Fremder Ideal
Ottilie Gertrudine rauschte derart energisch ins Zimmer, dass der Saum ihres praktischen Hausmantels wie ein Segel aufblähte. Sie blieb abrupt in der Tür stehen, stemmte die Hände in die Hüften und musterte ihre Enkelin mit einem Blick, der deutlich weniger Verständnis ausstrahlte, als etwa ein Finanzbeamter während einer Steuerprüfung. Greta saß am Schreibtisch und starrte konzentriert auf den Monitor.
Was ist? Wirst du etwa schon Wurzeln schlagen? Der Ton war schneidend wie alpenfrischer Wind. In einer halben Stunde fangen deine Ballettstunden an, Fräulein!
Greta hob langsam den Blick. Ihre Augen wirkten müde, unter ihnen führten Schatten ihr eigenes unsichtbares Dasein. Sie bemühte sich um Gelassenheit, doch ihre Stimme zitterte leicht: Oma, mir ist nicht gut. Ich hab schon Bescheid gesagt, dass ich heute nicht komme.
Für einen Moment erstarrte Ottilie, als könnte sie nicht fassen, was sie da hörte. Ihre Lippen pressten sich zusammen, die Nasenflügel blähten sich leicht. Dann seufzte sie vernehmlich ein tiefer, empörter Luftausstoß, fast schon preußisch:
Und wer, bitte, hat dir das erlaubt? Ich habe gesagt, du gehst und du gehst! Einfach krank sein! Aber stundenlang am Computer sitzen geht natürlich, was?
Greta verkrampfte die Hände am Schreibtischrand. Sie wusste genau: Für die Oma war Ballett eher eine Frage der Ehre als bloß ein Hobby. Disziplin, Durchhalten, ein gegebenes Wort das alles ließ sich an Tanzstunden ablesen. Aber heute dröhnte ihr Kopf, ihr Bauch tat weh und es war ihr übel nicht die beste Mischung für Pirouetten übers Parkett.
Sie holte tief Luft, um sich nicht von der nächsten Tirade erschlagen zu lassen, und sagte leise aber bestimmt: Ich schreibe gerade an einem Geschichtsreferat. Das muss morgen fertig sein.
Stille, so dicht, dass man fast den Verlauf der Staubflocken in der Luft hören konnte. Greta hielt Ottilies Blick stand und hoffte, ein Funken Menschlichkeit zu entdecken vielleicht würde sie sie zur Abwechslung mal nach ihrem Befinden fragen. Am besten gleich einen Arzt vorschlagen!
Doch stattdessen schritt Ottilie zu Gretas Schreibtisch, drückte schwungvoll den Ausschaltknopf am Rechner und das Display wurde schwarz wie eine Kaffeebohne. Null Chancen, irgendetwas zu retten.
Greta zuckte, als hätte jemand ihr den Stuhl unter dem Hintern weggezogen. Ihre Augen wurden riesig, ihre Finger krampften sich am Tisch fest und ihre Lippen zitterten vor Empörung. Zwei Stunden sorgfältige Recherche, feinsäuberlich verfasster Text Puff. Alles weg.
Ich habs nicht gespeichert! platzte es aus ihr heraus. Ihre Stimme brach. Ich hab zwei Stunden getippt!
Mit vorwurfsvoll-tränennassen Blicken starrte sie die Oma an. Sie fühlte sich wie ein angeschlagenes Karnickel, das gerade von einem Dackel in die Ecke getrieben wurde.
Doch Ottilie rührte das wenig. Das Gesicht blieb hart wie Berliner Beton und die Stimme hatte die Stahlhärte einer Schranke am Bahnübergang: Los, anziehen hab ich gesagt!
Greta schmiss sich beinahe über den Tisch, um die Tränen zu verbergen. Sie wusste: Diskussionen mit Ottilie waren wie ein Streit gegen den Wetterbericht sinnlos. Bei Oma herrschte Tagesordnung, menschliche Befindlichkeiten wurden in der Regel noch vor dem Aufstehen aussortiert. Ständig wuchs in Greta ein dumpfer Unmut, der sich langsam mit Bitterkeit vermischte.
Ganz die Mutter! Ottilie schlug den Bogen zurück in die Vergangenheit und ließ ihre Enttäuschung wie ein Radargerät aufleuchten. Die hat auch nur in den Monitor geguckt! Und was ist draus geworden? Wo ist sie denn jetzt?
Sie zuckte mit dem Kopf, als schmeckte sie gerade Sauerkraut, das zu lange im Schrank stand. Ihre Tochter war für sie ein wunder Punkt Erziehungstechnisch offenbar das Musterbeispiel für gescheitert. Damals, dachte Ottilie, hätte sie strenger sein müssen. Doch sie war nachgiebig, und das Resultat war eine Tochter, die nun fort war und Greta bei ihr zurückgelassen hatte.
Für Ottilie war schon immer klar: Ohne eiserne Disziplin läuft in Deutschland gar nichts. Alleinerziehend, ewig werkelnd, damit die kleine Tanja wenigstens ein Butterbrot auf dem Tisch hat und die Rechnungen beglichen werden (das schmerzhafte Bild: Wochen schwerer Arbeit, am Ende bleibt nur ein lachhafter Restbetrag auf dem Konto und jede Menge To-do-Listen). Zeit für Spaziergänge oder gemütliche Abende? Ha! Wenn, dann nur um sich auszuruhen und direkt über die nächste Woche nachzudenken.
Tanja hat sich größtenteils selbst erzogen. Im Kindergarten galt sie als das Mädel mit dem Unsichtbarkeitsumhang immer ein Buch im Arm, stundenlang zeichnend oder lesend in der Ecke. In der Schule hörte Ottilie nur: Tanja träumt, sie passt nicht auf, sie ist nie wirklich hier. Man hätte meinen können, sie sei mit dem Kopf permanent auf dem Brocken oder in der Sächsischen Schweiz.
Je älter Tanja wurde, desto störrischer wurde sie. Alles, was Ottilie als sinnvoll erachtete, wurde abgelehnt. Ballett? Das grenzt schon an Körperverletzung. Musikschule? Ich habe kein Gehör und das Klavier nimmt den halben Flur ein! Malkreis? Ich will nicht und ich kann nicht! Andere Freizeitgruppen? Nach wenigen Tagen war das übliche Fazit: Das ist doch Quatsch.
Bald saß das Mädel gefühlte 99 Prozent ihrer Freizeit am Rechner. Zuerst harmlose Spiele dann Foren, Chats, wildfremde Internetbekanntschaften. Ottilie versuchte, Bildschirmzeit zu begrenzen, mit mäßigem Erfolg. Jede Diskussion darüber endete im Türknallen und beleidigtes Schweigen.
Die ist doch einfach faul! Ambitionen? Null. Zielgerichtetheit? Fehlanzeige. Die kann nur in die Glotze stieren! Ottilie verstand nie, warum ihre Tochter nicht etwas Ordentliches aus ihrem Leben machen wollte. In ihren Augen hätte jede anständige junge Frau nach Preisen, Urkunden und Karriere lechzen müssen. Aber Tanja? Die schien es eher wie ein Volkstanz nach rückwärts zu betreiben.
Mit achtzehn erklärte Tanja völlig unerwartet: Ich heirate übrigens. Und zwar den Bastian. Nein, nicht den mit der Banklehre, sondern Basti, den Typ, der in der Werkstatt schraubt und davon träumt, irgendwann mal eine eigene Bude aufzumachen.
Ottilie kochte. Sag einmal, hast du eigentlich mal nachgedacht? Das ist kein Ehemann, das ist ein Betriebsunfall!
Doch Tanja zuckte nur mit den Schultern. Ich mag ihn. Ich brauche keine Karriereträume.
Obendrein noch der Knaller: Tanja schmiss die Uni genau jene, für die Ottilie halb Münster auf den Kopf gestellt und sämtliche Empfehlungen eingefordert hatte.
Ich will keine Betriebswirtin sein. Das macht mir einfach keinen Spaß.
Statt Eliteuni und solidem Business-Deutsch jobbte sie in einer kleinen Webdesign-Klitsche. Kaum mehr als Mindestlohn, null Karrieregarantie. Ottilie vermied es strikt, den Firmennamen Bekannten gegenüber zu erwähnen.
Das hab ich nun davon da war ich mal zu weich. Jetzt ist es vorbei, dachte Ottilie oft. Doch diesmal, bei Greta, würde sie keinen Millimeter locker lassen! Eine disziplinierte, zielstrebige, aufgeräumte Enkelin sollte es werden. Keine Luftschlösser, kein Herumlungern; Ordnung, Disziplin, Brot und Butter!
Greta reckte sich, ihre Augen funkelten. Sie war allergisch dagegen, wenn jemand respektlos über ihre Mutter sprach. Tanja war Vorbild, nicht Mahnmal! Eine, die sich durchbeißen konnte, die nicht aufgegeben hat und alles erreicht hat trotz allem.
Mama war eine geniale Programmiererin! platzte es aus Greta, die Stimme vibrierte. Sie hatte eigene Projekte, sie wurde respektiert sie hätte noch so viel auf die Beine stellen können!
Endlich teilte sie all das, was sie jahrelang in sich hineingefressen hatte. Ihre Mutter war für sie nicht nur Tanja, die ewige Außenseiterin: Sie war ein einzigartiges Talent, sie kämpfte für ihre Träume gegen Windmühlen und allzu deutsche Bedenkenträger.
Und sie kann nichts dafür, ballte Greta die Fäuste, dass der Taxifahrer den Wagen verrissen hat! Das war ein Unfall einfach schlimm und schrecklich, nicht mehr!
Schweigen breitete sich aus. Greta schaute zu Ottilie, die unbewegt am Fenster stand, als hätte sie gerade einen Festakt in der Stadthalle hinter sich gebracht.
Wenn sie damals auf mich gehört hätte dann wäre sie jetzt verheiratet, hätte Kinder, einen Garten, einen ordentlichen Mann und alles wäre gut! Ottilie klang so kühl, wie eine große Koalition im November.
Greta hätte am liebsten losgebrüllt. Es war immer dasselbe: Wenn-Masche, Hätte-Masche, hätte sie bloß, dann wäre alles anders
Du verstehst das einfach nicht! Es klang rau und traurig. Mama wollte arbeiten! Sie wollte Dinge erschaffen, neue Ideen verwirklichen. Sie war am glücklichsten, wenn sie an Programmen tüftelte und sah, dass ihre Arbeit anderen hilft!
Doch Ottilie schüttelte nur langsam den Kopf, als säße da ein Kind, das glaubt, Zirkuselefanten könnten fliegen.
Glücklichsein? Das ist Beständigkeit. Stabilität, Planbarkeit Familie, Haus, Abendbrot. Der Rest, , ein abschätziges Handwinken Richtung Regal mit den Auszeichnungen der Mutter ist doch nur Firlefanz. Und der Mann war sowieso eine Nullnummer
Greta stieß den Stuhl so zurück, dass es durch den Raum quietschte. Sie hörte gar nicht mehr hin, in ihr kochte alles. Die Sätze purzelten aus ihr heraus, heiß und ungefiltert:
Mein Papa ist toll! Und wenn er zurückkommt, nimmt er mich endlich mit!
Es war mehr ein Mantra für sie selbst eine Notration Hoffnung für schlechte Tage. In ihrem Kopf erschien sofort Papas Lächeln, seine Umarmung, der ruhige, stärkende Tonfall. Bei ihm musste man sich nie für Träume oder Wünsche schämen.
Sie sprang auf, schnappte ihre Tasche und verschwand im Flur. Noch eine Diskussion mit Oma? Nein danke! Hauptsache raus aus dieser Wohnung, in der die Regeln schwerer wiegen als der Kuckuck von der Wanduhr.
Drei Monate noch, dann ist Papas Vertrag endlich vorbei Warum hat er mich bloß nicht gleich mitgenommen? Ach ja Oma war mal wieder schneller.
In Erinnerung die gedämpften Dialogfetzen aus dem Nebenzimmer: Laß sie erst mal in Ruhe die Schule zu Ende machen! Umziehen ist Stress für ein Kind
Greta wusste genau: Das war wieder Ottilie gewesen. Sie hatte ihren Vater überzeugt, Greta solle besser noch hierbleiben natürlich alles nur zu ihrem Wohl.
Im Türrahmen verweilte Ottilie mit einer leichten Siegerinnenmine ganz der Eindruck, dass der deutsche Ordnungssinn nun obsiegt hatte. Weitere Diskussionen? Wozu! Greta kochte ohnehin schon, jedes Wort mehr wäre ein Funke im Pulverfass gewesen.
Glaub ja nicht, dass du für deinen Vater jetzt erste Geige spielst! warf sie trocken hinterher. Der hat seine eigenen Sorgen. Für dich bin ich hier mindestens bis du dich endlich gemeinsam mit uns in den deutschen Alltag eingereiht hast.
Greta blieb stehen, presste die Ballettschläppchen und schluckte. Sie kämpfte den Schmerz weg jetzt keine Tränen. Weitergehen war angesagt.
Ottilie fuhr im Befehlston fort, diesmal etwas freundlicher, aber unverändert bestimmend: Ich bitte Nachbar Schmidt, dich fix rüber zu bringen. Beeil dich!
Greta nickte stumm, band sich die Haare fest zusammen, packte ihre Tasche und verließ ein Häufchen Wut mit Ballettschuhen. Besser unter Musik und Bewegung die Sorgen und Omas Erziehung einstweilen vertanzen
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Greta schob zaghaft die Studiotür auf, das warme Licht stach ihr kurz in die Augen. Zwischen Matten und Barren erspähte Trainerin Marlis, wie sie Trainingsgeräte sortierte, sofort ihre Schülerin. Sie runzelte die Stirn, trat näher, und ihr Ton war weich, aber mit besorgtem Unterton: Greti, du siehst blass aus! Bauchweh? Was Schlimmes?
Greta sackte ein Stück zusammen. Nörgeln wollte sie nicht doch Lügen auch nicht mehr. Bauch. Seit gestern.
Marlis musterte sie genauer, legte ihr beruhigend die Hand auf die Schulter. Hast dus Oma gesagt?
Greta seufzte, hob den Kopf und zitierte Ottilies Stimme: Ach was, ist bestimmt nur Faulheit!
Marlis setzte sofort einen anderen Tonfall auf: jetzt sachlich, fast wie eine Notärztin: Das ist kein Spaß! Wir rufen lieber direkt den Notdienst. Nicht, dass es der Blinddarm ist, ja? Tuts doll weh?
Greta drückte die Arme auf den Bauch, krümmte sich leicht und murmelte: Geht schon, aber Mir ist schlecht.
Marlis zog das Handy hervor, keine Spielchen mehr, einfach kurz und knapp Notrufnummer getippt. Bleib sitzen, ich rufe direkt einen Krankenwagen. Sie setzte Greta auf eine Bank, warf ihr noch ein Trainingsjäckchen über die Schultern und redete ruhig auf sie ein, wie eine Mutter, die schon weiß, dass das Kind das mit dem Pflaster schon schaffen wird.
Die Minuten zogen sich, Gretas Kopf rauschte, ihr Herz schlug bis in die Fingerspitzen. Irgendwo eine Musikübung aus dem Nebenraum, aber der Fokus lag ganz auf Marlis fester Hand, die ihre nicht losließ und dem ruhigen Zuspruch: Alles wird gut, du bist in Ordnung.
Als draußen Blaulicht vorbeiblinzelte, drückte Marlis ihre Finger.
So, dein Taxi ist da, Greta. Gleich wissen wir mehr, sagte sie und gab sie an die Rettungstruppe weiter.
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Greta wachte auf zum Piepsen eines Monitors, ungewohnt weich gebettet, in einem hellen Zimmer mit mintgrünen Wänden und Blick auf Baumkronen, irgendwo in einem modernen Krankenhaus, wo der Geruch nach Desinfektion nur mühsam gegen Frühlingsluft ankam.
Mühsam kehrte Erinnerung zurück: die zerdrückte Fahrt im Rettungswagen, Fragen, Tests, Aufklärung, ein Pieks, und dann Schlaf.
Als die Tür aufging, stand plötzlich ihr Vater im Raum. Er sah aus wie ein Bergsteiger, der gerade den Gipfel bezwungen, aber noch Schneebrocken in den Haaren hat: Alarmiert, angespannt, aber entschlossen.
Hinter ihm folgte Ottilie, Kiefer verkniffen, Blickwechsel zwischen Greta und Papa.
Ich nehme meine Tochter mit nach Hause, sagte er bestimmt. Sobald sie entlassen wird, fahren wir sie erholt sich bei mir besser.
Ottilie stemmte die Arme in die Hüften, als wollte sie den Familienfrieden für ganz Deutschland retten. Du, mit deinen wechselnden Arbeitszeiten! Am Ende lungert sie herum wie ihre Mutter, hockt dauernd im Internet und dann?
Papa ballte die Fäuste, rang mit der Fassung. Hier im Spital, zwischen Piepen und weißer Bettwäsche, gab es keinen Platz für eine große Szene innerlich aber donnerte der Ärger wie ein Donauhochwasser.
Dafür bleibt sie gesund! Das wäre unter Ihrer Fuchtel beinahe schief gegangen!
Er atmete durch, sammelte sich wieder. Haben Sie sich überhaupt mal gefragt, was Greta will? Was sie glücklich macht? Sie ist kein Werkzeugkasten, den man nach deutschen TÜV-Richtlinien einsortieren kann!
Ottilies Blick war Eiszapfen pur. Jedes Mädchen braucht Haltung Tanz und Musik und Bildung! So funktioniert zivilisiertes Familienleben. Aber was weißt du schon davon, mit deiner Werkstatt und deinen IT-Projekten?
Sie drehte sich um, eine Mischung aus Verletzung und Stolz im Schritt: Danke, Tanja! Was hast du unserer Familie da nur eingebrockt
Papa ließ nicht locker: Wir haben mit deiner Familie nichts mehr zu schaffen. Seine Stimme war ruhig, aber klar. Greta kommt jetzt zu mir.
Die Standpauke hatte Wirkung. Ottilie erstarrte, drehte auf dem Absatz um. Das wirst du noch bereuen, zischte sie, dann raus aus dem Krankenzimmer, so abrupt wie sie gekommen war.
Papa ließ die Hand nicht los, gab ihr unaufgeregt Sicherheit. Für Greta klang das nach Freiheit, nach dem Versprechen auf ein zugewandtes Morgen.
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Ottilie steuerte in entschlossenem Stakkato aus dem Krankenhaus, ihre Hacken klapperten durch den Frühlingswind. Ihren Mantel ließ sie im Wind flattern Festhalten wäre nur ein Zeichen der Schwäche gewesen.
Ach was! schnaubte sie innerlich. Die wissen gar nicht, was sie verlieren!
Unaufhörlich spulte sie den Streit vom Krankenzimmer durch. Papa sagt: Ich nehme sie mit! Greta strahlt schüchtern Hoffnung und sie, Ottilie, bleibt wieder außen vor. Die einzige, die echte Mühe investiert hat, in jahrelanger Arbeit, und dann fliegt ihr alles um die Ohren!
Ich habs nur gut gemeint, und niemand merkt irgendwas!, dachte sie empört und wurde dabei keinen Strich langsamer.
Sie blieb neben einer Parkbank stehen, setzte sich aber demonstrativ NICHT hin. Stattdessen zog sie ihr Taschenspiegelchen aus der Handtasche und rückte die Frisur nach. Kleine Gesten, große Wirkung: Ordnung muss sein, auch im Tumult.
Erste Versuchung gescheitert, dachte sie, nun weniger wütend als pragmatisch. Aber Aufgeben gibts nicht.
Der nächste Plan formte sich in Gedanken: In der Nähe, das Haus mit den ordentlichen Fenstern und dem gepflegten Spielplatz das Waisenhaus. Sicher hockt dort ein Mädchen, das von einer Familie, von Klavierstunden und Komplimenten träumt.
Vielleicht kann ich jemand anderem zum Glück verhelfen, überlegte sie und spürte einen Anflug von Mission. Ein braves, ordnungsliebendes Kind. Dankbar. Zuverlässig. Endlich eine Enkelin, wie sie im Bilderbuch steht!
Mit neuem Elan machte sie sich auf zur Bushaltestelle. Der Wind pustete ihr einen gelben Ahornblatt vor die Füße. Ottilie lächelte stur, klopfte den Mantel glatt und dachte: Ich geb nicht auf. Deutsche Tugenden setzen sich eben doch durch nach zwanzig Versuchen spätestens!Sie hob das Kinn, ihr Gang wurde langsamer, dann blieb sie doch stehen. Da war sie plötzlich: Stille. Ein zarter Moment, in dem das Getriebensein aussetzte und eine Ahnung von Leere in ihr nachhallte. Niemanden mehr habe ichund sie? Sie sah Greta vor sich, mit zusammengebissenem Mund und leuchtenden Augen, wie sie trotzig die Felder ihres Lebens verteidigte. So war auch Tanja gegangen, einst voller Sehnsucht, voller Widerspruch. Welche Früchte trägt Strenge, wenn sie niemanden hält?
Auf ihrem Mantel glitzerte das gelbe Ahornblatt. Ottilie strich es ab, doch das Blatt ließ sich nicht abschütteln, klebte einfach weiter am Stoff. Zum ersten Mal, seit vielen Jahren, schlich sich ein Lächeln in ihre Züge, sanft und fast beschämt, als müsste sie sich bei der Welt entschuldigen.
Sie atmete tief durch. In der Ferne lachten Kinder und ein Hund bellte. Unwillkürlich spürte sie, wie der Tag ein wenig leichter wurde.
Drinnen im Krankenhaus klammerte sich Greta an Papas Hand. Wohin gehen wir jetzt? fragte sie leise.
Er blickte aus dem Fenster ins Frühlingsgrün. Wohin du willst, Kleines. Vielleicht an einen Ort, an dem du auch träumen darfst.
Greta nickte. Endlich. Für einen Moment schien die Zukunft nicht mehr wie eine festgezurrte Liste, sondern wie ein weißes Blatt bereit für neue Zeilen. Vielleicht würde sie tanzen, vielleicht programmieren, vielleicht alles auf einmal. Die Freiheit, es zu versuchen, fühlte sich an wie das erste offene Fenster nach einem langen Winter.
Und Ottilie? Sie stand noch lange an der Bushaltestelle. Irgendwo zwischen Pflicht und Chance, in diesem scharfen Licht, in dem selbst alte Gewissheiten zu schwanken begannen. Sie hatte vieles nicht festhalten können aber sie konnte vielleicht loslassen.
Da legte sich das Blatt sacht auf ihre Hand, und für einen kleinen, unwillkürlich hoffnungsvollen Moment schloss sie die Finger darum, als könnte sie doch noch, eines Tages, etwas Neues lernen.





