11. März
Manchmal frage ich mich, wer hier eigentlich wen betrügt meinen Bruder oder doch mich? Heute Nacht hat mich endlich wieder diese alte Frage heimgesucht. Es begann alles mit einem Anruf mitten in der Nacht.
Tochter, es brennt! Unser Haus brennt! Die Stimme meiner Mutter, heiser von Schluchzen und Rauch, mischte sich mit dem Knistern des Feuers, lauten Rufen und hektischem Treiben im Hintergrund.
Schlaf? Mit einem Schlag war ich hellwach.
Das Haus meiner Mutter liegt etwa fünfzehn Kilometer außerhalb von München, in einem kleinen Dorf, das langsam mit der Stadt zusammenwächst. Groß ist es aber auch alt, viel zu alt. Ich habe versucht zu rekonstruieren, wie viele Jahre es wohl schon auf dem Buckel hatte… oder eigentlich gehabt hatte.
Erbaut wurde es noch von meinem Urgroßvater väterlicherseits, dessen Sohn setzte später ein Sommergeschoss obendrauf, das dann irgendwann zu einem richtigen, warmen Wohnstockwerk ausgebaut wurde. Immer wieder wurde etwas modernisiert, die Wohnfläche seitlich erweitert und am Ende eine verglaste Veranda angebaut. Das Haus wirkte solide, doch das war nur Schein. Im Winter zog es gnadenlos, im Sommer war es oft feucht.
Man konnte regelrecht zuschauen, wie das Haus langsam verfiel. Jeder wusste das. Der gesunde Menschenverstand sagte: abreißen! Aber Mutter blieb stur. Sie fühlte sich als Hausherrin, der Vater tot und sie entschied.
Für einen Neubau reicht das Geld nicht, nur für neue Fenster und ein bisschen Putz, sagte sie.
Ich wollte sie überreden: Mama, warum brauchst du so ein großes Haus? Für einen kleinen Neubau, sogar mit zwei Stockwerken, findet man heute in Bayern bezahlbare Angebote. Und was du dann an Platz für deine Rosen gewinnen würdest!
Veronika, du verstehst das einfach nicht, fiel mein Bruder Klaus gleich ein. Das ist unser Stammhaus, ein Erbe, wie soll man das nennen… Alles muss erhalten bleiben! Einmal ordentlich renovieren, dann ist alles wie neu!
Klaus war immer auf ihrer Seite, sie immer auf seiner. Meine Vorschläge wurden schon immer scharf zurückgewiesen, auch wenn es oft die besten Lösungen gewesen wären.
So langsam begriff ich es. Wenn wieder irgendein Hirngespinst meines Bruders mit Mutters voller Unterstützung den Bach runterging, zuckte ich nur noch resignierend mit den Schultern: Muss wohl so sein.
Na gut, dann macht eben euren “Renovierungs”-Plan.
Veronika, ein bisschen Hilfe von dir brauchen wir aber auch. Nicht viel, versprochen. Ich habe meine Ersparnisse, die ich bekommen habe, nachdem ich die Wohnung deiner Tante verkauft habe. Wozu braucht irgendjemand eine Eigentumswohnung am anderen Ende von Deutschland?
Was? Du hast die Wohnung in Berlin verkauft? Nur, um das Haus zu renovieren davon kann man doch zwei neue bauen!
Mir gehörte ja nur die Hälfte, die andere hat ihr Sohn bekommen.
Und du hast ihn rausgedrängt? Dem Neffen die Wohnung genommen?
Ach, was, wir haben uns geeinigt er hat meine Hälfte günstig abgegeben, mehr war einfach nicht drin.
Aber Mama! Weder wir noch du brauchen das Geld so dringend du hättest einfach nur…
Verschenken? Ich habe eine Familie!
Vielleicht hast du recht. Macht, wie ihr meint. Wenn ihr nichts mehr von mir wollt, dann fahr ich jetzt.
Einen Monat später der nächtliche Anruf. Das Haus stand in Flammen. Mein Mann Thomas und ich kamen nur noch zur rauchenden Brandruine. Nichts mehr zu retten.
Veronika, wollen wir deine Mutter nicht in einer unserer Wohnungen unterbringen? Die Einzimmerwohnung in der Schillerstraße wäre ideal. Der letzte Mieter ist gerade ausgezogen.
Ich hab auch schon daran gedacht, aber die Wohnung ist doch deine?
Unsere, Liebste. Wir haben ja noch zwei, eine zum selber Wohnen. Sonst verlieren wir halt ein bisschen Mieteinnahmen, das wird schon gehen. Deine Mutter braucht doch jetzt Hilfe.
Und so zogen wir Mama um, kauften alles Nötige dazu. Ich kam eines Tages unangemeldet vorbei, brachte Lebensmittel und wollte sie einfach nur überraschen. Im Wohnzimmer lief ein Fernseher der, den wir ihr zum Geburtstag geschenkt hatten! Der Geruch von frischem Kaffee hing in der Luft.
Mama, du hast doch gesagt, alles sei verbrannt! Das ist doch der Fernseher, der im alten Haus stand… Und der Kaffee? Du hast sogar die Kaffeemaschine gerettet?
Glaubst du etwa, ich hätte das alles gestohlen? Wir haben alle Sachen vor der Renovierung ausgelagert, das Haus war beim Brand leer. Die Versicherung läuft, ich hab einfach alles gesagt, wie es war. Und die Möbel hat Klaus.
Klaus hat eine neue Wohnung? Und davon wussten wir nichts?
Weiß ich nicht, was und wie, er hat sie eben! Frisch möbliert wurde noch nicht, da kamen die alten Sachen gerade recht. Und meine Wäsche habe ich eh rübergeholt. Was sollten sie auch mit meinen Laken…
Klaus hatte plötzlich eine neue Wohnung? Wovon denn, bitte?
Meine Mutter wich meinen Nachfragen aus wie schon so oft. Sie sagte nichts, aber ich merkte genau, dass sie sich und besonders Klaus vor mir schützen wollte.
Klaus, der ewige Pechvogel, bei dem nie etwas klappte, der immer übervorteilt wurde komisch nur, dass immer ich mich am Ende betrogen fühlte. Da steckte wieder ein fauler Zauber dahinter.
Was machst du jetzt mit dem Grundstück? Eigentlich ist es attraktiv, Geld hast du und die Versicherung auch.
Was soll ich drauf? Alles verbrannt. Ich verkaufe das Land. Zum Glück habe ich eine großzügige Tochter. Aber mein Söhnchen hat Pech Schulden, nur Ärger…
Und du? Eine neue Wohnung von dem Geld? Es wäre doch sinnvoll.
Wozu? Willst du deine eigene Mutter etwa rauswerfen?
Die Wohnung gehört Thomas.
Ihr werdet schon nicht verarmen!
Vielleicht könnten wir ein neues Haus bauen? In der Nachbarschaft werden auch überall neue Traumhäuser aus dem Boden gestampft…
Nein, ich habe beschlossen, das Grundstück zu veräußern. Es ist das Beste. Ursprünglich ging das Haus ja immer auf die Söhne über, aber Klaus will es nicht mehr. Er mag kein Dorfleben, für ihn nur Großstadtkomfort.
Ich will dich nicht überreden.
Thomas, Mama will das Grundstück verkaufen.
Schade, ich hätte gern ein Haus dort gebaut. Die Ecke war immer schön. Dein Vater hat unheimlich gern unter der alten Linde im Garten gesessen…
Ich hab geweint, als der Baum einging. Das war wie ein Zeichen. Vielleicht sollen wir wirklich bauen?
Ich würde sofort mit dir dort leben, war ja immer unser Traum. Unsere Kinder wären glücklich und könnten sogar später die Enkel mitbringen.
Na, so weit träumst du schon?
Warum nicht? Deine Mutter kann doch mit einziehen.
Das Grundstück bleibt aber ihres… Wir müssen gut aufpassen, damit später keiner bösen Überraschungen hat. Wenn, dann kaufen wir das Grundstück offiziell.
Aber das ist doch deine Mutter!
Genau deshalb, alles muss rechtlich geregelt sein. Sonst gibt es wieder Ärger mit Klaus.
Ich kümmer mich drum. Sie wird es bald inserieren. Oder wir fragen sie direkt…?
Sie würde uns eh wieder austricksen.
Dann kaufen wir es einfach ganz normal…
Warum fragt ihr mich eigentlich nicht direkt?, kam plötzlich Mutter ins Zimmer.
Mama, du brauchst das Geld. Kauf dir doch eine schöne Eigentumswohnung!
Sie schwieg, und tatsächlich, sie schlug keinen neuen Kauf vor.
Wir haben das Grundstück gekauft, alles richtig gemacht, rechtlich klar. Für den Bau mussten Thomas und ich dann unsere gesamten Ersparnisse investieren und auch noch einen Kredit aufnehmen. Das war zu stemmen dank Gehalt und der Einnahmen aus den anderen Mietwohnungen.
Nach dem Umzug wurde alles leichter, wir vermieteten sogar noch die dritte Wohnung. Meine Mutter aber kaufte sich kein neues Zuhause, sondern gab das Geld wieder Klaus weiter der kam mit seiner Baufinanzierung ohnehin nicht zurecht.
Die Versicherung zahlte übrigens nicht, der Brand war nicht “unabsichtlich” entstanden. Alles, was wertvoll war, war vorher aus dem Haus geschafft, gezielt wurde es in Brand gesetzt. Sie hatten alle mit allem gerechnet, nur nicht damit.
Mutter kam uns ab und zu besuchen.
Schön habt ihr es hier, groß und hell… Bei Klaus ist alles so eng, jetzt brauchen die Kinder je ein eigenes Zimmer, aber sie wohnen nur zu viert…
Ich habs ihnen gesagt! Hätten mal besser eine größere Wohnung gekauft. Und das alte Haus, ach… ich hätte doch zustimmen sollen, was ihr vorhattet.
Ich habs vor dem Brand angeboten! Es wäre nicht so groß geworden aber gemütlich und komfortabel für alle. Wir hätten dir geholfen!
Ja, ja. Jetzt jedenfalls mache ich euch folgendes Angebot: Ihr zieht zurück in die Stadt, ich nehme euer Haus und ziehe hier ein. Und vielleicht kommt Klaus mit mir. Das Haus bleibt schließlich im Besitz der Männer also bekommt es später Klaus.
Wie bitte?! Wir haben gebaut und du willst das Haus einfach so “übergeben”? Wenn das alte Haus noch da wäre, hätte Klaus es längst verkauft!
Das ist sein gutes Recht. So ist es seit Generationen, davon weiche ich nicht ab.
Generationen? Das Haus war gerade mal achtzig Jahre alt!
Wir wollen uns nicht streiten. Wann machen wir den Tausch?
Tauschen? Unser Haus zurück in die Stadtwohnung? Was willst du eigentlich, Mama? Wir haben dich doch gerade erst offiziell in der Wohnung angemeldet. Mehr nicht.
Wir wissen doch längst, dass du von dem Geld keine eigene Eigentumswohnung mehr kaufen wirst alles steckt längst in Klaus Misserfolgen. Aber dieses Haus das bleibt bei uns. Nicht bei Klaus.
Für Klaus hat es nie gereicht, immer ging alles an euch!
Wirklich? Die Wohnung in Berlin sein Anteil. Die Versicherung ginge an ihn. Alles vom Vater er. Unsere Ersparnisse, das Auto wieder er. Und du meinst, ich sei reich? Das meiste haben Thomas und ich selbst erarbeitet!
Er ist halt zu leichtgläubig, immer bescheißen ihn die Leute.
Betrogen fühle immer ich. Das Haus, das Grundstück, alles rechtmäßig, alles gekauft. Klaus wird hier nie wohnen aber du bist immer willkommen.
Neulich kam mein Cousin Markus aus Berlin zu Besuch.
Ich wollte mal sehen, wie meine “armen” Verwandten leben, sagte er lachend. Tante meinte, ihr habt es grad so geschafft, und hier wohnt ihr wie Könige!
Typisch.
Ich hab auch einen Kredit abbezahlt, aber alles läuft, sagte ich.
Bring dir übrigens Ohrringe von Mama mit. Die hat sie dir vererbt.
Und der Rest…? Ach, Tante hat ja gleich auf dem Friedhof behauptet, alles Gold gehöre sowieso ihr. Gut, dass ich die Schmucksachen versteckt hatte. Den Ohrring hat meine Mutter ausdrücklich dir zugedacht.
Richtig so. Sonst wäre es eh alles bei Klaus gelandet. Für ihn ist nie genug da. Wir arbeiten, und er bekommt’s serviert!
Verkauf den Schmuck, behalte ihn. Lass dich von niemandem betrügen. Tante hat damals nicht die Wahrheit gesagt.
Du denkst das wirklich? Erzähl mir mehr…
Er wird sicher noch mehr erzählen, doch jetzt genieße ich erstmal die Ruhe. Mutter kommt selten, ihre Beine machen nicht mehr mit. Klaus hat angeblich nie Zeit, ist immer angeblich kurz vorm Bankrott. Thomas und ich genießen unser Zuhause, die Kinder sind glücklich, Markus besucht uns regelmäßig. Das Leben fließt weiter jeder schmiedet sein eigenes Glück in Bayern.




