Die Nachbarin Frau Michel

Nachbarin Frau Michel

Opa! Felix stürmte durch den Garten, warf das alte Gartentor so ins Schloss, dass es an der rostigen Stange dröhnte. Die Angeln quietschten, etwas knackte, seufzte, und das Tor, alt wie das Grundstück selbst, fiel schließlich auf den ausgetrockneten, im heißen Sommer rissigen Boden.

Opa Andreas, der gerade gebückt bei den Kohlrabipflanzen arbeitete, vorsichtig die unteren Blätter anhob und mit der Gießkanne Wasser an die Wurzeln gab, richtete sich erschrocken auf und schaute seinem Enkel nach, dann auf das hervorgebrochene Tor, fluchte laut, weil er spürte, dass ihn aus dem Fenster mit vorwurfsvollem Blick seine Frau, eine der besten Frauenärztinnen der Stadt, Frau Doktor Maria Viktoria, beobachtete. Er brummte mit tiefer Stimme:

Sag mal, bist du verrückt geworden, Bursche? Wie haust du denn hier herum? Hast du den Verstand verloren? Musst du unser Eigentum kaputt machen? Ist das hier ein Notstand Feuer, Überschwemmung oder sonst ein Unglück? Bis das wieder repariert ist, gibts nichts zu essen, verstanden?! Uuuuh!

Er warf die Gießkanne beiseite, traf den äußersten Kohlrabikopf, fluchte, bückte sich gleich wieder, um seinen verwundeten Soldaten zu retten und zu betüddeln.

Maria Viktoria, die den gärtnerischen Eifer ihres Mannes immer als Schrulle belächelte, fragte spitz, ob sie nicht besser Nylon und Desinfektionsmittel bringen solle, falls sie jetzt schon an die chirurgische Versorgung von Pflanzen gingen.

Ach Mariasophie, lass mich in Ruhe! Ihr Mütterchen habt den Jungen doch verweichlicht! Einen Vandalen haben wir da großgezogen! Nun, Annemarie, mein Schätzchen, halt durch, wir stützen dich gleich…

Im Garten der Klöners hatte jedes Grünzeug seinen eigenen Namen: mal ein Kosename nach Sorte, mal einfach ein Menschennamen verpasst der pulsierenden Rote Bete oder den Gurken, die das kleine Glashäuschen übernahmen. Das war so eine Eigenart von Andreas Klöner, Chirurg im Ruhestand und aktuell mit Gartenreise beschäftigt.

Er hatte einmal auf seine stets mit Vornamen angesprochenen Patienten nachgefragt, wie es ihnen gehe jetzt unterhielt sich Andreas mit den Pflanzen. Sie antworteten nicht also übernahm er das Gespräch für sie: War heute Nacht kühl, die Tau kam früh, ein Zittern bis in den Morgen… oder, wenns schwül war: Heute bedrückt die Luft wie der schwere Fliederduft, man bekommt kaum Luft.

Und du, Irmgard! schmunzelte Klöner zu dem alten Apfelbaum, der schon da war, lange bevor Andreas Besitzer wurde du hältst dich wieder nicht ans Trinkregime. Schon wieder zu viel gegossen.

Der Apfelbaum rechtfertigte sich still, doch Klöner schnitt, weißelte, stützte die Äste, die prallen Äpfel trugen wie der volle Busen einer jungen Mutter. Er war voller Geschäftigkeit.

Unser Herr Klöner ist schon ganz schön schräg drauf! tuschelten die Nachbarinnen von Maria Viktoria, warfen besorgte Blicke. Redet mit sich selbst… Schade, er war mal ein ausgezeichneter Mann. Gibst du ihm Medikamente, Maria?

Lasst ihn nur! Ihr werdet schon sehen, kommt ihr das nächste Mal gerannt! wies Maria Viktoria jegliche Gerüchte ab, drehte sich um und ging ins Haus.

Pah! Die wollen Andreas unter die Erde reden. Dabei ist er noch kein Tag älter als sie, klüger sowieso, und überhaupt! Sie würde ihren Andreas nicht diskutieren, niemals! Seine Sehnsucht nach dem alten Beruf wie er nachts im Schlaf scheinbar noch durch die Klinik lief, die Zimmer kontrollierte, von Temperaturen, Nähten und Schwestern brabbelte, etwa Schwester Toni, die Rotz und Wasser heulte, als sie hörte, dass Klöner in den Ruhestand ginge…

Opa! Die Michels sind angekommen! Hast du doch gesagt, das Haus ist baufällig, niemand will es aber jetzt sind sie da, und der Hund ist riesig… stotterte Felix, mühte sich ab, das Tor wieder in die Angeln zu setzen. Doch die Bretter zerbröselten unter den Händen, Splitter flogen, rostige Nägel standen hervor wie faule Zähne. Ach, Mist…

Er trat vor Ärger ein Brett weg, seufzte, schaute zu Oma Maria. Sie wollte heute zum Abendbrot seine Lieblingsplinsen machen, mit Apfelschnitz und Butter, dick und fluffig! Was nun?! Einen Abend ohne Plinsen? Unvorstellbar!

Was ist denn bei deinen Michels, hä? Los, Felix! Hast du wenigstens Brot geholt? Oder wozu bist du überhaupt losgezogen? raunzte Klöner, aber sein Blick glitt dabei längst heimlich zum Nachbargarten, reckte den Hals, um bloß was Neues zu sehen. Geh in die Scheune, hol Hammer, Bretter liegen dort. Säge nicht vergessen. Sollen wir künftig ohne Tor leben?!

Der Opa strahlte mit zusammengepressten, dichten Brauen Strenge aus, doch so wirklich wollte er die blöde Kalitka nicht richten. Doch, mit dem richtigen Platz an der Hecke, hätte man beste Sicht zu Michels.

Maria Viktoria zuckte die Schultern, ging ins Haus. Michels Ankunft schien sie nicht zu interessieren. Drinnen klapperte sie mit Töpfen, ließ das Radio laufen: Ein junger Mann rezitierte eifrig Heine. Sie schaltete ab, stimmte Geh aus, mein Herz, und suche Freud an, aber es klang melancholisch, ohne Elan.

Vorsichtig hob Maria Viktoria die Gardine, die Sonne blendete, alles verschwamm, gelbe Lichtpunkte tanzten wie Schmetterlinge.

Da saß sie. Wirklich. Frau Michel, wieder im berühmten Morgenmantel mit Drachenmuster, Zigarette im langen Mundstück, Rauch um sie wie eine Dampflok, eleganter Strohhut und Sandaletten.

Und ob sie noch so schön war?

Maria Viktoria lächelte nachsichtig und nickte.

Annegret Michel sieht immer wie aus dem Ei gepellt aus. Schon im Entbindungsheim bezauberte sie alle mit Engelsgesicht, Schleifenmund, blauen Augen, goldblondem Lockenkopf, properem Körperchen.

Aus dem Engel wurde eine schlanke Dame mit anziehenden Kurven dort, wo es Gott so eingerichtet hat, das Kinn leicht stolz, fast frech schön, ein wenig launisch, kokett und abenteuerlustig sie liebte die Nächte bei Zigeunermusik und schlenderte bis in den Morgen, wie sie sagte. Bei diesen Ausflügen ließ sie Männer reihenweise Kopf und Herz verlieren.

Ja, Annegret prahlte immer, dass alle ihr nachlaufen. Sie mochte das sehr.

Maria und Annegret lernten sich auf dem Land kennen. Maria war ganz frisch mit Andreas verheiratet, als er sie das erste Mal in seine Ländereien führte. Andreas Eltern hatten die Parzelle längst aufgegeben, kränkelten, froren und lebten lieber ihr Rentnerdasein in Heizung und Komfort ihrer kleinen Stadtwohnung, endlich ihr Eigen nach endlosen Jahren in Notunterkünften. Möglich gemacht hatte das alles Andreas, weil er einem wichtigen Mann den Sohn von einer Blinddarmentzündung geheilt hatte und als Dank gabs die Wohnung.

Andreas war schon zu Unizeiten ehrgeizig, klug, lernte bis spät in Anatomiesälen, drängte sich an knifflige OPs, wagte Ratschläge, dass die Altprofessoren nur mit den Ohren schlackerten.

Woher wissen Sie das? Das steht in keinem Lehrbuch! alles Pfusch! brummte das Fachpublikum.

Och, mein Opa war Tierarzt… Ich hab von ihm… winkte Andreas ab.

Vom Tierarzt zum Chirurgen das ist mal ein Karriereweg, Herr Klöner! lachten die Kollegen.

Er zuckte mit den Schultern. Sollen sie denken, was sie wollen…

So schaffte er es immer weiter, bis Oberärztin Frau Dr. Zacharias, eine Legende in der Klinik, mitten in der Nacht nach ihm rufen ließ: Klöner ans OP-Bett!

Andreas wird zum Notarzt! OP-Bett?!, das ist ja wie… rief seine Mutter panisch, wenn das Telefon klingelte. Andreas beruhigte sie, zog schon halbe Klamotten an und war fort.

Somit wurde er bald Zacharias Augen: Sie verlor das Augenlicht, und so standen sie zusammen am Tisch Andreas beschrieb, was er sah, Frau Zacharias tastete, hörte, koordinierte.

Warum hängt die da dauernd im OP herum? So klapprig wie sie ist, kann das gefährlich werden! schimpften junge Ärzte. Das ist doch kein Theater, was soll das?

Aber Zacharias wusste es ohne Klinik war sie niemand. Sie hatte keine eigene Familie, nicht mal eine Katze. Sie wollte weiter dorthin, so lange es irgendwie ging.

Im Winter wurde sie beerdigt. Ein kleiner Sarg wie für ein Kind; roter Überwurf, Kissen, Blumen. Andreas organisierte alles, trug den Sarg und, als alles vorbei war, weinte und wischte sich rotzverschmiert das Gesicht mit der rauen Handschuhhand.

Lass los, Junge! Sie hat genug gekämpft. sagte hinter ihm Dr. Löw, bald ebenso faltig, und legte die Hand auf seine Schulter.

Und Andreas ließ wirklich los. Als er die Augen wieder hob, brach die Sonne auf das Grab ein Lichtspot im winterlichen Nebel, als hätte ihn jemand extra auf Frau Zacharias gerichtet.

Sie ist fort murmelte Dr. Löw. Ruhe sanft, liebe Vera.

Nun begann die schönste Zeit im Leben der Klöners: gemeinsames Arbeiten, Klinik, Höhen und Tiefen. Danach kam Söhnchen Johannes. Also ab aufs Land.

Johannes brauchte Platz, Vitamine also Landluft.

Andreas räumte das Grundstück auf, isolierte das Häuschen, baute Bad, Maria richtete die Küche und Zimmer ein. Johannes sprang jauchzend unter den Bäumen, lachte so, dass die Nachbarn dahinschmolzen.

Die meisten Parzellen um sie standen leer die Alten kamen altersbedingt nicht mehr, viele hatten ihre Grundstücke verkauft oder aufgegeben.

Die Michels sind hier Fremde, hatten Grundstück und Haus abgekauft, renoviert. Im Verein nannte man sie “Schatzmeister”, nicht nur weil sie scheinbar viel Geld besaßen, sondern weil Herr Michel sofort in der Verwaltung saß, wichtig tat.

Maria, nach Geburt und mit müden Brüsten, kam kaum mit Johannes hinterher, der längst durch den Garten jagte. Und Annegret Michel thronte auf ihrer Veranda, schön, elegant, wie ein Werbebild mit perfekter Frisur, makelloser Haltung.

Man erzählte, sie habe als Kind rhythmische Sportgymnastik gemacht, daher die Haltung.

Annegret rauchte schon damals, ließ die blaue Wolke ausländischer Zigaretten durch einen Mundspitz ziehen es duftete viel angenehmer als das Juno, das Andreas für schlechte Nerven bunkerte.

So hätte man ruhig nebeneinander wohnen können, hätte Annegret sich nicht nach einer Untersuchung gesehnt sie klagte über hier und da Schmerzen.

Sie könnten nachher rüberkommen, Arzt draufschauen… bat Michel. Aber Maria sah, wie sie ihren Mann musterte mit gierig blitzenden Augen.

Es wäre besser, Sie kämen in die Praxis… Das hier ist nicht… stotterte Andreas, während Maria fest seinen Arm hielt.

Ach, ich kann keine Kliniken ertragen. Nein, ausgeschlossen! Nur bei mir, ich habe Sekt, Weintrauben und Musik. Und Sie, Maria, haben doch ein kleines Kind. Kommen Sie allein, Herr Doktor. Ich habe Schmerzen.

Andreas ging also rüber, untersuchte sie, fand nichts, bekam aber Sekt, Trauben, Wohlfühlstimmung.

Geh weg, Andreas. Du riechst nach ihr! verzog Maria die Lippen, als er zurück auf die Couch kam.

Womit denn? Du spinnst. Eigentlich müsste Madame Michel zu dir als Gynäkologin. Ich glaube zwar nicht, aber… vielleicht schaust du?!

Maria schnappte nach Luft. Er hat versprochen! Sie soll hin! Diese Wichtigtuerin!

Ich bin Ärztin, wenn sie will. Aber nicht zuhause. Bring Johnny ins Bett, ich arbeite noch! herrschte sie, setzte sich an den Tisch, schlug ein Buch auf. Bist ganz schön dreist, Andreas! Willst du dich scheiden lassen und ihr nachlaufen?!

Maria, was denkst du denn? Andreas sackte die Schultern, kam sich verloren vor. Versteh doch, Vera Zacharias hat immer gesagt, ärztlich mitfühlen, helfen… Annegret ist kompliziert, du kennst sie nicht…

Und du? Maria blitze ihn an. Du etwa?

Andreas schloss die Augen, hielt sich den Kopf, stöhnte, nahm Johnny auf den Arm und trug ihn nach oben.

Und Maria starrte ins Buch, verstand aber nichts.

Wieso war sie so aus dem Gleichgewicht? Respektierte Ärztin, klug, gebildet, doch plötzlich… Zweifel? An sich, an Andreas, an seiner Liebe. Eifersucht ein bitteres, rauschendes Gefühl. Maria glaubte, darüber zu stehen, und doch…

Noch ein paar Mal schlich Andreas, verlegen den Kopf einziehend, zu Annegret. Sie lachte, kokettierte und prahlte: Andreas kennt mich ganz, immerhin als Arzt, fast wie Seelenverwandtschaft.

Maria wurde wütend. Andreas wurde rot, hustete, rauchte sein Juno; saß lange vor der Türschwelle, biss nervös auf die Unterlippe.

Einmal kam Annegret selbst vorbei, brachte Pflaumen. Wer braucht schon Pflaumen?!

Ach, Maria Viktoria! Ich dachte, Sie backen Kuchen? Ich kanns nicht, mochte euch eventuell helfen… stichelte Annegret.

Mitgebracht hatte sie den alten Hund Achim, struppig, träge. Er wich ihr nicht von der Seite, verteilte seinen Hundeduft Maria war genervt. Johnny wollte mit dem Hund raufen, ihn zerren.

Nehmen Sie ihn bitte raus! verlangte Maria.

Keine Angst, Achim tut keinem was. Nicht wahr, Dummerchen? Sie wuschelte ihm durchs Fell.

Maria warf Andreas einen bösen Blick zu; der zuckte nur. Zacharias hatte ihm Mitgefühl beigebracht.

Kranke Menschen sind wie Kinder, sagte Zacharias. Sie brauchen Liebe, Zuwendung. Höre zu, nicke aber ernsthaft. Keine Oberflächlichkeit!

Das nahm Andreas an. Aber Maria spottete, schimpfte, klagte über Michel.

Dann fuhr sie mit Johnny den August zu Tante nach Freiburg, sprach mit Andreas nur zum Kind, lud ihn nicht ein.

Eifersucht.

Was aber machte Andreas?

Er schloss die Laube, arbeitete in der Klinik, schrieb abends Diss.

Auch Annegret war weg, bekam einen Brief und reiste sofort ab, verabschiedete sich nicht mal.

Maria kam im September zurück, Johnny kam in die KiTa, die Routine Schichten, Nachtdienste, Brote auf dem Teller begann; Winter, Weihnachtsbaum, Frühling, Tulpen, betörende Sonne, tropfende Dachrinne…

Doch in diesem Frühjahr kaufte Andreas zwei Blumensträuße und brachte Pralinen zu irgendwem, war öfter spät.

Schämen solltest du dich! Andreas, ich kann nicht mehr. Sag die Wahrheit, dann lass uns scheiden! weinte Maria.

Andreas sah sie verratzt über die Zeitung hinweg an.

Maria, was redest du? Was soll das? Schon wieder Verdächtigungen? Konntest du nicht mal…

Mir reichts. Weißt du was? Wir gehen. Geh doch zu ihr! Sie rief gestern an! Deine Michel, forderte dich geradezu! Wie kannst du nur? Für gute Taten gibts keinen Dank?

Unter Tränen wollte Maria gehen, Andreas hielt sie fest.

Er drückte sie an sich beiden wurde auf einmal so warm, dass sie dachten, die Sonne läuft durch ihre Adern… und plötzlich war alles dunkel, weil sie die Augen schlossen.

Danach? Michel war wie vom Erdboden verschluckt; Maria erwartete ein zweites Kind, Johnny stellte endlos Warum?-Fragen, Andreas war jetzt Abteilungsleiter, er arbeitete sich auf, wollte werden wie Zacharias, wusste aber auch, er wurde ihren Schuhen nie ganz gerecht.

Die kleine Irina wurde geboren, wieder fuhren sie jeden Sommer aufs Land. Nur Michels Eltern kamen noch, über Annegret sprach niemand.

Und eigentlich hätte man Annegret vergessen können so vergingen Jahre, Enkel kamen, bis sie plötzlich doch auftauchte.

Frau Dr. Maria! Maria! Muss man sich immer verstecken? Komm rein! Ich habe frische Pomade und Marshmallows aus dem Laden! Komm rüber!

Da stand sie, Annegret wieder im italienischen Hut, winkte, der Ärmel ihres Drachenmorgenmantels wehte wie eine Fahne. Ein struppiger Hund saß zu ihren Füßen zwar ein anderer, aber wieder ein schnaufender.

Widerwillig zog Maria die Gardine auf, nickte und winkte zurück.

Abends gingen Maria und Andreas rüber. Felix blieb mit Johannes und Hammer beim Tor.

Bei Michel war alles wie früher Sekt, Trauben, Glanz und Gloria.

Nur in den Augen fehlte der junge Esprit, das Spiel. Die Haut an ihrem Kinn war schlaff geworden, ihre Hände zerbrechlich, die Ohrläppchen von schweren Ohrringen langgezogen.

Schön, dass wir uns sehen, Nachbarn, begann Annegret, nachdem alle saßen. Das wollte ich unbedingt schaffen. Ich hatte Angst, keine Zeit mehr zu haben.

Übertreib nicht, bis September ist noch Zeit… brummte Klöner.

Ach, Andreas. Ich danke dir für meinen kleinen Flirt, den du nie zugelassen hast, Annegret zuckte kokett mit den Schultern. Du bist Granit gewesen. Und danke dir, Maria. Ich verstehe es nicht, ich wollte dir doch deinen Mann wegnehmen. Nicht aus Liebe ich war neidisch, dass du hast, was mir fehlte. Aber du hast mir geholfen. Warum?

Ernst schaute sie Maria an.

Das war meine Pflicht! Ich kannte deine Krankenakte, Andreas hatte sie einmal auf dem Schreibtisch liegen lassen… Ich kann helfen, also tu ich es. Punkt! sagte Maria, streng.

Ja, sie hatte Annegret damals einen Termin bei ihrem Kollegen Borowski verschafft, Onkologe, von Andreas Mutter als Arzt für furchtbare Krankheiten bezeichnet. Er ließ Annegret nicht mehr raus, bestand auf Therapie, führte die OP selbst durch, pflegte sie aufopfernd. Vielleicht hätte sie ihn geheiratet, hätte Andreas damals nicht die missglückten Tulpen vorbei gebracht…

Wie, Maria, du hast sie zu Borowski geschickt? wundert sich Andreas. Und jahrelang dachte ich, ihr hättet euch nur gehasst!

Noch immer hassen wir uns! lächelt Annegret. Freunde werden wir wohl nie. Den Gockel teilen wir nicht, oder Maria?

Maria Viktoria wurde kurz streng, dann lachte sie.

Kommt, lasst uns Tee trinken! Andreas, hol den Samowar, wenn du schon von so vielen Damen umzingelt wirst! So ein alter Charmeur! grinste sie. Und teilen lässt du dich wirklich nicht…

Gut, dass Annegret sich damals behandeln ließ. Gut, dass Borowski ihr das Leben rettete. Und dass sie Yvonne bekam, ihre Tochter, die als hätte ihr Gesicht von Borowskis Mutter geerbt, doch Annegret schwört, es sei nicht Borowski. Egal Hauptsache, Yvonne ist da, das hätte ganz anders ausgehen können. Gut, dass Zacharias Andreas in Fürsorge schulte, ihn lehrte, mit den Patienten zu leben.

Ach, Floskel! winkte damals Dr. Löw ab. Wir sind Ärzte, keine Pfarrer.

Und gerade deshalb, mein Lieber! Arzt sein heißt, für Seele und Leib sorgen. Wie eine Mutter für ihr Kind, sagte Zacharias. Mit Gefühl wird das Kind gesund. Wer nur desinteressiert verwaltet, der bleibt nutzlos.

Sie hatte recht. Andreas begriff.

Ach, Maria, Borowski hat dich nur lange von Andreas getrennt! winkte Maria ab, nahm Annegret an die Hand. Gut, dass du da bist, Annegret. Ich hatte mir wirklich Sorgen gemacht…

Sie log nicht. Andreas und sie waren zusammen durch Höhen, Tiefen, kalte Angsthöhlen der Hoffnungslosigkeit gegangen, halfen und stützten sich. Und Annegret? Sie hat alles allein geschafft, zog Yvonne groß, führte ein wildes Leben, lachte dem Tod ins Gesicht.

Für einen Moment war Andreas, als stehe Frau Zacharias mit ihrem kleinen, runzligen Körper am Tor und lächle. Sie hat einen guten Menschen hinterlassen, auch wenn dieser manchmal leichtsinnig war.

Hätte Andreas widersprochen, hätte Vera Zacharias wohl geantwortet: Weil du mit dem Kohl redest! Weit habt ihr’s gebracht! hätte die Brauen gefaltet. Reiß dich zusammen. Aber ein liebes Wort tut jedem gut… Und Ertrag wird’s geben!

Jawohl! murmelte Andreas jetzt, riss sich aus den Gedanken.

Er war fast eingenickt und jetzt wieder in seinem Garten. Da war Maria mit einer Tasse Tee, Annegret, müde, aber stolz, auf dem Sofa, der alte Hund auf den Fliesen, Enkel Felix, Sohn Johannes kurzum: das Leben. Und Maria ist und bleibt die Schönste. Die Ernte der Klöners wird prächtig, weil Andreas mit Liebe tut, was er tut. Und das ist und bleibt die wichtigste Lektion, die mir mein Leben lehrte.

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Homy
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