**Tagebucheintrag Heimatblut rief doch noch**
Ingrid, als dein Ehemann erlaube ich mir, eine Bedingung zu stellen. Lass uns diese alberne Affäre mit deinem überschwänglichen Liebhaber vergessen. Aber ich bitte dich um eines: Schenk mir einen Sohn. Ich war so erbärmlich wie noch nie.
Gut, Markus, ich werde es versuchen, antwortete meine Frau zögernd. Dieser Familienkompromiss fiel ihr schwer.
Wir hatten drei Töchter: die zwölfjährige Lotte, die neunjährige Greta und die achtjährige Heidi. Woher dieser zwanzigjährige Geck namens Tim kam, verstehe ich bis heute nicht. Er hat mein Leben bis auf die Grundmauern zerstört. Wie es so schön heißt: Nicht die Jahre, sondern der Kummer machen alt.
Unsere Mädchen verstanden die Welt nicht mehr. Aus der fürsorglichen, liebevollen Mutter war eine überpflegte, geisterhaft wirkende Frau geworden. Im Haus sah es aus wie nach einem Sturm: Staub wirbelte über den Boden, Geschirr türmte sich ungewaschen in der Küche. Ich wurde nervös und reizbar, wusste nicht, wie ich meine abtrünnige Frau zurückholen sollte.
Alles begann vor einem halben Jahr.
Eine zufällige Begegnung auf einem Rheindampfer. Ingrid war mit den Mädchen am Bodensee. Als sie zurückkam, war sie abwesend und zerstreut, antwortete mir nicht aufmerksam, sah durch mich hindurch, umarmte die Töchter nicht mehr wie früher. Natürlich kam mir der Verdacht: Hier stimmt etwas nicht. Doch ich schwieg. Es hätte mich zu sehr verletzt, sie zu konfrontieren. Die Zeit würde es zeigen. Und das tat sie.
Papa, Mama war den ganzen Urlaub mit Tim an der Hand unterwegs, platzte Greta unschuldig heraus.
Erzähl mir mehr, mein Schatz, sagte ich bleich, während ich mich zusammennahm.
Na ja, dieser Mann war immer bei uns. Mama lachte oft, wenn er Witze machte. Er hat uns sogar zum Bahnhof gebracht. Er sah gut aus, sehr modern. Jünger als du. Gretas Worte zerbrachen mir das Herz.
Unmöglich! Ein kurzer Urlaubsflirt, eine vorübergehende Schwärmerei. Mehr nicht. Wieso sollte dieser junge Geck sich für eine dreißigjährige Frau mit drei Kindern interessieren? Gab es nicht genug Mädchen an der Promenade? Ein Pfiff, und sie wären seine. Braungebrannt, durstig nach Liebe und Abenteuer.
Doch ich irrte mich.
Aus Ingrid und Tim wurde eine lebenslange Liebe.
Keine Bitten, keine Kinder, kein Appell an ihr Gewissen konnte unsere Ehe retten. Mein Seelenfrieden war für immer verloren.
Meine Frau oder sich selbst? schenkte mir schließlich einen Sohn, den kleinen Finn. Doch er sah mich nie als Vater. Ich selbst sah ihn nur ein paar Mal in der Ferne. Tim zog ihn auf. Ingrid nahm den Einjährigen und verließ mich für immer. Ich blieb mit den drei Mädchen zurück. Der Gedanke ans Ende kam mir. Eine eisige Kälte breitete sich in meiner Brust aus.
Papa, wenn Mama uns verlassen hat, dann kochen, putzen und waschen wir für dich, flüsterte Heidi und wischte mir mit ihrem Taschentuch die Tränen ab.
Es war der einzige Moment, in dem ich meinen Gefühlen freien Lauf ließ.
Dann rappelte ich mich auf. Drei kleine Fräulein brauchten mich. Ich brachte ihnen alles bei, was eine Frau wissen muss. Manchmal schimpfte ich, machte ihnen Angst, verletzte sie unabsichtlich. Doch das Haus war bald wieder sauber und gemütlich. Lotte liebte es, Geschirr zu spülen, Greta fegte gern, und Heidi wischte überall den Staub weg. Das Kochen übernahm notdürftig ich.
Ingrid besuchte uns ab und zu doch diese Begegnungen taten nur weh. Die Mädchen brauchten Tage, um sich zu beruhigen. Also bat ich sie, nicht mehr zu kommen.
Markus, ich liebe meine Töchter! Willst du mir verbieten, sie zu sehen?
Nein, Ingrid. Es geht um ihr Wohl. Wenn du sie liebst, lass ihnen Zeit. Wenn sie erwachsen sind, können sie selbst entscheiden.
Vielleicht hast du recht. Auch ich weine nach jedem Besuch. Leb wohl, Markus.
Mit einem letzten Kuss verließ sie unser Haus.
Als Teenager hassten meine Töchter ihre Mutter und ihren Bruder Finn. Sie beneideten ihn. Er hatte eine Mutter, die ihn anfasste, ihm ihre ganze Liebe schenkte.
Doch als sie heirateten, milderte sich ihr Groll. Die Wut wich einer traurigen Akzeptanz. Lotte und Greta bekamen jeweils vier Kinder, Heidi drei. Sie sind mustergültige Mütter das ist ihnen wichtig.
Ich lebe allein. Es gab andere Frauen, doch ich nannte sie alle Ingrid. Wer hätte das ausgehalten? Mein Unterbewusstsein kannte nur sie. Vergangenes kehrt nicht zurück, aber es vergisst sich nicht.
Meine Ingrid starb mit sechzig. Eine Woche zuvor kam sie unerwartet zu mir, bat unter Tränen um Vergebung, klagte über Finn. Sie konnte nicht fassen, was er tat: Er hatte sein Geschlecht gewechselt, nannte sich jetzt Fine. Mehrere Operationen, doch er nein, sie war endlich glücklich.
Ihr Testament versetzte Tim den Todesstoß. Der erfolgreiche Geschäftsmann hatte ihr alles überschrieben aus bedingungsloser Liebe. Doch Ingrid erwähnte ihn mit keiner Silbe. Alles ging an die Töchter und Fine, deren Entscheidung ihren Tod beschleunigt hatte.
Warum tat sie das? Vielleicht war das Blut doch dicker. Sie liebte ihre Töchter versteckt, bis es zu spät war.
Meine Mädchen wollten mir das Erbe überlassen: Verdient hast du es, Papa. Doch ich lehnte ab. Dieses Geld brannte in meinen Händen. Ich gab alles an die Enkel weiter.
Tim ging bankrott, bettelte meine Töchter an. Sie wiesen ihn ab: Du hast uns die Mutter genommen, unsere Kindheit. Jetzt geh.
Fine heiratete einen Italiener, adoptierte ein Waisenkind. Heidi schreibt ihr manchmal. Lotte und Greta wollen nichts von ihr wissen.
So endete diese Geschichte in Deutschland, wohin ich einst meine Familie gebracht hatte auf der Suche nach einem besseren Leben.





