte Monate. Martin machte wenig Ärger, die Wohnung blieb sein, aber er zahlte eine Abfindung. Max blieb bei Johanna, das Umgangsrecht war geregelt. Hildegard sah Max im Beisein von Martin, zweimal im Monat ein unausgesprochenes Abkommen, an das sich alle hielten.
Abends, wenn Max schlief, saß Johanna am Laptop und schrieb. Achtzig Seiten war der Text schon lang. Noch wusste sie nicht, ob es ein Buch war aber es floss aus ihr heraus. Sie schrieb von einer Frau, Anna genannt, die in einer anderen Stadt lebte, als Lehrerin arbeitete, einen anderen Namen hatte aber alles genauso erlebte.
Kathi rief einmal an.
Wie gehts?
Ich schreibe.
Immer noch?
Ja. Sag, erzähle ich eigentlich zu verrückte Geschichten? Ist das unwirklich?
Ich sag dir: Als du mir vom Diktiergerät erzählt hast, hab ichs nicht glauben wollen. Aber dann hab ich an meine Tante gedacht wie ihre Schwiegermutter das Leben zwanzig Jahre gelenkt hat. Anders, ohne Mikros, ohne Listen. Aber der Kern war derselbe. Schreib, das ist wichtig.
Gut, lächelte Johanna. Ich schreibe.
Ein Jahr nach dem Umzug ging Max in den Kindergarten, fand einen Freund namens Marius. Johanna kehrte in den Beruf zurück. Die Kolleginnen an der Bibliothek stellten keine Fragen. Dafür war sie dankbar.
Der Text wuchs zu 120 Seiten. Ein echtes Buch, das wusste sie nun. Was sie damit tat, war offen.
Eines Dienstags kam sie abends heim, Max war noch bei Martin. Sie kochte Tee, ging ins Wohnzimmer. Hinter der Tür lag ein weißer Briefumschlag.
Darin: ein kleiner gefalteter Zettel, vertraute Handschrift:
Der Zyklus ist beendet. Die Beobachtung ist abgeschlossen. Sie sind aus dem System raus.
Johanna hielt den Zettel, ging in die Küche. Der Wasserkocher pfiff. Sie nahm ein Streichholz, zündete den Zettel an. Das Papier brannte hell, rasch. Sie hielt es über die Spüle, bis nur noch graue Asche blieb.
Spülte sie weg. Goss Tee ein, ging ins Zimmer. Das große Spiegel im Holzrahmen, einmal ihrer Großmutter, zeigte ihr ihr Gesicht.
Sie sah sich an einfach so. Ohne an morgen zu denken, an Listen, an Max neue Gummistiefel.
Nur diesen Moment.
Dann griff sie zum Handy, rief Kathi an.
Kathi, ich will dir was vorlesen. Die ersten Seiten. Geht das?
Klar. Ich höre zu.
Also, pass auf, sagte Johanna leise. Es ist die Geschichte einer Frau. Ihr Name ist Anna. Sie lebte in einer Stadt, in der die Sommer ewig hell und die Winter still und kalt sind. Und sie dachte lange, dass ihr Leben ihr gehört…





