Nach eigenem Wunsch
Und wo willst du denn jetzt schon hin? zischte Annette, als sie bemerkte, dass Eva sich fertigmachte, das Büro fünfzehn Minuten vor Dienstschluss zu verlassen. Der Arbeitstag ist schließlich noch nicht vorbei.
Mädels, ich muss wirklich dringend Eva blickte ihre Kolleginnen bittend an.
Doch in deren Augen lag kein bisschen Mitgefühl. Kalt wie Eissplitter waren sie, diese Blicke.
Ist mir egal! Wenn du jetzt gehst, erzähl ich alles Frau Dr. Berger, Annette setzte ihr ein Ultimatum.
Mach, was du willst, seufzte Eva, schnappte sich ihre Tasche vom Schreibtisch und stürmte aus dem Büro.
Ja, sie wusste genau, dass sie morgen wohl entlassen würde, aber anders konnte sie nicht handeln. Auch wenn ihr Grund nicht dienstlich war, war er doch in ihren Augen sehr wichtig. Schade, dass keiner das verstand.
*****
Einen Monat vorher.
Damals saß Eva mit klopfendem Herzen im Büro von Frau Dr. Berger, der Geschäftsführerin, und wartete gespannt auf das, was sie gleich sagen würde.
Sie wartete nicht einfach nur, sie betete in Gedanken zu Gott, dass sie diese Stelle bekommen möge.
Offenbar waren ihre Bitten erhört worden.
Sie passen zu uns, sagte die Frau streng, nachdem sie Evas Unterlagen und Lebenslauf eingehend geprüft hatte. Ich muss aber eines vorweg sagen
Eva spannte sich an, ließ sich jedoch nichts anmerken.
Was auch immer Frau Berger jetzt verlangen würde sie würde zustimmen.
Denn: Einen solchen Job mit diesem Gehalt würde sie anderswo in München nicht finden.
Deshalb war sie innerlich zu allem bereit. Im Rahmen des Vernünftigen, natürlich.
In meinem Unternehmen, fuhr Frau Dr. Berger fort erscheinen die Mitarbeiter pünktlich und gehen auch erst nach Dienstschluss.
Eva hörte ihrer Chefin aufmerksam zu, um kein Wort zu verpassen.
Wer gegen die Regeln verstößt, den werde ich bestrafen und Prämien streichen. Kommt es wiederholt vor, gibt es kein Gespräch mehr. Dann gibts den üblichen Zettel, einen Stift, das Kündigungsschreiben und auf Wiedersehen.
In ihrem Innersten verspürte Eva Erleichterung. Frau Dr. Berger hatte nichts Schreckliches verlangt Disziplin war ohnehin überall oberstes Gebot.
Habe ich mich klar ausgedrückt? fragte die Chefin, zog die Brille zurecht. Wenn du, Eva, ohne Grund zu spät kommst, brauchst du nicht auf Milde zu hoffen.
Frau Berger wollte die Unterlagen schon wegräumen, aber sie sah noch einmal zu Eva.
Hier wird gearbeitet. Die privaten Angelegenheiten erledigst du bitte in deiner Freizeit. Hast du verstanden?
Ja, ich verstehe, nickte Eva. Wann darf ich anfangen?
Morgen kannst du beginnen. Arbeitsbeginn ist Punkt neun Uhr. Komm am besten zehn Minuten vorher.
In Ordnung.
Das Handy bitte ausschalten oder auf lautlos stellen, damit dich keine Anrufe ablenken. Das sind meine Regeln. Wem sie nicht gefallen, den halte ich nicht auf.
Es passt für mich, Frau Dr. Berger. Vielen Dank für diese Chance.
Ich hoffe, du enttäuschst mich nicht.
Eva war dieser strengen Frau wirklich dankbar. Schließlich hatte sie sich in den letzten Wochen bei vielzähligen Firmen beworben, doch überall nur Absagen erhalten.
Niemand wollte eine junge, unerfahrene Mitarbeiterin. Sogar mit einem Einser-Abschluss.
Den kann man heute doch im Internet kaufen, hatte man ihr im Personalbüro einer anderen Firma entgegnet. Uns interessiert die Erfahrung, nicht das Zeugnis. Da muss jemand gleich durchstarten können, verstehen Sie?
Doch Eva verstand es eigentlich nicht. Wie soll man Erfahrung sammeln, wenn man nirgendwo anfangen darf?
Frau Dr. Berger war die Einzige, die ihr eine Chance gab. Jetzt musste sie sich beweisen, zeigen, dass sie die richtige Wahl gewesen war.
*****
Am nächsten Tag stand Eva schon um acht Uhr zwanzig vor dem Bürogebäude.
Drinnen war noch niemand. Sie wartete, bis der Hausmeister Herr Brunke kam.
Herr Brunke erschien um halb neun und staunte nicht schlecht, als er Eva dort stehen sah.
Stehst du schon lange hier? grinste er, während er nach den Schlüsseln kramte.
Nee, so zehn Minuten.
Warum so früh? Willst du dich bei Dr. Berger beliebt machen?
Nein. Mein Bus kommt eben so früh. Fahre ich später, komme ich womöglich zu spät Und Disziplin wird ja hier großgeschrieben, wie ich hörte.
Das stimmt, antwortete Herr Brunke und öffnete die Tür. Kaffee?
Gern, lächelte Eva. Irgendwie war es schön, dass sich ein Fremder um sie kümmerte. So etwas wurde selten.
Eva steuerte direkt auf den Kaffeeautomaten zu, doch Herr Brunke winkte ab:
Lass das mal.
Er bat sie in seinen kleinen Pförtnerraum, holte einen Thermoskanne und eine Dose mit selbstgebackenen Apfel-Buchteln hervor.
Hat Ihre Frau die gebacken? fragte Eva freundlich, während Herr Brunke die noch warmen Buchteln anrichtete.
Nee, ich selbst. Was solls lebe ja allein. Das Rezept stammt von meiner Oma. Probier mal: Die hier sind mit Apfel, die anderen mit Johannisbeere. Bekommst du zwei runter?
Ich schaff das, sagte Eva und griff dankbar zu.
Viertel vor neun war Eva schon startklar an ihrem Schreibtisch und studierte aufmerksam die Dokumente. Die anderen Kolleginnen trudelten erst zehn Minuten nach ihr ein.
Sie musterten Eva kühl, grüßten nicht einmal, blieben noch fünf Minuten in ihren privaten Gesprächen vertieft, obs um einen Serienplot oder um Alltagskram ging, war unklar.
Punkt neun Uhr erschien Frau Dr. Berger im Büro. Ihr Gesicht unnahbar, der Blick scharf.
Eine wahre Eiserne Lady, die das Ruder fest in der Hand hatte. Trotzdem: Sie rief keine Ablehnung hervor.
Im Gegenteil Eva spürte ein unerklärliches Charisma in dieser Frau. Sie fühlte mit dem Herzen, dass ihre neue Chefin, bei aller Strenge, eine gute Seele war.
Frau Dr. Berger grüßte ihre Mitarbeiterinnen, verweilte kurz an der Tür und blickte Eva offen an.
Eva glaubte sogar, ein Lächeln zu sehen für sie allein.
Herr Brunke hat mir erzählt, dass du heute Morgen als erste kamst. Sehr löblich. Da können sich die anderen ein Beispiel nehmen. Während Eva schon arbeitet, habt ihr euren PC noch nicht mal eingeschaltet.
Nach dieser Standpauke sahen die Kolleginnen Eva böse an. Kein Wunder.
Schon am Vortag, als Frau Dr. Berger Eva als neue Mitarbeiterin vorstellte, hatten die Kolleginnen tuschelnd und abwehrend reagiert. Nun erschien Eva ihnen vollends als Feind Nummer eins. Sie verbargen ihren Widerwillen nicht mehr.
Die meisten gerieten besonders durch Annette in Rage, die in dieser eingeschworenen Frauengruppe offenbar das Sagen hatte. Egal, was sie sagte, die anderen stimmten zu.
Wenn Eva Annette etwas fragte, bekam sie nur knappe, kühle Antworten, oft gar einen Seitenhieb.
Was hab ich der denn getan?, wunderte sich Eva. Warum ist sie so und zieht die anderen gegen mich auf? Irgendwann sprach sie Annette direkt auf die Ablehnung an, bekam aber keine vernünftige Antwort.
Eine Woche verging, dann die nächste…
Eva versuchte, die Ablehnung zu ignorieren und stürzte sich in die Arbeit. Frau Dr. Berger lobte sie immer wieder und stellte sie als Beispiel hin:
Lernt von Eva, wie man arbeitet! Heute früh bat ich Eva, mir bis abends alle Unterlagen zusammenzustellen. Sie war schon vor dem Mittag fertig. Hätten alle so viel Elan…
Frau Dr. Berger verschwand in ihrem Büro, Annette und ihre Getreuen blickten Eva noch eine Stunde finster an.
Kurzum: Mit dem Team war es schwierig. Man ließ sie nicht dazugehören. Und das würde sich wohl auch nicht mehr ändern.
Wenigstens sind sie nicht gemein zu mir das ist schon was, dachte Eva.
Der Einzige, mit dem Eva gutes Verhältnis hatte, war Herr Brunke.
Er kam nun früher in die Firma, extra damit Eva morgens nicht allein warten musste.
Bis Arbeitsbeginn tranken sie gemeinsam Kaffee und plauderten.
Über manches, und eines Morgens…
Wie läufts denn bei uns so? fragte Herr Brunke und goss Kaffee aus dem Thermos auf. Gefällts dir?
Eigentlich ja.
Du hältst Frau Dr. Berger bestimmt für streng und anspruchsvoll?
Nein, erwiderte Eva ehrlich. Disziplin war bei uns zu Hause auch immer das Wichtigste. Bins gewohnt.
Gut so, lächelte er. Im Grunde ist Frau Dr. Berger ein guter Mensch. Wenn man ihr menschlich begegnet, kommt das doppelt zurück. Sie wirkt streng, ist aber im Herzen sehr warm und traurig.
Warum traurig?
Ach, Eva, wir sind alle nur Menschen, jeder hat sein Päckchen zu tragen. Dr. Berger sie hatte früher eine Abtreibung. Seither keine Kinder. Möchte, kann aber nicht. Und keinen Mann hat sie, obwohl sie so erfolgreich und eine wunderschöne Frau ist. Sie lenkt sich mit Arbeit ab. Das Glück liegt nicht im Geld. Nicht im Job.
Da haben Sie recht. Aber wie wissen Sie denn so viel? fragte Eva, sichtlich neugierig. Über die Sache mit der Abtreibung zum Beispiel
Wirklich, woher wusste der Hausmeister so viel? Hatte Frau Berger sich ihm wirklich anvertraut?
Nun ja Herr Brunke zögerte, als er merkte, dass er zu weit gegangen war.
Dann wischte er sich verstohlen eine Träne weg und sagte: Sie ist damals von mir schwanger geworden.
Tatsächlich?
Ja. Es war Liebe, richtige Liebe. Aber wir kamen aus völlig verschiedenen Welten. Ihre Eltern hatten Geld, ich kam aus dem Heim. Die Eltern zwangen sie zum Abbruch. Sie selbst hatte auch Angst. Sie war auf der Uni im dritten Semester, ich damals Gehilfe auf dem Bau wir renovierten bei ihren Eltern, so lernten wir uns kennen
Und dann?
Danach wollte ich nichts mehr von ihr wissen. Bin mit meiner Truppe in eine andere Stadt gezogen. Dann war ich jahrelang in Deutschland unterwegs. Schwor mir, nie wieder jemanden zu lieben.
Herr Brunke blickte gedankenverloren aus dem Fenster.
Habe tatsächlich keine andere mehr geliebt. Jahre später verschlug es mich wieder nach München. Ich bewarb mich als Hausmeister und stand plötzlich ihr gegenüber. Große Chefin war sie jetzt, wie man sagt, schmunzelte er bei der Erinnerung. Sie hat sich auch sehr erschrocken.
Und wie ging es weiter?
Erst hat sie mich gar nicht erkannt, dann mich rausgeschickt und lange geweint. Ich hörte es… Wollte schon gehen, aber sie kam raus und meinte, sie nimmt mich als Hausmeister mit denselben Bedingungen wie dir: Falls ich auch nur ein einziges Mal zu spät komme oder trinke bin ich draußen.
Haben Sie ihr inzwischen verziehen?
Ja. Aber sie kann sich selbst nicht vergeben. Für all das, was passiert ist. Dass sie keine Kinder bekommen kann, dass ihr Lebensglück fehlt… Aber das bleibt unter uns, ja? bat Herr Brunke plötzlich.
Versprochen, ich erzähle niemandem etwas, sagte Eva. Und dachte: Wem auch?
Nach zwei Wochen hatte Eva sich an alle Abläufe gewöhnt, kam ohne Hilfe der anderen zurecht. Da berief Frau Dr. Berger eine kurze Besprechung ein:
So, meine Damen, ich muss unerwartet dienstlich verreisen. Annette übernimmt solange meine Aufgaben. Ich kenne und vertraue ihr. Erinnert euch: Disziplin bleibt gleich!
Ihr Blick ließ keinen Zweifel, dass es ihr ernst war.
Wenn ich erfahre, dass jemand zu spät kommt oder früher geht der fliegt.
Eva war enttäuscht, aber versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.
Wird schon nichts passieren, redete sie sich zu. Und auch Herr Brunke meinte das.
Doch es kam sofort anders.
Am nächsten Tag, nachdem Frau Berger fort war und Annette als Chefin fungierte…
*****
Früher Morgen.
Junge Dame, steigen Sie jetzt ein oder nicht? rief der Busfahrer ungeduldig.
Eva hörte ihn kaum. Sie stand auf der Stufe und starrte auf eine graue Katze, die unter einer Bank an der Haltestelle lag.
Was ist mit ihr? Warum atmet sie so schwer? Das Herz wurde ihr schwer.
Steigen Sie nun ein oder nicht? wiederholte der Fahrer. Sein Ton war deutlich ungehalten.
Was? Nein, ich fahre nicht mehr mit. Entschuldigung, murmelte Eva und stieg wieder vom Bus.
Der Bus rollte knurrend davon.
Eva ging zu der Bank, kniete sich nieder und streichelte vorsichtig das Tier.
Was ist los, kleine Maus? Gehts dir nicht gut?
Die Katze öffnete mühsam die Augen und blickte Eva überrascht an.
So oft hatte sie schon versucht, Menschen um Hilfe zu bitten, so oft war sie enttäuscht worden. Doch jetzt kam tatsächlich mal jemand.
Du bist so dünn, sagte Eva und fuhr über das zottelige Fell, aber dein Bauch sieht aus, als wärst du trächtig… Oder bist du das etwa?
Miau kam es ganz leise. So traurig klang das.
Wie sollst du denn jetzt auf der Straße mit deinen Jungen durchkommen? Wer füttert dich denn?
Eva sah auf die Uhr, seufzte. Dann blickte sie noch einmal auf die Katze und seufzte erneut.
Sie wusste, Annette würde sie bei der Chefin anschwärzen, wenn sie wieder zu spät käme. Fragen oder bitten hatte keinen Sinn Annette würde sie nie lassen.
Na gut, wird schon werden, beschloss Eva, nahm das Tier vorsichtig auf den Arm und trug es in ihre kleine Wohnung.
Von da an fing alles an…
Wie sie erwartet hatte, ließ Annette ihrem Ärger freien Lauf. Sie sah sich jetzt als Chefin und teilte Eva sofort gehässig mit, dass es für sie diesen Monat keine Prämie gäbe.
Seis drum dachte Eva. Hauptsache, die Katze ist nicht mehr draußen. Das zählt mehr.
Am Abend bat Eva ihre Katze flehentlich, doch nicht vor dem Wochenende zu gebären.
Doch um halb drei nachts wurde Eva vom Lärm im Wohnzimmer geweckt die Katze bekam Junge. Eva blieb bis zum Morgen bei ihr, verließ die Wohnung erst, als drei kleine Wollknäuel da waren.
Du bist ziemlich frech geworden! schimpfte Annette am folgenden Morgen, als Eva erneut zu spät erschien.
Entschuldige. Aber ich habe die Katze draußen aufgelesen, und sie hat Junge bekommen. Ich konnte sie nicht allein lassen.
Und das nennst du einen berechtigten Grund fürs Zuspätkommen?
Nein, aber…
Also: Für jedes Zuspätkommen gibts ab jetzt eine Strafe. Ist das klar? Und beschwer dich hinterher nicht.
Eva versprach, es nicht wieder vorkommen zu lassen. Am Folgetag kam sie pünktlich.
Doch sie blieb in der Mittagspause zu lange weg, weil sie die Katze füttern musste. Sie fuhr sogar mit dem Taxi, aber der Rückweg stockte im Stau.
Wäre mit der Katze alles in Ordnung gewesen, hätte Eva das Büro nicht so oft verlassen müssen. Doch weil die Mutter nicht ausreichend Milch hatte, musste sie die Jungen zufüttern.
So ging es Tag für Tag.
Egal wie sehr sie sich auch bemühte sie schaffte es nicht, nie zu spät zu kommen. Immer wieder entschuldigte sie sich, erzählte von Katze und Kätzchen…
Annette aber zeigte kein Verständnis und verhängte Strafe um Strafe.
Wenn das so weitergeht, bleibt mir kaum noch was vom Gehalt dachte Eva traurig. Und Katzenfutter für die Kleinen muss ich ja auch kaufen. Wie, wenn ich kein Geld habe?
Das ist wirklich eine vertrackte Situation, meinte Herr Brunke nachdenklich, als Eva ihm beim Kaffee alles erzählte. Vielleicht kann ich dir irgendwie helfen?
Was wollen Sie machen? schluchzte Eva. Ich kann schlecht die Katzenfamilie mit ins Büro bringen! Außerdem bin ich wohl sowieso bald arbeitslos. Wenn Frau Dr. Berger zurückkommt, bin ich weg.
Das wollen wir doch mal sehen
Zwei Wochen verstrichen wie im Flug. Morgen sollte Frau Dr. Berger zurückkommen. Heute aber stand für Eva ein Tierarztbesuch an, deshalb wollte sie etwas früher gehen. Ihre Arbeit hatte sie vorbildlich erledigt, das Gewissen war ruhig Annette allerdings…
Und wo willst du jetzt schon wieder hin? zischte Annette, als Eva sich fünfzehn Minuten vor Feierabend auf den Weg machen wollte. Die Arbeitszeit ist noch nicht vorbei.
Wirklich, Mädels, ich muss dringend Eva sah die Kolleginnen bittend an.
Doch in ihren Augen entdeckte sie keinerlei Mitgefühl. Diese Blicke waren so kalt wie Eiswürfel.
Geh ruhig, aber ich erzähle alles Frau Dr. Berger, drohte Annette.
Dann mach das eben! rief Eva, schnappte ihre Tasche vom Tisch und stürmte aus dem Büro.
*****
Am nächsten Tag erwartete sie Frau Dr. Berger im Büro zusammen mit Annette. Eva blieb vor dem Schreibtisch stehen, wo bereits Papier und Kugelschreiber bereitlagen. Sie verstand sofort.
Man hat mir berichtet, wie das hier in meiner Abwesenheit gelaufen ist, begann Frau Berger ruhig.
Ja, ich hab Fehler gemacht, Eva atmete schwer. Ich sah aber keinen anderen Ausweg.
Schon gut, Herr Brunke hat mir erzählt, dass du dich um eine Katze samt Jungen gekümmert hast.
Das ist aber kein Grund fürs Zuspätkommen, stichelte Annette.
Frau Dr. Berger funkelte sie an, und Annette wurde sofort still.
Nicht unterbrechen, Annette. Katzengeburten sind kein dienstlicher Grund, aber sie drehte sich Eva zu und lächelte milde, wie eine Mutter zu ihrer Tochter. Aber ist das kein Grund, jemandem Unterkunft zu gewähren?
Aber sie hat die Arbeitsordnung verletzt und sich nicht an meinen Anweisungen gehalten!
Das stimmt, aber ihre Arbeit hat sie stets erledigt. Im Gegensatz zu dir und deinen Freundinnen. Die Sache ist du bist durch den einfachsten Test durchgefallen: Menschlichkeit. Anstatt Eva zu unterstützen, die allein den Mut hatte, eine schwangere Straßenkatze aufzunehmen, hast du ihr fast das ganze Gehalt gestrichen. Ist das menschlich?
Annette schwieg.
Mit jedem Wort machte sie sich kleiner.
Also, Annette. Hier Papier, da ein Stift. Kündige und auf Wiedersehen. Solche kaltherzigen Mitarbeiter gibt es bei mir nicht. Mit den übrigen spreche ich auch noch aber ich denke, sie standen nur unter deinem Einfluss.
Während Annette zitternd ihre Kündigung schrieb, dankte Frau Dr. Berger Eva ausdrücklich, dass sie die Katze nicht im Stich ließ, und gab ihr zwei Wochen bezahlten Urlaub. Gehalt und Prämie bekam sie ebenso zurück.
Eva konnte ihr Glück kaum fassen. Sie hatte mit dem Schlimmsten gerechnet, nun war das Beste geschehen.
Gibs zu, du hast da nachgeholfen! lachte Eva am Abend zu ihrer Katze, die mit ihren Jungen an der Seite auf dem Bett lag.
Liese warf ihr einen gespielten, empörten Blick zu, dass Eva laut lachen musste.
Eineinhalb Monate später kamen Frau Dr. Berger und Herr Brunke zu Besuch vorbei.
Äh guten Tag, stammelte Eva überrascht. Was machen Sie denn hier? Alles in Ordnung?
Aber ja. Kolja und ich haben überlegt und wollten die Kätzchen zu uns nehmen! Du hattest doch Anzeigen im Internet? Es sind drei, oder?
Richtig eigentlich dachten wir, drei sind zu viel.
Wir ziehen aufs Land, da ist Platz genug lachte Frau Dr. Berger. Ich komme künftig selten ins Büro, will endlich für mich leben.
Na klasse. Dann kommt bestimmt wieder so eine Annette und macht alles kaputt, dachte Eva.
Solange ich weg bin, bist du, Eva, meine Vertretung als Chefin. Schaffst du das?
Ich? Aber ich bin doch ganz neu…
Ja, du. Nur dir traue ich meine Firma an, denn ich weiß, du enttäuschst mich nicht.
Ich hab übrigens die Buchteln mitgebracht, grinste Herr Brunke. Wie wärs mit Tee?
An jenem Abend war es lebhaft in Evas Küche.
Erst plauderten sie locker wie alte Bekannte, dann wachten die Kätzchen auf und Frau Dr. Berger und Herr Brunke spielten und lachten mit ihnen.
Eva schaute zu und musste weinen. Vielleicht deshalb, weil sie nun das Glück in deren Augen sah.
Katze Liese lag auf dem Teppich, beobachtete die Menschen, froh, dass es noch MENSCHEN gab, die wahrhaft lieben konnten. Es war eben doch noch nicht alles verloren…




