Montag.
Ach, mein Sonnenschein, welche Frikadellen? Keine Zeit! Ich habe nur eine Stunde von der Arbeit freigenommen, verstehst du? Später, ja? Später… Werner Bronner sieht mich hungrig, fast gierig an, während ich alles, was ich für ihn vorbereitet habe, seufzend wieder in den Kühlschrank stelle. Ich hätte ihm so gern eine Freude gemacht, extra gekocht, damit es Werner schmeckt.
Ich warte immer montags auf ihn morgens, mittags, abends, nachts. Er kommt unangekündigt, schließt mit seinem Schlüssel auf, küsst seine Annemarie auf den Mund, und alles verschwimmt, wird süß und stickig und irgendwie selig.
Gut, dass mein Sohn, Jan, an diesem Tag von morgens bis abends an der Uni verschwindet. Keine Störung.
Er ahnt längst, dass es da jemanden in meinem Leben gibt, fragt aber nicht nach. Wozu auch? Besser, man weiß es nicht. Obwohl… Einmal hat Jan Werner gesehen, als der in seinen Wagen stieg elegant, etwas steif, kantig zurechtgemacht, dachte mein Junge. Unsympathisch. Aber wenns mir gefällt… Was soll’s. Nach solchen Treffen leuchte ich von innen, er merkt es. Sollen sie reden.
Blumen bringt Werner nie mit. Er will nicht auffallen der Fahrer soll nichts ahnen. Geschichten über Tanten oder Mütter würden nicht ziehen, immerhin lebt Werners ganze Familie in München.
Ich bin es gewohnt. Warum sollte ich Blumen erwarten? Hauptsache, ich bekomme ein paar Stunden von ihm nur von ihm, die nicht Frau, Kindern oder der Arbeit gehören.
Ich darf Werner nicht eifersüchtig sein. Schließlich bin ich es, die seine Familie zerstört, sich einmischt, sündigt, sich in ein fremdes Leben drängt. Kein Platz für Eifersucht! Ich sollte mich freuen, dass ich wenigstens etwas bekomme.
Und ich freue mich. Und wie Werner sich freut, dafür fehlen die Worte!
Ja, er hat früh geheiratet, sich keine Hörner abgestoßen, nicht alle süßen Freuden des Lebens gekostet. Mit seiner Frau, Gabi, hat er zwei Kinder. Nun trägt er Verantwortung, sorgt und erzieht, aber nicht mehr. Die Liebe? Schon lange vorbei. Sie leben wie Nachbarn, frühstücken zusammen, der Rest läuft getrennt.
Warum bist du wieder so traurig, mein Schatz?, flüstert er in der Diele. Hat es dir denn nicht gefallen? Alles ist doch gut! Nächsten Montag bin ich wieder da, versprochen. Dann gibt’s Mittagessen, dann bleiben wir wieder zusammen…
Ich nicke und beiße mir auf die Lippe. Nein, ich verlange ja nichts. Ich bin zufrieden, alles passt.
Machs gut!, haucht er mir ins Ohr.
Ein letzter Kuss, dann reißt er die Tür auf und verschwindet. Langer Abschied bringt nur Tränen. Er muss noch ewig im Büro sitzen, und heute hat seine jüngste Tochter, Julia, einen Wettkampf im Turnen er hat fest zugesagt.
Werner! Deine Aktentasche! Ich stelle sie immer extra in die Ecke, damit er sie vergisst und zurückkommt, eine Minute länger bleibt…
Ach ja, ich Tolpatsch! Danke. Nun aber los. Tschüss!
Ich winke ihm noch hinterher, am Fenster, aber er dreht sich nicht einmal um. Er hat es eilig, wie immer.
Ich setze die Brille auf und arbeite weiter. Ich bin Lektorin in einem kleinen Verlag, arbeite von zu Hause aus. Und ich träume, dass Werner irgendwann ganz zu mir kommt dann gibt es jeden Tag Annemaries Frikadellen…
Dienstag.
Werner kommt heute früh von der Arbeit weg, rast in seinem glänzenden Mercedes quer durch die Stadt, bringt die Dokumente selber ins Hauptbüro könnte der Bote erledigen, macht er aber lieber selbst , verabschiedet sich beim Fahrer, steckt ihm manchmal noch einen Schein zu und nimmt ein Taxi zur Prinzregentenstraße.
Da wohnt Saskia Troschke ehemalige Ballerina. Jetzt gibt sie Unterricht an einer Privatschule, graziler und schlanker als die meisten Frauen in ihrem Alter. Dienstags hat sie immer frei. Sie wartet.
Blumen gibts auch für Saskia keine auch hier hält sich Werner bedeckt. Saskia liebt sie, hat noch den Duft von Rosen und Lilien der Bühne in der Nase, all die Sträuße und Liebesbriefe von früher…
Weißt du, Saskia, streichelt Werner ihren kleinen, schmalen Kopf, ich würde dir ja gerne Blumen mitbringen. Aber dein Pförtner da unten, dieser Wachhund, der würde sofort merken, dass ich zu dir will! Ohne Strauß falle ich nicht auf mit ist es gleich Thema Nummer eins!
Ach, ich fürchte doch keine Gerüchte, Werner! Ich fürchte gar nichts! Ich vermisse dich. Selbst wenn ich Unterricht gebe, bin ich eigentlich bei dir, in Gedanken, spüre deine Hände… Sie kann glühend, leidenschaftlich sprechen, so dass es ihm den Atem raubt. Und dann kommst du wieder nicht… Werner, verlass doch endlich deine Gabriele! Ihr liebt euch doch sowieso nicht mehr. Soll ich es ihr sagen? Willst du? Ich könnte sie anrufen…
Saskia greift zum Handy, doch Werner küsst ihre dünne, weiße Hand sanft und nimmt es ihr weg.
Geduld, Saskia, Geduld! Die Kinder müssen erst groß werden, dann komm ich. Versprochen. Und bis dahin… lassen wir uns einfach gehen und genießen, was wir haben. Saskia, tanz für mich!
Für jemanden getanzt hat sie immer. Erst für Oma in der dritten Reihe, dann für Mutter, Vater, später für die Zuschauer, für Jurys und Regisseure. Nun für Werner.
Saskia liebt Applaus, da kann Werner mithalten nicht besonders temperamentvoll, aber voll Liebe. Das reicht. Nach der Liebe trinken sie bitteren Espresso in Saskias Küche, schauen aus dem Fenster, lachen, und beide wissen: Nach der zweiten Tasse zieht Werner sich an, verabschiedet sich. Saskia, im Bademantel, bringt ihn zur Tür, alle Nachbarn sehen sie. Lästereien sind ihr längst egal. Sie ist Tänzerin, tanzt das Leben. Und Klatsch gehört dazu.
Mittwoch.
Hier läuft alles simpel. Werner fährt zu Fridas Haus in den Vororten, sie wartet schon im Morgenmantel und mit frischen Laken. Macht ihm die Tür auf, packt ihn am Kragen, zieht ihn ins Haus wie eine hungrige Katze und stürzt sich auf ihn.
Kennengelernt haben sie sich auf einer Feier. Frida war schon ziemlich angetrunken und verführerisch, Werner war nur kurz vorbeigekommen, um etwas Geschäftliches zu klären und dann wurde er von Fridas Augen verschluckt.
Und er taucht immer noch in ihnen unter. Sie will gar nicht, dass er gerettet wird.
Frida verlangt keine Blumen, auch kochen muss sie nicht. Sie steht nicht mal auf zum Verabschieden.
Machs gut, Mäuschen. Werner küsst ihre Hand, die aus dem Bettlaken schaut.
Frida rührt sich kaum, grummelt und schläft weiter. Mit Frida ist für Werner alles am einfachsten sie verlangt nichts, erdrückt ihn nicht. Kommt er vorbei, ist gut.
Unterschätzt sie aber keiner. Frida ist taktisch, mit allen Wassern gewaschen. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat, kriegt sies.
Manchmal fürchtet Werner, sie könnte ihm mit Gabriele dazwischenfunken. Warum fürchtet er das? Die Kinder, der ganze Papierkram, Schwiegermutter und Schwiegervater würden einen Aufstand machen, auf der Arbeit kämen die Briefe wegen dem Unterhalt…
Allein der Gedanke setzt ihm zu, aber Frida hat hundertmal betont, sie will ihn nicht wegnehmen.
Du bist doch kein Ziegenbock, lacht sie, beißt ihm ins Ohr, kitzelt ihn am Hals. Bleib locker, ich liebe meine Freiheit.
Nein, Werner ist kein Ziegenbock. Oder vielleicht ein bisschen… Und manchmal hat er Angst, auch Gabriele könnte ihn betrügen. Das wär was…
Donnerstag.
Fisch-Tag. Werner verbringt den Vormittag im Büro, gibt Anweisungen, geht wichtige Dinge durch nachmittags ist er bei Teresa. Die kann Fisch bei Flensburg aufgewachsen, bringt alles, was das Meer hergibt, lecker auf den Tisch. Sie duftet wie Algen und salzige Nordseeluft. Vielleicht bilde ich mir das ein, aber es erinnert mich an Sommer in Bayern…
Werner mag Fischfilet, möglichst zart und vom Grill. Teresa besorgt die Stücke bei Leuten ihres Vertrauens, deckt den Tisch festlich, holt Wein, zündet Kerzen an, alles muss stilvoll sein.
Werner isst. Nur bei Teresa isst er so, sonst nirgends. Über Fischgerichte diskutiert er nicht. In Gabis Nähe ist das undenkbar sie reagiert allergisch auf alles aus dem Wasser.
Donnerstags aber schläft Gabriele bei ihrer Mutter in Augsburg, und so gönnt sich Werner Fisch. Später hilft er beim Aufräumen. Teresa mags sauber, da achtet sie drauf. Werner kommt immer frisch rasiert, gebügelt, im neuen Hemd.
Teresa stellt oft die Frage, ob sie nicht zusammenleben sollten.
Ich liebe Kinder, Werner! Ich kann mit ihnen umgehen. Das wäre kein Problem. Wir nehmen sie am Wochenende zu uns, fahren in den Ferien an die Nordsee. Das würde uns allen guttun.
Sie schlägt es einfach vor. Sie bettelt nicht, sie fordert nichts. Und wenn Werner wieder Gründe findet, zuckt sie nur die Schultern, schüttet noch ein Glas ein und wechselt das Thema.
Teresa ist die älteste seiner Liebschaften, längst nicht mehr so sportlich, und die Kräfte fehlen ihr auch. Aber das hat für Werner auch Vorteile. In letzter Zeit ist er oft müde die Jahre…
Er fährt spät nachts nach Hause, frisch geduscht. Niemand daheim, Frau und Kinder sind weg. Gabriele ruft nicht mal an ihm recht so. Er kann träumen, so lange er will. Mit Gabi zu Hause wäre das Fenster verloren, sie zieht immer alle Vorhänge zu, und Werner fühlt sich wie im Brunnen kühl und dunkel und einsam. Mit Gabi ist es unerträglich kalt. Oder ziehts nur?
Freitag.
Langweilig. Werner verbringt den Tag mit den Kindern bei seiner Mutter. Sein Tag, ihnen etwas zu bieten. Gabriele kommt selten mit, bleibt im Büro.
Bei seiner Mutter schlurft Werner von Zimmer zu Zimmer, während die Kinder mit Oma Gertrud Mensch-ärgere-dich-nicht spielen. Dann gibts Abendbrot.
Und wo bleibt Gabi? Wieder keine Zeit?, fragt Gertrud jedes Mal spitz und grinst: Na, mein Junge, hast ja echt ein Kreuz mit der Frau…
Und jedes Mal erklärt er, an Freitagen arbeitet Gabriele länger wegen Außenterminen.
Interessant. Ob sie inzwischen Professorin geworden ist? Nun ja…, tippt seine Mutter mit den Fingern auf den Tisch, nickt und ruft: Anna, Leon, den Kuchen nicht vergessen!
Alle stürmen in die Küche, nur Werner bleibt sitzen. Er ist fertig. Mit 47 alles zu schultern Macho, Chef und… überhaupt alles das schlaucht.
Vor allem, wenn du eine Ballerina, eine Geschäftsfrau und eine Fischerin hast…
Am Ende, Werner, wollen sie doch alle dasselbe!, sagte Werners Fahrer einmal, Stephan.
Und was wollen sie, Stephan? Werner kratzt sich am Kinn. Der Bart… Annemarie mag eigentlich keinen Bart…
Na was? Geld! Wer was verdient, wird geliebt. Sonst interessiert man sie nicht. Früher konnte ich in der Familie nichts sagen, da war das Geld knapp; jetzt, wo was reinkommt, rennen sie hinter mir her, gucken mir in den Mund. Die Frauen sind doch alle gleich.
Werner blinzelt streng zu Stephan aufs Lenkrad; der verzieht das Gesicht, tut so, als würde er sich aufs Fahren konzentrieren und ruft einen Raser an.
Nie und nimmer, denkt Werner. Bei mir ist das anders. Vielleicht Gabi die zählt wirklich nur noch Scheine. Wann fing das an? Irgendwie lief es langsam aus, man lebte halt nebeneinander, im Wohlstand, aber ohne Gefühl… Gefühle gibts nur noch woanders Zärtlichkeit, Wärme, Neugier, Herzklopfen. Hauptsache, Gabi hat mich weitergebracht. Sie hat mich eingeführt, meine Karriere gepusht. Die ist ein Kopf für Geschäfte!
Los, weiterfahren, was stehst du da rum?, nörgelt Werner. Wir kommen zu spät!
Sie steuern in Annemaries Wohnstraße, wo, wie Werner betont, der Osteopath sie daheim privat behandelt.
Stephan fragt nicht nach. Osteopath, Zahnarzt, Masseur? Wen interessierts? Hauptsache, Werner zahlt. Das liebt jeder. Stephan auch…
…Dass Gabriele geht, sagt sie montagmorgens Annemaries Tag.
Wie, du gehst? Werner setzt sich aufs Bett, reibt sich die Augen.
Na ja, auf meinen Beinen, lacht Gabi, tätschelt ihre Hüften. Ich reiche die Scheidung ein, nehme später die Kinder, muss erst alles regeln…
Sie sitzt vorm Spiegel, wickelt die Haare auf und erzählt ganz beiläufig, fast wie eine Geschichte vom Kollegen Berthold, diesem Dozenten, über den Werner kaum etwas weiß.
Ich verstehe nicht, warum du gehst… Werner bewegt seine Füße, die sind taub. Knoten wachsen da, wie bei Mutter. Schlimm…
Bist du naiv, Werner? Ich verlasse dich wohin, sag ich nicht. Du fragst mich ja auch nicht, wo du jeden Abend bist. Es interessiert mich nicht, also interessiert dich mein Weg auch nicht. Keine Sorge, die Kinder nehme ich später. Berthold und ich… na, sagen wir, da gibts noch was zu klären. Gehts? Aus dem Weg, du riechst alt, Werner!
Sie schminkt sich fertig, schlüpft in ein weiteres Etuikleid. Werner macht mechanisch den Reißverschluss zu, will noch was fragen aber sie ist schon draußen.
Ich fahre die Kinder. Machs gut! Und knallt die Tür.
Er schlurft durchs leere Appartement, lacht bitter. Ausgetrickst hat sie ihn!
Dann kommt Wut. Am liebsten würde er die Tasse mit Zuhause, Familie, Sorgen an die Wand pfeffern, Zerscherben zertreten bis es weh tut.
Jetzt weiß er warum alles so schwer ist: Sie hat das im Stillen vorbereitet! Heimlich mit Berthold, diesem Springer. Widerlich.
Gabi gehört zu ihm, nur zu ihm. Er kennt sie in und auswendig fröhlich, traurig, leidenschaftlich, zärtlich, grantig. Er hat sie zur Notaufnahme getragen durch den Schnee, als die Geburt einsetzte und kein Taxi kam. Bloß er weiß, welchen Kaffee sie braucht, wenn Migräne drückt. Er weiß, warum sie nachts Vorhänge zuzieht, obwohl niemand in die Wohnung im 9. Stock blicken kann sie hat Angst. Früher verlief sie sich mal auf dem Dorf, durchnässt, Fieber, sie glaubte, finstere Gestalten wollten sie wegtragen. Das hat sie nur Werner je erzählt.
Jetzt lacht vielleicht Berthold über ihre Ängste?
Stephan steht nicht mehr mit dem Wagen vor dem Haus, Werner muss ein Taxi rufen.
Im Büro schreit er Leute an, räumt alles vom Tisch, findet wichtige Unterlagen nicht mehr. Konnte er früher immer…
Im Kopf wieder nur: Gabi ist weg. Weg.
Dann kommt der Anruf aus der Klinik…
Keine Sorge, Herr Bronner! Der Arzt blättert in der Akte auf seinem blitzenden Tisch. Sie sollten stationär untersucht werden. Ruhen, Vitamine, Schlaf, Massagen, dann die Ergebnisse. Wie wärs? Wir nehmen Sie auf?
Werner, immer den Kopf reckend zu den Werten, spürt den Angstschweiß im Ausschnitt.
Jetzt in die Klinik? Am Ende machen die noch alles schlimmer, behalten ihr Honorar und ab auf den Friedhof mit ihm…
Quatsch. Dafür hab ich keine Zeit!, springt er auf, tippt auf die Tischplatte, schnaubt: Und lassen Sie das Bedrohen. Wollen Sie nur Kasse machen? Denkste!
Er zeigt dem Arzt eine lange Nase.
Der seufzt nur: Geld? Damit müssen Sie Ihre Frau abspeisen, nicht mich. Ich bin nur Arzt. Gehen Sie der Termin ist vorbei.
Mit voller Wucht knallt er die Tür. Plötzlich splittert Farbe ab, Risse in der Wand.
Na, das reparieren Sie schon Ihnen fehlts ja an nichts!, schnauzt er die verdatterte Schwester an.
Warum brüllt er immer über Geld? Er weiß es selbst nicht. Hauptsache, nicht drüber nachdenken…
Also fährt er zu Annemarie. Montag, ihr Tag. Die wartet, denkt er.
Sie wartet. Aber nicht wie immer.
Verheult, niedergeschlagen, umarmt sie ihn nicht, bietet keine Frikadellen an, hat sich wohl gar nicht frisiert.
Werner… Wernerlein! Sie weint, krallt sich in seinen Arm. Jan ist weg. Hat gestern angerufen, sagt, er zieht zu Oma. Er will uns nicht mehr zwischen sich haben.
Er will uns nicht mehr? Werner fühlt seine Kehle eng werden.
Ja. Er sagte, irgendeine Gabriele hat ihn angerufen Ihr lasst euch scheiden, du würdest jetzt bei mir leben. Wie konntest du das klären hinter meinem Rücken?, schreit Annemarie, ringt die Hände.
Ich? Ich hab es heute erst von Gabi erfahren!, schubst er sie weg wie eine lästige Fliege.
Du lügst! Mir egal! Ich will nicht mit dir leben! Bring mir Jan zurück, verstehst du? Bring meinen Jungen zurück!
Sie schlägt wild um sich.
Was hab ich damit zu tun? Ruf ihn an, er soll kommen. Ich wollte gar nicht…
Was? Nicht bei mir sein? Du hast es doch versprochen! Du Dreckskerl! Ich hasse dich, verstanden? Raus! Und sie schmeißt ihn raus.
Er kann gar nicht sagen, dass er eigentlich todkrank ist. Annemarie hat jetzt keine Zeit für ihn.
Solange ihr Sohn da war, hatte sie ein Ohr für Werner, jetzt nicht mehr.
Werner Bronner schlendert langsam über die ihm vertraute, fremd gewordene Allee. Arbeiter reißen den alten Zeitungskiosk ab. Hier kommt bald eine neue Straße.
Ohne Kiosk bleibt es kalt, leer. Wie mit mir und Annemarie. Solange alles noch irgendwie geregelt, auch wenn schräg, war fühlte es sich richtig an. Mit Gabi war er im sicheren Hafen, mit Annemarie der Trostspender, mit Jan der stille Richter.
Wer steht nun für Annemarie ein? Oder gesteht sie sich ein: sie war doch nur Affäre, nie Geliebte? Nein, alles soll zurück, das Alte, das war leichter…
Er setzt sich auf eine Bank, studiert ratlos die Befunde, versteht sie nicht. Er ruft Saskia an sie hat Unterricht, im Hintergrund Akkordeon, tanzende Schritte.
Ach Werner, nicht jetzt, ja? Und diese Woche komm bitte nicht, ich bin weg. Meine Schwester hat mich nach Sydney eingeladen. Melde dich bei mir, wenn das mit der Scheidung durch ist, okay? Sorry, keine Zeit!
Gabi hat wohl alle informiert. Werner scheint für sie wie eine ausgesetzte Maus, mitten zwischen Schlangen.
Stellt sich heraus: Keiner braucht diese Maus.
Frida nimmt ihn auf nicht am richtigen Tag, aber sie nimmt ihn auf. Zieht ihn durchs Haus ins Schlafzimmer, raucht danach auf der Bettkante, verkündet schwanger zu sein. Nicht von ihm.
Stell dir vor, ich hab so lang gewartet, und jetzt weiß ich gar nicht, ob ich das will. Hörst du, du da drin? Ich weiß nicht mal, ob ich dich will…
Werner stottert, bietet Arztkontakte an, will helfen, doch Frida winkt schroff ab.
Klugsch…, erzähl mir nichts, du bist nicht der Vater. Galis weg, jetzt stehst du bei mir? Falsche Adresse. Mir ist schlecht, geh endlich!
Sie hat ihre eigenen Sorgen.
Ich wollte dich was fragen, ich habe… Er hebt die Befunde.
Ich auch. Rhesusfaktor. Sie grinst. Tschüss, Werner!
Werner verlässt das Haus, fühlt sich durch seine ganze erfolgreiche Vielseitigkeit gefallen. So viele warme Betten und nirgends wird er jetzt erwartet? Warten sie vielleicht lieber auf den verheirateten Werner, damits keine Fragen gibt? Und Gabi hat alles zerstört.
Teresa hört sich seine Klagen über die Diagnosen an, sagt sofort: Du musst nach Tibet, hier ist ein Kontakt, ruf besser nicht mehr an.
Ich glaube an Aura, Werner. Deine ist krank, sie würde meine anstecken. Leb wohl.
Sie verschwindet samt ihres Fisches und Weins. Wird bald für jemand Neuen kochen.
Seiner Mutter gesteht er von der Krankheit nichts. Sie hätte sowieso Gabi beschuldigt und dann ihre eigenen Gebrechen aufgezählt reicht für eine Woche.
Völlig ausgebrannt, hungrig schläft Werner schließlich ein, wird nachts von Angst geweckt. Sterben, und das wars? Kinder was wird mit ihnen?
Na und? Du warst bei Frida, Saskia, Annemarie sie waren mit ihrer Mutter. Wird so weiter gehen. Dich beerdigen sie.
Er geht in die Klinik. Nicht mal, weil er gesund werden will zu Hause ist es nur leer. Im Krankenhaus ist es wenigstens ruhig, manchmal rattert eine Trage, manchmal kommt eine Schwester.
Die OP findet am Morgen statt.
Haben Sie die Familie informiert? Nicht, dass nachher das Telefon pausenlos klingelt!, murrt sein Bettnachbar.
Wird schon keiner anrufen, schüttelt Werner den Kopf.
Sie holen ihn.
Als er erwacht, sieht er den verbundenen Bauch, will sein Handy anschalten und spürt, wie die Tränen hochkommen. Keiner hat ihn angerufen. Keiner. Als hätte es ihn nie gegeben.
Und da verliert er die Angst. Er ist niemand, dann ist es so. Die Kinder tun ihm leid, seine Mutter. Aber um sich warum noch?
Er ist wie der alte Kiosk. Der wird abgerissen, an seiner Stelle entsteht etwas Neues. Frida bringt ein Kind zur Welt, soll er das Glück haben. Werner räumt das Feld…
Nachts bekommt er Fieber, landet auf der Intensivstation. Neben ihm liegen Körper unter Laken, halb nicht hier. Werner versinkt im Schlaf…
Als er wieder zu sich kommt, schläft Gabi neben ihm, das Gesicht ins Kissen gedrückt.
Durchs Fenster kracht gleißendes Sonnenlicht.
Die Vorhänge, du magst doch kein Licht…, flüstert Werner, hustet. Der Hals tut weh.
Gabriele hebt den Kopf, sieht ihn streng an.
Lass es. Licht, das fehlt dir hier im Krankenhaus… Licht…, sagt sie, streicht ihm übers Gesicht, zieht dann die Hand zurück.
Sorry, nicht rasiert. Ich geh gleich…
Er will aufstehen, aber es geht nicht.
Wir kämpfen, Werner. Wir zusammen. Hörst du?, sagt Gabi. Sie kennt ihn durch und durch. Sie hat ihm verziehen. Oder ihn wenigstens nicht verlassen.
Und da begreif ich: Ich bin kein abgenutzter Kiosk. Ich bin ein Mensch. Jemand braucht mich. Und das schmerzt mehr als alles andere.
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Mancher glaubt, durch viele Liebschaften nie alleine zu stehen. Aber gebraucht wird man am meisten da, wo einer bleibt, trotzt allem. Das habe ich gelernt.





