Tanja brachte eine Tochter zur Welt. Das Mädchen war sehr schwach und verstarb leider kurz darauf…

Liebes Tagebuch,

heute denke ich wieder an alles, was in meinem Leben in den letzten Jahren passiert ist es fühlt sich manchmal wie ein fremder Film an, aber es ist meine Geschichte

Anna brachte ihre Tochter in München zur Welt. Das kleine Mädchen war so schwach und kaum auf dieser Welt, da musste sie schon wieder gehen. Das war wohl ihr Schicksal. Ich habe so viel geweint, so viel gehofft, und trotzdem sie musste gehen.

Mein Mann, Stefan, hat, sobald er davon erfahren hatte, mich nicht ein einziges Mal besucht. Ich lag alleine im Krankenhaus und wartete. Am Tag meiner Entlassung stand dort nur ein Koffer mit meinen Sachen Stefan hatte ihn per Lieferservice direkt ans Krankenhaus schicken lassen. Nicht einmal das Personal hat er gesehen. Er blieb unsichtbar.

Ich habe mit vielem gerechnet, aber nicht mit solch einem Verrat! Es gab dann keinen Ort mehr, wo ich hingehen konnte. Später, als ich meine Sachen sortierte, entdeckte ich einen Brief von ihm im Koffer. Als ich ihn las, konnte ich meinen Augen kaum trauen:

Ich reiche die Scheidung ein. Nur deine Schwangerschaft hat mich davon abgehalten, früher zu gehen. Ich habe längst eine andere, eine viel bessere als dich. Du kannst nicht mal ordentlich ein Kind zur Welt bringen. Ehrlich gesagt bin ich sogar froh, dass es so gekommen ist!

Diese letzten Sätze haben mich bis ins Mark getroffen. Ich habe endlos geweint, mich gefragt, wie es weitergehen soll.

Aber dann spürte ich es: Ich werde es allen beweisen! Ich werde erfolgreich sein, die Beste in allem, was ich tue und ganz besonders als Mutter. Vielleicht klappt es nicht mit einem Mann, aber ich werde eine wunderbare Mutter sein. Ich bin erst 24 Jahre alt, mein ganzes Leben liegt noch vor mir!

Stefan lernte ich damals auf einer Party in Nürnberg kennen. Ich erinnere mich, wie ich in meinem schwarzen Kleid dort stand und er mich nicht aus den Augen ließ. Ihm war egal, ob ich wohlhabend oder arm war für ihn zählte, dass ich hübsch war, auffallend hübsch.

Er hatte alles seine Mutter besaß ein Netzwerk von Friseursalons und verdiente gut damit. Er half manchmal mit, kümmerte sich um den Transport der benötigten Materialien mehr nicht.

Es ging damals alles ziemlich schnell: Kennenlernen der Eltern, Hochzeit, Schwangerschaft im zweiten Ehejahr. Sie sagten mir, Stefan gehe mir fremd, aber ich wollte es nicht glauben. Er war immer freundlich zu mir, brachte teure Geschenke mit, sprach liebevoll mit mir

Das Ergebnis? Ich stand allein, mit meinem Koffer vor der Frauenklinik und hatte niemanden. Nach Hause zu meinen Eltern konnte ich nicht, ich war doch von dort damals geflohen Immer Krach, immer Spannungen Nicht mal zur Hochzeit hatte ich sie eingeladen. Nur meine Tante Karin war da.

Karin mochte Stefan nie besonders. Sie stellte von Anfang an klar, dass ich bei ihr nicht Unterschlupf finden könne, falls es mit meinem Mann nicht klappt. Sie hatte selbst kaum Platz.

Also musste ich arbeiten und diese erste Nacht würde ich wohl am Hauptbahnhof verbringen. Es war schwer, ohne jede Berufserfahrung und mit meinem Abschluss in der Tasche ich wollte Tierärztin werden, das war mein Traum. Deshalb hatte ich studiert, sogar mit Auszeichnung. Aber keiner suchte in den Tierarztpraxen, in denen ich Praktika gemacht hatte, eine neue Mitarbeiterin. Nach dem zehnten Tut mir leid, wir sind voll besetzt, setzte ich mich auf eine Bank vor der letzten Praxis und weinte. Plötzlich sprang ein kleiner Dackel auf meinen Schoß und schmiegte sich an mich.

Na, du kleine Wunderfellnase, wem gehörst du denn? Ich kann dich leider nicht mitnehmen, ich selbst habe kein Zuhause.

Wer behauptet, dass du kein Zuhause hast? Lotte, warum bist du schon wieder ausgebüxt? Komm jetzt an die Leine! Eine alte Dame ließ sich neben mich auf die Bank nieder. Erzähl mal. Ich erinnere mich, dich schon mal hier gesehen zu haben, als meine Lotte ihre Frisur bekam. Sie lächelte verständnisvoll und hörte mir zu. Du hast wirklich kein Glück, Mädchen! Komm, nimm deinen Koffer und folge mir. Ich heiße Frau Elisabeth Schröder. Und du?

Anna.

Komm, Anna, du bist sicher hungrig?

Frau Schröder lebte in einer großen Villa am Stadtrand Münchens, fast wie bei meinem Mann. Lotte, ihr Dackel, schien mich gleich zu mögen sie wich nicht mehr von meiner Seite.

Du gefällst ihr, das merke ich sofort. Sie hat nicht zu jedem ein solches Vertrauen. Morgen zeige ich dir alles: das Haus, den Garten. Ich brauche jemanden, der alles in Schuss hält. Denkst du, du schaffst das?

Ich denke schon. Aber ich muss trotzdem weiter nach einer Stelle suchen.

Das brauchst du nicht mehr. Du hast jetzt eine. Ich zahle gut. Deine Kammer ist da drüben, ruh dich aus.

Später erzählte mir Frau Schröder ihre Geschichte. Ihr Mann war gestorben nach dem schrecklichen Verlust ihrer beiden Kinder, sie hatten zusammen das Haus gebaut, das Geschäft geführt. Sie hatte alles verkauft, als die Kinder nicht mehr waren. Die Verwandten kamen nur, wenn sie Geld wollten aber eigentlich warteten sie nur auf ihr Erbe. Also erklärte sie ihnen immer, sie solle selbst etwas arbeiten.

Nach und nach verschwanden die Verwandten. Sie warten alle, aber sie werden lange warten, schmunzelte Frau Schröder gerne.

Ich fand mich gut in meinen Aufgaben zurecht das Studium hatte sich gelohnt, nicht nur bei Tieren, ich kannte mich auch mit Pflanzen aus! Frau Schröder liebte Rosen, und unser Garten blühte wie nie zuvor.

Du hast ein Händchen dafür! So haben die Rosen noch nie geblüht, und die Äpfel und Birnen erst! rief sie oft.

Nach drei Jahren war ich fast ein Teil der Familie geworden. Lotte klebte weiter an meiner Seite. Sieh mal, Anna, ich zahle dir so viel, und du benutzt kaum etwas davon. Was machst du mit dem Geld? fragte Frau Schröder eines Morgens.

Ich möchte einen Tiersalon eröffnen, das ist gerade im Trend.

Willst du mich also verlassen?

Nein, niemals! Sie haben mich gerettet. Aber Sie haben mir auch so viel gegeben ich will auch für mich etwas aufbauen.

Das wirst du. Sie lächelte. Du bist wie die Enkelin, die ich nicht mehr habe.

Jahre vergingen. Ich eröffnetet tatsächlich erst einen und dann einen zweiten Tiersalon. Leider hatte ich nach Stefan lange Angst, mich nochmal zu verlieben. Doch dann kam Christian mit seinem Mops Oskar oft in meinen Salon. Eines Tages stand er mit einem riesigen Blumenstrauß vor mir. Wochenlang war er geduldig, auch wenn ich zögerte.

Anna, was hat er dir angetan? Ich wünsche mir so sehr, dass hier einmal Kinderlachen erklingt. Und ich habe ein Geschenk für unsere Hochzeit.

Kurz vor dem Hochzeitstag übergab mir Frau Schröder ihren letzten Willen: das Haus und ihr gesamtes Erspartes.

Und was ist mit Ihren Verwandten? fragte ich erschrocken.

Die waren seit Jahren nicht hier, haben nie angerufen, niemand interessiert sich für mich. Aber du, du wirst zum richtigen Zeitpunkt wissen, was zu tun ist.

Frau Schröder erlebte unsere Hochzeit, meine Kinder. Sie las ihnen abends Märchen vor, lachte und lebte wieder auf.

Eines Tages, viele Jahre später, begegnete ich Stefan unerwartet in der Innenstadt. Von seinem einst großen Geschäft war nichts mehr übrig, seine Mutter verstorben, alles Geld verspielt. Er stand mir gegenüber, grau, ungepflegt.

Anna?

Wer sind Sie?

Plötzlich kam mein Sohn Julius aus dem Auto. Mama, ich hole dich wie abgemacht ab! Kommen Sie, mein Herr, gehen Sie aus dem Weg!

Alles gut, mein Sohn. Das ist nur ein alter Bekannter.

Dein Sohn? Und ich habe niemanden, nichts Du lebst anscheinend gut.

Ja, alles ist in Ordnung. Leb wohl, ich muss gehen.

Warte! Kannst du mir vielleicht ein bisschen helfen? Nur ein kleiner Betrag

Nein, Stefan. Es ist Zeit, dass du selbst arbeitest. Mit dir hätte es nie etwas werden können. Und ehrlich gesagt, bin ich dir jetzt dankbar, dass alles so gekommen ist. Du warst damals ja auch ganz zufrieden so, tschüss.

Und während ich das schreibe, bin ich auf seltsame Weise versöhnt mit all dem, was war. Mein Glück habe ich so gefunden, wie ich es nie für möglich gehalten hätte.

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Homy
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