Nimms mir nicht übel, Johanna, aber Sabine hätte das so nicht gemacht.
Ich stand am Herd und rührte in meinem Suppentopf. Der Holzlöffel zog kleine Kreise, die Suppe blubberte leise, und der Dampf stieg in sanften Schwaden Richtung Decke. Ich hörte jedes ihrer Worte, aber ich rührte einfach weiter. Immer weiter, im Kreis.
Sabine würzt immer am Ende. Sie sagt, so bleiben die Vitamine drin. Nimms mir nicht übel, ich erwähne es nur.
Meine Schwiegermutter, Frau Margarete Berger, achtundsechzig Jahre alt, saß an meinem Küchentisch. Ihr Rücken kerzengerade, der Blick eines Menschen, der helfen will. So sah sie immer aus: jemand, der helfen kommt. Die Hände ordentlich gefaltet, die Lippen in Fürsorglichkeit zusammengepresst.
Mama, die Suppe ist fertig, rief mein Mann Steffen aus dem Flur.
Mein Mann. Achtunddreißig Jahre alt. Er hat ein Talent dafür, genau dann aufzutauchen, wenn es schon zu spät ist, etwas zu verändern.
Ich will dir nicht dreinreden, ich sages nur, antwortete Margarete, ohne ihn anzusehen. Johanna ist erwachsen, sie nimmt sich das schon zu Herzen.
Ich bin vierunddreißig. Ich arbeite als Buchhalterin bei einem Bauunternehmen. Ich kann Suppe kochen. Ich weiß, wann ich sie würze. Aber in diesem Moment rührte ich nur weiter, und plötzlich kam mir das Erwachsensein ganz anders vor, als ich es mir früher ausgemalt hatte.
Ich dachte immer, Erwachsensein heißt, eigene Schlüssel zu haben und kochen zu können. Meine ersten eigenen Schlüssel bekam ich mit zweiundzwanzig, als Steffen und ich zusammen unsere erste Wohnung in Hamburg anmieteten. Kochen konnte ich schon davor. Ich dachte, das reicht. Dass dann das Leben einfach ist logisch und meins. Aber eigentlich beginnt das wahre Erwachsensein erst, wenn andere Menschen mit ihren fertigen Vorstellungen in deine Wohnung treten.
Sabine kam etwa drei Monate vor jenem herbstlichen Suppenabend in unser Leben. Sabine Müller, vierundfünfzig Jahre alt, wohnte zwei Wohnungen weiter auf dem Flur. Nach ihrer Scheidung war sie nach Barmbek gezogen, arbeitete als PTA in der Apotheke, hatte drei Töpfchen Usambaraveilchen auf der Fensterbank und trug leise Filzpantoffeln, wenn sie durchs Treppenhaus lief. Wir grüßten uns, lächelten, manchmal hielt sie mir die Aufzugstür auf. Eine ganz gewöhnliche Nachbarin.
Bis Margarete sie bemerkte.
Margarete lebte in Altona, zwanzig Minuten entfernt, in einer Zwei-Zimmer-Wohnung mit Blick aufs Garagendach. Einmal, manchmal zweimal pro Woche kam sie zu uns. Offiziell, um Marmelade zu bringen, nach Steffens Grippe zu sehen oder weil sie sowieso in der Nähe sei. Die inoffizielle Begründung war immer dieselbe: sicherstellen, dass wir alles richtig machen.
Wie sie Sabine kennengelernt hat, weiß ich nicht genau. Wahrscheinlich im Aufzug, ein Gespräch, und Sabine hat sie zum Kaffee eingeladen mit frisch gebackenem Krautkuchen. Das erwies sich als Schicksalsbegegnung. Denn nach diesem Kuchen wurde Sabines Name zu Margaretes Lieblingsreferenz.
Sabine macht so tolle Kuchen. Hast du mal probiert?
Nein, Mama.
Musst du unbedingt! Ihr Hefeteig ist fluffig, weil sie ihn abends ansetzt.
Ich hörte zu und nickte. Was Sabine backte, war mir egal. Ich buk meine eigenen Sachen. Andere, aber meine.
Doch Sabine blieb Thema, Woche für Woche. Der graue Herbst ließ die Tage immer kürzer, und Margaretes Besuche wurden häufiger Sabine wurde zur Nebenfigur, wie ein Seriencharakter, von dem man ständig hört, auch wenn man selbst nie zuschaut.
Ich wusste bald, dass Sabine kein rotes Fleisch aß, früh um sechs aufstand, einen erwachsenen Sohn in München hatte, der sonntags anrief. Dass sie nie laut wurde, sanft und ordentlich war, immer einen Draht zu den Leuten fand.
Letzteres hörte ich am meisten:
Johanna, nimms nicht übel, aber du bist manchmal zu schroff. Sabine redet immer so ruhig. Da hört man einfach gern zu.
Mama, ich bin nicht schroff. Ich sage meine Meinung.
Manchmal muss man nicht alles sagen, was man denkt. Sabine kann schweigen.
Dann vertiefte sich Steffen gern ins Smartphone oder goss sich Wasser nach Fluchtmeister der dritten Art. Groß, dunkelhaarig, freundlich aber in Konflikten blieb er gern unsichtbar. Ich verstand das sogar und war ihm nicht böse. Aber Verständnis und Ärger sind nicht dasselbe. Damals konnte ich sie noch nicht unterscheiden.
Geschichten über Familie sind selten große Dramen. Sie beginnen in Kreisen im Suppentopf, mit einem Namen, der zu oft fällt, mit kleinen Nadelstichen, die einzeln nicht schlimm sind, aber sich aufsummieren.
Der Oktober war kühl. Wir wohnten zu zweit in einer Drei-Zimmer-Wohnung im siebten Stock eines Hamburger Plattenbaus. Schlafzimmer, Arbeitszimmer, Wohnzimmer mit Balkon. Auf dem Balkon stand er: unser geflochtener Stuhl, gekauft auf dem Flohmarkt. Mein kleiner Rückzugsort mit Tee und Aussicht auf die Dächer.
Sabines erster Besuch war Anfang Oktober, nicht alleine, sondern zufällig mit Margarete, die sie im Hausflur aufgegabelt hatte. Sabine brachte Eingelegte Gurken und eine Tüte Lebkuchen. Ihr Lächeln war ruhig, ein bisschen entschuldigend als ahnte sie, dass sie gerade nicht auf dem Plan stand.
Ist das okay? Wir bleiben nicht lang, sagte sie.
Kommt ruhig rein, sagte ich.
Was hätte ich sonst machen sollen?
Sabine war klein, rundlich, kurze graue Haare, und ihre Stimme so leise, dass man gerade so alles verstand. Ihre Bewegungen, selbst ihr Lächeln und wie sie die Hände in den Schoß legte, sprachen: Ich will nicht stören, ich kann sofort gehen, wenn Sie wollen.
Es störte mich. Ich kochte Tee, stellte die Lebkuchen auf den Tisch. Wir saßen zu viert, Steffen blieb ausnahmsweise sitzen, sie plauderten über Lebensmittelpreise, Wetter, dass endlich der Fahrstuhl repariert wurde.
Ich beobachtete Sabine. Sie konnte zuhören. Sie nickte an den passenden Stellen, fiel niemandem ins Wort. Daneben blühte Margarete auf redete lauter, lachte mehr. Ich sah, wie viel ihr das gab: jemanden zu haben, der einfach nur zuhört.
Ich kann auch zuhören. Aber wohl nicht mit dieser Art von Nachgiebigkeit.
Nach dem Besuch meinte Margarete an der Wohnungstür:
Eine anständige Frau, einfach und herzlich. Lebt allein, beschwert sich nie. Davon könntest du dir was abschauen.
Ich schloss die Tür und blieb im Flur stehen.
Erwachsenwerden, so dachte ich noch, bedeutet laut Psychobüchern Prozesse Loslösung, Akzeptanz. In Wirklichkeit war es für mich: von den vierzig Quadratmetern wurden mir selbst siebzig plötzlich eng.
Es ist schwer zu erklären: Es gibt genug Luft, aber das Atmen fällt schwerer.
Sabine kam von da an öfter. Anfangs sporadisch, dann immer öfter. Sie brachte mal Marmelade, mal Dill, mal Kuchen muss weg, wird sonst trocken. Klopfte immer vorher an, blieb nie länger als eine Stunde.
Rein formal gab es keine Beschwerdegründe.
Und doch zogen nach und nach ihre Spuren bei uns ein. Ein dunkelblau karierter Wolldecke ich habe zwei, der ist superwarm! , Servietten mit Blümchen, eine Flasche Gold-Mayonnaise, die nur für ihren Salat gedacht war. Alles Nebensächlichkeiten, aber sie summierten sich zu einem Gefühl: Es war nicht mehr nur mein Zuhause.
Ich suchte das Gespräch mit Steffen.
Nervt es dich nicht, dass sie so oft hier ist?
Sie ist okay, einfach nur einsam.
Ich verstehe das. Aber es ist unser Zuhause.
Ein bisschen Tee, ein Stündchen… Kein Weltuntergang, Johanna.
Es geht nicht um den Weltuntergang. Es geht darum, dass sie jetzt einen Schlüssel zu unserem Kühlschrank hat.
Welchen Schlüssel? Sie hat doch nur Mayonnaise dabei.
Das ist eine Metapher, Steffen.
Er sah mich verständnislos an.
Du übertreibst, sagte er vorsichtig. Sie macht doch nichts Böses.
Ich weiß. Es geht nicht darum. Es geht um mein Gefühl.
Aber das, was ich meine, konnte ich ihm nicht erklären. Es war wie das Gefühl im Zimmer, in dem jemand ein paar Sachen anders hingelegt hat du weißt nicht genau was, aber es ist anders.
Im November wurde Margarete krank eine üble Erkältung, allein zu Hause. Steffen und ich erledigten Besorgungen. Gleichzeitig kümmerte sich Sabine rührend um sie: Hühnerbrühe, Medikamente, Gesellschaft. Margarete erzählte nach ihrer Genesung jedem davon.
Sabine hat mich aufgepäppelt. Kam dreimal am Tag! Ohne dass ich gefragt habe, einfach so. Ein toller Mensch.
Direkt neben mir. In mein Gesicht.
Ich schwieg. Lächelte.
Diese Nachbars-Geschichte spielte sich nicht nur vor meinen Augen ab, sie verschob jedes Mal ein wenig etwas in mir. Ich spürte physisch, wie etwas in mir leiser wurde nicht ausgestellt, nur runtergeregelt.
Also fing ich an, Steffen Zettel zu schreiben.
Nicht, weil wir nichts mehr zu reden hatten. Eher, weil das Wesentliche oft im Gespräch verloren ging. In den Zetteln konnte ich es genauer formulieren, ohne dass er mich gleich abwiegeln wollte.
Der erste war kurz. Auf dem Küchentisch, bevor ich zur Arbeit ging:
Steffen, ich finde es unangenehm, dass Sabine so oft hier ist. Es liegt nicht an ihr. Es ist einfach unser Zuhause. Ich will, dass du das verstehst.
Er rief mittags an.
Ich habes gelesen.
Okay.
Und… was machen wir?
Erstmal nur: Verstehen. Mehr nicht.
Er schwieg.
Gut, habs verstanden.
Es war wenig. Aber ein Anfang. Mir wurde klar: Die Zettel halfen mehr als Küchengeflüster mit Fernsehlärm und Mamas Ratschlägen. Ich schrieb weiter.
Das war ein Zeichen. Ein kleiner Wendepunkt. Beziehungen erkennt man manchmal erst daran, wie jemand den eigenen Zettel liest und zurückruft. Auch das ist Kommunikation.
Im Dezember gab es noch eine Veränderung: Sabine verbrachte die Samstagvormittage bei uns. Erst zufällig, dann immer wieder: Tee mit Margarete, Steffen kam dazu, das wurde zur Routine.
Samstags las ich sonst immer. Mein Rückzugsort, Zeit für mich, mit Kaffee und Buch. Als daraus eine kleine Kaffeegesellschaft wurde, fehlte mir dieses ruhige Wochenende.
Eines Morgens, als ich den Kaffee kochte, nahm ich mein Buch und ging auf den Balkon. Ich blieb eine Dreiviertelstunde draußen im Kalten. Als ich wieder reinkam, meinte Margarete:
Was hast du da draußen gemacht? Wir haben auf dich gewartet.
Gelesen.
Du hättest dich zu uns setzen können.
Ich wollte lesen.
Sie schaute mich ein bisschen vorwurfsvoll an.
Nimms nicht übel, Jo, ich wollte doch nur…
Ich sagte nichts und ging in die Küche, kippte den kalten Kaffee weg und kochte neuen.
Es war Mitte Dezember. Bis zur Klarheit, meinem eigentlichen Wendepunkt, war es noch ein Stück. Aber ich ahnte es nicht.
An einem Donnerstag kam ich nach Hause, zog die Jacke aus und hörte Margarete telefonierend im Wohnzimmer.
…nimm es nicht zu schwer. Johanna ist so, Charakterfrage. Kein böser Mensch, aber direkt. Merkt man immer sofort. Mach dir nichts draus, sie braucht nur länger, um sich zu gewöhnen.
Pause.
Genau. Mach einfach dein Ding. Ich weiß, dass du dich bemühst. Nimms ihr nicht übel.
Ich stand noch im Flur mit dem Mantel in der Hand.
Es fühlte sich seltsam an. Weder Wut, obwohl auch die da war. Es war, als hätte ich plötzlich die verschwommene Skizze in den Händen und alles wurde klar.
Nimms ihr nicht übel.
Sabine war kein Zufall. Kein böser Plan aber ein Plan. Margarete hatte eine Verbündete gefunden, jemanden mit angenehmer Freundlichkeit, als lebendigen Beweis für ihre Vorstellungen, wie die perfekte Schwiegertochter zu sein hat.
Ich hängte den Mantel weg und trat ins Wohnzimmer.
Margarete legte das Telefon zur Seite.
Da bist du ja! Ich hab gewartet, Steffen kommt später. Wir essen zusammen?
Mama, sagte ich, und mein Ton war ruhig. Ich will mit dir reden.
Sie schaute auf bereit, zuzuhören und mich zu belehren.
Ich höre.
Steffen und ich sind eine Familie. Wir entscheiden gemeinsam, wer hier ein- und ausgeht. Ich schätze deine Fürsorge und Tipps, aber ich möchte darum bitten, dass ich selbst frage, wenn ich welche brauche. Nicht ungefragt.
Sie schwieg. Es waren viele Gefühle im Gesicht: Verletztheit, Staunen sogar ein Rest Respekt, den sie wohl selbst nicht erwartete.
Das meinst du ernst?
Ja.
Ich will dir doch nichts Böses. Nimms mir nicht übel…
Ich bin nicht beleidigt, ich sage dir nur, was mir wichtig ist. Das ist ein Unterschied.
Wieder Schweigen. Dann:
Ich dachte immer, ich helfe.
Ich weiß. Deshalb spreche ich ruhig und ohne Drama.
Sie nahm ihre Tasche, stand auf. An der Tür drehte sie sich noch mal um:
Du bist nicht einfach.
Weiß ich, erwiderte ich. Aber das hier ist meine Wohnung.
Sie ging. Ich sah auf die blaue Decke auf dem Sofa.
Als Steffen später kam, kochte ich ihm Tee.
Ich brauche, dass du dich entscheidest.
Er sah mich ernst an.
Es geht um Mama?
Es geht um uns. Um das, was wir brauchen.
Er setzte sich wirklich hin, nicht halb, sondern ganz und gar. Und war bereit zuzuhören.
Du ziehst dich zurück, sagte ich. Nicht als Vorwurf, als Tatsache. Wenn Mama hier ist, bist du abwesend. Innerlich jedenfalls. Du wartest, bis es vorbei ist.
Er schwieg, nickte langsam.
Ja. Stimmt.
Warum?
Wenn ich zu dir halte, ist sie beleidigt. Zu ihr, bist du verletzt. Es gibt kein richtig.
Es geht nicht ums Gewinnen. Es geht darum, da zu sein. Zuhause zu sein.
Er hob den Blick.
Wie meinst du?
Du verlässt emotional den Raum, wenn es schwierig ist. Aber das ist doch unser Zuhause. Da sollte man bleiben. Nicht kämpfen, sondern einfach da sein.
Lange Stille, dann:
Ich kann das wohl noch nicht.
Du wirst es lernen.
Ganz ohne Vorwürfe. Ich glaubte daran.
Wie das mit den eigenen Grenzen funktioniert, wusste ich damals in der Theorie noch nicht. Aber etwas in mir fing an, sich zu richten. So wie der Rücken, den man nach Jahren krummen Sitzens plötzlich streckt.
Mit Sabine sprach ich erst im Januar wirklich, als es frierte. Wir standen zur selben Zeit auf den nebeneinanderliegenden Balkonen ich fütterte Spatzen, sie lüftete. Nur eine Betonscheibe und ein Meter kalte Luft zwischen uns.
Kalt heute, meinte sie.
Mhm.
Wir schwiegen, die Spatzen pickten an den Krümeln.
Dann sagte sie sehr leise:
Du bist wütend auf mich, Johanna.
Nein.
Doch. Ich spürs.
Sie sah mich nicht an, blickte nur auf die Dächer. Die Wangen gerötet vom Frost.
Darf ich dich was fragen? begann ich. Kommst du gern zu uns, oder eher weil du meinst, dass du musst?
Sie drehte sich zu mir, blickte lange.
Versteh den Unterschied nicht.
Gerne kommen heißt, du willst es. Müssen heißt, du hast Angst, es nicht zu tun.
Lange Pause. Ein Spatz flog davon, kam zurück.
Ich hab Angst, nicht gemocht zu werden, sagte sie dann. Ganz einfach. Wenn ich nicht helfe, nicht gebraucht werde was soll ich dann hier? Mein Sohn fern, Ehemann weg, Freundinnen haben ihr eigenes Leben. Dann bringe ich was mit und denke: jetzt brauche ich niemanden mehr zu bitten.
Ich sah sie an.
Sabine, dich mag man nicht wegen Kuchen.
Ich weiß, sagte sie, aber da war Unsicherheit in der Stimme.
Eben nicht. Sonst würdest du dich nicht fürchten.
Sie rieb sich die Hände.
Margarete meinte, du seist schroff.
Vielleicht.
Nein, du bist ehrlich.
Manchmal ist das dasselbe.
Wieder Pause. Unten fuhr ein Auto vorbei, der Frost biss in die Ohren.
Es war nicht meine Absicht, dich zu verdrängen.
Ich weiß. Aber trotzdem ist es passiert.
Sie nickte.
Was tust du eigentlich gern außer helfen?
Sie überlegte. Die Frage schien sie echt zu überraschen.
Ich hab mal gemalt. Mit Aquarell. Vor langer Zeit aufgehört.
Warum?
Keine Zeit. Familie, Alltag…
Und jetzt?
Jetzt hätte ich Zeit, sagte sie langsam, als prüfte sie es selbst.
Dann tu es. Das ist was Eigenes, bleibt länger als Kuchen.
Sie lachte, leise, aber echtes Lachen.
Du bist komisch, Johanna.
Kommt von der Schroffheit.
Wir standen noch da, dann gingen wir in unsere Wohnungen. Nichts war endgültig gelöst, aber etwas war anders.
Im Februar wurde Margarete erneut krank diesmal ernster: Bronchitis, ärztlich verordnetes Schonen. Konkrete Frage: Wer hilft?
Ich rief Sabine an.
Du, wir müssen das irgendwie organisieren mit Margarete. Jeden Tag schaffe ich es nicht.
Ich könnte, meinte sie sofort.
Halt, lass uns ehrlich aufteilen. Es geht nicht darum, dass alles auf einer Person lastet.
Pause.
Okay.
Wir trafen uns im Café nebenan, nahmen Tee und Notizbuch. Es war fast ein kleiner Vertrag.
Montags und donnerstags übernehme ich. Einkaufen, kochen, gucken wies ihr geht.
Dienstags und freitags ich. Apotheke kriege ich hin.
Gut. Mittwoch Pause. Nur Telefon zur Sicherheit.
Und am Wochenende?
Da leben wir unser Leben. Zur Not fährt Steffen samstags, wenn was Dringendes ist.
Sabine schaute mich erstaunt an.
Du bist gut organisiert.
Buchhalterin halt. Ich mag Tabellen.
Funktioniert das in Familien?
Ja. Wenn sich alle dran halten und keiner den Helden spielt.
Sie lächelte und sah hinaus in den Schnee.
Meinst du, Margarete… ändert sich noch?
Nein, sagte ich ehrlich. Charakter bleibt. Aber sie kann lernen, dass manches auch anders funktioniert.
Bist du noch sauer auf sie?
Manchmal. Im Allgemeinen nicht. Sie liebt Steffen. Auf ihre Art.
Komische Art.
Jeder liebt eben anders.
Sie betrachtete mich nachdenklich.
Du hast viel darüber nachgedacht.
Über dreißig fängt das an.
Das war die Wahrheit. Das Leben über dreißig ist kein Drama, eher die feine Unterscheidung zwischen weil man muss und weil man will. Kleine Differenz aber alles steckt darin.
Als ich nach Hause kam, saß Steffen schon im Wohnzimmer. Die blaue Decke lag gefaltet auf der Sofalehne, als hätte er sie beiseitegelegt.
Eine Kleinigkeit, die ich trotzdem bemerkte.
Und?
Gut. Sabine und ich haben es durchgeplant.
Im Ernst? Er grinste.
Ich bin Buchhalterin. Klar.
Weiß Margarete Bescheid?
Sage ich ihr morgen. Wird sie diskutieren. Aber dagegen kann sie kaum was sagen.
Er klappte das Buch zu.
Du bist anders geworden in den letzten Monaten.
Ich bin gerader geworden, antwortete ich.
Wie meinst du das?
Genau so.
Er schaute mich lange an, dann nickte er. Als hätte er verstanden.
Ich ging in die Küche zum Abendessen. Schnitt Zwiebeln, stellte die Pfanne auf. Aus dem Kühlschrank holte ich nur, was ich brauchte, und stellte die Gold-Mayonnaise von Sabine nach hinten. Meine kam nach vorne.
Kleinigkeit. Aber so eine, die mir was bedeutete.
Was heißt es, eine bequeme Frau zu sein? Weniger Platz einnehmen, leiser sprechen, zustimmen, um Konflikte zu vermeiden, lächeln, auch wenn man verglichen wird. Suppen rühren, ohne zu widersprechen.
Bequeme Frauen sind wertvoll für andere leicht zu integrieren, machen keinen Ärger. Nur sieht und hört sie irgendwann keiner mehr. Und irgendwann glaubt man selbst, dass das so sein muss.
Ich wollte nicht unsichtbar werden.
Der März brachte Tauwetter, der Schnee war grau, bröselig. Margarete wurde wieder gesund, das Erste war: ein Anruf.
Johanna, nimms nicht übel, aber Sabine meinte, ihr habt so einen Plan aufgestellt?
Ja, Mama. Montag und Donnerstag ich, Dienstag und Freitag Sabine, Mittwoch Ruhe.
So wie bei der Arbeit?
Fast. Aber übersichtlicher.
Praktisch, murmelte sie nachdenklich.
Brauchst du was?
Nein.
Falls doch, ruf an.
Eine ungewohnt kurze Antwort.
Schwiegerbeziehungen ändern sich nicht über Nacht. Sie werden ein wenig gerader nicht herzlich, nicht kühl. Einfach klar.
Im April war der Schnee weg. Auf meinem Balkon stand wieder der Flohmarktstuhl nun mit einem roten Geranien-Topf. Die blühte prächtig.
Sabine hatte sich für einen Aquarellkurs angemeldet. Ich erfuhr es zufällig im Treppenhaus, sie schleppte eine große Mappe.
Was hast du da dabei?
Malpapier. Ich geh jetzt zum Aquarell-Abendkurs, dienstags.
Sie sagte das vorsichtig, mit ein bisschen Stolz, als dürfe sie sich noch nicht ganz freuen.
Was malst du?
Bislang Stillleben: Äpfel, Krüge. Die Lehrerin meint, ich hab ein Gefühl für Farben.
Klar hast du das. Deine Veilchenblühen immer perfekt.
Sie lachte.
Seitdem kam sie seltener. Nicht aus bösem Willen sie hatte jetzt etwas Eigenes. Einen Kurs am Dienstag. Eine Malmappe. Ein Gefühl für Farbe.
Manchmal trafen wir uns im Hausflur, redeten zehn Minuten. Manchmal brachte sie einen Kuchen vorbei, blieb aber nicht. Manchmal saßen wir zusammen, Tee trinkend, alle paar Wochen ganz ohne unterschwelligen Wettbewerb.
Die blaue Decke gab ich ihr zurück. Wir haben jetzt unsere eigene. Keine Empfindlichkeiten.
Die Blumensservietten gingen zur Neige, ich kaufte welche, die ich mochte.
Margarete kommt weiter sonntags. Nach alter Absprache. Manchmal gibt es Tipps. Manche höre ich, andere antworte ich mit ich überlege es mir. Das ist kein Ausweichen, sondern echt.
Einmal sagte sie:
Nimms nicht übel, Johanna, aber deine Quarkkeulchen sind besser als Sabines.
Ich sah sie an.
Ich backe nach meinem Rezept.
Weiß ich. Die sind super.
Gesagt ohne Bedeutung und doch. Weil bei uns ist das so kein Schild ist, sondern unsere Art, hier zu leben.
Eines Maiabends saß ich auf dem Balkon, auf dem Stuhl, mit Tee und Geranie. Steffen kam dazu und lehnte am Geländer.
Schön hier.
Hab ich immer gesagt.
Stimmt.
Stille. Unten spielten Kinder im Hof, irgendwo bellte ein Hund, es roch nach frischem Gras und Stadt.
Johanna, sagte er. Damals im Dezember habe ich es nicht geschafft.
Ich weiß.
Bist du böse?
War ich. Jetzt nicht mehr.
Du sagst das ganz einfach: jetzt nicht mehr.
Weil du jetzt auch hier bist. Das ist wichtiger als Dezember.
Er lächelte ehrlich.
Ich geb mir Mühe.
Das seh ich.
Kein pathetischer Frieden, keine Musik, keine Umarmung. Nur wir beide auf dem Balkon im Mai, etwas näher als vor einem halben Jahr.
Innere Rückgrat ist kein Panzer, sondern wie die Wirbelsäule: beweglich, aber stabil.
Die Nachbarin verschwand nicht. Sie lebt zwei Türen weiter, malt Aquarelle, bringt manchmal Kuchen. Aber es sind eben nur noch Kuchen keine Beweise im System eines anderen.
Frauenprosa erzählt oft von Dramen, Brüchen und Vergebung. Aber manchmal ist das Wichtigste: zu sagen bei uns ist das so und nicht dafür zu flüstern.
Eine kleine Geschichte. Meine.
Im Juni rief Margarete an, an einem Sonntag, ohne Ankündigung.
Johanna, nimms nicht übel, aber könntest du mir zeigen, wie du den Quarkteig für die Keulchen machst? Ich habs schon so oft probiert, deiner wird am lockersten.
Ich schwieg eine Sekunde.
Komm nächsten Sonntag. Wir machen sie zusammen.
Pause. Eine andere, als früher.
Gut, sagte sie. Kurz und sachlich, wie jetzt öfter.
Ich legte auf, schaute Steffen an.
Mama kommt, Quarkkeulchen lernen, meinte er schmunzelnd.
Nächsten Sonntag.
Ein Durchbruch.
Oder einfach Quarkkeulchen.
Genau, grinste er.
Was das ändern wird, weiß ich nicht. Vielleicht nichts, vielleicht doch etwas. Margarete bleibt Margarete, das ist klar. Aber sie kommt, nach meinem Rezept zu fragen. Auch das ist wahr.
Und vielleicht zählt das am meisten.
In der gleichen Woche schrieb mir Sabine einfach so: Ein Foto von ihrem neuesten Bild. Eine Geranie, leuchtend rot. Fast wie meine auf dem Balkon.
Schau mal, das hab ich nach Vorbild gemacht, musste an deine denken.
Ich betrachtete es lange. Die Pflanze war krumm, die Farbe aber stark und lebendig.
Schön, schrieb ich zurück.
Meinst du? kam prompt. Dieses meinst du? klang nach der alten Angst, nicht genügt zu haben, Kuchen bringen zu müssen, um dazuzugehören.
Natürlich! Du hast das richtige Gefühl für Farben. Kann nicht jede.
Ein Smiley. Nur einer. Aber ich wusste genau, was er bedeutete.
Wie man seine Grenzen zieht? Es gibt keine Patentlösung. Grenzen sind keine Betonwand, sondern Linien, selbst gezogen. Mal mit Bleistift, mal mit Kuli, manchmal radiert und neu gezeichnet Hauptsache, sie sind da.
Manchmal denke ich, der Herbst mit dem Suppentopf und Margaretes nimms nicht übel ist lange her. Manchmal scheint es gestern gewesen zu sein. Wahrscheinlich ist das Erwachsenwerden: Du erinnerst dich nicht an den genauen Moment, sondern merkst irgendwann, dass du anders dastehst.
Ein wenig gerader. Ein bisschen ruhiger. Mit einer Tasse Tee, auf deinem Balkon, in deinem Leben.
Das sind die wahren Schlüssel in meinem Leben.
Es ist noch nicht Sonntag. Bis zu den Quarkkeulchen mit Margarete bleibt noch eine Woche. Wie es sein wird? Keine Ahnung. Vielleicht sagt sie wieder ihr nimms nicht übel, aber ich würds anders machen, vielleicht bleibt sie stumm, vielleicht mag sie es wirklich.
Ich deckte den Tisch, setzte den Wasserkocher auf, holte mein altes Rezeptheft aus dem Regal begonnen mit zweiundzwanzig, als mein erstes Zuhause mein eigenes war. Die Seiten leicht vergilbt.
Ich schlug die Seite für Quarkkeulchen auf. Mein Schriftzug, ein wenig schief, durchgestrichen bei der Zeile für Backpulver.
Auf dem Rand meine alte Notiz:
Bei uns ist das so.
Und ich lächelte.




