22. März
Heute möchte ich von dem erzählen, was mein Leben in den letzten Jahren so grundlegend verändert hat, dass ich manchmal selbst kaum glaube, dass ich es war, der all das ausgehalten hat.
Alles begann mit einem Autounfall irgendwo auf der A8, unterwegs zur Arbeit in München, der mein ganzes Leben auf den Kopf stellte. Meine beiden Beine wurden dabei so schwer verletzt, dass die Ärzte im Krankenhaus Bogenhausen sie Stück für Stück wieder zusammensetzen mussten. Damit war alles vorbei Ein sicherer Job in einer erfolgreichen Firma, wo mir der Posten des Geschäftsführers und ein großzügiges Gehalt in Euro fast schon sicher waren. Wochenendausflüge mit meiner Frau Amalia in die Alpen, Abende mit Freunden im Biergarten. Jetzt nichts mehr davon.
Man entließ mich nach ein paar Wochen ins Rehazentrum, die Beine bandagiert und voller Titan. Was konnte ich tun? Nur hoffen, beten und auf Glück vertrauen. Nachts schrie ich vor Schmerzen, und nur die Spritzen morgens und abends halfen mir wenigstens ein bisschen zu schlafen.
Mehrere Monate konnte ich das Bett nicht verlassen, war auf eine Bettpfanne angewiesen. Gott segne meine Amalia! Erst als ich mich langsam mit dem Rollator aufrichten und gehen übte, kam der Schmerz zehnfach zurück.
Es gibt in Deutschland Spritzen gegen Thrombose, die man sich in den Bauch sticht ich weiß es jetzt nur zu gut. Kein Niesen, kein Husten, selbst auf Toilette zu gehen alles wird zur Tortur. Da braucht man Nerven wie Drahtseile. Aber meine Nerven waren längst erschöpft. Ebenso meine Kraft zu ertragen.
Doch die Zeit verging, und ich lernte Schritt für Schritt wieder zu gehen. Schlecht zwar, oft stolpernd und fast fallend aber es waren Fortschritte. Freunde verschwanden aus meinem Leben, niemand meldete sich mehr. Mein Arbeitsplatz, mein Sessel als Geschäftsführer, wurde längst anderweitig besetzt. Wann meine Qual endet, und wie das wusste ich nicht.
Die Stimmung war am Boden. Meine Zukunft? Ich sah mich als dauerhaften Behinderten. Zumindest hat mich Amalia nicht verlassen Gott sei Dank.
Als ich das erste Mal mit Krücken und Amalias Unterstützung das Haus verließ, blendete das Sonnenlicht so stark, dass mir der Atem stockte. Tränen schossen mir in die Augen, ich fühlte mich wertlos. Ein Krüppel auf Krücken, mehr war von meinem alten Leben nicht übrig.
Amalia ließ mir etwas Raum. Ich wollte allein zwei, drei wacklige Schritte machen, als ich plötzlich von unten ein forderndes Miauen hörte. Neben meiner Krücke saß ein kleiner grauer Kater.
Was willst du denn? fragte ich verdutzt. Ich hatte Tiere all die Jahre nie beachtet, mit ihnen umgehen konnte ich nicht. Der Kater schaute mir fest in die Augen und maunzte hungrig.
Kannst du ihm bitte eine Frikadelle bringen? bat ich Amalia. Sie brachte eine vom Vorabend aus der Küche, und vorsichtig reichte ich sie ihm hinunter. Der Kater betrachtete mich lange, dann begann er zu fressen.
Am nächsten Tag warteten schon drei Katzen auf uns vor dem Haus, als wir hinaus kamen. Offenbar hockten sie dort bereits eine ganze Weile.
Na ihr seid ja ne Bande, schmunzelte ich leise. Ganz kurz ließ mich der Schmerz los. Amalia, zwar leicht missmutig, brachte drei weitere Frikadellen mit. Ich verteilte sie an die hungrigen Mäuler.
Am dritten Tag kamen sogar fünf Katzen und zwei kleine Dackel. Amalia schimpfte lautstark, doch ich bestand darauf, dass sie im Kiosk nebenan ein Kilo Wiener Würstchen kaufte. Diese verteilte ich gerecht unter dem wilden Haufen.
Danach jagten die Tiere spielend um meine Krücken herum, als wollten sie mich zum Mitmachen animieren. Ich lachte, war genervt, aber machte zögerlich ein paar Schritte die Dackel bellten vor Begeisterung.
Trotz Regen und Amalias Drohung, mir die Krücken wegzunehmen, kletterte ich am nächsten Tag erstmals allein die Treppe hinab. Sie warten auf mich, sagte ich ihr. Wie könnte ich sie enttäuschen? Es ist meine Pflicht.
Und tatsächlich, sie warteten: Fünf Katzen und zwei Hundchen, die mich wie zu einer wahren Frühlingsparade durch den Innenhof führten, während der Regen sanft auf uns niederprasselte. Amalia stand mit Regenschirm an der Haustür und beobachtete mich lächelnd.
Die Zeit ging ins Land. Bald war eine Krücke überflüssig, dann beide. Sie störten ja nur beim Herumtollen mit meinen haarigen Freunden. Erst da merkte ich: Die Schmerzen waren schon lange verschwunden.
Im Büro hatte längst niemand mehr auf mich gewartet. Ein Rollstuhlfahrer war offenbar nicht gefragt. Ich bekam eine ordentliche Abfindung und kündigte. Jetzt hatte ich so viel Zeit wie nie und beschloss, meine Geschichte aufzuschreiben.
Was entstand, war irgendwie ein Theaterstück, ziemlich umfangreich. Ich rannte alle kleinen und großen Bühnen Münchens ab und erntete nur Absagen. Niemand rief zurück oder zeigte Interesse, bis auf das Kleine Volkstheater in einem Souterrain.
Eine Woche später rief die Regisseurin Greta an: Wir probieren es! Aber Sie müssen einiges kürzen, umschreiben, anpassen.
Ein Monat lang saßen wir über jeder Szene, diskutierten angestrengt über jedes einzelne Wort. Nach einem weiteren Monat stand die Premiere.
Im bescheidenen Saal mit kleiner Bühne waren gerade einmal fünfzehn Zuschauer. Aber für mich waren sie die wichtigsten fünfzehn Menschen auf der Welt.
Ich war nervös, getraute mich kaum ins Publikum zu blicken. Nach dem letzten Satz fiel der Vorhang angespannte Stille, die sich für mich wie eine Ewigkeit anfühlte. Dann tosender Applaus! Ein wahrer Sturm, der Schauspieltruppe und mir Tränen in die Augen trieb.
Zur zweiten Aufführung waren alle Plätze ausverkauft, die Leute standen auf den Gängen und drängten sich bis ins Treppenhaus. Der Applaus drohte, das altehrwürdige Theater von der Wand zu reißen.
Die Truppe zog bald in den zentralen Saal um die Kulturwelt Münchens diskutierte meine Stücke, als wäre ich schon immer dabei gewesen.
Ich gönnte mir einen teuren Anzug und betrat nach jeder Vorstellung zusammen mit Amalia die Bühne, wie es sich gehört. Natürlich sie war schließlich immer bei mir.
Was wurde aus meinen kleinen Freunden? Zwei von den Dackeln und zwei Katzen nahmen wir mit in unsere Wohnung. Die anderen drei fanden Plätze bei treuen Theaterbesuchern.
Worum es in dieser Geschichte geht? Vielleicht einfach darum, wie viel es bedeutet, ab und zu einen hoffnungsvollen Blick auf seine Füße zu spüren und zu wissen, dass man nicht fallen darf. Man muss es schaffen für sich, für andere, und für all die, die auf einen warten.





