Viermal das Licht der Welt erblicken

Viermal geboren werden

In meinen bisher erst elf Jahren auf dieser Welt wurde ich, Stefan, schon dreimal verraten. Das erste Mal, da war ich kaum zwölf Wochen alt eigentlich nicht einmal geboren. Sondern gezeugt.

Natürlich kann ich mich daran nicht erinnern niemand erinnert sich an seine Zeit im Bauch der Mutter. Aber etwas bleibt doch in den Zellen, ganz tief vergraben, jenseits von Worten, von Bildern es sind Gefühle. Warme, salzige, schaukelnde Dunkelheit. Stimmen von draußen, dumpf wie durch Wasser. Und manchmal eine Hand. Wärmend, schützend, schwer und gleichzeitig liebevoll. Eine Hand, die sagte: Du bist da. Du bist gewollt. Du bist geliebt.

Oft, wenn ich hochschwangere Frauen auf der Straße sah, wie sie ihre Hände auf ihre runden Bäuche legten und in sich hineinlächelten, wurde mir seltsam eng im Herzen. Ich wusste nie genau, warum. Plötzlich konnte ich kaum atmen, und mir war zum Weinen zumute ganz ohne zu wissen, warum. Vielleicht um das, was ich nie hatte. Diese streichelnde Hand. Diese leisen Versprechen. Den Trost, der mir nicht zuteilwurde.

Ich wusste, wie es hätte sein sollen. Wie es eigentlich ist. Man ist erst nur ein Punkt. Dann ein kleiner Wurm, der mit Herzchen zappelt. Dann ein seltsames Wesen mit winzigen Fingern, Nägeln und einer kleinen Nase. Und doch immer schon ein Mensch. Ein ganzer kleiner Kosmos, für den die Mutter das gesamte Universum ist. Jede Berührung ist wichtig, jedes Kleiner. Die Lieder, die sie flüstert, damit das Baby die Vibration ihrer Stimme fühlen kann. Vaters Ohr ganz nah an Mamas Bauch, sein leises: Wie geht es dir da drinnen? Bewegst du dich? Und wenn man dann zurücktritt, mit aller Kraft seiner winzigen Füßchen, lachen sie beide und man fühlt dieses Lachen die ganze warme, sichere Welt erschüttern. Schon jetzt ist man geliebt. Und erwartet.

Ich hatte das alles nicht. Nicht wirklich. Sie hatten sich gefreut, klar. Zwei Striche auf dem Test, deutlich, rosa. Sie rief sofort Papa in der Arbeit an, und in seiner Stimme schwang Freude und auch etwas Angst mit. Er redete von einem Nachfolger Männer reden oft vom Nachfolger. Und ich, ein kleines Pünktchen im Bauch, das noch nicht wusste, dass es Stefan heißt, habe mich da sicher irgendwie auch gefreut. Weil ich schon war. Weil ich dachte, man braucht mich. Alle.

Oma und Opa kamen bestimmt auch vorbei. Oma schlug die Hände über dem Kopf zusammen, schimpfte, suchte nach Eiern und brachte Tüten voller Walnüsse, Quark und Granatäpfel. Iss, Kind, iss für kluge Kinder, für starke Knochen, für das Haar! Damit du ein schönes, gesundes Kind bekommst, murmelte sie und stapelte alles in die Küche. Opa brachte eine große Dose Honig. Das ist gut für alles, sagte er, dein Junge wird kräftig und klug. Sie malten sich aus, wie Stefan die Ferien im Garten verbringen, Frösche fangen, Erdbeeren pflücken und barfuß durch den Tau rennen würde. Sie hatten ihn wohl ein Leben lang erwartet. Aber die Jungen lebten für sich Arbeit, Reisen, Ausgehen, Pläne ohne Kinder. Erst als Stefan dann plötzlich doch kam, freuten sie sich. Endlich.

Dann kam die erste Untersuchung. Ich, in Mamas Bauch, machte mich schick, drehte mich zum Ultraschall Mama, guck, ich bin es. Ich hab Arme, Beine und ein Herz, das schlägt. Und ich kann lächeln, auch wenn du es noch nicht siehst. Ich bin gut. Ich liebe dich.

Die Ärztin schob den Schallkopf über den Bauch, musterte den Bildschirm, runzelte die Stirn. Holte einen zweiten, älteren Arzt dazu. Sie zeigten auf den Monitor, redeten leise, schüttelten den Kopf. Ich spürte, irgendwas stimmt nicht. Mama wurde unruhig. Ihr Herz klopfte schneller. Ihre Hände verkrampften.

Ihr Kind hat das Down-Syndrom, sagte die Ärztin nüchtern, als ginge es ums Wetter. Wollen Sie abbrechen?

Ich erstarrte. Ich wusste nicht, was Down-Syndrom oder Abbruch hieß. Aber es wurde eisig. Die Kälte kam von außen, kroch durch die Gebärmutter, durch die Plazenta. Und Mama schwieg.

Natürlich, Down-Syndrom Na und? Wie kann man einfach abbrechen? Sie lieben und erwarten mich doch!, dachte ich. In meinem Innersten wartete ich darauf, dass Mama sagt: Nein, das kommt nicht infrage. Ich bekomme mein Kind.

Aber Mama schwieg.

Überlegen Sie es sich. Sie sind jung, Sie können noch gesunde Kinder kriegen. Warum sich das antun? Ein Leben lang Betreuung, Pflege, Einschränkung Das ist kein Kind, das ist ein Pflegefall, sagte die Ärztin.

Ich schrie. Lautlos, mit meinem ganzen kleinen Sein. Strampelte, kämpfte, flehte: Mama, bitte! Ich werde ganz brav sein. Der beste Sohn der Welt. Verlass mich nicht!

Aber Mama schwieg weiter. Flüsterte dann:

Ich denke nach.

Zuhause war Papa. Ich hörte zuerst Heiterkeit, dann Besorgnis, dann Wut.

Abtreibung, sagte Papa. Ein Wort, ein Urteil. Wofür ein Behindertes? Willst du dein Leben lang rennen, pflegen, Einschränkungen hinnehmen? Wir haben Pläne. Es ist noch nicht da. Nur ein Zellhaufen.

Wie nicht da? Ich schrie ins Leere. Ich bin hier! Ich spüre dich!

Papa rauchte am Balkon. Mama weinte in der Küche. Oma kam später. Sie hörte alles, schüttelte den Kopf.

Natürlich Abtreibung Wozu das Elend für dich und das Kind? Du weißt doch, wie Downies sind, sagte sie.

Ich bin kein Tier! Keine Sache!, wollte ich ihr entgegenschreien.

Doch auch Oma hörte mich nicht. Sie nahm den Granatapfel aus dem Kühlschrank, aß ihn auf ich roch ihn bis hinein in meinen Bauch. Er sollte Kraft geben, Gesundheit aber Mama aß nicht. Auch Quark nicht mehr.

Mach dir keine Sorgen, Kind, murmelte Oma, das ist nur ein Embryo. Andere bekommen Gesunde. Der hier, und sie zuckte die Schultern.

Ich bin Stefan! Ihr habt mich so genannt. Nach Opa, weil Stefan so stark klingt. Ich habe es behalten. Ich bin Stefan, flüsterte ich in der Dunkelheit.

Am nächsten Tag sagte Mama am Telefon: Ich mache einen Abbruch.

Ich kauerte mich ganz klein zusammen. So kalt, so einsam war mir nie. Mama, flüsterte ich.

Sie wusste nicht, dass es nicht geht. Sie hatte den falschen Rhesusfaktor, noch eine komplizierte Diagnose. Die Ärztin riet ab, zu riskant. Mama weinte, Papa schimpfte, Oma seufzte. Ich aber wuchs einfach weiter. Trotz allem. Trotz Ablehnung, trotz kalter Worte und dem Nichts in dem Bauch, wo kein Granatapfel und kein Honig war. Ich wuchs, und immer wieder, Tag und Nacht, wiederholte ich: Mama, vergib es mir nie. Niemand wird dich so lieben wie ich. Gib mir nur eine Chance. Nur geboren werden.

Aber Mama legte nie wieder ihre Hand auf den Bauch. Sie sang nicht. Sie sprach nicht. Sie schlief auf dem Rücken, nahm keine Vitamine mehr, als gäbe es mich nicht. Nur Opa, der den Honig brachte, kam manchmal, setzte sich zu Mama, sagte: Kind, denk an dein Kind. Iss wenigstens was. Aber Opa starb bald das Herz. Es gab keinen Honig mehr. Keine Hoffnung mehr.

Ich wurde an einem typischen Herbsttag in einer ganz normalen Geburtsklinik geboren. Die Hebamme fing mich auf, schnitt die Nabelschnur durch und tätschelte mein weiches Hinterteil ich schrie los, laut, verzweifelt, so wie nur Babys schreien können, die hoffen. Nicht aus Schmerzen, vielmehr aus Angst und Hoffnung, endlich würde Mama mich sehen und alles gut.

Ich hatte die Augen blau wie Papa. Die Ohren riesig auch wie Papa. Rote Haare nach Mama. Ich spürte die Farbe, als ich innen war: warm, wie Herbstsonne. Wenn sie meine Haare sieht, würde sie weinen und mich an sich drücken, dachte ich. Und wir wären zusammen. Für immer.

Schauen Sie, wer geboren ist, sagte die Hebamme und hielt mich Mama hin.

Mama drehte sich zur Wand.

Zeigen Sie ihn mir nicht. Ich will ihn nicht sehen, war alles, was sie sagte. Unbeteiligt, wie ausgelöscht.

Wir geben ihn ab, warf Papa im Flur hin durch die Krankenschwester.

Ich glaubte es nicht. Stierte mit meinen blauen Augen auf Mama. So geht das nicht! Ich schrie, streckte die Ärmchen nach ihr. Spür sie doch! Hör mich doch!

Aber eine fremde Frau im Kittel nahm mich auf den Arm, schaukelte, seufzte, legte mich in den Inkubator. Ich lag unter dem Plastikdach, sah in die weiße Decke und weinte. Lange, heiser. Bis zur Erschöpfung.

Du armes Ding, seufzte die Putzfrau, beugte sich über den Kasten, steckte einen Finger durch die Öffnung; ich umklammerte ihn zitternd. Du spürst, dass dich die Mutter verlassen hat. Keiner holt dich., murmelte sie.

Das war der zweite Verrat. Nicht der erste der war im Bauch, als Mama ja zum Abbruch sagte. Der zweite war hier, hell und kalt, als sie mich nicht wollte.

Dann kam das Krankenhaus. Lang, grau, endlos der Geruch von Desinfektionsmittel und gekochten Tüchern überall. Viele andere Inkubatoren, viele Babys, die auch schrien. Ich gewöhnte mich daran, nicht geliebt zu werden. Ich schrie kaum noch, damit ich niemanden störte. Selbst, wenn mein Bauch schmerzte und das tat er oft, weil mein Magen schwach war und ich die Milchmischungen nicht vertrug. Ich presste die Fäuste zusammen und hielt aus. Ich würde der beste Junge sein. Mama würde schon kommen. Sie hatte nur zu tun. Sie kommt.

Sogar das Lächeln fing ich an. Erst schief, aber dann immer mehr. Immer wenn mich eine Schwester fütterte oder auf den Arm nahm, lächelte ich in der Hoffnung, jetzt kommt Mama und wird stolz sein. Aber nie war es Mama.

Ich lernte, den Kopf gut zu halten. Rollen, brabbeln, Laute nachzumachen. Irgendwann hörte ich auf. Wozu? Es antwortet eh niemand. Keiner freut sich über deine Fortschritte. Keiner klatscht, keiner staunt begeistert du bist so klug!

Da wusste ich es. Endgültig. Es ist kein Versehen. Niemand kommt mich holen. Ich bin kein Sohn. Ich bin ein Downie. Ein Behinderter. Ein Niemand. Nicht wichtig.

Ich lag da und starrte an die weiße Decke. Und in meinen schiefen blauen Augen war eine Traurigkeit. Die bleibt.

Dann kamen das Kinderheim, später das Heim. Ich zählte die Jahre nicht zu gleich waren sie alle. Das gleiche Bett, derselbe Himmel, immer wechselnde Erzieherinnen. Ich lernte, nicht zu weinen. Nicht zu bitten. Nicht zu hoffen. Ich saß im Winkel, beobachtete die anderen, die streiten, spielen, sich umarmen konnten das war mir fremd. Wie kann man vertrauen? Wie glauben, dass einen keiner verlässt?

Mit vier kam ein Ehepaar ins Kinderheim. Sie klapperten die Gruppen ab, schauten sich Kinder an, flüsterten miteinander. Ich hockte im Eck auf einem alten Sofa, schaute nicht hin. Ich wusste: Solche wie mich will niemand. Alle wollen gesunde, hübsche Kinder. Ich bin hässlich, mit schrägen Augen und komischem Gesicht. Niemand will mich.

Hallo, sagte die Frau, hockte sich zu mir. Sie roch nach teurem Parfum, süß und fremd. Wie heißt du?

Ich schwieg. Ich sprach nicht wozu, wenn keiner zuhört?

Ich heiße Theresa, fuhr sie fort. Ich werde deine Mama. Sag mal Mama.

Ich sah ihr in die Augen. Dort war etwas, das ich nicht kannte. Wärme? Hoffnung? Ich wusste es nicht. Ich hatte Angst, zu glauben. Doch etwas in mir taute einen Moment lang auf. Ich öffnete den Mund. Sagte aber nicht Mama es ging nicht. Es wurde nur ein Aaa. Ein Ton. Der erste seit Monaten.

Macht nichts, lächelte Theresa. Wir bringen dir das bei.

Sie nahm mich auf den Arm. Zum ersten Mal hielt mich eine Frau, die sich Mama nannte. Ich wurde starr. Hatte Angst, mich zu bewegen, damit der Zauber nicht fährt. Ich klammerte mich an ihren Pullover, und weinte tonlos. Sie weinte mit. Der Mann wischte sich die Augen.

Im neuen Zuhause gab ich mir Mühe. Sehr. Ich war brav, machte keinen Lärm, miste mein Spielzeug auf, das sie extra für mich gekauft hatten. Ich schaute zur Mama, wartete darauf, dass sie mich lobte. Aber Mama war beschäftigt. Sie arbeitete viel im Büro, Papa noch mehr. Ich sah ihn selten, immer nur abends mit Laptop im Sessel.

Wie war dein Tag?, fragte Mama beim Gutenachtkuss.

Ich brummte sprechen konnte ich ja noch nicht recht, aber ich zeigte auf das Spielzeug, die Bücher, die Bilder. Mama nickte, lächelte müde und verschwand. Dann war ich allein. Mit der Nanny.

Die Nanny war streng, älter, immer etwas ungehalten. Mit mir übte sie stur mit Kärtchen Buchstaben, Zahlen, Bilder. Ich wollte lieber spielen, Türme bauen, fernsehen. Aber sie zwang mich. Setzte mich an den Tisch, piekte mit dem Finger auf die Karten.

A, forderte sie. Sag A.

Ich schwieg.

A!, wurde sie lauter. Sprich nach!

Ich riss mich los. Es ging nicht. Die Kehle wurde eng, die Laute blieben einfach im Bauch. Ich heulte, schrie, sie wurde wütender.

Dummkopf, zischte sie, wenn ich was fallen ließ. Idiot. Warum haben die dich genommen?

Einmal schlug sie mich. Offene Hand, nicht fest, aber genug. Ich erstarrte. Ich wusste schon: Man schlägt keine Menschen. Aber sie schlug. Und beschimpfte mich.

Ich wollte es Mama erzählen. Wartete den ganzen Tag, hockte an der Tür, konnte die Uhr nicht aber jedes Mal, wenn das Schloss klickte, rannte ich. Mama kam. Schön, müde, nach Parfum und Großstadt. Ich fasste sie am Bein, zeigte auf die Nanny, an meine Wange da, wo die Hand geschmerzt hatte. Ich wollte so sehr sagen: Mama, sie schlägt mich, bitte schick sie weg.

Ach, was ist , sagte Mama und strich mir durchs Haar. Was ist los? Hast du Hunger?

Dann wandte sie sich einkaufen zu, dem Fernseher, dem Telefon. Sie verstand nicht. Sie spürte nichts mehr. War schon weit, weit weg.

Später rief sie Papa an. Ich hockte im Flur, hörte alles. Sie klang merkwürdig fast ängstlich.

Liebling, du glaubst es nicht Ich bin schwanger.

Ich verharrte. Schwanger da ist also jetzt eines. Ein Winziges, das hofft und glaubt, wie ich. Ich lächelte. Vielleicht hab ich einen Bruder oder eine Schwester! Ich würde alles dafür tun. Lieben, beschützen, spielen. Keiner würde ihm oder ihr was antun.

Toll! Wir bekommen ein Kind!, sagte Papa am Abend. Aber in seiner Stimme war keine Freude. Nur Besorgnis.

Liebes, was tun wir jetzt? Siehst du doch selbst er bleibt ewig behindert. Wovon soll er je leben?

Ich hörte jedes Wort, Spielzeug in der Hand. Starb. Die Autos fielen. Weg.

Jahrelang hast du auf unser Kind gewartet, sprach Papa weiter. Kommt jetzt, wieder einer, und wird wie er Er deutete zu mir. Wird auch so.

Frau von Jugendamt sagt, manchmal bekommt man erst ein leibliches Kind, wenn man ein Pflegekind nimmt besonders, wenn es krank ist

Tja, jetzt hast du eins empfangen, Papa war lauter. Stopp. Den Exoten geben wir zurück. Für solche ist das Heim besser.

Mir stockte der Atem. Jedes Wort wie ein Messer. Exot. Belastung. Krank. Dumm. Ich weinte nicht. Ich lag zusammengerollt und starrte auf die Tür. Wartete darauf, dass Mama sagt: Nein. Er ist unser Kind. Aber Mama schwieg.

Du hast recht, meinte sie schließlich. Er ist auch richtig undankbar. Angeblich sind solche Sonnenscheine, aber das ist ein Tierchen. Der hat mir die Haare rausgerissen neulich.

Ich erinnerte mich. Ich hatte sie gezogen, weil sie nicht weggehen sollte. Ich wollte sie doch nur festhalten. Aber sie entfernte meine Hände, drängte mich weg: Na, na, lass mal und war weg. Ich klammerte mich an ihre Haare. Nicht aus Wut. Aus Angst.

Undankbar, wiederholte sie.

Da verstand ich. Das war der dritte Verrat. Zahl drei. Am schlimmsten.

Es verging Zeit Tage, Wochen, Monate? Genau weiß ich es nicht. Sie gaben mich nicht sofort zurück, Papierkram, irgendwas war. Aber gebraucht wurde ich nicht mehr. Mama gab mir keinen Kuss mehr. Papa kam nicht mehr ins Zimmer. Die Nanny wurde noch ungeduldiger. Ich aß nicht mehr. Mochte nichts mehr. Lag nur da, starrte an die Decke. Wartete. Vielleicht auf den Tod. Vielleicht auf das Ende. Ich war klein, aber schon so müde, wie es Erwachsene nicht sind: müde von Verrat. Von Schmerzen. Von Hoffnung, die nie erfüllt wird.

Dann kam sie.

Die Engagierte. Sie hieß Lotte. Sie kam als Ehrenamtliche ins Kinderheim dienstags und donnerstags spielte sie mit den Kindern. Sie war klein, rundgesichtig, mit freundlichen Augen und vielen Sommersprossen. Sie roch nach Maiglöckchen ich wusste nicht, dass Blumen so duften. Im Heim gibt es keine Blumen. Aber diesen Duft habe ich nie vergessen.

Beim ersten Mal kam sie zu mir in die Ecke, wo ich saß und auf ein Spielzeugauto starrte.

Warum spielst du nicht bei den anderen?, fragte sie.

Ich schwieg. Ich sprach gar nicht mehr. Wozu, wenn man nie gehört wird?

Komm, sie hielt mir die Hand hin.

Ich zog mich weg. Ich glaubte nie wieder irgendjemandem.

Na gut, lächelte Lotte, ich komme morgen wieder.

Sie kam. Am nächsten und übernächsten Tag. Sie bedrängte mich nicht, hob mich nicht auf den Arm, nötigte mich nicht. Sie saß einfach neben den anderen, baute Türme, las Bilderbücher, lachte. Manchmal blickte sie zu mir, aber drängte nie.

Eines Tages kroch ich von allein zu ihr. Nicht wissend, warum. Irgendwas Zartes, fast tot, lebte noch in meinem Herzen. Ich streckte die Hand aus, berührte ihr Knie.

Sie sah mich an. In ihren Augen keine Mitleid, sondern Freude. Sanfte, echte Freude.

Hallo, sagte sie. Ich hab auf dich gewartet.

Sie hob mich hoch. Ich widersetzte mich nicht. Schmiegte mich an sie, atmete den Duft ein und weinte zum ersten Mal seit Monaten. Sie weinte mit und sagte: Alles wird gut. Jetzt bin ich für dich da.

Sie war nicht meine Mama. Nicht offiziell. Aber ich wusste: Sie ist es. Die, die ich ein Leben lang gesucht habe.

Bist du meine Mama?, fragte ich einmal, schon mit Stimme.

Ja, sagte Lotte, ich bin deine Mama.

Sie konnte mich nicht sofort adoptieren das dauerte Jahre. Formulare, Gutachten, Endloskommissionen. Aber sie kämpfte. Sie schrieb Briefe, ging zu Behörden, stritt, bewies, dass ich ihr Kind sei. Dass sie mich nicht gehen ließe. Sie schaffte es.

Ich habe Lotte und ihre Familie durch Zufall in einem kleinen Kloster in der Nähe von München kennengelernt. Ich war auf Ausflug, schaute Fresken und hörte plötzlich Kinderlachen. Unverkennbar, hell, ausgelassen so lachen Kinder nur, deren Herz heil ist. Ich drehte mich um.

Da saß eine junge Frau auf der Bank, drei Kinder um sich versammelt. Zwei Mädchen sieben und acht, mit Zöpfen und Sommersprossen, wie sie selbst. Und ein Junge. Rote Haare, viele Sommersprossen, riesige Ohren, blaue, ein wenig schmale Augen. Auf seiner Hand saß eine Taube ließ sich füttern, völlig ruhig. Der Junge lachte, hell und glücklich, und blickte zu seiner Mama. Sie lachte zurück.

Ich ging rüber, konnte nicht widerstehen. Fragte nach den Namen. Die Frau sagte: Lotte. Der Junge: Stefan. Die Mädchen: Maja und Leni.

Sind Sie seine Pflegemutter?, fragte ich vorsichtig.

Nein, sagte Lotte und lächelte. Ich bin seine Mama. Einfach so.

Sie erzählte. Wie schwer es am Anfang war. Wie Stefan nachts aufwachte, sichergehen wollte, ob sie noch da war, wie er lange brauchte, um zu glauben, dass man ihn einfach so lieben kann. Wie er reden lernte sauber, verständlich, fast ohne Stottern. Wie er in die Förderschule kam und Freunde fand. Wie er lesen, schreiben, malen lernte. Wie er Eishockey und Schwimmen liebt. Wie er jedes Jahr zu Weihnachten einen neuen Laptop vom Christkind möchte.

Am wichtigsten ist, sagte Lotte, er ist jetzt glücklich. Er lebt im Jetzt. Die Narben bleiben, aber sie tun nicht mehr weh. Denn er weiß, wir sind da. Wir lassen ihn nie im Stich.

Stefan stürmte heran, außer Atem, rosige Wangen. In der Hand eine Handvoll Kerne.

Mama, schau! Die Taube ist weiß! Ich nenn sie Berti. Wie den Hund!

Wir haben doch schon einen Berti, lachte Lotte. Den großen Neufundländer.

Dann ist sie der kleine Berti. Eine Tauben-Berti!

Er rannte zurück zu den Vögeln. Und ich sah ihm zu und dachte: Wie viel Leben da drin ist. Wie viel Licht. Wie viel Mut. Er wurde dreimal verraten vor, während und nach der Geburt. Er hätte zerbrechen können. Er hätte sterben können im Herzen. Aber eine blieb und sagte: Ich bin deine Mama. Und glaubte daran. So sehr, dass er es auch glaubte.

Manchmal hat er noch Angst, sagt Lotte später, als wir das Kloster verlassen. Er kommt nachts an unsere Tür, schaut, ob wir noch da sind, dann geht er wieder schlafen. Er muss wissen, dass wir nie weggehen.

Und ihr geht nicht?, frage ich.

Wir gehen nie, sagt sie und nickt fest.

Wir verabschieden uns. Ich drehe mich ein letztes Mal um. Stefan steht auf der Bank, die Arme zum Himmel, die Tauben flattern um ihn herum, setzen sich auf Kopf und Finger. Die Mädchen jauchzen vor Freude. Lotte filmt und lacht.

Und ich denke: Das Down-Syndrom ist nur ein Wort. Ein Diagnosetext, ein Etikett. Entscheidend ist, wie man einen Menschen ansieht. Hat man Angst, oder nimmt man ihn an die Hand? Sagt man: Du bist zu viel für mich, oder: Du bist mein Schatz.

Stefan ist kein Sonnenschein. Er ist ein Mensch. Ein ganz einfacher Junge, der Freude, Trauer, Angst und Hoffnung kennt. Der geliebt werden will. Der verzeiht auf wunderbare, grenzenlose Weise. Der es überlebte, weil jemand an ihn geglaubt hat. Weil jemand nicht wegsah.

Gott macht keine Fehler. Stefan kam, wie er ist, mit einem Auftrag: Er zeigt, worauf es wirklich ankommt lieben kann man nicht kaufen, nicht verschreiben, nicht deklarieren. Lieben ist, wenn man das Gegenüber sieht, egal, wie schwer das Leben ist, und sagt: Ich bin da. Ich bleibe. Für immer.

Stefan weiß das jetzt. Dass es keinen vierten Verrat mehr geben wird. Dass es jetzt nur noch das Leben gibt. Ein langes, schweres, glückliches Leben. Mit Mama, Papa, den Schwestern, dem Hund Berti und den Tauben, die auf seiner Hand landen. Und mit Maiglöckchen die jeden Frühling blühen und immer an jenen Tag erinnern, als er wagte zu vertrauen.

***

Diese Geschichte tut weh beim Lesen. Nicht, weil sie grausam wäre. Sondern, weil sie wahr ist. Solche Stefans gibt es überall in jedem Kinderheim, jeder Klinik, auf manch verlassenem Flur. Sie werden verraten, wieder und wieder: vor der Geburt, im Krankenhaus, in Pflegefamilien. Man nennt sie Last, Bürde, Exot. Man gibt sie zurück wie gebrauchte Sachen. Und sie sterben nicht äußerlich, sondern innerlich. Sie hören auf zu hoffen.

Aber es gibt auch die anderen. Die bleiben. Die sagen: Ich bin deine Mama und beweisen das mit Jahren voller Geduld und Kampf, mit Korridoren und Widersprüchen und Warteschlangen im Jugendamt. Die keine Angst vor Diagnosen haben. Die sehen nicht nur den Behinderten, sondern den Menschen. Und die gehen den ganzen Weg mit egal, wie schwer.

Lotte ist kein Heiliger. Sie ist einfach eine Frau, die eines Tages durchs Heim ging und Stefan sah. Die nicht das Schöne und Leichte gesucht hat. Die nicht wegen eines hübschen Kindes geblieben ist. Sie hat ihn gesehen.

Solche Geschichten gibt es. Selten, aber es gibt sie. Und sie verändern langsam, aber sicher die Welt. Stefan wird kein berühmter Wissenschaftler, kein Sportler vielleicht. Er wird, so Gott will, mit Lotte alt werden, in einer Werkstatt arbeiten, Bilder malen, Eishockey spielen. Aber er wird geliebt. Und er liebt selbst bedingungslos. Und das ist das Wichtigste. Viel bedeutender als alle Diagnosen und Prognosen. Denn Liebe lässt sich nicht zählen. Liebe heilt Wunden, die niemand sieht, und hat nie Angst vor großen Worten.

Auch wenn dich das Leben dreimal enttäuscht hat, auch wenn du kaum mehr glauben kannst Wunder gibt es. Manchmal duften sie nach Maiglöckchen.

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Homy
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