Ich komme wieder. Du musst nur warten.
Annika! Michael stellt den Motor seiner BMW ab, hebt den Kopf und blickt zum Fenster im zweiten Stock. Ich weiß, dass du zu Hause bist! Wenn du jetzt nicht rauskommst
Er verstummt, denn er sieht, wie zuerst der Vorhang leicht wackelt und dann erscheint sie im Fenster die Liebe seines Lebens
Annika! Schau mal ich hab mir die Planet gekauft! Fast wie neu. Komm raus, ich dreh mit dir ne Runde. Davon hast du doch schon immer geträumt.
Du kannst auch Motorrad fahren? erstaunt beugt sich Annika aus dem Fenster. Das hätte ich nie gedacht.
Klar kann ich das … Also, was ist? Fährst du mit? Oder soll ich jemand anderen ausfahren?
Dir geb ich jemanden anderen! lacht Annika laut. Warts ab, ich bin in fünf Minuten draußen.
Na gut. Die Zeit läuft. Wenn du auch nur eine Sekunde zu spät kommst, fahr ich ohne dich.
Annika kommt dann doch erst nach fast fünfzehn Minuten raus. Aber Michael, sein Ultimatum hin oder her, wartet natürlich.
Erstens, weil er sie wirklich liebt. Sie ist seine erste echte Liebe.
Und zweitens er weiß genau, dass Frauen immer etwas Zeit brauchen, um sich hübsch zu machen.
Darauf ist er eingestellt.
Was machen da fünfzehn Minuten Für sie würde er sein ganzes Leben warten!
Und wo ist eigentlich deine Mütze? fragt er, als Annika zu ihm kommt, den Blick bewundernd auf das Motorrad geheftet.
Die Maschine sieht stark aus. Und Michael macht darauf wirklich eine gute Figur.
Wie ein Prinz auf dem weißen Ross, von dem sie immer geträumt hat.
Ich will ohne Mütze fahren. Das muss ein tolles Gefühl sein!
Dass Michael aus einer ganz normalen Arbeiterfamilie kommt und sein Ross rot und nicht weiß ist, stört sie überhaupt nicht.
Jetzt ist nur eins wichtig: Sie mag diesen Jungen unglaublich gern und ist verrückt nach ihm.
Und ja, Annika wollte wirklich schon lange mal Motorrad fahren.
Sie hat Michael dauernd davon erzählt. Also, erfüllt er ihr endlich diesen Wunsch.
Und überhaupt Michael ist in jeder Beziehung ein außergewöhnlicher Mensch.
So einen wie ihn hat Annika vorher noch nie getroffen. Ihre erste Begegnung mit ihm war ja wie ein kleines Wunder. Und das geschah etwas über ein Jahr zuvor.
Damals ist Annika mit ihren Klassenkameraden in den Pfälzer Wald gefahren zum Grillen über die Maifeiertage mit Übernachtung.
Die Gruppe war groß sechs Mädchen, vier Jungs.
Unter den Jungs war auch Sebastian, seit Jahren heimlich in Annika verliebt und versucht ständig, sie für sich zu gewinnen.
An dem Tag legt der verliebte Klassenkamerad sich auch sofort ins Zeug.
Er war etwas zu tief ins Bierglas geschaut und lud Annika zu einem Spaziergang ein, versprach ihr etwas Interessantes zu zeigen und griff, als sie weit genug vom Rest weg waren, plötzlich nach ihr.
Auf ziemlich unverschämte Weise
Annika, hör doch auf dich so anzustellen! Du weißt doch, dass ich dich liebe. Es wird Zeit, dass wir endlich ernster werden. Warum schaust du so skeptisch?
Das hat Annika natürlich gar nicht gefallen.
Außerdem weckte Sebastian, so betrunken und mit schiefem Grinsen, in ihr nur Abscheu. Wo soll da Liebe sein?
Obwohl ihre Mutter Frau Annegret, die mit Sebastians Mutter befreundet war Annika immer wieder gebeten hatte, ihn sich mal genauer anzuschauen, weil er doch ein wirklich guter Junge sei, hielt Annika immer Abstand zu Sebastian.
Und heute erst recht!
So ein Verhalten wie das von Sebastian geht einfach gar nicht. Das sagte sie ihm auch deutlich.
Aber Sebastian will nicht hören.
Er packt weiter unsittlich zu, versucht sie zu küssen, und Annika bleibt nichts anderes übrig als zu fliehen.
Und sie rennt los. Sie will das Schicksal nicht herausfordern. Sebastian will noch hinterher, stolpert aber und lässt sie gehen.
Humpelnd kehrt er irgendwann zur Gruppe zurück. Annika selbst läuft immer weiter, wagt nicht, sich umzudrehen.
Erst als sie völlig außer Atem am nächstbesten Baum innehält und sich umblickt, merkt sie, dass sie sich verirrt hat.
Und: Das Handy hat dort natürlich keinen Empfang.
Stundenlang irrt sie durch den Wald, versucht einen Weg zu finden. Aber je länger Annika herumirrt, umso klarer wird ihr, dass sie womöglich nicht so einfach wieder rauskommt.
Ich muss wohl hier übernachten , denkt sie ängstlich.
Sie lehnt sich an einen Baum, hockt sich hin und beginnt zu weinen laut und aus tiefster Seele. Denn hier hört sie ja eh niemand.
Plötzlich:
Donnerwetter! ruft eine Männerstimme nur ein paar Meter entfernt. Ich gehe hier so lang und denke: Hab ich mich verhört oder weint da echt jemand?
Annika stoppt das Weinen blickt den Unbekannten verdutzt an, weiß nicht, was sie von ihm halten soll.
Eben ist sie noch vor einem Romeo weggelaufen, und nun steht schon der nächste vor ihr. Und ehrlich gesagt
sie weiß jetzt nicht recht, ob sie lieber bei Sebastian, auch wenn betrunken, geblieben wäre, oder mit diesem fremden Jungen lieber allein bleibt.
Wie bist du denn hierher gekommen? fragt der Unbekannte und tritt näher. Verlaufen?
Ja sie nickt verunsichert.
Anfangs hatte sie noch Angst vor Michaels plötzlichem Auftauchen, rechnete mit dem Schlimmsten wie sagt man, vom Regen in die Traufe aber schon nach wenigen Minuten
ist sie erleichtert. Michael erweist sich als guter, freundlicher Mensch.
Er hört ihr zu, beruhigt sie, gibt ihr Wasser und bringt sie schließlich zur nächsten Bushaltestelle.
Viel Glück! sagt Michael zum Abschied. Und pass auf dich auf!
Danke , Annika lächelt, beugt sich vor und küsst ihn auf die Wange.
Eigentlich vielleicht etwas zu viel aber sie will Michael danken, dass er sie gerettet und begleitet hat.
Sie flüstert ihm noch ihre Nummer ins Ohr.
Wenn du sie dir merken kannst, ruf mich an. Ich freu mich, dich wiederzusehen.
Michael merkt sie sich, ruft tatsächlich ein paar Tage später an und sie treffen sich wieder.
Annika wohnt im Dorf Herxheim, zehn Kilometer von Michaels Dorf entfernt. Natürlich fährt er zu ihr und bringt einen Strauß Gänseblümchen mit.
Mal was anderes, lächelt Annika, als er ihr die Blumen reicht.
Kommt von Herzen.
Danke.
Zwei-, dreimal pro Woche sehen sie sich. Annika zeigt ihm ihren Ort, erzählt von ihren Zukunftsplänen und lauscht fasziniert, wie Michael ihr Gedichte vorträgt.
Das war völlig unerwartet ein Junge vom Dorf, der Gedichte kann?
Annika war immer der Meinung, dass auf dem Dorf nur einfache Leute wohnen, aber Michael ist das Gegenteil gebildet und belesen.
Nach einiger Zeit stimmt Annika zu und besucht Michaels Dorf sogar das erste Mal, als kleine Führung. Sie lernt seine Eltern kennen. Michael dagegen wird ihren Eltern lange Zeit nicht vorgestellt sie weiß genau, wie ihre Eltern darauf reagieren, dass sie mit einem Dorfjungen zusammen ist.
Aber auf Michael verzichten? Niemals! Jeden Tag mochte sie ihn mehr.
Und Michael, älter als Annika, verliebt sich noch stärker. Der Altersunterschied? Kein Problem!
Wenn du 18 wirst, frage ich dich, ob du meine Frau werden willst! erklärt er. Ich hoffe, das ist kein Problem für dich.
Na, da sehen wir dann, zwinkert Annika und lacht, als sie bemerkt, wie Michael errötet. Natürlich sag ich ja, Michael Wo find ich so einen wie dich noch mal? Es gibt nur einen wie dich auf der ganzen Welt.
Ach was schmunzelt Michael. Willst du damit sagen, in deinem Dorf gibts keine Jungs?
Keine wie dich, erwidert Annika ernst. Sie denkt an Sebastian, der sich nach dem Vorfall im Wald mehrmals entschuldigt hat. Aber verzeihen konnte sie ihm nicht.
Vielleicht hätte sie es getan, wäre sie allein. Doch sie ist es nicht.
Michael, der wie aus dem Nichts in ihr Leben kam, hat ihr förmlich die Augen geöffnet. Und jedes Mal, wenn sie zusammen sind, überrascht er sie aufs Neue.
Mit Bewunderung sieht Annika zu, wie Michael die Gitarrensaiten zupft, als sie am Rhein picknicken.
Auch als er geschickt die Angelschnur knotet sie war noch nie angeln, Michael zeigt ihr, wie das geht.
Da! Annika, du hast einen Biss! ruft Michael begeistert, als sich der Schwimmer hebt.
Was soll ich tun? fragt sie ratlos.
Ich helf dir!
Michael wirft seine eigene Angel weg und kommt sofort zu Hilfe.
Später essen sie gemeinsam überm Feuer gebratene Karpfen.
Und das war nur ein Bruchteil dessen, was Annika mit Michael im vergangenen Jahr erlebt hat.
Gemeinsam Pilze sammeln Michael erklärt geduldig, welche Sorten ungiftig sind.
Baden im Fluss. Und ja
tanzen im prasselnden Sommerregen, weil sie den letzten Bus verpasst haben.
Sie hüpfen auf die Straße tanzen los. Zwei ältere Damen, die zur Haltestelle kommen, schütteln nur den Kopf: Junge Leute verrückt.
Doch Annika und Michael ist egal, was andere denken. Sie sind glücklich das ist das Wichtigste.
Einmal bringt er ihr sogar Quarkküchlein mit. Fängt sie vor der Schule ab, drückt ihr die noch warmen Küchlein in die Hand.
Die hab ich für dich gebacken. Hoffe, sie schmecken dir.
Michael du überraschst mich immer wieder. Hast du die echt allein gemacht?
Natürlich. Hab Mama gefragt, wies geht, bin heute früh aufgestanden und hab gebacken.
Und war dir das nicht zu lästig?
Nein, überhaupt nicht. Weil ich dich liebe. So, jetzt lauf in die Schule. Schönen Tag noch!
Danke danke für alles, was du für mich tust.
Ja, es stimmt: Ihr kleiner Kosmos, in dem Annika vor Michael lebte, ist zu einem Universum aus Liebe, Wärme und kindlicher Freude geworden. Unvergessliche Gefühle.
Jeder Tag mit Michael ist für Annika der schönste ihres Lebens.
Und heute steht er mit dem Motorrad vor ihrer Tür.
Und nicht einfach nur so sondern um ihren alten Traum zu erfüllen. Kaum zu glauben.
Annika, ohne Mütze? Es ist doch kalt, fragt Michael erneut.
Geht schon! Los, fahren wir!
Na dann, los gehts!
Der Motor dröhnt laut auf, Annika schwingt sich hinter Michael aufs Motorrad, umklammert ihn fest als wäre es vielleicht ihre letzte Fahrt. Aber das glauben die beiden in diesem Moment natürlich nicht.
Sie fahren durch die Straßen, dann hinaus ins Feld und Michael beschleunigt, wie Annika es sich wünscht.
Das ist der Wahnsinn! jubelt Annika. Unglaublich! Ich flieg
An ihnen rauschen wie Filmszenen die abgeernteten Weizenfelder, der bunte Herbstwald und der Himmel, eingewickelt in Wolken, vorbei. Und der Wind …
der Fahrtwind zaust Annikas Haare durcheinander. Und sie liebt es.
Eigentlich liebt sie alles daran.
Und das Motorrad, ihr wild schlagendes Herz im Takt zum Motor und natürlich Michael ohne ihn gäbe es all dies nicht. Sie würde noch immer in ihrem kleinen Kosmos leben, ohne all diese unvergleichlichen Gefühle.
Beim nächsten Wiedersehen erzählt Michael Annika, dass er zur Bundeswehr einrücken muss.
Wie lang? fragt sie mit gesenktem Blick und nimmt seine Hand. Sie will ihn einfach nicht gehenlassen.
Ein Jahr. Aber du wartest auf mich, oder? Michael blickt sie besorgt an.
Willst du das denn?
Natürlich! sagt Michael entschlossen. In einer Woche gehts los. Aber ich komm dich vorher noch verabschieden.
Er hält Wort. Gemeinsam gehen sie im Park spazieren.
Michael redet über seine Pläne für die Zeit nach der Bundeswehr, stockt plötzlich mitten im Satz. Denn da, mitten auf der mit Laub übersäten Allee, sitzt ein kleiner weißer Katzenwelpe.
Er sieht so traurig aus, Michael kann nicht einfach vorbeigehen.
Er lässt Annikas Hand los, nimmt das Kätzchen behutsam auf den Arm und drückt es an sich.
Meinst du, der ist weggelaufen? fragt Annika, als sie zu ihm kommt.
Weggelaufen? Wohl kaum. Sieht gepflegt aus, ist bestimmt erst vor Kurzem ausgesetzt worden. Ich hab im Dorf schon zwei Katzen aufgenommen, die ich aus der Stadt mitgebracht habe. Jetzt offenbar noch ein drittes oder eine dritte ist auch eine Katze, lächelt Michael.
Unfassbar. Wie kann man so ein winziges Wesen einfach aussetzen!
Eigentlich will Michael die kleine Katze mit ins Dorf nehmen, schaut dann aber Annika fragend an.
Annika Willst du die nicht vielleicht aufnehmen? Oder besser gesagt: Wärs okay für dich, wenn ich sie dir schenke?
Du schenkst mir die Katze? sie hebt erstaunt die Augenbraue.
Ja! Pass auf, meine Eltern haben früher auch eine Zeit getrennt gelebt. Papa hat Mama damals ein Kätzchen geschenkt und gesagt, es soll ihre Liebe beschützen. Das hat wirklich geholfen, trotz allem zusammenzuhalten. Ich dachte, wir könnten das genauso machen und gleichzeitig das Tier retten. Keiner will die Kleine.
Tja … überlegt Annika. Meine Eltern mögen eigentlich keine Haustiere. Ich fürchte, das stößt ihnen auf.
Schade … ist Michael enttäuscht. Sie ist aber wirklich süß. Sieh mal, was sie für schöne Augen hat. Die erinnern bisschen an deine.
Weißt du was, auf Annikas Lippen erscheint ein Lächeln, ich versuch es trotzdem. Schließlich hast du so viel für mich getan da will ich auch mal was für dich tun.
Annika nimmt das weiße Kätzchen, drückt es an sich und lächelt.
Sollen wir sie Mila nennen? schlägt Michael vor. Der Name gefällt mir.
Mila … Klingt doch schön. Ja, mir gefällts auch.
Lass Mila unser Liebes-Talisman sein. Und wenn ich zurückkomme, such ich einen Job, wir ziehen in die Stadt und leben zu dritt. Einverstanden?
Einverstanden.
Ich komme zurück. Ganz bestimmt. Warte auf mich, sagt Michael und umarmt Annika. Und du auch, meint er zu Mila.
Die Kleine streckt zum Zeichen des Einverständnisses ihr Pfötchen aus. Michael nimmt es behutsam und lächelt. So glücklich war er noch nie im Leben.
*****
Die ersten drei Monate läuft alles bestens. Michael und Annika telefonieren einmal pro Woche immer sonntags. An anderen Tagen kommt Michael nicht ans Handy, das muss reichen.
Sonntags gibt es aber immerhin eine ganze Stunde Zeit zum Telefonieren.
Kurz berichtet er von Heldentaten beim Bund, vor allem will er aber wissen, wie es Annika und Mila geht.
Und, wie läufts mit deinen Eltern wegen Mila? Gab es Ärger? Wenn irgendwas ist, bring Mila einfach zu meinen Eltern ins Dorf. Die kümmern sich gern.
Keine Sorge … antwortet Annika fröhlich. Alles in Ordnung.
In Wahrheit ist das nicht so einfach. Annikas Eltern sind überhaupt nicht begeistert, dass sie ein Streunerkätzchen nach Hause gebracht hat. Und was erst los war, als sie erfuhren, dass Annika auf einen Michael aus dem Dorf wartet! Ein Riesenkrach, das ganze Haus steht Kopf. Sie wollen Annika um jeden Preis vor dem Dorfjungen retten, der sie am Ende für immer in sein armes Kaff entführt. Auf keinen Fall!
Bald schon taucht wieder Sebastian auf.
Zuerst hält Annika Abstand, will privat nichts mit ihm zu tun haben (in der Schule sehen sie sich sowieso täglich) aber das hält sie gerade mal drei Monate durch.
Erstens reden ihre Eltern ständig davon, was sie doch für ein Traumpaar wären.
Zweitens gibt sich Sebastian auf einmal überraschend fürsorglich und liebevoll. Aus dem alten Rowdy wird ein Romantiker.
Drittens ist Michael weit weg nicht jeder hält das mit der Distanz durch.
Und schließlich nervt Mila Annika neuerdings auch gewaltig.
Sich kümmern, das weiße Glücksbündel wie Michael in den Telefonaten sagt unterhalten, das macht ihr keine Freude. Sie ist gern allein.
Als Mila dann auch noch aus Versehen ihr Handy vom Tisch wirft und es kaputt macht, wird Annika richtig wütend.
Na toll, reicht dir die Wohnung etwa nicht? Musstest du auf den Tisch springen?
Sie kann sich nicht beherrschen und schlägt Mila mehrmals fest. Das Kätzchen versteckt sich danach eine Woche lang.
Sie ist halt wild, sagt Sebastian. Nicht ans Haus gewöhnt. Sie wäre draußen eh besser aufgehoben.
Annika stimmt ihm zu.
Sie bringt Mila selbst zur nächsten Mülltonne und geht erleichtert weg, als das Kätzchen ihr nicht nachläuft. Ein schlechtes Gewissen hat sie nicht, im Gegenteil.
Und was Michael wohl dazu sagt? Das ist Annika plötzlich egal.
Denn
Sie beschließt, den Kontakt abzubrechen.
Nach drei Monaten geht Annika plötzlich nicht mehr ans Telefon, wenn Michael sonntags anruft.
Michael versucht es Sonntag für Sonntag weiter. Jedes Mal nur: Teilnehmer momentan nicht erreichbar oder Außerhalb des Netzes.
Er probiert es auch mit Handys von Kameraden, aber es bleibt erfolglos.
Vielleicht hat sie das Handy verloren oder eine neue Nummer? vermutet Grisha, sein bester Kamerad. Oder es wurde geklaut. Sowas passiert.
Kann sein Aber wieso hat sie mich dann nicht informiert? Sie kennt doch meine Nummer, hätte anrufen können.
Keine Ahnung … Vielleicht meldet sie sich ja doch noch. Kopf hoch.
Michael hofft inständig, dass Annika sich meldet.
Nebenher schreibt er ihr Briefe. Die Adresse kennt er.
Doch auch darauf bekommt er nie Antwort.
Gelegentlich hätte er ein Wochenende nach Hause fahren können, um sich selber ein Bild zu machen, doch die Kaserne liegt weit weg für einen schnellen Ausflug reicht die Zeit nicht.
So streicht er Tag für Tag im Kalender ab und sehnt das Ende der Dienstzeit herbei.
Endlich ist es so weit.
Michael kommt zurück.
Doch statt zuerst nach Hause zu den Eltern fährt er direkt zu Annika. Er sehnt sich danach, sie wiederzusehen.
Aber vor allem will er wissen, warum sie plötzlich nicht mehr erreichbar war.
Annika öffnet ihm nicht die Tür macht ihre Mutter, Frau Annegret auf. Michael kennt sie vom Namen her.
Guten Tag, Frau Annegret. Ist Annika zu Hause? Ist alles in Ordnung?
Annika? fragt sie überrascht. Wer sind Sie bitte? Was wollen Sie von ihr?
Ich bin Michael
Ja, und?
Hat sie Ihnen nichts von mir erzählt? Wir waren ein Jahr lang ein Paar.
Sie hat nie etwas erzählt, lügt Frau Annegret. Dabei weiß sie ziemlich genau, wer da vor ihr steht.
Seltsam. Sie haben wirklich nie von mir gehört? Wir waren uns sehr nah. Sie hat versprochen, auf mich zu warten und wir wollten
Junger Mann, ich verstehe Ihre Gefühle, aber Sie sind leider zu spät
Was meinen Sie?
Annika ist in die Stadt gezogen. Sie studiert jetzt an der Uni. Und sie wird bald ihren alten Klassenkameraden Sebastian heiraten. Er hat ihr einen Antrag gemacht und sie hat Ja gesagt. Ich weiß nicht, was es da bei Ihnen gab, aber für Sie gibt es jetzt keinen Platz in ihrem Leben. Sie soll Sie nicht mehr treffen.
Wie bitte? Michael macht einen Schritt zurück, löst den obersten Knopf, um besser atmen zu können. Er kann es nicht verstehen.
Annika und Sebastian? Der, vor dem sie damals weggelaufen ist? Das kann doch nicht sein!
Nie hätte er das erwartet. Er war auf so etwas nicht vorbereitet. Michael liebt Annika! Und tut es immer noch.
Können Sie mir nicht sagen, wo Annika jetzt wohnt? Oder mir ihre Nummer geben?
Junger Mann, ich habe Ihnen doch alles erklärt. Annika führt ein neues Leben. Sie hat keinen Platz mehr für Sie. Fahren Sie bitte nach Hause ins Dorf.
Ich möchte einfach nur mit ihr sprechen
Es gibt nichts zu besprechen!
Frau Annegret will ihm gerade die Tür vor der Nase zuschlagen, da hält Michael rechtzeitig den Fuß dazwischen.
Was tun Sie denn da? Sind Sie verrückt geworden? Ich rufe die Polizei!
Entschuldigen Sie, ich möchte nur wissen, was mit dem Kätzchen ist? Was ist mit Mila?
Wie bitte?
Bevor ich zur Bundeswehr ging, hab ich Annika die weiße Katze geschenkt. Wo ist die jetzt? Noch bei Annika?
Nein. Annika hat Ihr Kätzchen ausgesetzt. Und ehrlich gesagt, richtig so. Tiere gehören nicht ins Haus.
Sie hat Mila einfach ausgesetzt? Michael kann es kaum glauben.
Er tritt vor die Tür, sieht sich um. Was will er eigentlich tun? Neun Monate sind vergangen. In dieser Zeit kann alles mit Mila passiert sein.
Vielleicht hat sie ja jemand aufgenommen. Oder … sie wurde überfahren. Oder wurde krank. Es ist dumm, sie jetzt noch zu suchen.
Und selbst, wenn sie irgendwo auf der Straße überlebt, wird sie Michael sicher nicht mehr erkennen. Er selbst hat sich in dieser Zeit verändert.
Trotzdem geht Michael in den Park, wo er damals das kleine weiße Kätzchen gefunden hat, zitternd auf dem Asphalt.
Er durchstreift den Park kreuz und quer. Vergebens.
Auf einer Bank lässt er sich nieder, stellt seine Reisetasche daneben und …
… die Tränen laufen ihm über das Gesicht. Es ist schwer, Verrat zu verkraften.
Aber am meisten tut ihm das Schicksal von Mila leid. Michael dachte, er gibt sie in gute Hände. Und jetzt …
Hätte ich sie doch gleich ins Dorf gebracht, murmelt Michael und wischt sich die Tränen ab.
Plötzlich hört er direkt neben sich ein leidenschaftliches Maunzen. Er dreht sich und sieht eine weiße Katze.
Oder besser eine graue, von Dreck und Staub. Aber einst war sie ganz sicher weiß.
Und die Augen so smaragdgrün.
Die Katze freut sich, als Michael sie ansieht. Sie streicht ihm um die Beine und …
… streckt ihre Pfote aus.
Michael begreift plötzlich!
Es ist Mila! Seine Mila! Sie hat, im Gegensatz zu Annika, auf ihn gewartet. Sie hat ihn nicht vergessen. Unglaublich!
Michael nimmt die Streunerkatze auf den Arm, drückt sie an sich und dreht sich mit ihr im Kreis.
Die Passanten, die vorbeigehen, tippen sich nur an die Stirn Verrückt, der Kerl!
Vielleicht. Aber wie glücklich macht es, zu wissen, dass einen jemand erwartet. Michael ist vor Freude außer sich.
Seine Mila verlässt er nie wieder. Sie kann zwar keinen Menschen ersetzen, aber sie hilft ihm, die schwere Zeit durchzustehen.
Und mit ihrer Hilfe lernt er jemand Neues kennen eine junge Frau, Olga.
Sie ist ins Dorf gekommen, um ihrer Oma zu helfen. Mila, auf dem Zaun sitzend, umgarnt sie jeden Tag, der Weg zum Laden führt nämlich dort vorbei.
Eines Tages kann Olga nicht widerstehen, streichelt die schöne Katze …
… und trifft (Ob Zufall? Nein Schicksal!) auf Michael, der von der anderen Seite des Zauns auch zu Mila will.
So lernen sich Michael und Olga kennen. Der Beginn eines neuen Lebensabschnitts für beide.
Schon kurze Zeit später ziehen Michael und Mila zu Olga in die Stadt und leben dort zu dritt. Und die Liebe zu Olga wird viel stärker als die erste.
Was ist mit Annika? Sie kehrt irgendwann ins Dorf zurück. Das Studium bricht sie ab sie ist schwanger von Sebastian. Und Sebastian? Der macht sich aus dem Staub, als er davon erfährt, Heiratsantrag hin oder her.
Wie es weitergeht, ist eigentlich egal. Aber eines steht fest: Annika bereut, was sie getan hat. Sie hat den Menschen verraten, der sie wirklich geliebt hat. Der ihr kleines Leben zu einem Universum gemacht hat. Sie streift noch heute durchs Dorf, sucht Mila in der Hoffnung, die Katze könnte ihr die alte Liebe zurückbringen. Doch das wird nie mehr geschehen Doch Mila bleibt unauffindbar für Annika stets entwischend, ein scheuer Schatten zwischen Gärten und Gassen. Manchmal meint sie, in der Ferne ein leises Maunzen zu hören, doch wenn sie sich umdreht, ist nur leere Luft, das Rascheln der Blätter und das Echo vergangener Sommer zu spüren.
Michael aber sitzt abends oft mit Olga auf dem kleinen Balkon ihrer Stadtwohnung, schaut in Milas smaragdgrüne Augen und denkt an den seltsamen, verschlungenen Weg seines Lebens zurück. Er hat gelernt, dass Treue nicht aus Versprechen wächst, sondern aus Herz und Taten. Und dass manchmal ein kleines, weißes Kätzchen der treueste Halt in der stürmischsten Zeit sein kann.
Die Lichter der Stadt blinken unten, Mila schnurrt zufrieden, streckt sich und rollt sich auf Michaels Schoß zusammen. Olga lacht, ihre Hand berührt zart seine. Für Michael beginnt jeder neue Tag nicht mit Sehnsucht, sondern mit Dankbarkeit.
Und irgendwo in der Nacht, ganz leise, als wüsste sie noch immer um das Versprechen, hebt Mila das Köpfchen, blinzelt in die Dunkelheit hinaus und schnurrt, als wollte sie sagen:
Nicht immer ist der, auf den du wartest, auch der, der dich verdient.
Doch wer wartet, liebt auf seine Weise, für immer.




