Verantwortung für das eigene Schicksal übernehmen

Verantwortung für das eigene Schicksal

Anke stand am Fenster des Lehrerzimmers und ließ ihren Blick gedankenverloren über den Schulhof schweifen. Schüler eilten den gepflasterten Weg entlang: Einige lachten ausgelassen, die Köpfe in den trüben Hamburger Himmel gereckt, andere diskutierten gestenreich und hitzig oder schienen ganz in ihre Handys vertieft, abgeschottet vom Rest der Welt. In Ankes Kopf drehten sich immer wieder dieselben Gedanken im Kreis Gedanken, die sie nun schon seit vielen Tagen quälten, ihr die Konzentration raubten und sie nicht zur Ruhe kommen ließen.

Mechanisch strich sie mit der Hand über die Fensterbank und wischte eine unsichtbare Staubschicht weg. In der Luft lag der vertraute Geruch von Kreide und alten Schulbüchern, ein Duft, den sie seit ihrer Kindheit kannte, der sie jedes Mal unmittelbar zurück in eine andere Zeit versetzte. Wie oft war sie selbst als Schülerin durch diese Flure gelaufen, aufgeregt in neuen Halbschuhen? Wie oft hatte sie so hier am Fenster gestanden und vom großen Leben geträumt, sich mal als berühmte Schauspielerin, mal als tapfere Weltreisende oder geniale Wissenschaftlerin vorgestellt Doch die Träume waren verweht wie Sand zwischen den Fingern. Übrig geblieben war das Geografie-Zimmer, Berge von Heften zum Korrigieren und der tägliche Trott.

Na, Ankechen, hängst du schon wieder den Gedanken nach?, erklang hinter ihr die Stimme von Gisela, ihrer Kollegin und Freundin seit Studienzeiten. Immer noch wegen Lukas?

Anke wandte sich um und rang sich ein Lächeln ab gezwungen und bemüht.

Ach, nein, ich grüble nur so, entgegnete Anke, bemüht gelassen, aber ihre Stimme klang brüchig. Das Wetter macht mich mürbe schon wieder so grau.

Gisela trat an die Fensterbank und schaute sie prüfend an. Ihr Blick schien durch Anke hindurchzusehen, zu erkennen, was sie vor sich selbst verbergen wollte: die Angst, den Schmerz, die still nagende Enttäuschung.

Ach komm, das Wetter ist nicht das Problem, das weißt du selbst, sagte Gisela sanft. Dein Sohn ist doch längst erwachsen. Er entscheidet jetzt selbst.

Ja, genau das ist es ja, seufzte Anke eine Mischung aus Traurigkeit und Ratlosigkeit lag in ihrer Stimme. Er entscheidet selbst. Ich war überzeugt, dass ich wüsste, was das Beste für ihn ist. Ich dachte, ich könnte ihn bewahren zumindest vor den Fehlern, die ich gemacht habe

Sie wandte sich wieder dem Fenster zu, damit Gisela die Tränen nicht sah, die plötzlich in ihren Augen brannten und sich anschickten, über die Wangen zu rollen. Vor ihrem inneren Auge flackerten die Bilder: Lukas Blick, als er ihr eröffnete, er würde sich exmatrikulieren lassen. Wie er da in der Tür zur Küche stand, groß und breit, längst kein Kind mehr, das sich abends mit Märchen ins Bett kuscheln ließ.

Auf ihr Drängen hin hatte Lukas mit Bestnoten einen Studienplatz in Jura in Hamburg ergattert auf Kosten des Staates, was ohnehin vielen ein Rätsel war. Anke war stolz gewesen, überzeugt, das sei ihr Verdienst: Ihr stetiges Zureden, all die Gespräche über die Sicherheit des Berufs, ihre Unterstützung, ihr Glaube an ihn das alles hatte Lukas doch erst ermöglicht, solch einen Weg einzuschlagen. Den ersten Kurs absolvierte er mit glänzenden Noten. Die Professoren lobten ihn, sie war stolz, umarmte ihn oft und sagte:

Siehst du, ich habs dir gesagt! Aus dir wird einmal ein toller Jurist. Das Leben führt dich ganz selbstverständlich dahin!

Lukas nickte, doch sein Blick blieb fern, schien in eine andere Welt zu gleiten. Er arbeitete fleißig, erledigte alle Aufgaben, bestand Prüfungen mühelos aber nie war jener Funke zu spüren, der Menschen antreibt, wenn sie für etwas brennen. Anke verdrängte ihre Zweifel und suchte Ausreden: Es ist eben das erste Studienjahr anstrengend und neu. Mit der Zeit kommt die Begeisterung, ganz sicher. Sie wollte daran glauben.

Der Sommer wurde unerträglich heiß. Die Straßen Hamburgs flimmerten in der Hitze, der Asphalt war weich, und in den Wohnungen staute sich die Schwüle es fühlte sich an, als müsste man gegen eine zähe Masse anatmen. Anke merkte, wie ihr nicht nur die Luft, sondern auch die Leichtigkeit fehlte zwischen ihr und Lukas hatte sich eine elektrisierte, angespannte Stille ausgebreitet, die mit jeder Woche greifbarer wurde; in den Pausen beim Abendbrot, zwischen gestressten Fragen und ausweichenden Antworten.

Nach dem letzten Examen kehrte Lukas eines Abends heim, sein Gesicht ernst, fast entschlossen. Anke stellte gerade einen Nudelsalat auf den Tisch, als sie seine Präsenz im Türrahmen spürte. Sein Blick war klar und fest, ungewohnt sicher.

Mama, ich lasse mich in Jura exmatrikulieren und bewerbe mich für ein VWL-Studium, sagte er sachlich, ohne Zögern.

Wie bitte? Du kannst das nicht einfach! Du hattest so hervorragende Noten! Ich habe allen Nachbarn erzählt, wie fleißig und klug du bist!

Ich weiß, Mama, setzte Lukas sich ihr gegenüber und erwiderte ihren Blick. Aber Jura ist nicht meines. Ich habe es getan, weil ich es immer zu Ende bringe aber ich kann mich dafür einfach nicht begeistern.

In Anke stieg die Verzweiflung auf, vermischt mit Wut. Sie legte das Messer beiseite, richtete sich auf und sagte eindringlich:

Du kannst doch nicht alles umstoßen. Du hast so hart dafür gearbeitet! Ich weiß wirklich, was gut für dich ist. Ich will lediglich, dass du nicht die gleichen Fehler machst wie ich. Als ich jung war, hat mir das niemand erklärt jetzt stecke ich hier fest, unterrichte Geografie, obwohl es mir nichts bedeutet… Du sollst es besser haben!

Sie sprach auf ihn ein, als könnte sie all ihre geplatzten Träume und Hoffnungen an ihn weiterreichen. Niemals hatte jemand sie wirklich an die Hand genommen Ihre Eltern waren abwesend gewesen.

Aber es ist mein Leben, Mama und wenn ich einen Fehler mache, ist es eben meiner. Volkswirtschaft interessiert mich ich habe bereits Programme recherchiert, mit Studierenden gesprochen. Ich will meinen eigenen Weg gehen.

Anke ballte die Hände. Eine wilde Mischung aus Enttäuschung, Angst und Zorn loderten in ihr und plötzlich das leise Eingeständnis: Vielleicht hatte ihr Sohn recht. Sie sah ihn erstmals klar als erwachsenen Mann, bereit, Verantwortung zu übernehmen.

Du enttäuschst mich, hauchte sie gequält, die Stimme überschlug sich. Ich hab so viel in dich investiert

Aber es ist doch mein Weg, Mama. Ich trage Verantwortung und selbst, wenn ich falle, ist es meine Entscheidung. Genau das hast du mir doch beigebracht.

Als er die Hand auf ihre Schulter legte, war sein Griff fest und zugleich sanft.

Ich will glücklich werden. Nicht, weil du es sagst sondern weil ich selbst entscheide. Und wenn ich scheitere, probiere ich es noch einmal. Hast du mir das nicht beigebracht?

Anke sah ihn an, Tränen in den Augen. In seinen Zügen lag Ruhe, Standhaftigkeit keine Spur von Trotz. Ihr Sohn war jetzt erwachsen sie konnte seinen Weg nicht mehr steuern, nur begleiten.

In Ordnung, flüsterte sie, und in dieser Zustimmung lag Resignation und Loslassen die Anerkennung, dass er seinen eigenen Weg finden würde. Mach, was du für richtig hältst. Ich bin da. Egal, was kommt.

Lukas lächelte zum ersten Mal seit Langem ein ehrliches, befreites Lächeln. Er schloss sie in die Arme, und Anke spürte, wie sich der monatelang angestaute Druck zu lösen begann.

Danke, Mama, flüsterte er. Das bedeutet mir sehr viel.

Er verschwand in sein Zimmer, und Anke blieb noch in der Küche sitzen. Der Salat war längst kalt, aber plötzlich verspürte sie einen neuen Hunger keine körperliche Leere, eher eine Sehnsucht nach Freiheit, nach Möglichkeiten, nach dem Recht, selbst zu wählen.

Von da an sollte sich vieles wandeln aber nicht zu ihrem Schrecken. Lukas zog ins Wohnheim der Uni Hamburg, verdiente sich mit Nachhilfe in Mathe ein wenig dazu. Viel öfter als erwartet meldete er sich bei Anke, erzählte von seinem Studium, von neuen Freunden, von spannenden Vorlesungen. Seine Stimme klang gelöst, voller frischer Energie.

Eines Abends, während ihr Mann im Wohnzimmer NDR schaute und die kleinen Geschwister längst schliefen, setzte sich Anke an den Küchentisch, klappte ihren Laptop auf und tippte zögernd Volkswirtschaftliches Studium Hamburg ein, las sich durch verschiedene Programme, Möglichkeiten für Praktika, Zukunftschancen. Langsam begannen sich neue Gedanken in ihrem Kopf zu formieren und tief in ihr regte sich alte Neugier.

War es vielleicht ein Irrtum, an alten Vorstellungen festzuhalten? Vielleicht hatte Lukas recht vielleicht sollte man wirklich das tun, wofür man brennt. Ihr Leben als Geografielehrerin war nie von Leidenschaft geprägt gewesen, die Müdigkeit blieb. Doch vielleicht war es nicht zu spät für Veränderungen. Sie konnte ihrem Sohn zuhören und vielleicht an seinem Mut wachsen.

Am nächsten Morgen, nach langem Zaudern und Herzklopfen, rief sie Lukas an.

Hallo? meldete er sich, seine Stimme warm und erstaunlich vertraut.
Lukas, ich bins, sagte Anke, bemüht, unbefangen zu klingen, aber ein Zittern war nicht zu überhören. Ich wollte mich entschuldigen. Ich war ungerecht und habe dich unter Druck gesetzt. Es tut mir leid.

Eine kurze Pause quälend lang für Anke dann antwortete Lukas ruhig:
Danke, Mama. Und ich hätte es auch anders erklären können. Es tut mir leid, dass ich dich so verletzt habe.
Wollen wir uns treffen? Vielleicht einen Kaffee trinken?
Sehr gern, erwiderte Lukas sofort. Morgen nach der Vorlesung?

Sie trafen sich im Café Johannes in Eimsbüttel Anke saß am Fenster, bestellte schwarzen Tee und ein Stück Donauwelle; Lukas Lieblingskuchen als Kind. Als er kam, fiel ihr sein verändertes Wesen auf: Die Konturen im Gesicht markanter, aber aus seinen Augen funkelte noch dieselbe Wärme.

Schön, dass du gekommen bist, erwiderte Anke und lächelte sanft, so liebevoll, dass Lukas unwillkürlich inne hielt.
Weißt du, ich glaube langsam, du hast recht. Vielleicht zählt wirklich, was einem Freude macht. Ich habe mein Leben lang Geografie unterrichtet und nie das Gefühl gehabt, dass es das Richtige war.

Lukas lehnte sich vor, sein Blick offen und mit echtem Interesse.

Wieso soll es zu spät sein? Du bist noch jung. Willst du nicht eine Fortbildung machen, ein Hobby finden oder mal etwas Neues ausprobieren? Erinnerst du dich an deine Erzählungen über den Harz, damals als Studentin?

Anke wurde still, rührte gedankenverloren im Tee. Vor ihrem inneren Auge erwachten die alten Bilder wieder: Wanderungen durch das Gebirge, kühle Morgenluft, der Geruch von feuchtem Moos, das Gefühl, frei und lebendig zu sein.

Ja, sie lächelte nachdenklich. Wir sind damals zu Fuß fast zweihundert Kilometer gelaufen, nächtelang im Zelt, morgens vom ersten Sonnenstrahl geweckt. Damals fühlte sich alles grenzenlos an.

Lukas Augen leuchteten.

Siehst du? Du könntest Exkursionen organisieren, Schulwanderungen, vielleicht sogar einen kleinen Verein gründen. Mach doch aus deiner Leidenschaft ein Abenteuer für dich und für die Kinder.

Anke dachte kurz nach. Der Gedanke war fremd bisher bedeutete ihr Leben Routine, Verpflichtung, Funktionieren. Plötzlich erschien es ihr möglich, etwas Neues zu wagen.

Vielleicht hast du recht. Vielleicht kann man wirklich eine Veränderung anstoßen Sie musste sich selbst bei diesen Worten überraschen.

Wenn du ausprobieren willst, helfe ich mit. Ich recherchiere Routen, besorge Material, und du wirst meine Chefin, lachte Lukas und griff nach ihrer Hand. Danke, dass du mir zugehört hast, Mama.

Sie spürte Tränen, diesmal keinen Schmerz, sondern eine Mischung aus Dankbarkeit, Hoffnung und bittersüßer Freude als würde sie ein Stück Vergangenheit verabschieden. Sie drückte Lukas Hand fest.

Und verzeih du mir, dass ich dich so bedrängt habe. Ich wollte nur, dass du es besser hast heller, weiter als ich.

Ich weiß, sagte Lukas ruhig. Aber vielleicht können wir beide neu anfangen, du im Wald, ich an der Uni. Ein Team. Wir erzählen einander von Erfolgen und Krisen. Was meinst du?

Anke spürte, wie das Gewicht der letzten Monate von ihr abfiel wie Nebel, den die Sonne vertreibt.

Gern, sagte sie, nun aufrichtig und ruhig. Erzähl mir mehr von deinem Studium. Was lernst du da? Was reizt dich am meisten?

Lukas begann begeistert zu erzählen von Makroökonomie-Übungen, Gruppenarbeiten, Praktikumsideen und Zielen. Anke hörte zu und zum ersten Mal spürte sie, dass sie ihren Sohn wirklich erreicht, ohne Filter, ohne Angst. Sie entdeckte die Begeisterung in seinen Augen, hörte, wie er lebte für sein neues Studium.

Sie blieben lange, tranken noch einen Kaffee, aßen ein Stück Käsekuchen, sprachen nicht nur über Berufe, sondern über das Leben: Lieblingsfilme, Bücher, Träume. Und Anke wurde klar, dass sie ihrem Sohn wieder so nah war wie früher vielleicht näher als je zuvor. Dass es eben nicht zu spät sein musste für einen Neuanfang, dass das Leben in Hamburg auch mit Mitte vierzig Chancen bot.

Als sie aus dem Café traten, war die Sonne schon tief das Licht tauchte die Stadt in warme Orangetöne, und ein Hauch von Herbst, nassem Laub und flüchtigen Erinnerungen lag in der Luft. Lukas hakte sich bei ihr unter.

Ich bringe dich zur U-Bahn, schlug er vor, fürsorglich.
Danke, mein Lieber, sagte Anke und spürte Wärme in sich aufsteigen. Und weißt du was? Morgen spreche ich mit der Schulleitung über eine Arbeitsgemeinschaft für Schulausflüge. Vielleicht beginne ich mit Wandertagen in der Umgebung, zeige den Kindern, wie schön es hier ist.

Super! Ich schicke dir gleich noch ein paar gute Routen für Tagesausflüge. Es gibt tolle Strecken an der Elbe, sogar kleine Wasserfälle! Außerdem kenne ich eine tolle Seite, auf der die Hamburger Wander-Community Tipps austauscht.

Sie schlenderten nebeneinander her, und Anke spürte zum ersten Mal seit Jahren nicht Angst, sondern Hoffnung. Hoffnung darauf, dass sie und Lukas andere, offenere, ehrliche Beziehungen aufbauen konnten und vielleicht auch, dass sie selbst noch einen Teil ihrer alten Träume in das Jetzt retten konnte. Nicht für Prestige oder Erfolg, sondern einfach um innerlich zu leuchten. Zu leben, und zu teilen, was sie liebt.

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Homy
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Der Verräter tritt in Erscheinung