Das Mädchen mit nur einem Foto

Das Mädchen mit dem einen Foto

Ich sah sie noch am ersten Tag.

Sie saß am Randbett an der Wand und blickte auf etwas in ihren Händen. Bewegte sich nicht. Sie wandte sich nicht um, obwohl es im Raum stets laut war: An der Essensausgabe wurde gestritten, aus der Ecke hustete jemand, und das Radio auf dem Fensterbrett murmelte die Wettervorhersage. Doch sie saß da, und im Saal mit dreißig Betten wirkte es, als ob sie gar nicht exisitiere.

Ich stellte den Karton mit den Büchern auf den Boden und trat zu Rita.

Wer ist das?, fragte ich leise.

Rita drehte sich nicht um. Sie sortierte Bettwäsche auf den Wagen und zählte leise mit den Lippen. Achtunddreißig Jahre, Koordinatorin des Obdachlosenheims, schon vor Mittag erschöpft vom Alltag.

Johanna. Seit vier Monaten hier. Kein Wort. Mit niemandem.

Gar nicht?

Überhaupt nicht. Sie isst, sie schläft, sie duscht. Und sitzt dort. Immer mit diesem Ding in der Hand. Am Anfang dachte ich, es wäre ein Amulett. Aber nein ein Foto.

Und Papiere?

Keine Dokumente. Kein Ausweis, keine Gesundheitskarte, keine Rente. Wir wollten helfen, alles zu rekonstruieren sie hat nur geschwiegen, den Kopf geschüttelt und sich abgewandt.

Ich sah zu Johanna. Sie hielt etwas Kleines, gerade so groß wie ihre Hand. Die Ecken eingerollt, bräunliche Wasserränder. Sie blickte darauf, wie jemand aus dem Zugfenster sieht, wenn draußen längst Dunkelheit ist und nur das eigene Spiegelbild.

Ich war sechsundzwanzig, studierte Soziale Arbeit im Fernstudium. Dreimal pro Woche kam ich hierher, ins Helle Ufer. Ein Obdachlosenheim im dritten Stock eines ehemaligen Studentenwohnheims in Berlin-Lichtenberg. Es roch nach Chlor und Haferbrei. Die Fenster gingen zum Supermarktparkplatz hinaus. Nachts fiel gelbes Licht der Reklame hinein, und die Frauen an den Betten neben dem Fenster klagten, sie könnten nicht schlafen. Leute ohne Adresse, für die die Frage Wo wohnen Sie? eine Lücke hinterließ.

Ich kam nicht wegen der Pflichtstunden für mein Studium. Ich kam, weil meine Großmutter die letzten drei Jahre allein in einer Einzimmerwohnung in Jena lebte. Sonntags rief ich sie an. Zehn Minuten, manchmal fünfzehn. Ich dachte, das reiche. Dachte, sie käme zurecht. Doch als ich zur Beerdigung kam, nahm mich Frau Lehmann von nebenan an die Hand und sagte: Sie stand jeden Tag auf dem Treppenabsatz. Wartete einfach. Dass wer kommt. Ich kam, wenn ich Zeit hatte. Aber ich bin nicht du.

Und ich will nie wieder zu spät kommen. Zu niemandem.

Ich legte die Bücher im Gemeinschaftsraum aus. Krimis, Romane, Gedichtbände. Gisa Klönne, Nele Neuhaus, Anne Gesthuysen das, was Menschen lesen. Und eine legte ich besonders hin Die Stimme hinter der Wand von Markus Ritter. Exemplar vom Antiquariat, im Vorsatz mit 5 Euro beschriftet. Ich hatte nicht einmal auf den Autor geachtet, nur aus dem Stapel genommen und neben die Krimis gelegt.

Johanna kam nicht zum Tisch. Keine der anderen Frauen kam Bücher nimmt man sich hier nur, wenn man glaubt, unbeobachtet zu sein. Am Abend fehlten drei, Die Stimme hinter der Wand blieb liegen.

Auch am nächsten Tag blieb sie.

***

Eine Woche später brachte ich Tee.

Nicht zum allgemeinen Frühstück, nicht zur Ausgabe, neben den weißen Plastikbechern und den Zuckertütchen. Ich füllte zwei Becher aus meiner Thermoskanne, mit Minze, wie meine Oma ihn immer kochte. Setzte mich einfach neben Johanna, stellte einen Becher auf das Tischchen vor sie.

Sie schaute mich nicht an.

Ich schwieg, trank meinen Tee. Minze roch nach Sommer. Zehn Minuten vielleicht. Dann stand ich auf und ging. Ihr Becher blieb voll.

Am Tag darauf dasselbe. Zwei Becher, Stille, Minzduft. Am dritten Tag nahm Johanna den Becher. Sie sagte nichts, nickte nicht. Sie trank langsam, in kleinen Schlucken, beide Hände um die Tasse. So trinken jene, denen nicht der Tee, sondern die Wärme in den Händen wichtig ist.

Ihre Hände fielen mir auf. Schlanke Finger, deutliche Gelenke. Kurze, gerade geschnittene Nägel. Sie schnitt sie sich offenbar sauber, sogar hier, wo sich längst nicht mehr alle um etwas kümmern außer um die Frühstückszeiten.

Rita hatte mich gewarnt: Erwartet nichts. Manche Menschen kehren nicht zurück. Sie gehen in sich selbst und finden nicht mehr hinaus. Ich habe das dutzendfach gesehen, sagte Rita und steckte sich die Haare unter das Tuch. Halbes Jahr und dann kommen die Akten ins Amt. Danach nicht mehr unsere Sache.

Aber ich bemerkte etwas, das Rita nicht auffiel. Oder es zählte nicht für sie.

Johanna machte jeden Morgen das Bett. Sorgfältig, schlug die Ecken akkurat ein. Die Decke zog sie glatt, faltenlos. Ihren Mantel dunkelgrau, dichter Stoff, Taschen sauber geflickt hängte sie immer in der gleichen Bewegung über die Stuhllehne. Die Fäden am Flickstück: exakt, millimeterweise Abstand. So flickt jemand, der an Ordnung gewöhnt ist. An System. Daran, dass Dinge ihren Platz brauchen. Jemand, der sein Leben lang Schülerhefte prüfte, Pläne machte, über Ordnung wachte.

Dies ist kein Mensch, der aufgibt.

Am zehnten Tag brachte ich ihr ein Buch. Eben jenes Die Stimme hinter der Wand. Legte es neben den Tee.

Ein schönes Buch, sagte ich. Ich habs mit fünfzehn gelesen.

Johanna sah das Cover an. Zum ersten Mal veränderte sich etwas in ihrem Gesicht. Kein Lächeln, nicht einmal ein halbes. Ein Muskel am Mund zuckte, die Finger glitten übers Buch, verweilten am Titel.

Sie nahm es.

Und als ich abends ging, sah ich beim Blick zurück: Johanna lag im Bett und las. Das Foto auf dem Kissen, ganz nah bei ihrem Kopf. Als bräuchte sie beides Vergangenheit am Ohr, eine Geschichte in der Hand.

Ich ging hinaus. Und draußen war mir wärmer als innen.

Wochen vergingen.

Ich brachte jedes Mal Tee. Setzte mich dazu. Schwieg oder sprach über Belangloses, das Wetter, neue Bücher, die angeliefert wurden, über die Konditorei gegenüber, wo es nun Kirsch-Croissants gab. Sicheres Terrain. Nichts Persönliches, nichts Schmerzhaftes. Johanna hörte zu. Manchmal nickte sie. Einmal wandte sie beim Erzählen über Kater Max, der im Hof lebt und zum Hintereingang kommt, leicht den Kopf zu mir.

Dann sprach sie.

Es war ein Dienstag, der vierzehnte März. Draußen ein Brei aus Schnee und Regen; im Radio ging es um Stau auf dem Berliner Ring. Johanna trank aus, stellte den Becher ab und sagte:

Du willst wissen, was auf dem Foto ist.

Kein Fragewort. Eine Feststellung. Ihre Stimme war tief, die Aussprache glasklar jedes Wort zu Ende gesprochen, jeder Konsonant gesetzt. So reden Menschen, die zwanzig Jahre vor einer Klasse stehen, und wissen, dass kein Satz verloren gehen darf.

Nur, wenn Sie mir zeigen möchten, sagte ich.

Johanna schwieg fünf Sekunden. Es kam mir endlos länger vor. Dann holte sie das Foto aus dem geflickten Mantel, behutsam, zwischen zwei Fingern. Reichte es mir.

Zerknickt, mit Wasserflecken. Ränder eingerollt. Darauf: eine Frau vor der Schultafel, umringt von Kindern. Eine helle Bluse, zusammengebundene Haare. Die Hände auf die Schultern zweier Jungen in der ersten Reihe. Sie lacht. Ein ehrliches Lachen echt, wie jemand lacht, der vergessen hat, fotografiert zu werden. Oder es egal findet, weil gerade alles gut ist. Und die Kinder auch fünfzehn vielleicht, sechste Klasse. Einem Jungen ist der Schnürsenkel aufgegangen. Ein Mädchen trägt ein weißes Schleifchen im Zopf.

Das bin ich, sagte Johanna. Zwanzig Jahre her.

Ich sah von ihr zum Foto. Auf dem Bild eine selbstsichere Frau um die vierzig, mit gerader Körperhaltung, an Kreide gewohnt. Vor mir Johanna. Über sechzig, im grauen Mantel, schmale Schultern. Doch die Stimme dieselbe. Und der Blick: direkt. Ein Blick, der sieht, nicht nur hinsieht.

Ich war zwanzig Jahre Deutschlehrerin. Schule vierundvierzig, Leipzig.

Deutschlehrerin?

Ja. Von achtzig bis zwanzig. Vierunddreißig Jahre, wenn man zählt. Schule wurde geschlossen. Umstrukturierung. Das letzte Wort nüchtern, wie eine Diagnose. Ein Jahr darauf ist Dieter gestorben. Mein Mann. Schlaganfall. Die Wohnung die Bank hat sie genommen.

Sie erzählte knapp. Ohne Details. Fakt auf Fakt, wie auf einer Krankenakte. Ohne Gefühl, ohne Zögern als könnte sie sonst stolpern.

Ich lebte bei Bekannten. Ein Jahr. Erst bei einer Kollegin, dann bei einer Freundin von der Uni. Irgendwann wurde das für alle unangenehm. Also bin ich gegangen.

Und das Foto?

Johanna nahm es zurück. Glättete jeden Knick, jede Ecke.

Es erinnert mich daran, wer ich war. Damit ich weiß es ist möglich, zurückzukehren.

Mir wurde der Hals eng. Nicht aus Mitleid. Aus etwas Tieferem. Weil sie das so ruhig sagte wie einen unumstößlichen Fakt. Überzeugter als Hoffnung. Bewiesen.

Frau Schumann, sagte ich. Und die Kinder? ich deutete aufs Bild.

Meine Schüler. Sechste Klasse, 2004. Einige sind weggezogen. Manche haben sich verändert. Einer der schreibt Bücher inzwischen. Hab ihn mal im Radio gehört. Name fällt mir nicht mehr ein. Die Stimme erkannte ich.

Die Stimme?

Damals war seine Stimme besonders. Leise, doch wenn er Gedichte vorlas, wurden alle ruhig. Selbst Oliver, der sonst mit Papierkugeln warf, horchte zu. Und im Radio dieselbe Stimme. Ich fuhr im Bus und hielt mich fest, so wie damals.

Sie steckte das Foto zurück in die Tasche. Strich über die Naht sie tat das immer, um sicher zu gehen, dass das Foto noch da ist.

Er war ein stiller Junge. Der Vater früh weg, die Mutter arbeitete in der Spätschicht im Großbäckerei. Nach dem Unterricht kam er oft zu mir, las scheinbar im Geschichtsbuch. Bloss wollte er nicht heim, die leere Wohnung. Und ich ließ ihn. Legte ein Apfel auf den Tisch. Wir sprachen über Bücher, über Helden. Über Raskolnikow und Sonja. Er fragte immer: ‘Und wenn der Held nicht zurückkehrt?’ Ich sagte: ‘Ein wahrer Held kehrt zurück. Auch wenn es lange dauert.’

Sie verstummte. Schaute auf die Wand vor sich, nicht auf mich. Nicht auf den Saal. Irgendwohin, wo nichts mehr war außer einem alten Klassenzimmer.

Ich schwieg auch. Weil man manchmal gar nichts sagen kann.

***

Am Abend saß ich im Café gegenüber vom Heim. Ein kleiner Laden, fünf Tische, Kaffeeduft und Zimt. Laptop am Tisch, kalter Latte daneben. Ich suchte.

Schule vierundvierzig Leipzig. Ehemalige Schüler.

Nichts. Schule 2020 geschlossen, das Haus wird als Weiterbildungszentrum genutzt. Die Webseite tot, der Social-Media-Kanal seit 2021 verwaist. Im Internetarchiv fand ich die alte Absolventenseite. Drei Namen. Wissenschaftlerin, Industriemanager und Markus Ritter, Schriftsteller.

Ich gab ein: Markus Ritter Schriftsteller.

Ich stockte.

Markus Ritter, vierunddreißig, Autor dreier Romane, Deutscher Buchpreis. Debüt: Die Stimme hinter der Wand 2015.

Die Stimme hinter der Wand.

Das Buch, das ich Johanna aufs Tischchen legte.

Das Buch, das ich mit fünfzehn las.

Ich lehnte mich zurück. Die Bedienung fragte, ob alles in Ordnung sei. Ich nickte. Nichts war in Ordnung.

Ich erinnerte mich an das Buch. Es handelte von einem Jungen, der ganz allein in einer kleinen Stadt aufwuchs, von einer Lehrerin, die in ihm mehr sah als andere. Wie ein einziges Wort, zum rechten Zeitpunkt gesprochen, einen Menschen ganz lassen kann. Nicht retten im großen Sinn. Aber verhindern, dass er zerbricht.

Ich hatte es mit fünfzehn gelesen, auf dem Sofa meiner Oma in Jena. Draußen Regen, Apfelkompottduft aus der Küche. Ich wollte zuhören können, für Menschen da sein. Nicht erst später, nicht telefonisch, nicht zehn Minuten am Sonntag.

Wegen dieses Buchs studierte ich soziale Arbeit. Nicht wegen Seminaren, sondern wegen einer Geschichte über einen Jungen und eine Lehrerin, die einen Apfel auf dem Tisch liegen ließ.

Ich öffnete ein Interview mit Ritter von vor zwei Jahren. Da sprach er von Schule, Leipzig, dem Geruch nach Kreide, dem Stuhlquietschen nach Unterrichtsschluss. Und von ihr.

Meine Deutschlehrerin. Frau Schumann. Die Einzige, die in mir etwas sah, als ich in mir nichts fand. Mein erstes Buch schrieb ich mit dem Gedanken an sie. Weil sie blieb und zuhörte. Nicht weil sie musste. Sondern weil sie es wollte.

Ich scrollte zur Online-Ausgabe von Stimme hinter der Wand. Erste Seite, Widmung: F.S. der Lehrerin, die mich hörte.

F.S. Frau Schumann.

Ich starrte auf den Bildschirm. Latte eiskalt. Das Café schloss bald.

Die Frau, dank der Ritter Schriftsteller wurde. Die Frau, der das Werk gewidmet ist, das mich zur Sozialarbeit brachte jetzt schläft sie auf einer Pritsche des Obdachlosenheims. Kein Ausweis, keine Rente. Nur ein zerknittertes Foto in einer geflickten Tasche.

Ich holte mein Handy, suchte die Webseite des Verlags. Kontakt für Anfragen. E-Mail.

Ich fing an zu tippen:

Sehr geehrtes Lektorat, mein Name ist Anna. Ich bin Ehrenamtliche in einem Berliner Obdachlosenheim. Dies ist eine Nachricht für Markus Ritter. Ich weiß, wem Ihr Buch Die Stimme hinter der Wand gewidmet ist. Frau Schumann lebt. Sie ist hier. Sie hat ein Foto der sechsten Klasse von 2004, sie erinnert sich an den Jungen, der nach dem Unterricht Gedichte las und nicht heim wollte.

Ich schickte das unscharfe Foto (am Nachmittag geknipst, als Johanna es mir zeigte). Verschickt.

Laptop zu. Sachen gepackt. Draußen Wind, Märzgeruch nach nassem Asphalt. Erst an der Bushaltestelle, als ich in der Jackentasche nach dem Ticket suchte, bemerkte ich das Zittern in meinen Händen.

Drei Tage keine Antwort.

Ich schaute stündlich mein Postfach an. Nichts. Vielleicht Spam. Vielleicht wird sowas nicht privat weitergeleitet. Vielleicht denkt er, es sei ein Betrug.

Ich ging weiter ins Heim, trank Tee mit Johanna. Sie sprach zunehmend. Über Schule, nie über alles. Über Schülerinnen und Schüler, nicht mit Namen, sondern Geschichten. Ein Mädchen schrieb Gedichte und versteckte sie im Pult. Ich legte sie zurück und daneben eine Praline. Damit sie wusste: jemand hat gelesen und ermutigt. Ein Jahr später las sie auf der Schulfeier ein Gedicht vor. Die Hände zitterten, aber sie schaffte es.

Oder: Ein Junge prügelte sich fast täglich. Mit allen und jedem. Bis ich ihm Der kleine Prinz gab. Ab da weniger. Nach einem Monat sagte er: ‘Frau Schumann, der Fuchs war auch allein stimmts?’

Sie sprach, als würden sie alle noch leben. Ganz nah, als sei es erst gestern gewesen.

Ich hörte zu und fragte mich: Wie kann man jemanden vergessen, der sich so erinnert?

Am vierten Tag kam die Antwort.

Ich saß in der S-Bahn; mein Handy vibrierte. Nicht vom Verlag direkt von ihm. Persönliche E-Mail, Absender: Markus Ritter. Drei Zeilen:

Anna, ich habe Ihre Nachricht bekommen. Ich komme. Sagen Sie, wann. Ich habe vier Jahre nach Frau Schumann gesucht. Schule geschlossen. Telefonnummer tot. Adresse falsche Leute. Schluss. Ich wusste nichts. Danke.

Vier Jahre. Er suchte sie fand sie nicht. Denn da wohnte Johanna schon bei niemandem mehr.

Ich las es nochmal. Schrieb ihm Uhrzeit und Adresse.

Das Schwierigste blieb: Johanna Bescheid geben.

***

Am Freitag kam ich früh. Johanna saß auf ihrem Bett, wie immer. Das Foto in der Hand. Der Mantel auf dem Stuhl. Draußen das erste Frühlingslicht, gelbe Streifen auf dem Linoleum. Vom Ende des Saals dudelte ein Lied aus dem Radio.

Ich setzte mich. Stellte Tee hin. Johanna nahm den Becher.

Frau Schumann, begann ich. Ich muss Ihnen etwas sagen.

Sie sah mich an. Wartend.

Ich habe Ihren Schüler gefunden. Den mit den Büchern. Markus Ritter der ‘Die Stimme hinter der Wand’ geschrieben hat. Er will kommen. Zu Ihnen.

Sie bewegte sich nicht. Becher am Mund. Mehrere Sekunden Stille. Sogar das Radio schien kurz innezuhalten.

Dann leise:

Nein.

Bitte hören Sie zu.

Nein. Ich will nicht, dass er mich so sieht. Hier. Auf dieser Pritsche. In diesem Mantel. Nein.

Sie senkte den Kopf. Zum ersten Mal in all den Wochen pressten sich ihre Hände zusammen. Fingerknöchel weiß. Der Becher rutschte fast, ich fing ihn auf.

Ich war sechsundzwanzig und wusste nicht weiter. Stand vor einer Frau, die zwanzig Jahre Kindern beibrachte, das richtige Wort zu finden und mir selbst fehlten die Worte. Jedes erschien zu klein für diesen Moment.

Dann erinnerte ich mich.

Sie sagten: Damit ich weiß, es ist möglich, zurückzukehren.

Johanna blickte auf.

Sie sagten das, nicht ich. Sie glauben selbst, man kann zurück. Ich holte Luft. Und er kommt. Er hat Sie gesucht, Frau Schumann. Vier Jahre. Er hat alles probiert. Adresse, Telefonnummer, alles. Und hat nie aufgehört.

Sie schaute mich an. Und da veränderte sich etwas in ihr. Tiefer als im Gesicht. Wie eine Naht in ihr, die sie jeden Tag festzog und jetzt lockerlassen musste.

Vier Jahre?, fragte sie leise.

Vier.

Johanna richtete den Blick aufs Foto. Streichelte vorsichtig den Jungen in der zweiten Reihe schmal, dunkles Haar, etwas kleiner als die anderen.

Das ist er. Markus. Immer am Fensterplatz, den Blick nach draußen. Aber wenn ich ihn aufrief Dann vergaß sogar ich das Atmen vor lauter Staunen.

Sie faltete das Foto und steckte es ein.

Gut, sagte sie.

Markus kam am Samstag.

Ich wartete am Eingang. Er stieg aus dem Taxi groß, im dunklen Mantel. Die Haut sonnengebräunt, wie einer, der gern auf der Terrasse schreibt. In der Hand eine Papiertüte. Darin ein flaches, eckiges Etwas.

Anna? fragte er.

Ja.

Danke, sagte er. Man merkte, wie schwer ihm Worte fielen. Nicht aus Nervosität aus tieferer Schuld, aus langem Suchen.

Ich brachte ihn in den Saal. Johanna stand an ihrem Bett. Sie stand. Mantel um, das Foto in der Tasche. Rücken gerade, wie auf dem Bild. Sie bereitete sich vor wie auf eine Schulstunde.

Markus stoppte drei Schritte vor ihr. Bewegte sich nicht.

Frau Schumann?

Sie nickte.

Er trat einen Schritt näher.

Das sind Sie, sagte er. Am Ton habe ich Sie erkannt, als Sie ‘gut’ sagten. Das machten Sie immer, wenn ich etwas verstanden hatte. Gut. Kurz. Und Sie lächelten dabei immer schief.

Johanna stand, blickte ihn an. Ihr Kinn zitterte ein einziges Mal.

Du bist groß geworden.

Ich bin erwachsen geworden. Er nickte. Ich habe ein Buch geschrieben. Über Sie. Die Stimme hinter der Wand es geht um Sie, Frau Schumann. Sie sind die Einzige, die mich gehört hat, als ich stumm war.

Er nahm das Buch aus der Tüte. Ein dicker Band, Jubiläumsausgabe. Er schlug die erste Seite auf.

F.S. der Lehrerin, die mich hörte.

Für Sie, sagte er. Es war immer für Sie.

Johanna nahm das Buch. Drückte es an sich, fest mit beiden Armen. Schloß die Augen.

Ich trat zurück. Das war nicht mein Moment. Es war ihrer.

Markus setzte sich neben sie. Sie redeten lange eine Stunde, vielleicht auch zwei. Ich hörte die Worte nicht, jemand im Saal drehte das Radio lauter. Aber ich sah, wie Johanna lachte. Das erste Mal in den fünf Monaten, die ich sie kannte, richtig lachte. Die Hand vor dem Mund, als hätte sie es verlernt. Und Markus lachte auch. Dann wurden sie still, und er legte die Hand auf ihren geflickten Manteltasche, dort, wo das Foto war.

Dann drehte er sich zu mir um.

Anna, rief er, kommen Sie bitte.

Ich kam.

Sie haben ihr mein Buch gebracht? Noch bevor Sie wussten, wer ich bin?

Ja. Es lag einfach in der Kiste vom Antiquariat.

Und Sie haben es mit fünfzehn gelesen?

Ja.

Er sah mich an. Seine Augen dunkel, etwas darin, das ich nicht nennen konnte. Nicht Freude. Nicht Staunen. Mehr.

Wissen Sie, was hier gerade geschieht?

Ich wusste es. Johanna hat ihm geholfen. Er hat das Buch geschrieben. Das Buch kam zu mir, zu Oma nach Jena. Ich wurde Helferin. Und fand Johanna.

Der Kreis.

Ja, sagte ich.

Markus stand auf.

Frau Schumann. Sie werden nicht hierbleiben. Ich will helfen. Mit Papieren, Wohnung, wenn Sie möchten Arbeit.

Ich will kein Almosen, sagte Johanna. Und ihre Stimme wurde scharf Lehrerinnen-Ton.

Es ist kein Almosen, antwortete er. Es ist Schuld. Sie haben mir meinen Beruf geschenkt. Die Sprache gegeben. Sie legten einen Apfel auf den Tisch, damit ich nicht in die leere Wohnung musste. Ich bin vierunddreißig, drei Bücher, ein Preis, Haus im Umland. Und Sie hier. Das ist nicht richtig. Ich will das ändern.

Johanna schwieg. Wandte den Blick nicht ab.

Nicht an einem Tag, fuhr er fort. Nicht in einer Woche. So lange, wie nötig. Papiere, Wohnung, Zeit. Ich verschwinde nicht noch einmal. Einmal habe ich das als Ihre Nummer veraltet war. Nie wieder.

Sie musterte ihn. Der prüfende Blick, der auch auf dem Foto war direkt, ehrlich.

Gut, sagte Johanna.

Und lächelte. Schief, wie er es beschrieben hatte.

***

Ein Monat später.

Ich stieg die Treppen im Altbau in Lichtenberg hinauf. Zehn Minuten vom Heim. Gemeinschaftswohnung, drei Zimmer, ein Flur mit Fahrrad und Zwiebelduft aus der Küche. Johannas Zimmer lag am Ende, Fenster zum Hof.

Die Tür stand offen.

Kleines Zimmer Bett, Stuhl, Tischchen, Bücherregal. Sauber. Am Fensterbrett ein paar Bücher. An der Garderobe der Mantel der aus dichtem Stoff, flickenrein. Die Tasche leer.

Das Foto stand auf dem Tisch. Im Holzrahmen. Nicht mehr zerknittert Johanna hatte es geglättet, jetzt leuchtete es hinter Glas. Nicht als versteckter Splitter der Vergangenheit. Als Teil einer Gegenwart. So, dass man es zeigen kann.

Johanna saß am Fenster und las. Sah kurz auf.

Lust auf Tee?, fragte sie.

Gern, sagte ich.

Sie stand auf und ging in die Küche. Ich hörte sie fröhlich mit der Nachbarin im Flur plaudern: Guten Morgen, Frau Graf. Ist der Wasserkocher noch frei? Klare Stimme, weniger schwer als früher. Als hätte jemand den Druck von den Worten genommen.

Ich sah auf das Foto im Rahmen. Die Frau an der Tafel, Kinder drumherum. Der Junge in der zweiten Reihe, schmal, heute Schriftsteller. Die Lehrerin, die obdachlos war. Und es nicht mehr ist.

Markus hielt sein Versprechen. Papiere in drei Wochen dank Anwalt. Personalausweis, Krankenversicherung, alles. Zimmer vermittelte Rita, Kontakte im Bezirksamt. Markus zahlte sechs Monate vor, Johanna bewarb sich als Bibliothekarin in der Stadtteilbibliothek am Frankfurter Tor Rita half mit Empfehlung und Papieren.

Johanna brachte Tee. Zwei Tassen, mit Minze. Wie damals im Heim nur andersherum. Damals hatte ich Tee gebracht. Nun stellte sie mir einen Becher hin.

Danke, sagte ich.

Für den Tee?

Für Ihren Satz. Dass man zurückkehren kann.

Johanna setzte sich.

Heute trug sie eine andere Bluse hell, mit kleinem Kragen. Ganz wie auf dem Foto.

Weißt du, zurückkehren heißt nicht: zurück dahin, wo man war. Nicht in die Schule 44. Nicht nach Leipzig. Oder 2004. Zurückkehren heißt: zurück zu sich. Ich dachte, das Foto sei Nostalgie. Es ist jedoch für die Zukunft. Denn etwas blieb heil innen, auch wenn außen alles zusammenbrach.

Sie blickte auf den Rahmen. Dann auf mich. Jetzt sieht sie den Menschen an, nicht mehr das Foto. Sie ist angekommen.

Ich trank aus. Stand auf.

Am Donnerstag wieder?, fragte ich.

Komm ruhig. Sie nickte. Ich bin da.

Zwei Worte. Ich bin da. Für jemanden, der vor einem halben Jahr keine Adresse hatte, bedeutete das alles.

Ich trat hinaus. April, die Luft nach Erde und frischem Grün aus den Sträuchern im Hof sprossen schon die ersten Blätter, klein und hell wie Kinderzeichnungen. Ich dachte daran, wie ich mit fünfzehn ein Buch las und entschied: Ich will da sein, wenn es zählt.

Und ich bin hier. Da.

Das Foto steht auf dem Tisch. Nicht in der Tasche. Nicht in der Hand. Im Rahmen, hinter Glas. Und die Frau darauf lächelt offen, wie jemand, dem es gutgeht.

So wie Johanna, als sie mir Tee einschenkte.

Man kann zurückkehren. Sie hat es bewiesen.

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Homy
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