Die Abschlussprüfung

Prüfung

Ich habs satt! Schluss jetzt! Wenn du nicht endlich aufhörst, mir das Gehirn weich zu kochen, gehe ich gar nicht erst zur Prüfung! Bleib einfach fern! Was willst du dann tun?! Hm?! Luisa feuerte ihren Rucksack in die Ecke des Flurs und riss sich die Mütze vom Kopf.

Ihre Mutter sagte kein einziges Wort. Schüttelte nur den Kopf, drehte sich um und verschwand in der Küche.

Luisa zog die Jacke aus und warf einen kurzen Blick auf den Abstellhaken. Eigentlich hätte sie sie ebenso mit Schwung in die Ecke werfen wollen aber sie hielt inne. Bedächtig hängte sie die Jacke ordentlich auf. Sie atmete tief durch.

Verdammt. Wieder gestritten. Und wie immer eigentlich ohne wirklichen Grund.

Warum muss ihre Mutter sich ständig einmischen mit Fragen, Ratschlägen, Kommentaren? Was denkt sie dass sie ein kleines Kind ist? Oder verrückt?

Natürlich weiß Luisa, dass sie heute Unterricht bei der neuen Nachhilfelehrerin hat. Sie braucht keine Erinnerung im Halbstundentakt!

Sie übertreibt. Mutter nervt nicht alle fünf Minuten. Sie hat nur gefragt, ob Luisa an den Termin mit der schon dritten dieses Jahr Nachhilfelehrerin für Deutsch und Geschichte gedacht hat. Aber mittlerweile stört Luisa jeder Versuch ihrer Mutter, über sie Kontrolle auszuüben jeder Versuch, der ihre Unabhängigkeit bedroht, löst scheinbar wie ein Reflex ihren Zorn aus, und sie schreit und explodiert auch dann, wenn es gar nicht nötig wäre.

Luisa wäscht sich die Hände und starrt ihr Spiegelbild über dem Waschbecken an.

Eine Schönheit bist du wirklich nicht! Pickel, Papas krumme Nase, Mamas struppiges rotbraunes Haar. Wie oft hat sie Mama schon gebeten, ob sie sich endlich die Haare färben darf? Aber ihre Mutter bleibt standhaft: Schönheit vergeht Charakter bleibt, du wirst noch dankbar sein!

Ach ja, klar… Wers glaubt. Alle tragen trendige Frisuren, und sie rennt mit Zöpfen herum wie im Bilderbuch. Zöpfe! Wer trägt denn noch Zöpfe, verdammt!

Sie grinst, als ihr der Tag einfällt, an dem sie die verhassten Zöpfe fast bis zum Ansatz mit einer stumpfen, alten Bastelschere abgeschnitten hatte, die sie in einer Kiste gefunden hatte. Sonst war keine andere da. Die stumpfe Klinge, das Ziehen an den Haaren, das Knistern. Fast fühlte sie schon Mamas entgeisterten Aufschrei: Luisa, warum?

Weils reicht! Genug! Ihr Leben, ihre Regeln sie macht, was sie will!

Alle sagen, man soll sich fügen. Aber warum sollte sie nach deren altmodischen Vorstellungen leben? Ihre Welt ist eine andere! Wie sollen die das verstehen? Damals die hatten ja nicht mal Internet! Wie haben die gelebt? Unerklärlich! Und woher weiß Mama, dass nur Bücherlesen oder Pauken das Leben weiterbringt? Ein Wisch am Handy, drei Sekunden, und da ist alles: Jede Information, jederzeit. Mama sagt zwar ständig, das sei nicht alles. Das Internet mache keinen Menschen, bringe kein echtes Leben. Aber woher will sie das wissen? Sie sollte mal ein paar Online-Kurse machen, wie man mit Teenagern umgeht würde ihr guttun!

Luisa pult an einem verkrusteten Pickel herum und verzieht das Gesicht. Gut, dass Mama grad nicht schaut da wär was los! Mama schleppt sie immer zu Ärzten und behauptet, dass Narben bleiben. Doch egal sie wird ja für ihr Inneres wertgeschätzt, nicht für ihr Aussehen. Wie soll sie das ihrer Mutter beibringen?

O Elternteil was für ein kaltes Wort. Sie hat Luisa zur Welt gebracht, klar. Aber das bedeutet nicht, dass sie Eigentum ist! Niemand hat das Recht, so mit ihr umzuspringen, wie es die Mutter tut!

Luisa zwinkert ihrem Spiegelbild zu.

Na, schmeckts, Mama? Hättest Sonja nicht zu den Nachhilfelehrerinnen schleifen sollen! Und das Jurastudium darauf kannst du später kommen! Sie weiß jetzt schon mehr über das Rechtssystem als ihre Eltern je werden. Die waren bei ihrer Scheidung so naiv, dass sie alles falsch gemacht haben.

Die Mutter keine Spur von Stolz, keine Ambitionen. Der Vater hat sie für jemand Jüngeren verlassen, die Mutter ließ ihn alles nehmen, wie er wollte. Klar, Luisa bekam die Wohnung der Oma, aber das ist ja auch normal ein Kind braucht ein Dach über dem Kopf. Der Vater zahlt Unterhalt für Luisa, und das wars! Und für die vergeudeten Jahre? Luisa hat genau mitbekommen, wie die letzten fünf Jahre abliefen keine kleine Maus mehr, wie der Vater sie einst nannte. Sie sieht und versteht alles.

Die stummen Blicke voller Bitterkeit, wenn Mutter das Essen aufstellt und die Gleichgültigkeit im tonlosen Danke des Vaters. Das Schlafsofa im winzigen Büro. Der Wecker, weil Mama nicht wollte, dass der Vater sie morgens dort schlafend erwischt. Die Erleichterung, als Luisa vierzehn wurde und selbst sagte: Ihr könnt euch trennen, macht doch Schluss reicht doch!

Ach, Erwachsene wie seltsam sie sind! Ihr ewiges Wir leben nur für dich! und Du bist unser Lebensinhalt!

Lüge! Jeder lebt für sich! Interessiert sich für die eigenen Wünsche. Und sie kann zig Beispiele nennen, dass es so ist selbst wenn es angeblich um ihr Wohl geht, handeln die Eltern doch egoistisch. Sie ist der Spielball in ihren Auseinandersetzungen.

Das zeigt schon die Wohnung immer noch im selben Haus, aber jetzt der andere Eingang, und etwas kleiner als früher. War mal eine Dreizimmerwohnung, jetzt eine etwas schicke Zweizimmerwohnung, gut eingerichtet. Das hat Mama bekommen aus Vaters Schuldgefühl gegenüber Luisa. Das Kind muss ordentlich wohnen! Wenn du gehst, dann sorg für dein Kind! Und er tat, wie sie wollte. Jetzt hat Luisa das große Zimmer viel mehr Platz als früher. Aber nicht aus Fürsorge, sondern damit der Streit um die Wohnung nicht noch Jahre weitergeht. Und sie dient als stummer Puffer zwischen beiden…

Luisa seufzt, greift dann doch zur Salbe, die der Hautarzt verschrieb. Nur, weil sie hilft, nicht weil Mama recht hat. Trocknet die Pickel aus heute muss alles gut aussehen.

Weil der Abend besonders ist. Weil… das Dach wartet.

Das Dach das hat für Luisa erst vor ein paar Monaten Bedeutung bekommen. Damals schrieb ihr Thomas, der Schwarm aus ihrer Stufe, von dem sie nie gedacht hätte, dass er sie überhaupt bemerkt: Spaziergang?

Sie dachte erst, es sei ein schlechter Scherz. Alle wussten im Jahrgang, dass sie heimlich auf Thomas steht. Aber sie war nie gemein, half oft anderen beim Abschreiben, rettete die Stimmung im Unterricht mit Zwischenfragen.

Müller, ich hatte Sie beim letzten Mal gefragt! Warum melden Sie sich schon wieder?

Ach, Frau Wagner, das Thema ist einfach spannend! Sagen Sie mal, war Bismarck in Ihren Augen ein Tyrann?

Frau Wagner, von allen gefürchtet, sprang auf den Köder ein und die Klasse atmete erleichtert auf. Keine Abfrage heute.

Als Luisa das Nachrichtenscreenshot ihrer besten Freundin Annegret zeigte, stöhnte die nur: Und? Wieso drehst du so ab? Geh hin, frag nach! Wir sind im 21. Jahrhundert, Luisa!

Luisa schwieg nur. Sie hätte nie die Worte für das Gefühlschaos gefunden, das in ihr tobte, als die Buchstaben endlich Sinn ergaben.

Sie ging zum vereinbarten Treffpunkt. Und ab dann begann ein neues Leben.

Das Dach ein altes, verlassenes Hochhausdach, vor allem bei Jugendlichen beliebt. Nicht besonders ungefährlich, das wusste Luisa. Aber jedes Mal, wenn Thomas ihre Hand nahm und flüsterte: Vorsicht, der Tritt! Pass auf!, raste ihr Herz. Und sie zählte im Kopf die Stufen.

Fünfzehn, sechzehn… Weiter! Zweiunddreißig, dreiunddreißig… Wovor hast du Angst? Er ist doch da.

Oben, auf dem Dach, hat Thomas sie das erste Mal umarmt. Einfach so, vor allen. Legte den Arm um sie, als wollte er der ganzen Welt sagen: Das ist meine Freundin.

Niemand widersprach, auch wenn ein paar Mädchen aus der Nachbarklasse sie schief anschauten. Thomas war schon immer beliebt, und nun war gerade sie an seiner Seite.

Dort, auf dem Dach, ihr erster Kuss…

Abends blieben sie mal allein, alle anderen waren ins Kino gegangen. Auch sie hätte gern den Film gesehen, aber Thomas drückte sanft ihre Hand, nuschelte ihr ins Ohr, dass sie zusammen ins Kino gehen würden bald. Ein anderes Mal, nur wir zwei. Da blieb sie und spürte schon, dass der Abend besonders werden würde.

So kam es. Noch heute träumt sie manchmal von seinem Luisa, ich mag dich wirklich… Ich kann sowas nicht gut sagen, aber es gibt niemanden wie dich… Darf ich…? Und dann diese sanften Lippen…

Luisa schloss wieder die Augen, als sie plötzlich das Kratzen an der Tür hörte: Luisa, du kommst sonst zu spät… Das Essen steht bereit…

Wut kochte in ihr hoch. Wie oft denn noch?!

Sie flitzte aus dem Bad, wie eine Furie. Ihr Gesicht erinnerte an eines dieser Internet-Memes von schreienden, geflügelten Damen total wütend:

Was willst du noch von mir?! Ich weiß alles! Hör auf mich zu nerven! Hast Papa schon vergrault? Jetzt ich dran? Dann bin ich eben bei ihm! Ich zieh aus! Verstanden? Lass mich!

Weiter kam sie nicht. Die Mutter seufzte seltsam zittrig und verpasste ihr eine schallende Ohrfeige.

Dann geh! Aber wenn du heute Abend zurück bist, vergiss nicht: Morgen steht die Deutsch-Klausur an. Schlaf dich aus…

Luisa war perplex. Ihre Mutter hatte sie noch nie geschlagen. Nie, nie in ihrem Leben. Klar, sie hatte es verdient. Aber es war ein Schock, dass die Mutter offenbar nicht mehr alles hinnimmt.

Doch kampflos aufgeben? Das lag nicht in Luisas Natur. Rucksack, Jacke, Kopfhörer als sie die Wohnung verließ, zögerte sie, die Tür richtig zuzuknallen. Nein, sie will nicht, dass Mama denkt, sie sei völlig hysterisch.

Luisa rannte aus dem Haus, checkte die Zeit. Gut eine Stunde für Hin- und Rückweg, eine Stunde Nachhilfe. Mit Thomas könnte sie sich frühestens um sechs treffen. Perfekt. Zeit auf dem Dach Mama kann sich abkühlen und sich sorgen. Ihr schadet ein bisschen Unruhe nicht. Papa geht ja sowieso selten ans Telefon, also hat Luisa Zeit, Thomas alles zu erzählen. Vielleicht weiß er Rat? Bei ihm daheim läuft alles so anders! Er hat seine eigene Kreditkarte (natürlich mit Limit), kauft die besten Klamotten, aber die Eltern lassen ihn machen. Seine Mutter arbeitet viel, sein Vater sagt, mit sechzehn solle man selbständig die Zukunft planen. Arbeiten gehen, für Klausuren üben alles liegt bei ihm. So vernünftig so etwas wünscht sie sich auch.

Nicht wie bei ihrer Mutter…

Gerade als Luisa beim Haus der Nachhilfelehrerin ankam, rief ihr Vater an.

Sag mal, was ist bei euch wieder los? Mama meint, du willst zu mir ziehen?

Ach Papa, hör auf! Eure Probleme interessieren mich doch nicht. Deine neue Frau kriegt bald ihr Baby und ich? Soll ich den Nachwuchs hüten? Ich hab selbst genug zu tun!

Aha. Zoff dich nicht mit Mama. Sonst dreh ich dir den Geldhahn zu, kapiert?

Deswegen mag ich dich, Papa klare Ansagen! Habs verstanden.

Gut so. Und hör auf, deiner Mutter das Leben schwer zu machen. Sie hat das nicht verdient.

Tuut, tuut. Er hatte aufgelegt. Luisa verzog das Gesicht.

So sind sie immer: Streit untereinander aber bei ihr ziehen sie am selben Strang. Komisch, diese Erwachsenen.

Die neue Nachhilfelehrerin war nicht nach Luisas Geschmack. Als sie ein bisschen über Sprachbilder diskutieren wollte, zuckte sie nur die Achseln und gab ihr ein Buch, markierte ein paar Kapitel, die sie bis zum nächsten Mal lesen sollte. Erst war Luisa eingeschnappt, bis sie merkte, dass sie von den Beispielen tatsächlich lernen konnte. Dumm dastehen das wollte sie nie. Thomas ist klug sie konnte da nicht hintenanstehen. Mädchen sollen eigenständig und intelligent sein, das wiederholt jedes YouTube-Video. Selbstständigkeit kann sie noch nicht beurteilen, aber klug werden das ist eine Frage des Willens. Da hat Mama vielleicht mal recht. Die hat nämlich auch trotz allem ein Fernstudium gemacht, während sie auf die Scheidung gewartet hat.

Mama hatte das Studium direkt nach Luisas Geburt abgebrochen. Anfangs nur beurlaubt, dann war alles zu viel, sie verzichtete aufs Studium. Luisa war immer krank, es gab keine Omas mehr. Kita blieb für Luisa eine Qual: komisches Essen, nervige Kinder, keine warmen Umarmungen von Mama. Papa meinte mal: Du lässt sie nie los, das ist gefährlich. Sie muss lernen, alleine zu sein.

Als Luisa in die zweite Klasse kam, organisierte Mama, dass die Nachbarin sie aus der Betreuung abholte, kehrte ins Fernstudium zurück und fing an zu arbeiten.

Das war gut so. Sonst würde sie jetzt nur auf die Centstücke schauen und auf alles wütend sein. Jetzt hat sie einen kleinen eigenen Betrieb, dekoriert Festsäle. Luisa mochte Mamas Arbeit. Irgendwie schön und weiblich. Doch auf der Arbeit war Mama eine andere: Chefin, bestimmt, energisch. Da bewunderte Luisa sie und wünschte sich diese Stärke selbst.

Und trotzdem Mamas Kontrolle ist zu viel. Da hat Papa recht. Das nervt. Luisa hat sich durchgesetzt, dass Mama nur nach Anklopfen kommt, aber sie schafft es trotzdem, alles zu überwachen nicht durch Drohungen, sondern mit ihrer ruhigen Art:

Luisa, wie läufts heute? Was steht an? Hunger?

Diese Fürsorge macht sie wahnsinnig. Manchmal will Luisa einfach nur schreien:

Lass mich! Ich bin schon groß!

Das macht sie auch. Tritt vor Wut auf, schreit, und Mama nimmt es als Laune hin.

Luisa hetzt vom Nachhilfeunterricht zum Treffpunkt mit Thomas und träumt davon, in seinen Armen alles zu vergessen: Eltern, Prüfungen, all den Mist. Sie will einfach nur leben statt sich mit Sorgen erdrücken zu lassen.

Am Schultor, ihrem üblichen Treffpunkt mit Thomas, ist er nicht. Sie wartet, aber er kommt nicht. Er geht auch nicht ans Handy sehr untypisch. Etwas ist faul.

Sie steigt allein die Treppen zum Dach hoch. Merkwürdigerweise ist ihr heute flau zumute. Bisher ist sie immer mit Vorfreude hochgestürmt, Thomas warme Hand festhaltend. Heute zittern die Beine.

Der Wind auf dem Dach ist rau, es ist still.

Niemand ist da…

Luisa ist schon im Begriff zu gehen, kramt nach dem Handy, um die Taschenlampe zu aktivieren es dämmert schon. Da raschelt es am Rand des Dachs ihr Herz stockt. Sie erstickt beinahe einen ängstlichen Aufschrei dann erkennt sie die Silhouette.

Thomas…

Er sitzt am äußersten Rand, Beine baumelnd, Schultern herabgesackt. Luisa spürt, wie ihn Schmerzen drücken, so schwer, dass er fremd wirkt. Als ob etwas Schlimmes geschehen wäre.

Angst gibt ihr Kraft. Sie stellt behutsam den Rucksack ab, geht langsam auf ihn zu.

Hi…

Sie setzt sich, mit etwas Abstand, neben ihn. Ihr Herz klopft. Sie wagt nicht, nach unten zu sehen die Dunkelheit verschluckt alles. Höhenangst aber sie bleibt, sie bleibt für Thomas.

Du frierst…

Hm? Seine Stimme klingt tonlos, der Blick leer wie nie.

Und plötzlich versteht Luisa zum ersten Mal, wovor ihre Mutter sich fürchtet, wenn sie ihr nicht mehr erreicht. Diese Urangst, den zu verlieren, den sie liebt…

Sie nimmt Tommys eiskalte Hand.

Wie gehts dir…?

Sie hört sich selbst wie ihre Mutter reden. Gleiche Tonlage. Gleiche Bitte: Sag mir, was dich belastet ich will doch nur helfen!

Schlecht…, er antwortet kaum hörbar, drückt aber ihre Hand.

Etwas ist passiert.

Keine Frage eine Feststellung.

Ja.

Willst dus mir erzählen? Ich weiß, wir kennen uns noch nicht ewig, aber vielleicht hilfts ja.

Thomas schaut sie mit einem Blick an, der sie frösteln lässt.

Findest du, wir sind nicht eng?

Du hast mich falsch verstanden! Ich meine, du bist mir total wichtig, ich weiß nur nicht, ob du das genau so…

Luisa, ich hab niemanden außer dir. Niemanden.

Luisas Herz setzt aus. So schnell, so laut, dass Thomas es hören müsste.

Wie, niemanden? Deine Eltern…? fragt sie, eher wie im Reflex.

Thomas zuckt zusammen, schüttelt den Kopf.

Halte mich fest! Oder stoß mich runter wie sie es getan haben!

Wer…?!

Die, die ich Eltern nannte! Sie sinds nicht! Heute… hat mir meine Mutter die Papiere in die Hand gedrückt, und mir gesagt, wie ich zu ihnen kam. Luisa ich bin adoptiert! Verstehst du? Ganz. Ich ahnte es immer. Und jetzt weiß ich, dass ich ein Leben gelebt habe, das nicht meins war, sondern jemand anderem gehört hätte! Ich habe jemanden ersetzt, Luisa!

Er schreit. Luisa hält seine Hand so fest wie möglich, spürt die Panik, dass er gleich springt.

Und sie weiß Thomas kokettiert nicht. Hinter der Fassade steckt kein Superheld, sondern ein zutiefst verletzter Mensch. Sie sieht es und schämt sich plötzlich für ihre Wut, für all die Rebellion gegen ihre Eltern und das vermeintliche Unrecht.

Was eigentlich Unrecht ist, weiß sie jetzt selbst nicht mehr. Ihr Versuch, die eigene Erwachsenheit zu erkämpfen, wirkt so leer gegen die ernste Not von Thomas, der von jetzt auf gleich sein ganzes Leben in Frage stellen muss und ihr wird klar, wie viel Unterstützung sie im Hintergrund trotzdem immer hatte.

Thomas, ich hab Angst! Die Tränen laufen jetzt, und das bringt ihn wieder zu sich. Er nimmt sie in den Arm.

He, was ist los? Er zieht sie an sich, fest wie nie.

Bitte nicht! Geh nicht! Selbst wenn sie dich verstoßen haben… zwischen uns bleibt alles, wies war! Für mich gibts niemand Wichtigeres als dich, Thomas!

Ich bin nicht Thomas…, murmelt er dumpf. Luisa blickt verzweifelt durch ihre Tränen.

Wie?

Ich hieß früher Daniel. Und hatte einen anderen Nachnamen.

Ist doch egal! Mir ist egal, wie du heißt! Du bist du. Das weiß ich, und das reicht.

Aber alle werden das nicht egal finden… Luisa, was soll ich machen? Wohin soll ich gehen?

Kannst du nicht nach Hause? Haben sie dich rausgeworfen?

Nein. Mama hat geweint, wollte, dass ich bleibe. Aber der Vater… ich hab ihn geschlagen…

Warum?

Er wollte mich einsperren, mich aufhalten. Schrieb, ich verstehe nichts…

Und? Ist alles wirklich klar? Bist du sicher, dass du an alles gedacht hast?

Was meinst du?

Warum haben sie es dir ausgerechnet jetzt gesagt?

Seine Verzweiflung schwingt um, der Ton wird suchend.

Das weiß ich nicht…, flüstert er.

Endlich. Die Hoffnung ist zurück. Er stellt Fragen statt nur im Abgrund zu hängen.

Willst du, dass ich mitkomme?

Wohin?

Zu ihnen. Sie sollen dir sagen, warum sie es jetzt gesagt haben. Danach wenn du willst, kommen wir zurück, und du tust, was immer du willst. Ich halte dich nicht auf.

Thomas schaut sie lange an. Dann zieht Luisa ihn vom Rand weg.

Komm, wir gehen.

Er schwingt die Beine zurück aufs Dach, folgt ihr zögernd zur Treppe.

Ich bin ein Feigling…

Blödsinn!, ruft Luisa und lacht beinahe. Da würde jeder verrückt werden!

Sie stolpert, Thomas fängt sie auf.

Vorsicht!

Du solltest das sagen, hm?, witzelt sie, schnappt nach seiner Hand, knipst die Taschenlampe an. Los, wir haben noch viel zu tun.

Dieser Abend brennt sich in ihre Erinnerung.

Das Gespräch mit Daniels Eltern schwer, tränenreich. Die Wahrheit: Sein Vater kommt aus dem Gefängnis, will plötzlich den Kontakt. Die Frau, die Daniel großzog, hatte ihn nach dem Tod seiner leiblichen Mutter aufgenommen, als Baby, aus purer Liebe für das Kind der besten Freundin.

Meine leibliche Mutter…

Ja, Daniel, sie… das war dein Vater.

Und jetzt will er…

Er will dich sehen.

Ich will ihn nicht sehen.

Das ist dein gutes Recht. Wir unterstützen dich.

Sie reden und reden. Und Luisa begreift, dass sie und Thomas nie wieder aufs Dach gehen werden das Dach, der alte Zufluchtsort, ist Geschichte.

Als Luisa nach Mitternacht heimkommt, schließt sie leise die Tür auf, steht im Dunkeln in der Küche. Am Fenster: die Mutter wach, wartend. Luisa legt die Arme um sie, drückt die Stirn ans vertraute Haar, atmet die geliebten Parfümwolke ein. Und dann flüsterte sie das eine Wort, das neuen Mut schenkt und alles Unwichtige vertreibt:

Entschuldigung…

Und fast gleichzeitig kommt die weiche, warme Antwort zurück, für die es keinen Ersatz gibt:

Und ich dich auch… Hunger?

Nein, Mama. Weißt du, ich glaube, heute hab ich meine wichtigste Prüfung bestanden…

Welche denn, Luisa? Die echten Prüfungen sind doch noch nicht…

Die allerwichtigste, Mama. Ich erzähle es dir… irgendwann.

Warum nicht jetzt?

Weil ich morgen Klausur schreibe und schlafen muss…Luisa lächelt. Die Müdigkeit in ihren Knochen ist plötzlich nicht Last, sondern Wärme. Sie streicht ihrer Mutter, die jetzt nur noch atmet, als wollte sie all das Ungesagte auffangen, sanft über den Rücken.

Gute Nacht, Mama. Und danke, dass du immer wartest.

Sie zieht sich ins Zimmer zurück, klappt das Fenster auf. Kühle Nachtluft streicht herein, trägt den entfernten Duft von Straßenlaternen, von Leben draußen, das weitergeht, egal wie stürmisch es im Inneren zugeht. Sie legt sich ins Bett, lässt das Handy ausgeschaltet morgen früh wartet genug Welt.

Im Halbdunkel tastet sie nach dem kleinen Spiegel, betrachtet ihr Gesicht, die glühenden Wangen und den Rest der getrockneten Tränen. Dann steckt sie den Spiegel fort, greift stattdessen zum Buch, das die Nachhilfelehrerin ihr dagelassen hat. Ihre Finger gleiten über die abgenutzten Seiten nichts ist endgültig, denkt sie. Geschichte schreibt sich um, Leben sowieso.

Bevor sie das Licht löscht, flüstert sie leise, nur für sich:

Ich mach das schon. Für dich, Mama. Für dich, Thomas. Für mich.

Draußen surrt irgendwo eine Straßenbahn, und drinnen lösen sich Fragen, Sorgen, Wut, Liebe zu etwas Neuem auf.

Und als Luisa die Augen schließt, ist sie bereit für die Prüfungen, über die niemand spricht, und für all die, die noch kommen.

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Homy
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