Mein Zuhause wurde mir als Erste übergeben

Mein Haus ging als erstes

Mama, er hat meinen Hubschrauber kaputt gemacht!

Ich stand am Fenster mit einem Glas Apfelschorle und schaute zu, wie die ersten Oktoberblätter auf dem Gehweg herumwirbelten. Paulchens Stimme schallte aus dem Wohnzimmer, noch bevor ich reagieren konnte. Sieben Jahre alt, und schreien konnte er schon fast wie ein Erwachsener, wenn es wirklich gemein war.

Niemand hat etwas kaputt gemacht. Übertreib mal nicht, ertönte Frau Dr. Gerlinde Krumms Stimme so trocken und gerade wie ein frisch geschärfter Bleistift.

Ich trat aus der Küche ins Wohnzimmer. Paulchen stand in der Mitte, drückte seinen rot-blauen Plastik-Hubschrauber fest an sich, den wir im August gekauft hatten. Drei Tage schleppte er das Ding damals pausenlos herum, hat sogar damit geschlafen.

Gib die Spielzeug her, sagte Frau Dr. Krumms und packte nach dem Hubschrauber. Trockene Hand, Ehering an einem Finger, der aussah, als hätte er in seinem Leben nie was anderes gemacht als zu kommandieren.

Das ist meins, sagte Paulchen nicht geschrien, sondern leise und bestimmt. So wie Kinder es sagen, wenn sie richtig Angst haben.

Gerlinde, sagte ich und trat dazwischen, der Hubschrauber war ein Geschenk. Wir haben ihn gemeinsam ausgesucht.

Sie schaute mich an. Eben mit diesem Blick, den ich nach zehn Jahren Ehe so gut kannte. Nicht böse eher leer. Als wäre ich ein Stuhl, der plötzlich redet.

Sabine, misch dich nicht ein. Das Spielzeug wurde von Florians Geld gekauft. Es gehört der Familie.

Paulchen ist die Familie.

Ich meine eine andere Familie.

So einfach kann man mal eben den Boden unter den Füßen wegziehen. Ich stand da, starrte und sortierte im Kopf das weiße Rauschen. Andere Familie. Immer wieder. Im Esszimmer nebenan war der Tisch feierlich gedeckt. Weiße Tischdecke ich hatte sie zwei Stunden gebügelt , Kristallgläser von meiner Oma, zehn Jahre Ehe. Heute, ganz genau.

Gib ihn her, wiederholte Gerlinde und riss Paulchen den Hubschrauber einfach aus der Hand. Zack, Spiel aus. Paulchen stellte das Heulen an, ganz ohne Drama, einfach nur Tränen als hätte einer den Wasserhahn aufgedreht.

Ich legte ihm den Arm um die Schultern, brachte ihn ins Kinderzimmer und setzte ihn auf sein Bett. Er kuschelte sich wortlos an meine Seite, schniefte leise vor sich hin. Ich streichelte seinen Kopf und dachte: Ich müsste gleich da rausgehen und mal was sagen. Klare Ansage. Finale. Aber nach zehn Jahren hatte ich noch nie die richtigen Worte mit Gerlinde gefunden.

Mama, warum will sie meinen Hubschrauber?

Ich weiß nicht, Schatz.

Ist sie böse?

Ich schwieg.

Sie ist einfach anders, sagte ich irgendwann. Er glaubte mir nicht. Konnte man an dem Stirnrunzeln sehen. Kinder spüren, wenn man nicht ehrlich ist sie können es nur noch nicht aussprechen.

Florian kam um halb vier. Ich hörte die Haustür, wie er leise was zu seiner Mutter im Flur brummelte. Dann Schritte auf dem Parkett. Ich stand am Herd und rührte in einer Suppe, die längst fertig war.

Alles gut, Sabine?

Deine Mutter hat Paulchen den Hubschrauber abgenommen.

Pause. Ich drehte mich nicht um.

Hat sie dir gesagt, warum?

Für eine andere Familie.

Wieder Pause. Länger.

Das hast du bestimmt missverstanden.

Jetzt drehte ich mich zu ihm. Er stand in der Küchentür, Mantel an, und starrte am liebsten Löcher in die Wand hinter mir.

Florian, was heißt eine andere Familie?

Heute ist unser Jubiläum. Können wir später reden?

Jetzt.

Sein Blick traf meinen, kurz. Er sah nicht schuldig aus. Mehr so, als habe er einen schweren Sack lange genug geschleppt und könnte ihn endlich absetzen.

Ich rufe dich nachher aus dem Arbeitszimmer an, sagte er und verschwand.

Ich starrte die Tür an. Die Suppe war kalt. Hinter der Wand klapperte Gerlinde mit Porzellan auf dem Festtagstisch. Alles klang ganz gewöhnlich, und doch war mir, als rutsche irgendetwas in mir leise und unaufhaltsam weg. Wie Erde, bevor der Hang abbricht.

Florian und ich hatten geheiratet, als ich 28 war. Damals war ich Buchhalterin bei einem kleinen Bauunternehmen, er kümmert sich um Baumaterialien. Kennengelernt auf so einem Betriebsdings, beide zufällig da gelandet. Er, drei Jahre älter; solide, wortkarg so jemand, bei dem man sich denkt: Der steht im Zweifel bis zum Schluss da. Genau das hatte ich gesucht, damals, nach einem Vater, der immer nur Anwalt und immer nie zu Hause war. Ich wollte einen, der heimkommt. Abendessen am Tisch. Keine Spuren von Abwesenheit.

Mit Gerlinde Krumms war es keine offene Feindschaft. Wir waren einfach nie warm geworden. Seit dem ersten Tag behandelte sie mich wie Wetter: geht auch irgendwann vorbei. Schwiegermütter halt, hieß es. Ist normal, nichts Persönliches. Reiner Mutterinstinkt.

Ich glaubte es.

Paulchen kam im dritten Ehejahr zur Welt. Schwere Geburt, langes Aufpäppeln. Florian war da. Damals war er da. In der Nacht am Bett, mit Essen aus der Mensa, mit Geschichten, wenn ich nicht schlafen konnte. Und ich dachte: Genau dafür. Für diesen kleinen Menschen. Dafür war alles.

Gerline reiste extra an, guckte aufs Baby, sagte nur: Ach so, ein Junge und verschwand wieder. Kam dann das ganze Jahr nicht mehr.

Danach wurde unser Leben anders. Florian war nur noch unterwegs. Dienstreisen, Besprechungen, Verträge. Ich protestierte nicht. Ich schmiss den Haushalt, das Kind, mein Leben. Ein Häuschen bei Augsburg, zwei Stockwerke, kleines Gärtchen gemeinsam gekauft (also eigentlich von meinen Rücklagen; Florian hatte damals ein Liquiditätsproblem kurzfristig, hatte er gesagt; ich hatte natürlich genickt. Ich war ja immer einverstanden.)

Im fünften Ehejahr erwischte Gerlinde ein Herzproblem. Florian: Die Behandlung ist teuer, aber ich kann das nicht allein stemmen. Ich gab einen Teil meiner Ersparnisse, dann noch einen. Später war es dann irgendjemand aus der Familie, der operiert werden musste. Keine Ahnung, wer oder was. Ich zahlte, weil Familie doch Familienangelegenheit ist. Und ich glaubte immer.

Am Abend des Jubiläums war der Tisch wunderschön. Ich hatte mir Mühe gegeben: Schweinebraten, Kartoffelsalat, Torte aus der besten Bäckerei des Viertels. Tafelkerzen, leise Musik. Man will es ja zum Hochzeitstag richtig machen, damit es doch irgendwie bedeutet.

Wir waren zu dritt: Florian, seine Mutter, ich. Keine Gäste zu viel Trubel, meinte Florian. Lieber im kleinen Kreis. Paulchen aß vorher und verzog sich dann schmollend ins Kinderzimmer. Die Sache mit dem Hubschrauber hatte ihm endgültig die Laune verhagelt. Ich ließ ihn.

Das Gespräch lief wie zäher Quark. Gerlinde Krumms schwieg mit der Geduld eines Dalai Lamas beim Fensterputzen. Florian trank Wasser und scrollte auf dem Handy. Ich kaute und dachte nur: Zehn Jahre. Das ist lang. In zehn Jahren kann man seinem Gegenüber so ziemlich alles verzeihen und alles lernen. Das hier, das ist vermutlich das, was gewöhnliches Zusammenleben nennt.

Dann klingelte es.

Florian sprang auf viel zu schnell. Mir schoss durch den Kopf: Der hat auf was gewartet. Er verschwand in die Diele. Stimmen. Weich, eine Frauen-, eine kindliche. Gerlinde erhob sich.

Sie sind da, sagte sie leise, fast triumphal.

Wer?

Keine Antwort. Sie stolzierte hinaus. Ich saß allein da, an meinem Ehrentag, mit Kerzen, Kristallgläsern, Torte.

Irgendwann stand ich doch auf.

In der Diele eine Frau, ungefähr mein Alter, schickes beiges Wollmäntelchen, dunkle Haare. Hübsch, sofort registriert, ganz automatisch. Neben ihr ein Junge, gestreckt für sein Alter, vielleicht zwölf. Helle Haare, Kiefer und Wangen wie Florian, mit denselben graublauen Dackelaugen, die ich seit zehn Jahren am Frühstückstisch kannte.

Ich starrte den Jungen an, im Kopf: Stille, weißes Rauschen.

Das ist Anna, sagte Florian, nicht zu mir, sondern so allgemein. Gerlinde Krumms legte dem Jungen die Hand auf die Schulter, leicht und seltsam zärtlich ganz anders, als bei Paulchen.

Und das ist unser Sebastian, erklärte sie und ihre Stimme klang, als sei sie gerade Großmutter des Jahrhunderts geworden. Herzlichkeit, die ich in zehn Jahren nie abbekommen hatte.

Anna schaute mich nicht feindlich an. Bloß vorsichtig, als ob sie sich in eine öffentliche Umkleide verirrt hätte und noch nicht wusste, wie man sich da richtig verhält.

Sabine, sagte Florian, wir müssen reden.

Ja, sagte ich, mit einer Stimme, die sich fremd anhörte glatt, emotionslos, als käme sie von jemand anderem.

Wir gingen ins Wohnzimmer. Anna blieb mit Sebastian im Flur. Gerlinde postierte sich mit verschränkten Armen am Fenster, als hätte sie schon vor Jahren einen Karrierewechsel zur Sonderpädagogin gemacht.

Sebastian ist mein Sohn, begann Florian. Er ist zwölf.

Ich rechnete. Zwei Jahre vor unserer Hochzeit. Oder ein bisschen mehr.

Seine Mutter, Anna. Wir waren zusammen. Lange zusammen. Vor dir.

Und auch nach mir, sagte ich.

Er schwieg. Das war auch eine Antwort.

Es ist, setzte er an, schwierig zu erklären. Wir haben nie wirklich den Kontakt abgebrochen.

Hast du sie finanziert?

Ja.

Die ganzen Jahre.

Ja.

Mit meinem Geld.

Stille.

Sabine, das ist kompliziert.

Erläuter mal. Ich habe zehn Jahre Zeit. Leg los.

Dann murmelte er was von erste große Liebe, Sebastian kam plötzlich zur Welt, er könne kein Kind sitzen lassen, und überhaupt das Geld für Gerlindes Behandlung sei zum Teil für Annas Unterhalt draufgegangen. Nicht alles, aber auch. Ach, und das Haus, unser Haus in Augsburg, hätten sie auf Gerlinde vor einem Jahr übertragen. Per Vollmacht. Zur Absicherung.

Absichern wovor?

Bei einer möglichen Scheidung, flüsterte Florian.

Ich sah ihn an. Zehn Jahre. Frühstück, Kindergeburtstage, Gartenschnitt, alles. Und er hatte das alles getragen wie eine zweite Haut, anscheinend ohne was zu merken.

Weiß Paulchen das?

Nein. Er ist doch erst sieben.

Nicht klein genug, um zu übersehen, dass deine Mutter ihm das Spielzeug wegnimmt und es einem anderen Kind gibt.

Gerline schaltete sich ein.

Sabine, hör zu. Sebastian ist der Erbe. Der wirkliche Erbe, der erstgeborene Sohn. Trägt unser Blut.

Paulchen auch!

Paulchen ist anders. Sebastian ist der erste Sohn und blutsverwandt. Es muss seinen Platz haben.

Seinen Platz, echote ich. Seltsames Wort. Eigentlich war ich aber mehr interessiert, wie aus mein Haus ihr Haus geworden war und zwar vor meinen Augen.

Das sind schwere Umstände.

Das ist Betrug.

Sabine

Und Unterschlagung. Mein Geld über Konten auf Gerlinde, ein Haus per gefälschter Vollmacht

Gerlinde zog die Lippen zusammen, wortkarg wie eine geübte Kriminalistin.

Du wirst nichts beweisen. Die Vollmacht ist gültig. Niemand hat dich gezwungen.

Ich wurde getäuscht.

Beweis es. Dann sehen wir weiter.

Und da passierte irgendwas mit mir. Nicht plötzlich, keine Explosion, sondern wie das Licht, das im dunklen Zimmer langsam schärfer wird. Etwas in mir wurde nicht warm es wurde eiskalt. Klar und ruhig. Wie Quellwasser.

Gut, sagte ich. Und ging wortlos in den Flur.

Anna war noch da mit Sebastian. Sebastian spielte mit Paulchens Hubschrauber. Ich streckte die Hand aus:

Gib mal bitte.

Er schaute kurz verwirrt, gab ihn mir aber. Kinder wissen, wenn etwas entschieden ist.

Ich kehrte zurück zu Paulchen, der unbeweglich auf dem Bett lag.

Hier, sagte ich.

Er drückte das Spielzeug an die Brust und fragte dann mit ernstem Blick:

Mama, wer waren die Leute?

Gäste.

Bleiben die lange?

Nein. Keine Sorge. Nicht lange.

Zurück im Wohnzimmer. Florian und seine Mutter saßen jetzt eng beieinander. Anna stand an der Tür. Vier Erwachsene und plötzlich schien es nicht mal mehr unser Haus zu sein eher irgendein Amt.

Also, erhob sich Gerlinde. Sie konnte so umrühren, dass alle aufhorchten. Wir müssen das jetzt zivilisiert klären. Sabine, du bist vernünftig. Lass uns eine Lösung finden.

Welche?

Du gehst mit Paulchen. Wir geben dir drei Monate, das ist fair. Florian zahlt Unterhalt. Aber das Haus bleibt hier, Sebastian zieht ein. Er hatte lange kein richtiges Zuhause. Gerechtigkeit.

Ich schaute sie an.

Ich soll mein Haus verlassen.

Das war deins, Sabine. Nun ist es nicht mehr deins. Alles rechtens.

Na klar, mit der gefälschten Vollmacht.

Niemand hat was gefälscht. Florian hat selbst unterschrieben.

Florian? Ich blickte meinen Mann an. Willst du, dass ich gehe?

Er starrte auf den Tisch.

Florian?

Es ist für alle das Beste.

Für wen? Für ein anderes Kind. Nicht für Paulchen und mich.

Anna murmelte plötzlich:

Sie hat recht. Das war gemein.

Gerlinde fuhr sie scharf an:

Halt dich da raus, Anna.

Ich sage doch nur die Wahrheit…

Halt dich raus!

Anna trat zurück, aber ich merkte: da war was umgebrochen.

Zehn Minuten später hatte ich Paulchen gepackt Rucksack, Dino-Bilderbuch, Hubschrauber, Ersatzsachen. Kein Mensch half. Kein Mensch verabschiedete sich.

Wir gingen vorne raus. Ich knallte nicht mal die Tür, schloss nur leise.

Draußen: pure Oktober-Idylle wie im ZDF-Herbstfilm. Blätter wehten Paulchen zu Füßen. Er schwieg. Nach ein paar Schritten fragte er:

Mama, fahren wir zu Oma Brigitte?

Nein, noch nicht. Erst mal Hotel.

Und dann?

Dann besprechen wirs.

Er nickte, voller Ernst. Kinder nehmen Dinge an, die sie nicht verstehen, weil das Leben es verlangt.

Im Taxi schaute ich nur raus. Nicht mal über das, was gerade passiert war, sondern über ganz praktische Dinge: Vollmacht. Kontoauszüge. Belege, die ich gesammelt hatte, acht Jahre Erspartes, alles auf den Prüfstand. Irgendwo im Hinterkopf: Verträge, Nichtigkeit bei Täuschung, Banküberweisungen.

Und da fiel mir Papa ein.

Mein Vater: Hans-Jürgen Meier, Anwalt mit 35 Jahren Berufserfahrung. Drei Jahre hatten wir nicht gesprochen, seit Florian mal auf einem Familiengeburtstag mit ihm aneinandergeraten war. Ich schlug mich damals auf Florians Seite. So ist das: Man hält zu dem, den man liebt, selbst wenn der falschliegt.

Nach und nach hatten wir kaum noch Kontakt. Papa rief gut ein halbes Jahr jeden Sonntag an. Dann gab er Ruhe. Vielleicht war es Enttäuschung, vielleicht hat er auch einfach meinen Willen akzeptiert.

Im Hotelzimmer, nachdem Paulchen im Bett lag, klebte ich am Telefon. Papas Nummer war immer noch gespeichert. Drei Jahre Funkstille. Vielleicht war er gar nicht mehr interessiert. Vielleicht hatte er jetzt auch ein eigenes Leben, einen anderen Fokus. Vielleicht würde er nur sagen: Habe ichs nicht gesagt? Und recht haben. Und ich wüsste nicht, wie damit umgehen.

Ich schaute rüber zu Paulchen, wie er sich an den Hubschrauber kuschelte. Dann drückte ich auf Grün.

Beim zweiten Klingeln war er dran.

Sabine?

Papa, sagte ich. Mehr kam erstmal nicht.

Stille.

Wo bist du?

In einem Hotel. In Augsburg.

Allein?

Mit Paulchen.

Was ist los?

Eine lange Geschichte. Ich brauche deine Hilfe. Als Anwalt.

Komm her, sagte er nur. Ohne Fragen, Vorwürfe, gar nichts. Jetzt. Ich warte.

So einfach war das? Nach drei Jahren Schweigen?

Nach einer Stunde waren wir in München. Papa wohnte noch in Lehel, in der alten Wohnung. Er öffnete die Tür in Jogginghose und Norwegerpulli. Die Haare noch grauer, aber die Augen wie immer. Er umarmte mich kurz und fest. Keine langen Reden, einfach Halt.

Komm rein. Paulchen kann auf dem Sofa schlafen, Decke liegt bereit.

Wir saßen in der Küche, bei Tee, und ich erzählte alles: Geld, angebliche Behandlungen, falsche Vollmacht, Anna und Sebastian, wie Gerlinde einem Siebenjährigen das Spielzeug wegnimmt und es ihrem Lieblingsenkel gibt. Papa hörte nur zu, schrieb ab und zu was in seinen alten Notizblock.

Als ich fertig war:

Hast du noch Belege über den Hauskauf?

Irgendwo, ja.

Überweisungen?

Sind auf dem Telefon und Kontoauszügen.

Heiratsurkunde?

Natürlich.

Pass auf: Eine Schenkung oder Übertrag per Vollmacht im Rahmen der Ehe ohne notarielle Zustimmung ist nach deutschem Recht ungültig. Ihr habt beide Anspruch auf das Haus, und keine noch so schöne Schwiegermutter kann dir das wegzaubern.

Aber Florian meinte, er hätte alles unterschrieben.

Unbedeutend. Ohne deine Unterschrift ist das juristisch nichts wert. Je nach Lage das holen wir zurück. Dauert sicher drei, vier Monate.

Ich schaute ihn ernst an.

Papa, drei Jahre kein Kontakt.

Ich weiß.

Es tut mir leid.

Er sah mich an, so wie Anwälte auf Mandanten blicken. Klar und ohne Kitsch.

Du bist erwachsen, Sabine. War deine Entscheidung. Aber jetzt ist die Lage anders. Jetzt bin ich dran. Ich helfe.

Bist du böse?

Böse bin ich später. Erst mal kümmern wir uns um das Haus.

Ich lachte fast. Fast.

Zwei Tage brachte ich mit Unterlagen, Kontoauszügen, Telefonaten und Papas emsigen Notizen zu. Paulchen lief neugierig durch die Wohnung, inspizierte Omas Bücherregale und ließ sich von Opa das Schachspielen beibringen. Das hatten die beiden schnell drauf.

Am dritten Tag fuhr ich zum Haus allein. Papas Empfehlung war klar: Besser nicht, aber ich wollte noch diverse Sachen holen. Fotos, Paulchens Lieblingsshirts, Unterlagen.

Das Haus war still. Kein Florians Auto da. Gerlinde öffnete wieder dieser Amtsblick.

Was willst du?

Nur meine Sachen.

Noch was?

Nein, danke.

Sie trat einen Schritt zurück. Im Arbeitszimmer fand ich alle Dokumente, Belege, Heiratsurkunde, Grundbuchauszug. Im untersten Schubfach, das sonst kaum offen war, lachten mir ungewöhnliche Kontoauszüge entgegen: Gerlinde Krumms, dreifach unterstrichen, und ein Umschlag. Ich schielte rein: Bundeszentralamt für Steuern Verdacht auf Steuerhinterziehung wegen mehrfacher Überweisungen ins Ausland.

Schöne Schweinerei. Beträge mit so vielen Nullen, dass meine Oma mit dem Kaffeelöffel gezittert hätte. Systematischer Geldabzweig über Briefkastenfirmen genau in den Zeiträumen, in denen für Behandlungskosten Geld floß.

Gerlinde erschien mit eisernem Gesichtsausdruck in der Tür.

Schnüffelst du etwa?

Sie haben nicht nur mich beklaut. Sie haben systematisch Geld rausgeschafft. Die Steuer weiß längst Bescheid.

Ihr Gesicht zum ersten Mal seit zehn Jahren doch Unsicherheit. Kein kompletter Schock, aber fast.

Leg das zurück, raunte sie.

Niemals, sagte ich. Schnappte mir den Packen und raus.

Papa lag schon auf der Lauer. Zwei Stunden saß er über den Papieren, dann kamen Telefonate, Notizen und juristisches Feuerwerk.

Das ist ziemlich schwerwiegend. Kein Kavaliersdelikt. Strafanzeige gegen Gerlinde und geeignete Beweisanträge ändern unsere Position dramatisch. Sie wird vom Machthaber zur Beschuldigten.

Hat Florian das alles gewusst?

Vielleicht nicht alles. Aber genug. Das klärt die Staatsanwaltschaft.

Ich muss offiziell zurück ins Haus.

Zwangsvollstrecker beantragen, drei Tage, aber dann bist du wieder drin.

Drei Nächte lag ich wach. Über Florian dachte ich kaum noch nach, mehr über mich selbst, über alles Nicht-Sehen-Wollen in den letzten Jahren. Über Anna. Über die andere Frau, die einfach mit denen gelebt hat und alles mitmachen musste.

Am vierten Tag rief ich Anna an. Die Nummer hatte Papa für mich über ein paar Juristenkontakte geholt.

Hier, sagte sie.

Ich Sabine Meier. Noch-Ehefrau von Florian.

Pause.

Ja.

Haben Sie gewusst, dass die Zahlungen aus meinen Rücklagen kamen? Als es angeblich um Behandlungen ging?

Lange Stille.

Nein, sagte sie. Florian sagte, das Geld sei seins.

Wären Sie bereit, das vor Gericht zu bezeugen?

Wozu?

Weil Gerlinde Krumms jetzt alles auf Sie schieben könnte. Sie liefen einfach auf ihren Konten mit.

Stille. Dann:

Das wusste ich nicht. War alles Haushalt, hieß es aber wie genau keine Ahnung.

Anna, ich bin nicht Ihr Feind. Aber Sie müssen Ihre Position klarmachen, bevor Sie für etwas verurteilt werden, das Sie nicht verstanden haben.

Ich muss nachdenken.

Hier ist die Nummer meines Vaters, der kann das juristisch für Sie erläutern.

Am nächsten Tag rief Anna Papa an. Langes Gespräch. Danach sagte er:

Sie macht eine Aussage. Wegen aller drei Punkte: Zahlungen, Empfänger, informelle Absprachen.

Ich nickte. War auch höchste Zeit.

Ein paar Tage später: Gerichtsvollzieher, Papa, ich. Herbstlicher Himmel, alles grau, aber immerhin mit Ziel. Paulchen blieb bei der Nachbarin, bekam Kuchen und die Erlaubnis, Kabel 1 zu schauen.

Am Haus Florian durch Zufall selbst aufgemacht, sichtlich auf dem falschen Fuß. Papiere, Gerichtsvollzieher, alles wie aus dem Bilderbuch.

Drinnen: Gerlinde bleibt steinern. Im Wohnzimmer Anna, Sebastian neben ihr mit einem Buch. Als Anna sagt, sie habe ausgesagt, wird Gerlinde schmallippig, fast wütend.

Streit. Papa schlichtet souverän. Die Gerichtsvollzieher nehmen alles auf Akten, Inventar. Ich sammle bloß Fotos, unsere Kristallgläser, Paulchens Zeichnungen und ein paar Bücher ein. Gerlinde raunt im Vorbeigehen:

Du zerstörst die Familie!

Ich drehte mich nicht um.

Die Familie war schon vorher zerstört, sage ich.

Denkst du auch an Sebastian? Er ist ein Kind.

Ich denke an Paulchen. Er hatte auch einen Vater. Eine Oma. Früher.

Anna kommt zu mir, bittet um Entschuldigung. Ich schaue sie nur an.

Wofür?

Für alles. Dass ich nicht an Sie gedacht habe.

Sie kannten mich kaum.

Ich wusste, Florian war verheiratet.

Ich nickte. Wenigstens ehrlich.

Was passiert mit Sebastian?

Wird man sehen. Wenn Sie die Wahrheit sagen, bleibt Ihr Status als Mutter erhalten.

Sie drückt Sebastians Hand und lässt nicht los. Und ich denke an Paulchen. Ich werde ihm das alles erklären müssen. Eines Tages. Aber erst, wenn er alt genug dazu ist.

Gerlinde steht am Ausgang. Wieder aufrecht, wie die Grand Dame, die sie immer sein wollte.

Du wirst nicht gewinnen, zischt sie.

Ich spiele nicht. Ich hole nur mein Eigentum zurück.

Wir gehen. Papa hält mir die Tür auf, der Gerichtsvollzieher trägt Akten, ich die Fotos im Rucksack.

Auf dem Weg zum Auto blicke ich auf den kleinen Apfelbaum am Gartenzaun: Im fünften Jahr nach unserem Einzug hatte ich ihn mit Paulchen gepflanzt. Damals war er zwei. Er hatte überzeugt: Hier kommt ein Apfel. Ich hatte gelacht.

Der Baum wächst nun auch ohne mich weiter. Irgendwer wird schon noch Äpfel essen.

Alles okay?, fragt Papa im Auto.

Ja.

Papa skizziert schon die nächsten Schritte. Klage, Sicherungsmaßnahmen, Steuerverfahren, große Summen, Bundesebene. Ich muss zuhören, mir bleibt auch gar nichts anderes übrig. Florian wird sich für alles verantworten müssen. Vielleicht kommt er mit einer alltagsphilosophischen Abreibung davon. Vielleicht landet er mit im Skandal. Mir ist das mittlerweile fast egal. Ich will bloß, dass alles geregelt wird Haus, Unterhalt, und Paulchen, der mehr verdient, als zwei Erwachsenen es versiebt haben.

Nachmittags, zurück in München, treffen wir Paulchen bei der Nachbarin an, Schachfigur in der Hand:

Mama, Opa hat mir das Springerpuzzle gezeigt.

Opa nickt: Das ist definitiv das Wichtigste im Schach.

Paulchen lacht.

Ich schaue die beiden an Opa und Enkel und irgendwas, das sich die letzten Tage verhakt hatte, lockert sich ein wenig, wie ein Fensterflügel, den man aufstoßt, um Luft reinzulassen.

Auf der Fahrt erzählt Paulchen noch und nöcher von Springerzügen. Draußen huschen Felder, Wälder, Tankstellen vorbei, Lichter werden dichter.

Ich denke an die kommenden Wochen. An Gerlinde vor Gericht. Daran, wie ich eine Wohnung suchen werde. Aber ich werde es schaffen. Arbeit habe ich. Geld genug zum Leben. Papa ist da.

Mir fällt auf, dass ich Florian nicht einmal mehr hasse. Ich hatte es erwartet, aber da ist bloß Müdigkeit. Etwas Traurigkeit, weil ich dem selbstgebauten Bild von Glück hinterhergetrauert habe. Hass wäre Energieverschwendung. Die brauche ich jetzt anderswo.

An Anna und Sebastian denke ich auch: Deren Leben ist nicht einfacher geworden. Ganz im Gegenteil. Sie verlieren ihren Rest sicherer Welt. Ich muss ihnen nichts Böses wünschen. Sie haben ihre eigene Geschichte.

Der Apfelbaum. Er wächst weiter.

Mama?, fragt Paulchen leise.

Ja, Schatz?

Gehen wir nie mehr in das Haus zurück?

Ich überlege. Weiß ich noch nicht, Paulchen. Vielleicht. Oder wir finden ein anderes.

Besser ein anderes. Da ist Oma Gerlinde immer so komisch.

Ich weiß.

Und sie hat mir den Hubschrauber weggenommen.

Aber ich hab ihn dir wiedergegeben.

Er überlegt.

Stimmt. Du hast ihn immer zurückgeholt.

Ich bringe immer alles zu dir zurück, was dir gehört. Immer. Merke dir das.

Er lehnt sich an mich. Draußen wird es dunkel. Die Stadtlichter rücken nahe.

Papa fährt. Er schweigt. Muss auch nichts sagen, es reicht, dass er uns fährt.

Ich lese ein neues Handy-Symbol. SMS von Florian. Seit einer Stunde.

Sabine, ich möchte reden. Ohne Anwälte. Einfach reden.

Ich starre auf den Bildschirm.

Einfach reden. Nach zehn Jahren. Bestimmt.

Ich lasse die SMS unbeantwortet. Stecke das Handy weg.

Paulchen fängt an, einzuschlummern, noch die Schachfigur in der Hand ein Andenken vom Opa.

Papa?, sage ich leise.

Ja.

Danke, dass du rangegangen bist.

Kurze Pause.

Du hättest mich irgendwann sowieso angerufen.

Weiß nicht.

Ich schon, sagt er. Und dann ist alles gesagt.

Wir rollen in die Stadt. Lichter in allen Farben, jedes Fenster ein Leben. Wir fahren darauf zu, und ich habe keine Ahnung, was uns erwartet. Bestimmt wird es gut und schlecht zugleich. So ist das eben.

Aber wir fahren. Paulchen ist bei mir. Papa bringt uns heim. Und irgendwo im Rucksack liegt ein Hubschrauber und das Leben geht weiter.

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Homy
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