Das Familienschmuckstück

– Nein! Überrede mich nicht, Mama! Ich mache es trotzdem!

– Annika, warum?! Erklär mir doch, warum dir das so wichtig ist?

– Weil er früher ins Zimmer kommt als ich, Mama! Weil ich in den Spiegel gucke und mich selbst nicht mehr ansehen kann! Weil ich so nie ein normales Leben führen werde! Kein Mann, keine Kinder! Himmel, Mama! Begreifst du das denn nicht?! Annika fing an zu weinen und pfefferte ihren Kamm auf den verdutzt schauenden Moritz.

Das Kissen, das Moritz gerade mit den Krallen bearbeitete, während er den Streit über sich verfolgte, war übrigens kunstvoll von Annikas Händen bestickt. Eigentlich sollte die Kissenhülle ein Geschenk für Oma werden, aber seit dem großen Familienstreit, der die Familie Berg in zwei unversöhnliche Lager gespalten hatte, blieb das gute Stück bei Annika. Die zarten Rosen auf dem Samt gehörten jetzt ihr und manchmal musste das Kissen auch Überfälle vom ungezogenen Familienkater über sich ergehen lassen.

Moritz war übrigens Annikas Retter-Fund. Vor noch nicht allzu langer Zeit hatte sie den damals struppigen kleinen Kater aus den Fängen ein paar rüpelhafter Nachbarsjungen gezogen. Die Jungs meinten, dass ohne Besitzer ohnehin niemand den Kater verteidigen würde. Dass das zarte Mädchen im Musikschul-Outfit dazwischengeht, daran hatten sie keinen Moment gedacht.

Sie hatten Annika gehörig unterschätzt. Das stille, zurückhaltende Mädchen mit der Notenmappe war natürlich so, wie ihre Mutter sie sich wünschte zart, höflich und einfühlsam. Doch ihr Vater wollte immer, dass Annika auch selbstbewusst durchs Leben geht. Das Ergebnis: schwarzer Gürtel in Karate, ein ganzes Regal voller Pokale sehr zur Verzweiflung von Annika, denn Staubwischen gehörte zu ihren am meisten gehassten Hausarbeiten. Die Pokale wollte sie am liebsten im Keller verschwinden lassen. Ihre Mutter bestand aber darauf, dass sie stolz auf ihre Erfolge sein sollte.

Und tatsächlich: Dank Karate blieben ihr die Rabauken vom Leib, und Moritz, zu Anfang noch mager und verängstigt, wurde mit etwas Liebe zu einem stattlichen, wohlerzogenen Kater mit stolzem, buschigen Schwanz. Annika hatte das Gefühl, Moritz gehöre zu ihr, und Moritz war felsenfest überzeugt, dass Annika ihm gehörte. Die Verabredung war klar: Er bekam bequeme Ecken, Zuwendung und hin und wieder eine wohlverdiente Kopfmassage.

An dem Tag, als Moritz ganz offiziell Familienmitglied wurde, kam Annika deprimiert aus der Leipziger Musikhochschule nach Hause. Die Vorbereitungen für einen Wettbewerb liefen alles andere als gut. Ihre Finger, sonst flink und geübt am Klavier, werden jedes Mal steif, wenn Niklas ihr Studienkollege den Raum betrat.

Niklas kannte Annika fast so lange, wie sie sich selber kannte. Gemeinsam aufgewachsen, erst auf dem Gymnasium, dann auf der Musikhochschule, und seit dem Sommer, als Niklas für ein paar Monate wegen Familienangelegenheiten weg war, fühlte sich zwischen ihnen plötzlich alles anders an. Eine Umarmung von Niklas, ein lockerer Spruch und plötzlich wurde Annika von einem tiefen, ungekannten Glück überschwemmt und wollte diesen Moment nie mehr loslassen.

Vorher hätte sie Niklas noch keck eins mitgegeben, wenn er mal wieder einen Kommentar zu viel machte, aber an diesem Tag wollte sie gar nicht mehr weg aus seiner Nähe. Irgendwie war alles anders, und Annika wusste nicht, wie sie damit umgehen sollte.

Nachdem Niklas in den Probenraum gerannt war, mit zerknüllten Notenblättern und lauten Rufen, schalt sie sich selbst: Jetzt reiß dich gefälligst zusammen! Was redest du dir da ein?

Doch das komische Gefühl ließ sie nicht mehr los. Immer wieder erwischte sie sich dabei, wie sie Niklas sehnsüchtig hinterherschielte, um sofort zu erröten, wenn er sie ansah.

Es war zum Verzweifeln, irgendwie auch wunderschön. Einerseits wollte Annika endlich Klartext reden andererseits hatte sie so viel Angst vor Niklas Reaktion, dass allein der Gedanke ihr die Knie weich werden ließ und die Finger ganz kalt wurden.

Sich jemandem anzuvertrauen, kam gar nicht in Frage. Am allerwenigsten der eigenen Mutter. Annika war sich sicher, Irmgard würde sie nie verstehen.

Das Verhältnis zwischen Annika und Irmgard war eben kompliziert. Sie liebten sich sehr, aber beide hatten einen sturen Kopf. Oft kam es zu kleinen stillen Konflikten. Bei den Bergs gab es keine Geschreie, kein Geschirrfliegen stattdessen wurde die Tür leise zugezogen, und dann herrschte für eine Weile eiserne Stille in der Wohnung.

– Kulturelle Zermürbung, nannte das immer Oma Margarete, bevor sie sich mit allen verkracht hatte.

– Phänomenale Dummheit, schob sie später hinterher.

Annika stimmte Oma still zu, konnte die Stimmung aber nie nachhaltig ändern. Meist war sie diejenige, die nach so einer Funkstille schließlich wieder auf ihre Mutter zuging, Hauptsache Frieden.

Sie wusste ganz genau, wie sehr ihre Mutter sie liebte. Für Irmgard Berg stand ihre Tochter an allererster Stelle. Daran gab es nie Zweifel. Aber aus dieser übergroßen Liebe heraus, wollte Irmgard Annika am liebsten vor allem und jedem beschützen was bedeutete, Annika kam kaum irgendwohin. Keine Ferienlager, keine Treffen mit Mitschülerinnen außer in der Schule. Freunde? Nur ausgewählte Kinder von Mamas Bekannten, und selbst das war nicht wirklich das Wahre. Mit Leonie und Sebastian konnte Annika nichts anfangen Leonie neckte sie ständig mit unterschwellig fiesen Späßen, und Sebastian war am ersten Tag gleich an ihrem Lieblings-Teddybären rumgerissen: Hat er verdient! Warum war bis heute unklar. Annika war jedes Mal in Tränen aufgelöst, wenn Sebastian auch nur am Horizont erschien.

Ach, schade, die Kinder haben sich nicht verstanden! Wären doch ein super Paar!, meinte Sebastians Mutter mal und tätschelte Annika gespielt freundlich, was die jedoch sofort durchschaut und abgelehnt hatte.

– Irmgard, lass das Kind los! Lass sie selbst wählen! Wenn du das jetzt verbietest, wird sie sich ewig unfertig fühlen!

– Margarete, jetzt hör doch auf! Sie ist noch ein Kind. Für ihre Entwicklung bin ich verantwortlich, also bestimme ich.

– Aber nicht zu lange, sonst hältst du Anna irgendwann wirklich für dein Eigentum.

Warum sich Annika dieses Gespräch so tief gemerkt hatte, wusste sie nicht. Es hatte sich aber so eingebrannt, dass sie jedes Mal, wenn ihre Mutter wieder anfing, Anne einzuschränken, fast reflexhaft dagegenhielt:

– Mama, ich bin nicht dein Eigentum!

Irmgard war davon immer sofort aufgebracht.

– Plappere nicht alles nach, was andere sagen! Denk lieber selbst nach!

– Tue ich ja, Mama! dann kehrte wieder Funkstille im Haus ein.

Seit dem großen Knall in der Familie, hatte Annika den Kontakt zu Oma Margarete abbrechen müssen. Wer wirklich Schuld am Streit trug, daran wollte Annika gar nicht denken: Da hatte wirklich keiner das Monopol auf Großmut.

Und Oma hatte sich bei dem besagten Streit auch nicht mit Ruhm bekleckert. Im ersten Zorn sagte sie Irmgard ins Gesicht: Du hättest dich bei deiner zweiten Schwangerschaft besser zusammenreißen sollen! Diese Empfindsamkeit ist doch Unsinn. Du darfst eben nicht immer nur an dich denken. Mit deinen Krankheiten, das alles so zu riskieren Irmgard, was hast du dir dabei gedacht?

Irmgards Reaktion auf die schwierige Schwangerschaft war intensive Gefühlsausbrüche, oft mitten in der Nacht, gefolgt von Tränen und Vorwürfen: Wie könnt ihr nur so herzlos sein?! Was genau von der Familie erwartet wurde, wusste keiner; alle versuchten, Rücksicht zu nehmen. Doch am Ende gab es eine frühe Fehlgeburt, zu einem Zeitpunkt, als die Hoffnung eigentlich schon groß gewesen war. Irmgard gab der ganzen Welt die Schuld. Nur Oma Margarete wagte es, deutlich zu sagen, was Sache war.

Du brauchst eine gute Therapie und echte Ruhe. Kinder bekommt man nicht mehr mal eben so. Hör auf, alle für alles verantwortlich zu machen! Du bist Mutter und Ehefrau, also sei es auch! Du hast schon ein Kind und vielleicht klappt es ja noch mal.

Der Streit führte so weit, dass Oma mit einem Blutdruckanfall in die Klinik gebracht wurde. Und Irmgard vergab ihrer Schwiegermutter nie.

Annikas Vater hatte irgendwann resigniert festgestellt, dass zwei Dickköpfe nicht zu besänftigen sind, und überließ den Vulkanen ihre Zeit.

Das Ganze dauerte, und Annika vermisste ihre Oma schmerzlich. Aber gegen die eiserne Wand ihrer Mutter kam sie nicht an. Irmgard klammerte sich in ihrer Trauer doppelt so fest an Annika.

– Mama, warum habt ihr euch nicht noch mal getraut? Du wolltest doch so gerne noch einen Sohn?

Fragen wie diese blieben von Irmgard unbeantwortet. Der Blick, der Annika dabei traf, signalisierte eindeutig Keine weiteren Fragen!. Sie wusste, dass sie diese Wunde besser ruhen ließ zu groß der Schmerz, der nachhallen würde.

Oma war wohl der einzige Mensch, der Annika wirklich hätte verstehen können, hätte sie sich ihrer Liebesnöte anvertraut. Aber seit Margarete ihre Wohnung in Dresden verkauft, ein Häuschen am Bodensee gekauft und alle hinter sich gelassen hatte, war diese Tür erst mal zu.

So ist es für alle besser, mein Junge. Mehr Frieden für jeden. Annikas Vater fuhr daher zwei Mal im Jahr zum Bodensee, was Irmgard akzeptierte nur Annika mitzunehmen lehnte sie kategorisch ab: Ich will nicht, dass sie gegen mich aufgehetzt wird.

Annika war unzufrieden mit dieser Lösung, aber sie bemühte sich, das Beste rauszuholen und Vater und Mutter ihr Glück zu erlauben. Die einzige heimliche Verbindung zur Oma: ein Foto, das Annika in ihrem Lieblingsroman aufbewahrte.

Und dieses Foto ließ Annika regelmäßig in Tränen ausbrechen. Wie konnte es ein Fotograf nur schaffen, dass die Haupt-Familienschmuckstück der Bergs ihre legendäre Nase durch das Bild irgendwie kleiner wirkte, so dass Annika jedes Mal das Gefühl hatte, im Spiegel zu verwelken?

Die Nase unübersehbar, außergewöhnlich und unverschämt schön, wie Oma Margarete sie immer nannte. Annika ließ das mit dem “schön” aber vorsichtshalber weg.

– Sie ist einfach riesig! Leonie, die Annika seit zehn Jahren nicht gesehen hatte, kreischte begeistert und wollte sogar den Nasenspitz antippen. Sorry, aber das ist zu lustig! Wie der deutsche Pinocchio! Stört das eigentlich beim Küssen? Was? Du hattest noch keinen Freund? Echt jetzt?! Mensch Annika, du bist ein Original! In deinem Alter noch keinen Freund, das gibts doch gar nicht!

Annika verstand selbst nicht, wie sie ruhig blieb. Am liebsten hätte sie Leonie die Haare rausgerissen.

Wer war diese Leonie überhaupt, um so etwas zu sagen? Freundin? Kaum. Eher alte Bekannte. Sie lebte längst mit ihren Eltern in Spanien und kam nur noch selten nach Deutschland. Dieses Treffen hatte Irmgard kurz vor Leonies Abreise heimlich eingefädelt gegen Annikas ausdrücklichen Widerstand.

– Kind, du kannst doch deine Kindheitsfreundin nicht einfach ignorieren!

– Doch, Mama. Warum denn nicht? Wir verstehen uns doch sowieso nicht!

– Du wirst mir noch danken, Annika!

Gedankt hatte ihr Annika innerlich in einer Sprache, die für jugendfreie Ohren unhörbar war. Aber die Entscheidung, die nach diesem Treffen reifte, war vielleicht ihre allererste richtig erwachsene.

– Ich lasse meine Nase operieren!

– Niemals! schrie Irmgard und starrte Annika entsetzt an. Ich lasse das nicht zu! Warum tust du das?

– Es ist sinnlos, mir das auszureden, Mama. Papa hat schon sein Okay gegeben. Ich mache das!

– Du wagst es nicht , flüsterte Irmgard so leise, dass Annika es kaum hörte.

Später, nach stundenlangem Drama, flüchtete sich Irmgard schluchzend ins Schlafzimmer und kreiste in Gedanken um eine Lösung.

Sie kam ihr spät in der Nacht. Und sie war so simpel, dass Irmgard fast lachen musste. Sie griff sofort zum Telefon.

Am nächsten Tag flog Annika nach Friedrichshafen zum Bodensee, zur Oma. Irmgard fuhr sie zum Flughafen und flüsterte beim Abschied:

– Im Leben machen wir viele Dummheiten, mein Kind. Vieles verlieren wir, während wir so viel finden könnten. Wiederhole meine Fehler nicht. Und vergiss nie ich liebe dich mehr als alles auf der Welt.

Annika blieb nichts anderes übrig, als zu nicken, ihre Mutter innig zu umarmen und dann ins Flugzeug zu steigen.

Margarete erwartete sie mit so viel Herzlichkeit, dass beide die ersten zwei Tage kaum zu einem richtigen Gespräch kamen. Dann endlich, als das Gefühlschaos abflaute, wagte Annika das Thema:

– Weißt du, warum Mama plötzlich so weise geworden ist? Weil ich mir angeblich die Nase abschneiden lasse.

– Was?! Du siehst doch toll aus! Ein bisschen Rouge würde dir nicht schaden, aber dein Gesicht? Einzigartig!

– Oma bitte nicht auch du noch!

– Wer hat dir denn so einen Unsinn eingeredet?

– Tja, du wirst lachen Ich zeig dir lieber nicht, wer das war.

Annika verlor sich einen Moment in Gedanken an die perfekte Leonie, die durch Südeuropa tingelte und sicher immer einen Kerl an der Angel hatte.

– Die Leute, die in abwertender Art anderen das Aussehen madig machen das sind keine Menschen, Annika. Gott hat vergessen, nachzubessern, bevor solche Exemplare auf die Welt kamen. Niemand ist perfekt. Schon gar nicht Frauen finde mal eine, die mit sich rundum zufrieden ist! Wenn, dann kann man das Guinness-Buch einstampfen!

– Vielleicht sollte ich mich bewerben. Kategorie: Herausragendste Nase. Da bin ich garantiert Erste!

– Wart mal! Oma Margarete stand aus ihrem Sessel auf und marschierte mit Würde ins Nebenzimmer.

Sie kam mit einem dicken, blauen Samtfotoalbum zurück.

– Schau! Das sind all die Frauen in unserer Familie, die mit unserem Familienschmuckstück bestens gelebt haben. Da sind unsere Vorfahrinnen. Manche Fotos fehlen, einige gingen im Krieg in Berlin verloren. Aber vergiss nie: Keiner der Berg-Frauen hat die Nase am Glück gehindert. Im Gegenteil! Sie haben geliebt, Kinder bekommen, Enkel gesehen. Und das ohne Makel.

Margarete stand wieder auf und holte eine kunstvoll geschnitzte Schmuckschatulle aus der Kommode.

– Es ist an der Zeit. Das hat Fanny dir vermacht. Jede aus unserer Familie hat etwas bekommen, eine Erinnerung an unsere Wurzeln.

Annika öffnete die Dose und entdeckte die schönsten Ohrringe, die sie je gesehen hatte. Ihr Stockte der Atem, genau wie damals bei Niklas.

– Das ist die Arbeit deines Urgroßvaters. Er war Juwelier er hat das Schöne im Verborgenen gesehen. Die Lilien stehen für seine Frau Lili, er hat sie für sie gefertigt. Und so ist das weitergegeben worden.

– Das ist ja eine richtige Familienschmuckstück! staunte Annika.

– Genau wie deine Nase, mein Schatz. Und jetzt stell dir mal vor, wir lassen diese Ohrringe einschmelzen, weil sie altmodisch aussehen. Sie würden ihren ganzen Wert verlieren, wenn wir ihre Geschichte vergessen.

Annika presste das Schmuckstück an sich.

– Das würde ich nie machen!

– Also sag auch nie etwas Schlechtes über das, was dir mitgegeben wurde. Alles ist so, wie es sein soll. Aber erzähl mal, was ist das für ein Junge, der dir so das Herz verdreht hat? Aus welcher Familie? Was macht er?

– Oma! Woher weißt du das etwa?! Annika wurde knallrot und schaute verschämt zu Boden.

– Ach Kind, als ob ich nie jung gewesen wäre!

Der Abend wurde lang, sie redete und redete und Oma hörte zu, ohne zu urteilen. Annika merkte, wie sie endlich wieder Luft holen konnte. Sie durfte träumen, den Wettbewerb planen, sich vorbereiten und von Niklas ohne Angst weiterträumen.

Am nächsten Morgen erwischte sie Oma beim Kofferpacken.

– Was machst du da?

– Es wird Zeit, Steine einzusammeln, Annika. Ich habe selbst viele Fehler gemacht. Ich muss deine Mutter sehen. Es gibt Dinge, die kann man nicht zerreißen.

Margarete war so entschlossen, dass Annika keine Einwände hatte. Gemeinsam hievten sie den Koffer ins Taxi Richtung Heimat.

Später saß Annika mit Moritz im Arm, die Stimmen von Küche wehten bis ins Zimmer. Am liebsten wäre sie hingerannt, hätte sich dazugesetzt, die Hände von Mutter und Oma gedrückt und gefragt: Habt ihrs geschafft? Aber sie wusste: jetzt ist es wichtig, nichts zu überstürzen. Das neu beginnende Familienglück durfte nicht zerstört werden, ehe es überhaupt richtig entstehen konnte. Es war eine filigrane Goldschmiedearbeit wie Familienschmuck eben.

Ein Jahr später, Irmgard schwer schwanger, steht auf und legt Annika vorsichtig den Schleier an, nachdem die Stylistin fertig ist. Sie streicht eine Lilie ihrer neuen Ohrringe zurecht, tupft Annika noch ein wenig Puder auf die Nase und fragt:

– Na, bist du bereit?

– Gleich! Ich pudere noch schnell das Familienschmuckstück! kichert Annika und schaut in den Spiegel.

Sie nickt sich selbst zu und denkt an das eine Mal, als sie Niklas fragte, ob er irgendwas an ihr ändern würde:

– Gar nichts. Für mich bist du wunderbar, Annika. Warum fragst du?

Da strahlte Annika so sehr, dass sie instinktiv die Augen schloss vor Glück.

Ein Lächeln, ein Funkeln in den Augen, die schmalen Arme um den schlaksigen, frischgebackenen internationalen Preisträger: Einfach so, mein Liebster. Einfach so …Moritz springt auf das Fensterbrett und miaut so laut und fordernd, dass alle im Raum innehalten müssen. Annika lacht, winkt ihm zu und sagt leise: Sogar der Kater möchte heute dabei sein.

Als sie kurz darauf die Treppe zur kleinen Kirche hinabschreitet, spürt sie, wie ihre Hand in die von Irmgard gleitet fest, warm, sicher. Hinter ihnen schlendert Oma Margarete, steif und stolz und ein bisschen leise schluchzend, aber mit dem aufrichtigsten Lächeln ihres Lebens.

Vor der Kirchentür wartet Niklas, ein Strauß Lilien in den Händen, der Blick voller Ungeduld, voller Liebe und einer Prise Unsicherheit. Als Annikas Nasenspitze im Sonnenlicht aufblitzt, grinst er verlegen und haucht ihr später, als sie vor den Altar treten, ins Ohr: Dein Familienschmuckstück glänzt heute besonders schön.

Annika hält einen Moment inne. Sie sieht ihre Mutter, die still weint nicht aus Schmerz, sondern aus Glück, die Oma, die Niklas ein Augenzwinkern schenkt, und ihren Vater, der verschmitzt die Daumen drückt. Sie spürt das Gewicht der Ohrringe, die Wärme der Hand, die um ihre gelegt ist, die Zukunft, die ihr entgegenlacht. Und endlich fühlt sie sich ganz, als würde sie die Welt mit jeder Faser umarmen.

Manchmal, denkt sie, ist das, was uns ausmacht, einfach das Beste, was uns passieren konnte.

Und als irgendwo im festlichen Getümmel Moritz ein Tortenstück stiehlt und Annika kichernd ein So ist er eben murmelt, weiß sie: Die Familie, so verrückt sie ist, ist immer genau richtig. Alles andere findet sich im eigenen Takt, mit Herz und, ganz besonders, mit einer herausragenden Nase mitten im Leben.

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Homy
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