Ausgebüxt

Weggelaufen

Na, guten Tag, Annemarie, grinste meine Schwiegermutter Gisela hämisch, als sie das Gartentor öffnete. Hast du also vor, vor uns zu fliehen? Dachtest wohl, du fährst zu deiner Mutter nach Hause und hast deine Ruhe? Mir wäre das ja egal. Leb du dein Leben. Aber das Kind müssen wir schon hierbehalten…

Mit Entsetzen in den Augen starrte ich, Annemarie, auf Gisela und auf meinen Exmann Matthias, von dem ich erst seit einer Woche geschieden war.

Am meisten jedoch beunruhigte mich die fremde Frau mit Brille, die sie mitgebracht hatten.

Ich sah diese Frau zum ersten Mal in meinem Leben.

Keine Ahnung, wer sie war oder was sie hier wollte.

Doch dieser hochmütige Blick… Irgendwie spürte ich: Gerade sie, nicht meine ehemaligen Schwiegerverwandten, war momentan die größte Bedrohung für mich und mein Kind.

Guten Tag, Frau Fuchs, stellte sich die Fremde vor, trat einen Schritt auf mich zu und hielt mir ihren Dienstausweis hin. Ich bin Frau Breuer, Jugendamtsinspektorin. Und ich habe so einige Fragen an Sie.

*****

Ich lernte Matthias kennen, als ich im letzten Semester an der Uni in München war.

Da knappes Geld Dauerzustand war, jobbte ich ein paar Mal die Woche als Kellnerin in einem Café.

Eines Nachts, als ich spät vom Dienst in mein Studentinnenwohnheim zurückkehrte, begegnete ich drei Polizisten.

Nur einer von ihnen sprach wirklich mit mir. Wahrscheinlich war es der Gesprächigste oder der Chef.

Guten Abend, sagte er freundlich und zog die Mütze. Was macht so eine hübsche junge Frau alleine um diese Uhrzeit auf Münchens Straßen? Ist das nicht gefährlich? Haben Sie denn keine Angst vor Betrunkenen?

Guten Abend, antwortete ich müde. Ich komme gerade von der Arbeit und will einfach ins Wohnheim. Morgen muss ich früh wieder zu Vorlesungen.

Studentin?

Ja.

Und Sie arbeiten?

Klar. Kellnerin, das Café ist zwanzig Minuten von hier. Ist das ein Problem? Gibt es ein Gesetz in München, das mir das verbietet?

Nein, nein, reine Routine. Kann ich bitte Ihre Papiere sehen? Er lächelte, aber seine Augen ließen mich nicht los.

Klar, ich öffnete die Handtasche, reichte meinen Ausweis.

Er blickte auffallend lange darauf, blätterte jede Seite einzeln um.

Noch ledig?

Ja. Zum Heiraten komme ich vermutlich erst nach dem Abschluss, zwinkerte ich.

Lange noch bis dahin?

Nein, noch ein halbes Jahr.

Interessant, murmelte er. Ich bin nur neugierig.

Er bestand darauf, mich sicher nach Hause zu begleiten. Das Viertel war nicht gerade für seine Sicherheit bekannt, und zweimal hatte ich mich hier schon unschönen Situationen stellen müssen. Beim ersten Mal bin ich schnell weggerannt, beim zweiten hatte ich Glück ein älterer Mann mit einem großen Hund schritt ein.

Danke, dass Sie mich begleitet haben, sagte ich, als er mich vor dem Wohnheim absetzte.

Keine Ursache, grinste Matthias. Aber suchen Sie sich vielleicht besser einen Nebenjob mit weniger gefährlichen Arbeitszeiten.

Ich überlege es mir, sagte ich, kann aber nichts versprechen.

Am nächsten Tag wartete Matthias mit einem riesigen Blumenstrauß vorm Instituteingang.

Ich konnte die ganze Nacht nicht aufhören, an dich zu denken… Vielleicht auf einen Kaffee? fragte er verschmitzt.

So fing alles an aus einer Bekanntschaft wurde eine Freundschaft, später Liebe.

Nach dem Diplom fragte er, ob ich mit ihm zusammenziehen wolle.

Ich, vom Land in Niederbayern stammend, hatte überlegt, in München eine kleine Wohnung zu mieten. Mein Beruf Buchhalterin war in einer Großstadt gefragt und die Chancen standen gut.

Doch bevor ich dazu kam, überhaupt Bewerbungen rauszuschicken, schlug Matthias vor, aufs Land zu ziehen zu seiner Mutter, Gisela.

Was soll ich denn da machen, Matthias? Mein Beruf ist Buchhaltung. Gibt’s da überhaupt Arbeit für mich?

Sicher, versicherte er. Bei uns gibts eine Metzgerei, die sucht schon ewig dringend jemanden fürs Büro. Meine Mutter kennt den Chef gut. Die nehmen dich mit Kusshand. Und ich bin Tierarzt, bei uns hat jeder Tiere, da findet man immer etwas.

Er träumte vom ruhigen Landleben. Und nach Rücksprache mit meiner Mutter stimmte ich schließlich doch zu. Vielleicht war genau das das Richtige frische Luft, ein eigenes Heim.

Am Anfang lief alles super. Gisela nahm mich herzlich auf. Ich bekam wie versprochen die Buchhaltungsstelle, Matthias kümmerte sich um Tiere aller Art bei den Nachbarn und ich wartete abends immer brav, bis er nach Hause kam.

Sieh zu, Matthias, drohte Gisela mal augenzwinkernd, wenn du Annemarie je schlecht behandelst, gibt es Ärger.

Keine Sorge, Mama! Sie ist meine Braut, meinte Matthias und lachte.

Ein halbes Jahr später heirateten wir.

Gisela hielt eine so rührende Rede, dass meine eigene Mutter, Ingrid, den Tränen nahe war.

Jetzt weiß ich, dass du gut aufgehoben bist, mein Kind, sagte sie, bevor sie im Zug zurück nach Niederbayern fuhr.

Ich dachte damals genauso.

Doch nach der Hochzeit änderte sich schlagartig alles.

Nicht sofort, aber doch bald. Matthias schien zufrieden, sein Ziel erreicht zu haben, und Gisela gab mir immer mehr Hausarbeit auf, obwohl ich tagsüber im Büro voll eingebunden war.

Ordnung muss sein, Annemarie. Egal, wie müde du bist. Nach Hause kommen, sauber machen, jeden Tag. Verstanden?

Dazu kam das tägliche Kochen für Schwiegermutter und Ehemann. Und Gisela war wählerisch! Sie zufrieden zu stellen, war eine Kunst.

Matthias, ich helfe ja gern, aber ich bin keine Putzfrau für deine Mutter.

Bist du auch nicht, du bist meine Frau.

Aber ich möchte auch mal ausruhen. Jeden Tag frisch kochen, alles picobello haben das schaffe ich einfach nicht, wenn ich den ganzen Tag arbeite!

Sags doch einfach ihr selbst, zuckte Matthias mit den Schultern.

Doch Gisela hörte nicht zu. Hier im Haus müssen sich junge Leute fügen, meinte sie. Schließlich lebte ich ja bei ihr.

Entsprechend wurde nichts besser. Ich stellte Matthias vor die Wahl: entweder ziehen wir gemeinsam nach München, oder ich fahre allein.

Was soll das, Annemarie? In München teure Miete, ich müsste neu suchen.

Als Tierarzt findest du sicher Arbeit! Ich will einfach nicht mehr mit deiner Mutter in einem Haus leben.

Das gab zum ersten Mal richtig Streit.

Am Ende schlug Matthias vor, wir könnten ja in die alte Einliegerwohnung am Ende des Gartens ziehen nicht komfortabel, aber wenigstens mit mehr Privatsphäre.

Ich wollte die Ehe retten, also stimmte ich zu.

Die Bedingungen im Anbau waren einfach, aber ich hoffte, endlich meine Ruhe zu haben.

Doch Gisela hörte nicht auf. Jeden Tag fand sie neue Aufgaben. Und als ich schwanger wurde, wurde es noch schlimmer.

Du bist schwach! Ich habe hochschwanger die Kühe gemolken und auf den Feldern gearbeitet!

Ich arbeitete mittlerweile nicht mehr Matthias bestand darauf und meinte, ich solle mich schonen, er verdiene genug.

Doch mit Ausruhen war es nichts. Gisela fand immer Arbeit für mich, und widersprach ich, lernte ich schnell, meinen Mund zu halten.

In der Zeit schloss ich eine besondere Freundschaft: eines Tages tauchte eine abgemagerte, traurige Hündin im Garten auf. Ich fütterte sie, sie kam wieder. Nach und nach wurde Alma zu meinem Schatten und meiner Helferin trug Holzscheite ins Haus, wich mir nie von der Seite.

Doch als Gisela Alma entdeckte, war sie außer sich:

Was soll der Köter? Wer hat die hier reingelassen?

Sie gehört jetzt zu mir, sagte ich fest. Und sie bleibt.

Das wirst du noch sehen, wenn Matthias nach Hause kommt! drohte sie.

Matthias war abends verärgert. Hundenästhetik, sagte er. Aber ich bestand auf Alma.

Als unsere Tochter geboren wurde, verschärfte sich alles. Matthias schlief kaum noch zu Hause das Babygeweine störte ihn. Ich fühlte mich alleingelassen. Schließlich reichte es mir.

Ich will die Scheidung, Matthias!

Gisela tobte. Wie kannst du es wagen, sowas zu entscheiden! Das Kind bleibt aber hier!

Weder du noch er habt je auch nur Interesse gezeigt, warf ich ihr vor. Ich nehme meine Tochter und gehe.

Nun schob Matthias weder Geld zu, noch half er im Geringsten, Gisela ließ mich sogar abmelden.

Gut, dass sie mich nicht mit dem Kind auf die Straße gesetzt hat…, dachte ich still.

Doch das hatte nur einen Grund: sie planten etwas.

An einem Tag, als ich ein Gespräch zwischen Gisela und Matthias belauschte, wurde mir alles klar.

Die Annemarie kann ruhig gehen, aber das Kind bleibt bei uns, raunte Gisela. Ich hab schon mit dem Jugendamt telefoniert, morgen holen wir die Kleine. Und sie kann dann sehen, wo sie bleibt

Ich hatte riesige Angst. Gisela war bekannt und hatte Geld, sie könnte tatsächlich schaffen, mir meine Tochter wegzunehmen.

Du musst fliehen, Annemarie!, schlug mein Herz.

Aber wohin ohne Geld? Und wie, ohne dass sie es merken?

Alma zog mich erneut an ihrer Hose raus, zum Gartenzaun. Dort hatte sie mir eine Lücke gezeigt, die in den nahen Wald führte.

Ich packte nur das Nötigste und wartete auf die Dunkelheit. Mein Kind auf dem Arm, Alma voraus, schlichen wir uns fort.

*****

Orientierungslos folgte ich Alma durch den dunklen Wald. Stunden später erreichten wir eine Bahnstrecke ich war erleichtert. Von dort aus schaffte ich es in den Morgengrauen zum Bahnhof.

Ich hatte keinerlei Geld aber ich sprach mit der Schaffnerin und bot ihr meinen Schmuck an: eine Kette, die Eheringe, ein Paar Ohrringe.

Was ist das denn? fragte sie irritiert.

Verzweifelt erzählte ich ihr meine ganze Geschichte.

Sie gab mir den Schmuck zurück, nahm mich mit ins Abteil und erlaubte, auch Alma mitzunehmen. So etwas lasse ich doch kein Kind auf der Strecke!, sagte sie.

Spät abends war ich wieder in Niederbayern bei meiner Mutter. Völlig erschöpft saßen wir am Küchentisch, während Alma zu meinen Füßen schlief und meine Tochter ruhig nebenan.

Gut, dass du auch den Hund mitgebracht hast, sagte meine Mutter leise. Ohne sie hättest du es vielleicht nie geschafft.

Am nächsten Morgen kam unser alter Freund, Bürgermeister Herr Brandt, vorbei.

Da bist du also wieder zurück, Annemarie, begrüßte er mich herzlich. Bleibst du diesmal?

Für immer, sagte ich und brach in Tränen aus, erzählte auch ihm alles.

Kopf hoch, Annemarie! Hier kann dir niemand was, nicht solange ich etwas zu sagen habe!

*****

Ein paar Tage waren vergangen, ich kam langsam zur Ruhe. Matthias und Gisela riefen täglich an, doch ich ging nicht ran.

Doch dann stand plötzlich ihr Auto vor dem Haus. Gisela, Matthias und die fremde Dame vom Jugendamt.

So, du hast also wirklich geglaubt, du kommst einfach weg? Das Kind bleibt bei uns, bist du sicher, dass du Mutter genug bist? Hast du überhaupt Arbeit und eine Wohnung?

Mir stockte das Herz. Denn tatsächlich keine feste Anstellung, keine Ummeldung.

Haben Sie Arbeit? fragte die Jugendamtsinspektorin.

Noch nicht… musste ich zugeben.

Sehen Sie! triumphierte Gisela.

Doch in diesem Moment kam Herr Brandt auf das Grundstück und das mit einer Aura, der niemand widersprach.

Was geht hier vor? fragte er streng.

Nach kurzer Schilderung wies er darauf hin, dass ich bereits als Buchhalterin für die Gemeindeverwaltung arbeite und die Meldeunterlagen unterwegs sind. Meine Mutter könne das Enkelkind betreuen.

Weitere Fragen? wandte er sich an die Beamtin.

Die verneinte, verabschiedete sich.

Gisela und Matthias zogen ab enttäuscht, aber machtlos.

Bedank dich bei deinem Hund, lachte Herr Brandt nach der Umarmung. Ohne sie hätte ich nichts mitbekommen.

Ich drückte Alma fest.

Danach hörte ich nichts mehr von meinen Verwandten. Ali­mente kamen kaum Matthias erklärte vor Gericht, er lebe am Existenzminimum.

Aber das konnte uns nicht mehr schrecken.

Dank Alma und treuer Freunde begann für mich und meine Tochter ein neues, hoffnungsvolles Leben.

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Homy
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