Leben nach der Scheidung
Alina, warum bist du nur so stur? Mamas Stimme klang, als würde sie einem kleinen, uneinsichtigen Kind die offensichtlichsten Dinge erklären. Diese typisch gönnerhafte Geduld, die mir jedes Mal einen Knoten in den Magen trieb. Sebastian ist doch ein toller Mann. Attraktiv, klug, verdient gut und besitzt eine Eigentumswohnung. Was willst du denn noch mehr?
Ich legte den Löffel, mit dem ich die Suppe umrührte, vorsichtig beiseite und hob den Blick zu meiner Mutter. Meine Finger zitterten leicht, ich versteckte hastig die Hände unter dem Küchentisch, damit sie es bloß nicht bemerkte.
Mama, er hat mich betrogen sagte ich leise und blickte ihr direkt in die Augen. Nicht einmal, nicht zweimal. Und nicht zufällig. Ich habe die Beweise gesammelt so viele, dass der Richter im Familiengericht keine Sekunde gezögert hat. Er hat uns keine Bedenkzeit eingeräumt! Verstehst du? Sogar ein völlig Außenstehender hat gesehen, dass unsere Ehe keine Rettung verdient.
Na und? Mama zuckte die Schultern und zupfte ihren geblümten Küchenschurz glatt, als wolle sie das Thema damit abtun. Alle Männer sind so. Merk dir: Ein guter Ehemann läuft einer wirklich tüchtigen Frau nicht davon! Du hättest an dir arbeiten sollen. Einen Pilateskurs belegen, öfter joggen, vielleicht den Haarschnitt ändern. Aber du du rennst direkt zum Anwalt!
Ich atmete tief durch und spürte, wie sich bleierne Müdigkeit in mir ausbreitete. Dies war schon unser zehnter Streit in den letzten zwei Wochen, immer der gleiche Ablauf. Nach der Scheidung war ich zu ihr gezogen meine eigene Wohnung, geerbt von Oma, war nämlich noch an Studenten vermietet. Ich wartete nur darauf, dass die ausziehen, damit ich mir endlich ein neues, freiheitlicheres Zuhause schaffen konnte einen wirklichen Rückzugsort, wo ich durchatmen konnte.
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Als die Klingel in der Diele laut und fordernd ertönte, wusste ich sofort, wer es war. Sebastian. Schon wieder. Mein Herz rutschte mir in die Hose und meine Hände wurden schlagartig feucht. Mama lud ihn immer wieder zum Essen zu uns nach Hause ein, als wollte sie meine Sorgen und meinen Widerwillen einfach ausblenden und meine Enttäuschung ignorieren.
Liebling, Sebastian ist da! rief sie mit einer beinahe kindlichen Freude aus der Küche. Komm doch rein, Sebastian! Der Tonfall war so herzlich, dass mir übel wurde.
Ich umklammerte meinen Löffel so fest, dass meine Knöchel weiß hervortraten. Schlagartig war da wieder dieser Kloß im Hals, die schwere Enge in der Brust.
Mama, ich will nicht mit ihm reden, murmelte ich und versuchte, meine Stimme ruhig zu halten.
Hat dich jemand gefragt? gab sie schärfer zurück als sonst, und für einen Moment veränderte sich ihre Miene, wurden die Züge hart. Das ist meine Wohnung, eingeladen wird, wen ich möchte. Solange du bei mir wohnst, gelten meine Regeln.
Tränen stiegen mir in die Augen, aber ich biss die Zähne zusammen. Stumm erhob ich mich, schubste beinahe die Teetasse um, ging an ihr und Sebastian vorbei, der sich gerade in der Diele die Schuhe auszog, und steuerte schnurstracks auf den Balkon zu. Der herbe Duft seines Parfums holzig, würzig stieg mir in die Nase und ließ einen Schauer von Abscheu über meinen Rücken laufen.
Alina, warte bitte! rief Sebastian, und seine künstlich besorgte Stimme machte es nicht besser.
Ich antwortete nicht. Öffnete ruckartig die Tür, trat hinaus und schlug sie hinter mir zu. Kalte Berliner Luft kroch unter meinen Pullover, biss mir in Nacken und Ohren, doch ich spürte sie kaum. Ich lehnte mich ans Geländer, verkrampfte die Finger, bis sie weiß wurden, und schaute hinüber zu den grauen Wohnblöcken, zu den spärlichen Fensterlichtern und dem hektisch durch den Regen huschenden Passanten. Irgendwo unten rumpelte die Müllabfuhr, hinter mir im Nachbarhaus lief ein Popsong eine unbeschwerte, leichte Melodie, die mich verhöhnte.
»Hoffentlich geht er bald wieder,« dachte ich, als ich mich in den dünnen Cardigan wickelte, der natürlich viel zu kalt war. Von drinnen klangen Stimmen herüber, Mama plauderte angeregt mit Sebastian, ließ das Besteck klirren, drehte den Wasserhahn auf, lachte als wäre nie etwas passiert, als würde ihre Tochter nicht gerade auf dem Balkon frieren und die Tränen ankämpfen.
Die Minuten dehnten sich endlos, quälend langsam. Meine Hände waren bald eiskalt, Ohren und Schultern zitterten, aber der Gedanke, jetzt zurückzugehen, war mir unerträglich. Ich atmete tief durch und versuchte mich auf den Berliner Stadtlärm zu konzentrieren Autos, die in der Ferne hupten, das Stimmengewirr, die Geräusche hinter Mauern. Alles, nur nicht an das Drama in der Küche denken.
Plötzlich quietschte die Tür hinter mir. Ich zuckte erschrocken zusammen. Sebastian trat hinaus.
Alina , blieb zwei Schritte von mir entfernt stehen, Hände in den Hosentaschen, den Kopf leicht schief gelegt, als wolle er mir direkt in die Seele sehen. Können wir nicht normal reden?
Es gibt nichts zu reden, sagte ich tonlos und fixierte die Wassertropfen, die sich auf den Nachbarbalkonen gesammelt hatten.
Hör doch zu , er machte einen Schritt auf mich zu, ich spürte seine Anwesenheit ganz körperlich und alles verspannte sich in mir. Ich habe meine Fehler eingesehen. Ich hab mich geändert. Gib uns noch eine Chance. Ich schwöre, diesmal wird alles anders.
Nicht mal eine richtige Entschuldigung hast du geschafft , konterte ich, Wut schwappte auf, heiß und fordernd. Du suchst nur nach Bequemlichkeit. Du willst nicht mich, sondern das vertraute Leben zurück. Du hast dich nicht verändert, Sebastian. Du willst alte Gewohnheiten zurück.
Aber ich meine es ernst, ich …
Es reicht, unterbrach ich ihn und war selber überrascht von meiner Entschlossenheit. Ich will keine Versprechen mehr. Ich will keinen Mann, der nicht treu sein kann, der seine Bedürfnisse über den Respekt zu mir stellt.
Ich zog an der Balkontür zu, verriegelt! Typisch Mutter.
Mama! rief ich und hörte meine eigene Verzweiflung heraus. Mach auf!
Nach einer Minute öffnete Mama die Tür, mit einem strahlenden Lächeln, als sei alles eitel Sonnenschein. Sie hatte immer noch ihren Schürze mit Kirschen an und stellte eine dampfende Tasse Kräutertee auf den kleinen Balkontisch.
Kinder, was macht ihr da draußen? Kommt rein, es gibt Abendessen. Pfefferminztee, Alina, wie du ihn liebst!
Ich rauschte an ihr vorbei, sah sie nicht einmal an, spürte, wie der Zorn mir die Kehle zuschnürte auf Sebastian, aber auch auf sie, die so schamlos in mein Leben hineinregierte, ohne Rücksicht auf meine Gefühle.
Mama, ich blieb im Flur stehen und schaute sie direkt an, bitte, hör auf. Ich will ihn nicht sehen. Ich will nicht, dass du ihn einlädst. Es ist mein Leben, ich bestimme, was mir guttut.
Ach Alina … Sie klopfte mir gönnerhaft auf die Schulter, und diese Geste fühlte sich fremd an. Männer machen Fehler. Eine kluge Frau vergibt und gibt noch eine Chance. Du bist einfach zu stolz. Du solltest nachgiebiger sein
Ich schloss die Augen, zählte bis zehn, während in mir alles brodelte. Ein Streit war zwecklos, wusste ich längst. Doch dennoch stiegen Tränen auf und erstickten jede Widerrede. Ich zog mich wortlos in mein altes Kinderzimmer zurück, schloss die Tür und saß eine Weile einfach reglos auf dem Bett. Die Luft war stickig, ich hatte das Fenster vergessen. Meine Hände zitterten, ich musste sie zu Fäusten ballen, nur um wieder Kontrolle über sie zu bekommen.
Aus der Küche drangen Gesprächsfetzen und ab und zu lachte Mama, so leichtherzig, als hätte sie vorhin nicht noch betont, dass es ihr Haus sei und sie machen könne, was sie wolle. Ihre Stimme klang siegessicher, als hätte sie einen kleinen Triumph errungen. Sebastian klang sanfter, doch ich erkannte diesen Tonfall süß und zugeschwollen, als spräche er zu einem störrischen Kind, nicht zu einer erwachsenen Frau.
»Wie kann dieser Mensch es wagen, hier aufzutauchen?« dachte ich und grub meine Nägel in die Handinnenflächen. Drei Kolleginnen hatte er sich in den sechs Monaten Ehe geschnappt, und das wusste ich nur, weil ich die Beweise fand. Wie viele waren es wirklich?
Eine gute halbe Stunde später fiel endlich die Wohnungstür ins Schloss. Auf dem Tisch in der Küche stand Mamas frischer Apfelstrudel, Vanilleduft und Minze lagen in der Luft. Für einen Moment war da nur Heimweh ich wollte mich einfach an den Tisch setzen, abtauchen und kurz Kind sein. Doch dann schüttelte ich es ab.
Nun sei doch nicht so eingeschnappt, sagte Mama und ihr Lächeln war jetzt nur noch Maske. Sebastian ist doch ein Guter. Er bereut, ehrlich. Ich habs ihm gesagt: Beweise Alina, dass du dich geändert hast.
Mama, ich lehnte im Türrahmen, spürte die raue Farbe an den Fingerspitzen, ich brauche niemanden mehr, der mir etwas beweist. Ich will, dass er wegbleibt! Bis meine Wohnung frei ist, will ich einfach Ruhe. Das ist doch nicht zuviel verlangt?
Du bist zu kompromisslos, Mamas Tonfall wurde ernst, ein Zug von Müdigkeit durchzog sie. Im Leben gibt es nicht nur Schwarz und Weiß. Klar, er hat Fehler gemacht. Machst du alles richtig? Vielleicht hättest du dich mehr bemühen sollen…
Mir stiegen heiße, brennende Tränen in die Augen. Es fühlte sich an, als würde jemand mein Herz in der Faust zerquetschen.
Also ist es meine Schuld? fragte ich heiser.
Nicht direkt, sie schaute plötzlich demonstrativ hinaus in die wachsende Dämmerung. In einer Beziehung tragen immer beide Verantwortung. Du bist vielleicht zu streng gewesen
Und er? Hätte er nicht einfach treu sein können? Nicht betrügen, nicht lügen, nicht hintergehen? Das ist doch keine Kunst…
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Mit unermüdlicher Beharrlichkeit tauchte Sebastian immer wieder auf wie ein Schatten der Vergangenheit. Mal stand er vor der Tür, wenn ich nur kurz den Müll wegbringen wollte, mit seiner gespielten reuigen Miene. Dann klingelte er und brachte Mozartkugeln die, die ich als Kind immer mochte.
Einmal kam er mit einem riesigen Strauß roter Rosen und einer Schachtel Kirschtorte. Die Blüten waren noch feucht, das Geschenkpapier funkelte.
Für dich, sagte er mit gesenktem Kopf, ganz ohne Anlass.
Ich betrachtete die Rosen, dann sein vertrautes Gesicht. Früher mochte ich seine Lachfältchen, jetzt sah ich nur noch die Müdigkeit und falsche Freundlichkeit, die nie seine Augen erreichte.
Danke, aber nimm die bitte wieder mit, sagte ich ruhig. Ich möchte nicht, dass du kommst.
Ich weiß, murmelte er, fast schon schuldbewusst. Aber ich kann dich nicht einfach vergessen. Du bedeutest mir einfach zu viel.
Hast du, verbesserte ich ihn. Früher.
Einen Moment rang er mit sich, dann nickte er und drehte sich langsam um.
Da trat Mama auf den Flur.
Sebastian, komm doch rein! rief sie fröhlich und viel zu laut. Alina, was steht der Junge draußen? Nimm schon die Blumen so hübsch, ich bin ganz neidisch!
Mama, er geht schon, sagte ich so ruhig wie möglich.
Ach was! rief sie und hakte sich bei ihm unter. Sebastian steifte zusammen, ließ sich aber von ihr in die Küche lotsen. Ich ließ sie allein, zog mich zurück und schloss die Zimmertür. Hinter mir hörte ich noch, wie Mama sagte:
Sie ist nur gekränkt, du musst Geduld haben. Am Ende sieht sie deine Bemühungen.
Ich stopfte mir die Ohren zu, aber die Stimmen krochen unweigerlich ins Bewusstsein. Ich griff zu meinem Skizzenblock, zog nervöse Linien, bis sie sich in einen Rhythmus verwandelten; Muster und Kurven, die meine Gedanken entwirrten.
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Monate vergingen. Endlich war die eigene Wohnung in Prenzlauer Berg frei. Ich schloss Freundschaften mit zwei Kolleginnen, wir gingen nach Feierabend ins Café am Kollwitzplatz und bald besuchte ich regelmäßig einen Yogakurs. Die Routine, die Gemeinschaft all das schenkte mir ein neues, sanftes Selbstvertrauen. Jeden Morgen stand ich im Baum, wurzelte in dieser neuen Realität, ließ die Vergangenheit ziehen.
Nach dem Unterricht blieb ich eines Tages noch etwas länger, irgendwann kam ich mit dem Kursleiter Henrik ins Gespräch. Er war älter, ruhig, freundlich, mit einer Warmherzigkeit, die ganz ohne Bewertung oder Druck auskam. Wir tauschten Nummern, trafen uns zum Kaffee und irgendwann auch häufiger.
Henrik war das Gegenteil von Sebastian. Keine großen Versprechungen, keine geschönten Worte. Aber er war da, wenn ich ihn brauchte. Er hörte zu, er schwieg, wenn ich nichts sagen wollte. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte ich mich sicher. Ich durfte einfach ich selbst sein nicht perfekt, nicht makellos, sondern einfach nur Alina.
Als ich meiner Mutter von Henrik erzählte, kam die Reaktion prompt und typisch:
Was macht er? Hat er ein eigenes Haus? Sie überschlug sich beinah vor lauter Fragen.
Yogalehrer. Studio direkt bei mir ums Eck, erklärte ich und blieb ruhig. Er wohnt auch in Prenzlauer Berg, zur Miete.
Nur das? Ihr Mund verzog sich, als hätte sie auf eine Zitrone gebissen. Kein Status, keine Sicherheiten? Willst du ewig zur Untermiete wohnen? Oder zieht er etwa zu dir? Willst du ihn durchfüttern?
Mama, das ist mir egal. Er ist zuverlässig, gutherzig und er behandelt mich mit Respekt. Das reicht mir.
Das hast du schon mal gehört … spottete sie. Du wertschätzt einfach nicht, was du hattest. Mit dir ist es immer kompliziert!
Ich atmete tief durch und ließ los. Für Mama bedeutete Glück: ein Mann mit Eigentum, ein Dienstwagen, ein gesellschaftlich angesehener Job; eine Frau hat demütig zu sein, zu vergeben, mit lächelnden Lippen zu dulden. Davon ließ sie sich auch nicht abbringen.
Mit Henrik wurde alles allmählich und stetig, wie ein Frühlingsbach. Viel reden, durch Berlin spazieren, gemeinsam kochen, träumen. Es genügte, dass er einfach da war und allmählich konnte ich wieder an ein anderes, besseres Leben glauben.
Nach einem halben Jahr hielt er um meine Hand an. Wir saßen auf einer Bank im Volkspark Friedrichshain, die ersten Blätter sprießten bereits, und Henrik drückte meine Finger.
Alina, bleib bei mir. Für immer. Willst du meine Frau werden?
Ich blickte ihn an, seine grünen Augen, warm und aufrichtig plötzlich war da Licht in mir.
Ja, flüsterte ich und lächelte so, wie ich lange nicht mehr gelächelt hatte.
Natürlich rechnete ich mit neuem Widerstand von Mama und so kam es auch.
Das wirst du noch bereuen, stand sie in der Diele, die Arme verschränkt und steif vor Trotz. Du ruinierst dir dein Leben!
Ich habe entschieden, Mama. Und ich bin glücklich. Reicht dir das wirklich nicht?
Nein, kam es hart und eisig. Du warst schon immer so stur. Aber du wirst es bereuen!
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Unsere Hochzeit war, wie wir es wollten: klein. Nur unsere engen Freunde, Henriks Eltern und eine kleine Runde in einem Café am Hackeschen Markt. Ich trug ein schlichtes Kleid, Henrik einen dunklen Anzug und eine schmale Krawatte. Der Moment, als wir uns die Ringe ansteckten, bedeutete Erlösung endlich durfte ich wählen, ohne Absolution einzufordern.
Mama kam natürlich nicht zur Feier. Stattdessen schickte sie einen Strauß weißer Lilien, umwickelt mit schwarzem Band und einer Karte: Ich hoffe, du besinnst dich. Lange starrte ich auf das Arrangement, dann stellte ich es in den Flur. Es tat weh, aber ich ließ es zu.
Doch das war nicht alles: Sie bat Sebastian, zur Feier zu erscheinen. Ich entdeckte ihn am Straßenrand, als Henrik und ich aus dem Standesamt kamen. Er stand bei seinem Audi, die Hände tief in den Taschen, und sah uns an ein Gemisch aus Bitterkeit und Verlorenheit im Gesicht.
Warum bist du hier? fragte ich ruhig. Keinerlei Panik, nur ein Rest Wehmut.
Deine Mutter hat mich gebeten, gab er zurück und zuckte hilflos mit den Schultern. Meinte, du solltest es dir noch mal überlegen. Dass du eh bald reumütig zurückkommst.
Meine Mutter redet viel, meinte Henrik, nahm meine Hand. Seine war ruhig und warm. Sie irrt sich aber auch oft.
Wenn du genug von dem Elend hast, ruf mich an, blaffte Sebastian noch. Ich stelle keine Bedingungen.
Und dann ging er. Mir blieb ein unangenehmer Beigeschmack, aber diesmal war ich standhaft.
Nach dem Fest planten Henrik und ich, in eine andere Stadt zu ziehen: Hamburg bot uns neue Jobs, Möglichkeiten, ein frischer Anfang für uns beide. Ich willigte ohne langes Nachdenken ein. Dort, wo niemand meine Vergangenheit kannte, würde ich alles so gestalten, wie ich es wollte.
Bevor wir umzogen, ging ich zu Mama, um mich zu verabschieden. Sie stand am Fenster, den Rücken zu mir, schaute hinaus, als sei ich nicht da.
Wir ziehen weg, sagte ich. Nach Hamburg.
Und? Ihre Stimme klang dumpf, weit entfernt. Das wird dir nicht helfen.
Doch, erwiderte ich, jetzt ruhig, ganz bei mir. Diesmal laufe ich nicht weg vor Problemen. Ich laufe meinem Glück entgegen. Du kannst gern Teil davon sein wenn du mein Leben respektierst.
Mama drehte sich scharf um, Wut und Enttäuschung kämpften um die Vorherrschaft in ihrem Blick.
Respekt? Und wofür bitte? Für einen Yogalehrer? Für ein Mietsloch in Hamburg? Sebastian hätte dir alles bieten können! Er hätte dir ein schönes Auto gekauft, in die Toskana gefahren! Nein, Alina, so einfach lasse ich das nicht durchgehen!
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Noch am gleichen Abend rief sie Henrik an. Ich packte gerade Geschirr, als sein Telefon klingelte. Ein Unbekannter, aber ich ahnte bereits, wer es war.
Henrik, mein Lieber, ihre Stimme war weich und süßlich. Ich mache mir solche Sorgen um Alina. Sie ist so sprunghaft. Dieser Umzug ist ein Fehler, sie wirds bereuen und dann ist es zu spät.
Henrik ließ sie geduldig sprechen.
Sie hat sich kaum von der Scheidung erholt. Im Grunde liebt sie Sebastian immer noch, sie ist nur zu stolz, es zuzugeben. Du bist ein Pflaster für sie, nicht mehr. Glaub bitte nicht, dass sie bleibt.
Frau Wirth, sagte Henrik ruhig. Ich schätze Ihre Sorge. Aber glauben Sie mir, ich kenne Alina sehr gut. Sie ist bei mir angekommen. Und ich verlasse mich auf sie.
Ach, mein Junge Nun lag Hohn in Mamas Stimme. Die Realität holt euch ein. In Hamburg wird sie niemanden haben außer dir, sie wird Heimweh kriegen. Glaubst du wirklich, sie bleibt bei dir?
Henrik atmete ruhig durch.
Ich denke, unser Gespräch ist hier beendet. Alina trifft ihre Entscheidungen selbst. Und sie hat sich für mich entschieden. Ich halte zu ihr.
Er legte auf, atmete zunächst tief durch. Ich war froh, dass er das alles mit einer Ruhe und einer Standhaftigkeit nahm, die ich so dringend brauchte. Das war Familie.
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Am Tag darauf fuhr ich noch einmal zu Mama. Diesmal brachte ich eine Dose selbstgebackener Butterkekse mit, die sie so mochte, und einen kleinen Strauß Gänseblümchen. Ein versöhnlicher Gruß, aber Mama empfing mich mit den immer gleichen Vorwürfen.
Willst du das nicht noch einmal überdenken? Bleib doch wenigstens einen Monat! Gönn dir etwas Zeit vielleicht bist du nur fertig mit den Nerven …
Ich habe mich entschieden, flüsterte ich, Wir haben eine Wohnung direkt am Stadtpark, mein Team habe ich schon kennengelernt, Henrik gibt Yogastunden … Es ist alles geregelt.
Und wer hat das alles eingefädelt? rief sie plötzlich und drehte sich zu mir, die Augen funkelnd. Er will dich nur an sich binden. Hier, mit mir und Sebastian, würdest du schnell wieder zur Vernunft kommen. Da draußen bist du ganz in seiner Hand.
Ich erstarrte. Das war so ein absurder Vorwurf, dass mir für einen Moment die Worte fehlten.
Glaubst du das wirklich? fragte ich ganz leise. Glaubst du wirklich, Henrik würde mich kontrollieren wollen?
Natürlich! Männer wollen immer bestimmen. Sebastian war wenigstens ehrlich. Henrik gibt nur den Toleranten.
Stop. Tränen brannten mir in den Augen. Ich kann nicht mehr, Mama. Immer redest du mir ein schlechtes Gewissen ein, immer ist es meine Schuld, nie darf ich einfach so leben, wie ich will.
Ich wandte mich ab, wollte gehen, da hielt sie mich am Arm fest, fast schmerzhaft.
Warte, diesmal klang sie wirklich gequält. Ich will doch nur das Beste für dich!
Das Beste ist das, was ich selber wähle, sagte ich und löste behutsam ihren Griff. Ich will mit Henrik leben. Und ich brauche Abstand, um wirklich glücklich zu sein.
Sie ließ meine Hand los, auf ihrem Gesicht lagen Schmerzen und Wut zugleich.
So also? flüsterte sie. Dann opferst du also deine Mutter für einen Mann?
Ich gebe dich nicht auf, Mama. Ich gebe nur deine Erwartungen an mich auf. Ich verlange, dass du mich so liebst, wie ich bin. Wenn du das nicht kannst, dann sollten wir eine Weile Abstand halten. Damit wir beide uns sortieren können.
Wie du willst, hauchte sie, drehte sich weg ans Fenster, und ihre Schultern bebten.
Ich blieb einen Moment stehen, schaute auf ihre ergrauten Strähnen, auf ihre Hand am Fensterbrett. Am liebsten hätte ich sie umarmt. Aber ich wusste, jetzt wäre das eine Lüge. Leise verließ ich ihre Wohnung. In der Tasche steckte mein neues Handy sie wird die Nummer nicht bekommen. Vielleicht, eines Tages, sprechen wir wie erwachsene Frauen. Aber jetzt brauche ich erst einmal Raum. Meinen eigenen.
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Heute mit Abstand auf diese Monate weiß ich: Mut bedeutet manchmal, seinen eigenen Weg zu gehen, auch wenn man sich dafür gegen Erwartungen und gegen die eigene Familie stellen muss. Ich habe gelernt, dass mein Glück nur von mir selbst abhängt und dass es kein Verbrechen ist, sich selbst zu retten. Nur so kann man irgendwann wirklich ankommen.





