Niemals

Niemals

Sebastian stürmte aufs Dach, wütend und zitternd, blieb abrupt stehen und starrte sie einfach nur an. Sie sah völlig gewöhnlich aus, eine Oma in einem ausgebleichten Regenmantel, mit grauvioletten Locken auf einem kleinen Köpfchen, mager, mit dünnen Händen, die sie wie zum Gebet gefaltet auf die Knie gelegt hatte, schwache Beine, die in sandfarbenen Strümpfen steckten, dazu Schuhe mit breiten orthopädischen Kappen Tschüss, Jugend!, sagte sein Vater immer.

Genau solche Schuhe trug diese Oma, die Sebastian jetzt verwirrt musterte. Und ja, sie war die vollkommen normale Sorte Großmutter. Sebastian war solchen Frauen in der Straßenbahn aufgestanden, hat mit ihnen im Supermarkt an der Kasse gemurmelt, sie saßen auf den Bänken vor den alten Plattenbauten und genossen in Ruhe die Sonne da gehörten sie hin, um die letzten Jahre zu genießen. Oder sich totzuleben, wie sein Vater mal mit einem Grinsen meinte.

Doch diese Oma, die Sebastian völlig sprachlos anstarrte, saß nicht auf einer Bank, sondern auf dem Rand des grünen, vom Regen glitschigen Dachs, baumelte mit den Beinen und schaute ins Licht. Ein schmaler Streifen Abendsonne, zugedeckt von schwarzen Wolken, blendete sie, so dass sie die Augen zusammenkneifen musste. Nach kurzem Suchen holte sie ein kleines Wollbaret hervor, stülpte es mit ihren krummen, von Arthritis verformten Fingern auf den Kopf und steckte ein paar graue Strähnen drunter. Ihr Gesicht war vom Licht gerötet.

Sebastian schluckte.

Eine Oma hat hier nichts verloren! Absolut fehl am Platz! Alles sollte anders laufen! Nur Sebastian, der Pechvogel, unglücklich und entschlossen, mit roten Augen und verzottelten Haaren, das geriffelte, leicht angerostete Blechdach, das restliche Sonnenlicht, seine Wut, sein Spott, all das und tief unten der kriechende Nebel. Das war alles. Und dann der Sprung kurz, erschreckend, und dann würde es Sebastian nicht mehr geben. Seine Mutter würde für immer an seinem Grab weinen und sich die Hände ringen. So wollte Sebastian ihr eins auswischen, das hatte er beschlossen.

Doch dieser Wollbaret, der hat alles durcheinandergebracht, Sebastians Anspannung zerrissen. Plötzlich war es unangenehm, unter Beobachtung zu stehen; er wollte nicht, dass die Oma losquäkt, Hilfe, bitte!, kreischt und sich an ihm festkrallt. Und dann würden all die Leute da unten aufsehen, ihn erkennen, seine Mutter anrufen und sie käme angerannt, verheult, flehend, sie liebe ihn, halte durch, sie überlebt das nicht ohne ihn

Sebastians Vater, Dr. Martin Lehmann, arbeitete an irgendeinem Forschungsinstitut, definierte Menschen wie diese Frau als normaltypisch. Das kam bei ihm oft im Gespräch vor: Der Nachbar Schuster? Nicht normaltypisch. Seine Frau? Komplett daneben. Deine Klassenlehrerin normal. Aber der alte Werklehrer Bonitz, der mir mal beigebracht hat, einen Stuhl zu bauen, der war schon lange jenseits von normal.

Martin Lehmann wusste viel, war sehr klug so in Richtung Psychiater, nur behandelte er nicht, sondern beobachtete und schrieb. Wissenschaftler halt, von Kopf bis Fuß. Er sagte gern:
Sebastian, ich beobachte, wie unsere Gesellschaft verblödet. Dir ist nicht klar, wie viele schlechte Eigenschaften wir uns inzwischen angewöhnt haben. Nimm nur mal deine Mitschüler

Ehe er Luft holen konnte, um zu erklären, wie unfähig und faul Sebastians Mitschüler waren, fuhr seine Mutter Ulrike dazwischen.
Lass das, Martin! Das ist nicht fair! Sebastian ist mit ihnen befreundet, es sind gute Kinder. Jetzt halt endlich den Mund mit deinen endlosen Analysen!

Dann gings rund. Und die Eltern stritten sich.

Nein, seiner Mutter gefiel das nicht, aber sie hatte Martin so geheiratet, wie er war…

Du hast dich verändert, Martin. Bist kalt geworden, urteilst und bewertest, immer nur… Sie schüttelte den Kopf.

Ich bin bloß erwachsen geworden, Schatz. Du dagegen träumst immer noch, alle um dich herum seien wundervoll. Wach auf, setz deine rosarote Brille ab! Die Welt ist hässlich und kaputt. Sebastian soll das wissen!

Ulrike hielt sich die Ohren zu, schüttelte den Kopf und ging hinaus.

Sie hatte ihn dennoch so geliebt klug, literaturbelesen, charmant. Mit ihm konnte man sich sehen lassen, in die Oper gehen, Smalltalk auf jedem Empfang führen. Ihren Freundinnen war er etwas zu steif, aber das war bloß Neid da war sich Ulrike sicher.

Als Ehemann war Martin… nun ja, okay. Oder Ulrike wusste einfach nicht, wie anders es sein könnte.

Martin hatte sie ausgewählt, hatte geworben, war aufmerksam und vorsichtig; drängte sich nicht auf. Er wartete ab, war sanft. Und immer wieder lobte er Ulrikchen, was für ein cleveres Mädchen sie sei.

Ulrike, fern der Heimat, sehnte sich nach Lob. Mutter und Oma in Bamberg hatten ihr nie was recht gemacht, alles traute man ihr nicht zu.

Martin aber behandelte sie wie eine Königin. Trug sie auf den Händen, las ihr Gedichte vor, flüsterte Worte, bei denen ihr Herz stillstand.

Ulrike machte im Institut Praktikum, füllte Listen aus, sortierte Berichte. Martin bemerkte sie zwischen hundert anderen. Eben normaltypisch und das gefiel ihm.

Sie heirateten. Martin wollte sofort ein Kind. Ulrike bekam Sebastian, die Geburt war schwer, erholte sich nur langsam.

Martin machte Ärzte für alles verantwortlich.
Pfuscherei! Man müsste sie verklagen, alle! Ich bring das alles noch raus!, motzte er, als Ulrike endlich mit Baby Sebastian heimkam.

Sebastian glich ihm wenig: rötliche Haare, fast weiße Brauen. Martin runzelte die Stirn, schwieg aber; Hauptsache, das Kind strahlte beim Anblick des Vaters alle Sorgen weg.

Der Junge konnte früh gehen, sprach schnell, kannte mit drei das Alphabet, las mit vier schon Silben dank Martins Mutter, Hannelore Lehmann. Mit fünfeinhalb entschied Martin, Sebastian gehöre in die Schule.

Der ist nicht nur normaltypisch, Ulrike, sondern besser! Das müssen wir fördern.

Also förderte man. Schule, Schwimmen, Geigenunterricht, Theatergruppe. Ulrike kutschierte Sebastian kreuz und quer durch die Stadt. Abends wurde Bilanz gezogen.

Martin hörte zu, nippt bedächtig an dünnem Porzellan, kaut auf Fruchtgelees, nickt, runzelt mal die Stirn. Dann wars also nicht gut genug. Aber, so erklärte er, Entwicklung läuft stockend, mit Plateaus und irgendwann sprudelt es von Leistungen und Anerkennung. Na klar! Erinnere: Wessen Sohn ist Sebastian? Martins Sohn!

Sebastian wurde älter, der Vater grau. Er war elf Jahre älter als Ulrike, und begründete die grauen Schläfen mit Sorgen um die Welt.

Und worüber sorgte er? Klar: Gesellschaftlicher Verfall. Seine Forschung brachte enttäuschende Ergebnisse die Kinder verblödeten, die Erwachsenen wurden gefühllos, Kultur verlutete

Aber du, Sebastian, du kommst durch. Das erlebe ich nicht mehr, tragische Pause , und dann wartete Martin, dass Frau und Sohn beteuerten, wie alt er noch würde, Urenkel auf dem Schoß, und so weiter…

Ulrike ließ ihn allerdings immer seltener machen. Und Sebastian zog sich zurück wurde seinem Vater immer ähnlicher.

Die Eltern stritten sich nun oft. Keiner sagte Sebastian warum, schickte ihn nur in sein Zimmer zum Hausaufgabenmachen.

Aber so ist es Erwachsene streiten halt. Das ist eine Stufe, neues Niveau, sagte sein Vater immer.

Sie streiten sich und dann ist wieder gut, meinte Sebastians Kumpel Tim.

Tims Eltern, das sagte Martin gern, waren alles nur nicht normaltypisch. Eher zwei Trinker, auf die Martin Sebastian nicht einlassen wollte. Doch Tim war hilfsbereit, unkompliziert eben echte Freundschaft.

Nur das Streiten der Eltern hörte nicht auf.

Eines Abends, Sebastian kam kaputt vom Schwimmen nach Hause, blieb abrupt in der Diele stehen.

In der Küche schrie Ulrike.
Wie kannst du nur, Martin?! Das ist doch deine Mutter! Und wir haben Platz lass sie doch zu uns ziehen! Ich hab das schon oft vorgeschlagen! Wenn nicht, dann engagieren wir eben eine Pflegerin. Es gibt so viele gute! Aber das, was du vorhast das ist herzlos und gemein, Martin! Als ob du einen alten Hund einfach abschieben willst!

Sie stoppte. Der Vergleich war wohl zu heftig

Sein Vater sagte irgendwas von notwendig, durchdacht und vielleicht Gesetz. Dass er, wie sich herausstellte, enttäuscht sei von Ulrike, dass sie gar nicht zu ihm passe. Martin habe sie ja bewusst ausgesucht, auch ihren Stammbaum… Ulrikes Vater war früh gestorben, Mutter erfolgreiche Buchhalterin, Oma langjährige KiTa-Leiterin.

Alles okay also! Aber irgendwie fehlt wohl doch was. Bei deinen Verwandten ist irgendwo ein Wurm drin, sagte Martin. Du musst zu mir halten, alles. Ohne mich bist du nichts.

Nur dank dir bin ich nichts, verbesserte ihn Ulrike leise. Du hast ausgewählt, analysiert… Ich erinnere mich, wie stolz ich war, dass du mich genommen hast, nicht Susanne, nicht Erika, sondern mich. Ich war so dumm, dachte, es sei Liebe Aber du hast nur gerechnet. Oma Hannelore verzeihe ich dir niemals! Niemals, klar? Raus hier!

Drinnen war Sebastian durcheinander, hungrig und fing einen kurzen Blick seiner Mutter auf, bevor sie etwas sagen konnte, war er schon aus der Tür, hetzte die Treppe hinunter und rannte kopflos durch den Regen. In den Ohren hallte noch ihr Raus hier!

Sein Vater, rausgeflogen? Wie jetzt? Wie sollen sie jetzt weiterleben? Papa wusste immer alles, hatte Antworten

Irgendwann stoppte Sebastian, beugte sich und japste nach Luft…

Ach, egal. Sie ist einfach aufgebracht. Morgen ist alles wieder normal, beschloss Sebastian und trottete heim.

Aber am nächsten Morgen war alles anders. Martin packte Koffer, Ulrike warf Hemden, Anzüge, Unterwäsche rein, in eine Plastiktüte ein paar Pantoffeln, Flakons, Kleinkram alles nur schnell raus damit.

Martin tobte, versuchte, das eine oder andere zu retten. Doch Ulrike wich ihm aus.

Fang dich wieder, Ulrike! Alles, weil du kopflos bist! schrie er, fuchtelte wild. Gib schon her!

Er wollte sie schlagen.

Jetzt raus. Und los. Prügel kannst du anderen androhen, sagte sie kalt, wie ein Winner. Ließ den Beutel fallen, drinnen klirrte wohl eine Brille.

Jetzt bist du dran! Du läufst bald nackt die Straße runter, und dann dann bettelst du, aber ich lass dich nicht. Nie!…, schrie Martin.

Ulrike verpasste ihm eine Ohrfeige, erinnerte ihn, dass es ihr Zuhause war, nicht seins.

Sebastian, deine Mutter ist verrückt. Ich ruf auf der Arbeit an, dann bist du die längste Zeit angestellt gewesen, Ulrike! drohte Martin noch, ehe er mit dem Koffer verschwand.

An Sebastian dachte er nicht mal.

Mama, was passiert hier? fragte Sebastian, während Ulrike wütend und pedantisch das Treppenhaus fegte.

Dein Vater wohnt ab heute getrennt, Sebastian. Er lebt sein eigenes Leben. Das ist jetzt so, sagte sie, ohne aufzusehen.

Er kommt aber wieder, oder? Das ist ein Streit, danach ist alles wieder wie früher! hoffte er.

Nein. Es wird nie wieder wie vorher. Nie mehr. Aber du kannst ihn immer anrufen.

Sie verschwand in der Küche und machte Lärm mit Geschirr, summte sogar leise. Wasser rauschte

Sebastian schwänzte an dem Tag die Schule, sein Kopf war zu voll.

Was jetzt? Wie leben ohne Vater? Der Gedanke machte ihn nervös, die Hände feucht, Papa hasste das diese schwitzigen Kinderhände, wischte sie immer an Sakko oder Jacke ab.

Eigentlich müsste er Martin anrufen und fragen, was nun. Also wählte Sebastian auf seinem alten Handy Martins Nummer. Erstmal nichts. Später nur Anruf-Abbruch.

Das machte Sebastian wütend, er wählte und wählte Vater drückte ihn weg.

Endlich ging Martin ran.
Was? Hat sie dich vorgeschickt? Sag deiner Mutter, sie soll hier angekrochen kommen, und dann überleg ich mir, ob ich überhaupt zurück will. Kapiert?!

Papa, ich wollte nur fragen Ich… Sebastian bekam kein Wort raus.

Ihr seid doch alle verrückt! schrie Martin und knallte auf.

Aber Sebastian war nicht schlecht! Papa hattes falsch verstanden! Es war Mama, die falsch gehandelt hatte, und nun bekam Sebastian die Strafe ab

Am Abend war Ulrike wortkarg. Trank Kaffee auf Kaffee, rauchte aus dem Küchenfenster und wirkte geistesabwesend. Am nächsten Tag erklärte sie: Sie holen Oma Hannelore zu sich.

Wieso denn? Sie hat doch ihre Wohnung. Wird doch viel zu eng! protestierte Sebastian. Papa hatte gesagt, Oma sei nicht mehr normal. Und gefährlich… Sie ist komisch geworden!

Sebastian! Oma Hannelore braucht uns. Sie hat viel für uns getan. Als ich schwanger war, hat sie alles geregelt. Während deiner Krippenzeit hat sie uns durchgefüttert! Sie hat dich immer gehütet, als du ständig krank warst! Sie hat alles aufgegeben für uns! Das kann man ihr nicht zurückzahlen!

Sebastian sah sie kritisch an. Was richtig ist, kann nur Papa sagen

Du entscheidest alles allein! Du hast alles zerstört! Warum?! Sebastian riss an der Tischdecke, knüllte sie zusammen.

Es geht einfach nicht mehr mit deinem Vater. Er will Oma Hannelore ins Pflegeheim abschieben! Aber das ist doch deine Oma!

Sie brach das Gespräch ab. Sebastian warf sich aufs Bett im dunklen Zimmer.

Er hatte seinen Plan. Am nächsten Tag, als er sich sicher war, dass Ulrike weg war, schrieb er einen Zettel: Dass alles Mamas Schuld sei, sie hätte seine und Papas Welt zerstört. Während er schrieb, stachelte er sich hoch, riss Wunden auf. Mamas Sünden unendlich viele. Aber das Allerschlimmste: Sie hatte den Vater rausgeworfen. Und nun will sie eine verrückte Oma holen. SIE allein ist daran schuld…

Sebastian stand auf dem Dach, das Hemd blähte sich im kalten Nieselwind wie ein Segel. Er fror.

Die Oma schien auch zu frieren, zog den Mantel enger, drehte sich ganz leicht nach Sebastian um.

Guten Abend, murmelte Sebastian.

Na, dass dir auch nichts fehlt, junger Mann! Bist auch gekommen, um Abendsonne zu gucken? Setz dich, hier ist Platz für dich. Mit ihrer Hand wies sie auf den freien Platz.

Sebastian hätte gern gebrüllt, dass er für alles andere als einen Sonnenuntergang auf dem Dach war, dass unten auf dem Küchentisch dieser Brief lag

Aber er sagte nichts, ging vorsichtig zum Dachrand. Seine Schuhe schepperten übers Wellblech alle da unten müssen es hören, gleich ruft jemand die Polizei…

Setz dich nur, hast genug Zeit, sagte sie, als wüsste sie genau, weshalb Sebastian aufs Dach kam. Siehst du, wie die Sonne die Erde küsst?

Er blinzelte und sah, wie das Licht zwischen die Wolken kroch die Sonne schlüpfte langsam unter die graue Decke.

Die Sonne küsst die Erde Das hatte Oma Hannelore immer gesagt, wenn sie abends auf ihrer blauen Bank in Kassel im Sommer saßen, den Sonnenuntergang bestaunten Lange her, damals war Sebastian klein und später hatte Papa alles verboten, die Fahrten zu ihr. Jetzt gabs nur noch Sommerlager für ihn. Aber ja damals sah man von ihrem Hügel, wie die Sonne den Horizont küsste

Und wie alt, wie gebrechlich sie zuletzt war Er hatte sie vor zwei Monaten gesehen, zitternd, verwirrt, ängstlich

Die Oma auf dem Dach bewegte sich leicht, setzte sich besser hin und zeigte mit dem Finger Richtung Gehweg.

Runter da wäre mehr Platz, meinte sie. Da parken Autos. Drüben ist Flieder, der ist schade der steht da seit Jahren. Schön hier, oder? Die Oma lächelte, nickte sich selber zu. Bald ist richtig Sommer und alles wieder grün. Aber ist dir eh egal, was?

Was meinen Sie? Lassen Sie mich in Ruhe! Und überhaupt, was machen Sie als alte Frau auf dem Dach? Das ist gefährlich! Gehen Sie nach Hause! wurde Sebastian laut.

Ach weißt du, mein Lieber wo sollen wir denn hin? Immer sind wir nur im Weg. Solange wir noch zu Fuß unterwegs sind und klar denken, werden wir gerade so ertragen Aber bald müssen wir auch gehen. Ihr seid jung, rennt noch ein bisschen, wir gucken nur noch zu

Sebastian runzelte die Stirn. Papa hasste es, wenn Alte jammerten, lachte über ihr ständiges Früher war alles besser…, behauptete, Rentner hätten es heute bestens.

Und eigentlich sah das Sebastian ganz genauso aber…

Gehen Sie bitte heim. Sie werden schon gesucht! Immer verursachen Sie nur Probleme! sagte er harsch.

So hatte Martin immer von Oma geredet. Sie sei eine Belastung. Mal war sie verschwunden, mal hat sie das Essen anbrennen lassen, mal ging der Müll raus, Wohnungstür zu. Scherereien halt.

Ja, ja gleich. Aber ohne mich wirst du dich doch langweilen, oder? Machst du vielleicht noch Blödsinn. Lass das mal. Wirklich! Sie nickte überzeugend.

Ich entscheide selbst! sagte Sebastian trotzig.

Ja, das ist dein Recht. Aber Mama macht sich trotzdem Sorgen.

Selbst schuld! Soll sie! Sie hat alles kaputtgemacht! Sie hat Papa rausgeworfen und jetzt Oma hierher geholt. Ich will das nicht! Ich hab auch Rechte!

Klar hast du. Aber manchmal… muss etwas zerstört werden, um zu retten. sagte sie leise.

Zerstören? Erwachene meinen immer, sie können bestimmen: Wer wir sind, was wir tun, mit wem wir leben sollen… Aber das gilt nicht! Dann soll sie eben allein bleiben! Wir hatten eine Familie, und dann

Aber dann ist es irgendwann zu spät, mein Junge. Jetzt musst du reden. Frag sie, und nur, wenn du dann immer noch meinst, das Leben lohnt nicht, dann spring. Aber zerstör nicht gleich den Flieder. Der steht noch da, mit Sommer und Zukunft und du bist dann nie wieder. Nie mehr.

Das nie mehr hallte seltsam durch Sebastians Kopf. Nie mehr Nie wieder Papa sehen, nie Auto fahren, nie ein Mädchen küssen, nie hören, dass Sebastian ein Kopf sei Nie mehr. Drei Silben. Sieben Buchstaben. Totale Stille.

Er bekam Angst. Nicht um seine Mutter, für die empfand er nur Wut und Trotz. Angst um sich. Und am schlimmsten: Es würde verdammt weh tun. Die Oma weiß das, sie hats erlebt!

Draußen wurde es düster und kalt. Die Wolken hatten das Abendrot verschluckt, jetzt war alles grau und nass. Er wollte heim.

Aber er musste auch die Oma vom Dach bringen. Sie schaffte den Abstieg wahrscheinlich nicht allein!

Kommen Sie mit zu uns. Ich mache Ihnen Tee, sagte Sebastian plötzlich. Sie haben hier nichts verloren, es ist gefährlich!

Er beugte sich vor, wollte sie am Mantelarm ziehen, aber sie griff nach dem Geländer, schüttelte entschieden den Kopf.

Nein. Ich bleibe hier, das ist schon in Ordnung. Ich passe nicht zu euch. Geht, das ist besser so.

Doch!

Nein! Die Oma sprang fast auf, und Sebastian gab auf, kletterte zurück zum Dachausstieg.

Er wollte jemanden holen. Seine Mutter! Sie sollten die alte Frau retten!

Ulrike hörte sich Sebastians wirre Erklärungen an, dann zog er sie einfach am Ärmel hinter sich her.

Sie rannten nach oben, über die Gitterleiter auf das Dach, Sebastian zeigte auf die Stelle, wo die Frau eben noch saß.

Ulrike blinzelte in die Dämmerung, dann runzelte sie die Stirn.

Was soll das, Sebastian? Ist das eine Geschichte? Warum warst du auf dem Dach? Wen willst du mir zeigen?

Sie war da! Da! Es ist gefährlich für sie! Mama, was, wenn sie vom Dach gefallen ist? Was, wenn sie…

Er beugte sich vor, schaute doch unten war niemand. Nur ein Hund auf dem Rasen, der Hausmeister, ein paar Leute, die unter Laternen gingen.

Wahrscheinlich ist sie einfach gegangen, oder? fragte Sebastian hoffend.

Bestimmt

Sie hat geredet wie Oma Hannelore: Die Sonne küsst die Erde… Weißt du noch…?

Ulrike setzte sich auf die Backsteinerhöhung, ihre Augen glänzten. Es war frisch. Ihr gefiel das, es kühlte sie ab.

Ich erinnere mich. Oma Hannelore ist im Heim. Papa hat das alles festgemacht, er darf das Ulrike ließ sich nieder. Ich habe sie heute besucht, Sebastian. Es gab Haferbrei zum Abend, wie fast immer, ist wohl günstig und leicht zu essen. Und weißt du, sie bekam keinen Löffel sie mussten den irgendwie vergessen, und niemand hats bemerkt. Oma Hannelore hat mit den Händen gegessen und heimlich geweint. Sie hat sich nicht getraut zu fragen. Zu wenig Personal, alles geht unter Sebastian, tut mir leid, ich hätte dir das alles gleich erzählen sollen. Eigentlich wollte ich, dass Papa in deinen Augen der Gute bleibt. Ich dachte, wir holen Oma Hannelore, helfen ihr und du siehst das irgendwann auch selbst… Sebastian, sie gehört nicht da hin! Zuhause, mit Tee und Gemütlichkeit nicht dieses Heim…

Ulrike begann zu weinen. Ihre Mutter war noch rüstig, rief ständig an, plante, lenkte alles. Ihr ging es gut. Aber Hannelore nicht.

Sebastian wusste nicht, was man mit einer weinenden Mutter macht. Da setzte er sich einfach neben sie, drückte sich an sie, wie damals als Kind, in Kassel an Omas Haus, wenn er von Albträumen wach wurde. Und sie hat nie gefragt, hat ihn nur gehalten und gestreichelt, und gesagt, alles wird gut.

Und genau das flüsterte er jetzt auch. Und sie hörte zu.

Und der Abschiedsbrief landete später im Müll. Damit war das nie wieder für Sebastian vorbei.

Oma Hannelore nach Hause zu holen war ein echtes Stück Arbeit. Martin behauptete, Ulrike wolle nur Hannelores Rente kassieren, wolle, dass sie alles ihr überschreibt. Sogar im Heim verbot er dem Personal, sie durchzulassen. Doch irgendwie fand Ulrike einen Weg.

Später brachte Martin den Notar. Oma Hannelore schenkte die Wohnung und das Gartenhaus ihm, dem einzigen Sohn. Ulrike und Sebastian gingen leer aus.

Das war der Preis für Omas Freiheit.

Nimm sie ruhig! Mit der alten Frau ist alles einfacher! winkte Martin sogar noch, fast erleichtert.

Und so zog Hannelore zu Ulrike und Sebastian. Einfach war das nicht. Aber Hauptsache, sie haben nie bereut, sich um sie gekümmert zu haben.

Oft dachte Sebastian dann an die Frau auf dem Dach zurück die da eigentlich nicht hingehörte. Woher kam sie? Er guckte jeden Tag, ob sie nochmal da war, aber nichts.

Vielleicht war sie nie wirklich da oder eben doch. Egal. Für Hannelore, seine Mutter und ihn würde die Sonne noch oft gen Erde küssen. Ob Martin das versteht? Für ihn sind sie nicht normaltypisch. Vielleicht sogar ein wenig gaga. Soll er denken, was er will. Kein Wissenschaftler der Welt hat je Liebe erklärt. Die ist einfach da oder nicht. Bei Papa gabs sie wohl nichtSebastian saß oft mit Hannelore in der kleinen Küche, je ein Becher Tee in der Hand. Wenn das Licht abends durch die dünnen Gardinen fiel, erzählte Oma von damals, verlor sich in Geschichten, manchmal durfte Sebastian lachen, manchmal wurde es still zwischen ihnen. Ulrike schnitt Kuchen, stellte Brote auf den Tisch, und niemand redete mehr über Wissenschaft, nur noch darüber, was ihnen guttat.

Die ersten Nächte nach ihrem Einzug schlief Hannelore kaum. Sebastian hörte sie auf leisen Sohlen durch die Wohnung tappen, mit ihrem alten Bademantel, als suche sie den Ausgang aus einem Traum. Einmal, als der Regen ans Fenster klatschte, stand Hannelore in Sebastians Tür und flüsterte: Du bist da, nicht wahr? Er brummte nur und zog die Decke zur Seite, so wie früher bei ihrer blauen Bank in Kassel.

Am nächsten Morgen lag sein alter Brief da, ein Knäuel Papier, ganz verschwitzt und mit Teeflecken. Sebastian hob ihn hoch, lächelte und riss ihn schließlich in winzige Stücke wie Frühling, der altes Laub fortträgt, damit Neues wachsen kann.

Von da an erzählte Ulrike bei jeder Gelegenheit, wie Sebastian sie vom Dach gerettet hatte. Sie erzählte es lachend im Freundeskreis, beim Einkaufen, einmal sogar der Friseurin. Sebastian ließ sie einfach reden. Er wusste, es war kein Heldentum, eher ein geretteter Moment und vielleicht, ganz vielleicht, war die fremde Oma auf dem Dach ja irgendwann wieder da. Für andere Jungen. Für andere Sonnenuntergänge.

Wenn die Schatten in der Wohnung am längsten wurden, hockte sich Hannelore ans Fenster, zog Sebastian zu sich heran, und gemeinsam schauten sie hinaus, wo das Licht die grauen Dächer gold färbte. Siehst du, jetzt küsst sie wieder die Erde, die Sonne, sagte sie, und Sebastian nickte, weil er wirklich glaubte, dass es so war.

Und manchmal nur manchmal sah Sebastian am Horizont eine Gestalt, klein, mit geblümtem Wollbaret, und spürte, dass Abschiede nie das Ende sind, sondern nur Platz machen für alles, was noch kommen kann.

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Homy
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