Von Pauls Ankunft wusste schon längst das ganze Dorf. Die Mädchen schmückten sich, flochten ihre Haare mit bunten Bändern, und tuschelten aufgeregt in kleinen Trauben. Aber Greta, das Waisenkind, sah keinen Sinn darin, ihre Zöpfe anders zu legen oder ein neues Kleid anzuziehen. Sie war einfach, wie sie war. Und gerade das gefiel Paul, wie in einem seltsamen Spiegelkabinett, sofort an ihr, als er ankam.
Die anderen Mädchen warfen ihr neidische Blicke zu: So einen wie Paul, groß, breit gebaut, mit dunklen Augen und diesem selbstverständlichen Lächeln den hätte jede gern gehabt. Er kam aus der Stadt, studiert irgendwo in Wien, die Eltern wohlhabend, der Vater Eigentümer einer Fabrik in München.
Der Großvater, Herr Schneider, war früher Bürgermeister im Dorf gewesen. Alle seine Kinder hat er auf die Universität geschickt, nun prahlte er gerne mit deren Erfolgen und wartete sehnsüchtig auf Enkelkinder.
Schon früh wusste jeder, dass Paul anreisen würde. Die Mädchen bereiteten sich vor, machten Locken in ihre Haare. Greta, ohne Eltern, blieb, wie sie war. Gerade das war es, was Paul faszinierte.
Die Versuche der anderen Mädchen, sich ins rechte Licht zu rücken, liefen ins Leere. Nach den Sommerferien nahm Paul Greta mit in die Stadt. Am Busbahnhof drückte Großvater Schneider ihr eine Tüte Kekse in die Hand und sagte: Mädchen, du hattests nicht leicht im Leben. Lass dich von ihm nicht ausnutzen. Paul versprach es und fuhr sie fort.
In München war alles anders: das ständige Gedränge, Lichter und Stimmen, als würden Schatten durch Wände tanzen. Greta hoffte, Paul würde aufmerksam und liebevoll bleiben, wie in den ersten Tagen. Während der Hochzeitsvorbereitungen hing noch Wärme und Achtsamkeit zwischen ihnen, wie leise Musik in einem schrägen Traum.
Nach der Hochzeitsreise jedoch wurde Paul stiller. Es schien, als schämte er sich auf einmal, seine junge Frau zu zeigen. Die Schwiegermutter, Frau Hannelore Paulsen, sprach nur in kurzen, eisigen Sätzen mit Greta: Immer wieder bemerkte sie, wie wenig Greta ihrem perfekten Sohn ebenbürtig war.
Die Suppe war nicht wie daheim, Hemden wurden nicht ordentlich gewaschen, und der Boden offenbar nicht richtig geschrubbt. Greta litt unter der Enge der gemeinsamen Wohnung. Arbeiten durfte sie nicht. Paul winkte ab und lachte:
Was willst du denn mit deinem Abschluss verdienen? Bleib lieber daheim.
Sie blieb. Als sie schwanger wurde, schien plötzlich alles besser Paul war ganz stolz, Hannelore hörte auf zu nörgeln. Dann wurde alles wieder traurig: Greta verlor das Kind.
Für nichts taugst du, hübsches Gesicht und sonst nichts. Nicht mal gesund bist du, seufzte Hannelore, und Paul grinste halb verlegen, halb zufrieden als handle es sich nicht um seine eigene Frau.
Bei der zweiten Schwangerschaft blieb Paul gleichgültig. Von Liebe keine Spur mehr; schnell wich Greta nachts ins Arbeitszimmer, tagsüber war Paul immer unterwegs, abends kam er heim, wenn sie schlief. Die beiden entfernt wie Figuren in einem alten Film.
Greta verzweifelte, aber sie wollte ihr Kind nicht im Stich lassen. Familienband ist stark aber sie hatte keine Eltern, sie war auf sich gestellt.
Keiner führte Greta ins Krankenhaus, selbst Paul war seit einer Woche nicht mehr nach Hause gekommen. Sie rief selbst einen Krankenwagen. Nach der Geburt wusste sie nicht, wohin. Draußen stand plötzlich, wie aus dem Nichts, ein Auto mit bunten Luftballons. Auf der Veranda warteten nicht Paul, sondern Hannelore und Großvater Schneider, beide herausgeputzt, mit einem Blumenstrauß.
Danke, mein liebes Kind, für diese kleine Enkelin!, strahlte Großvater Schneider. Hannelore schaute wie verzaubert das Baby an, drehte sich immer wieder um das Körbchen.
Daheim war der Tisch gedeckt. Hannelore hatte sogar Gretas Lieblings-Apfelkuchen gebacken.
Ich hätte nie gedacht, dass mein Sohn so ein Tunichtgut ist, platzte Hannelore heraus. Hat sich davon gemacht und lässt dich alleine mit dem Kind. Aber das macht nichts! Wir schaffen das auch ohne ihn. Mal sehen, wie weit er ohne uns kommt. Dich und das Kind lassen wir nicht im Stich. Ich werde ihn aus der Wohnung abmelden, dann hat er keinen Platz mehr hier er zieht ja sonst noch eine zweite Frau dazu!
Wie soll sie heißen? fragte Großvater. Vielleicht Mathilde, nach deiner Mutter?
Greta konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Hannelore legte tröstend die Hand auf ihren Kopf.
Eines Tages bist du wieder glücklich, Greta. Sieh nur, wie sehr dir das Muttersein steht. Er hat einfach nicht erkannt, was er an dir hatte.
Ich gehe zurück ins Dorf. Da ist es besser für uns, flüsterte Greta.
Sehr vernünftig, nickte Großvater. Wir ziehen das Kind zusammen groß.
***
Zwei Jahre nach Gretas Rückkehr ins Dorf hielt Ludwig um ihre Hand an: Ein einfacher Junge, der Nachbarssohn, den sie früher nie eines Blickes gewürdigt hätte. Aber nun waren ihre Ansprüche andere Liebe und Geborgenheit, das wollte sie für sich und ihre Tochter.
Du solltest Ja sagen. Wo findest du nochmal so einen guten Kerl? Du kennst ihn seit deiner Kindheit. Und falls Paul zurückkommt?
Greta winkte ab.
Er kommt nicht. Und ich liebe ihn schon lange nicht mehr.
Dann ist ja alles klar, freute sich Großvater Schneider. Jetzt feiern wir bald wieder Hochzeit!
***
Zur Hochzeit kam Hannelore extra aus München.
Wie gehst du eigentlich mit Greta um?, fragte sie Ludwig vorwurfsvoll. Heute musste sie zu Fuß von der Arbeit nach Hause laufen, und bei euch daheim liegt alles rum selbst die Strumpfhose der kleinen Mathilde ist nicht gebügelt!
Wer sind Sie überhaupt?, fuhr Ludwig sie an.
Schwiegermutter!
Die ehemalige, merkte Ludwig an.
Na, jetzt ist aber Schluss, lachte Greta, eine Schwiegermutter bleibt immer Teil der Familie.
Ich bin vielleicht ein bisschen nervös, rechtfertigte sich Hannelore. Hab Angst, dass ich meine Enkelin nicht mehr sehen darf.
Sie können kommen, wann Sie möchten, sagte Ludwig ruhig, aber unsere Familie gestalten wir selbst.
Greta blickte stolz auf Ludwig und wusste: Nun ist jemand da, der sie und Mathilde nie wieder im Stich lassen würde in diesem seltsamen, endlosen Traum, den sie Leben nannte.





