Du glaubst es nicht! Schau dir das Spektakel an: Der Besen hat seine Familie nach Hause gebracht…

Papa! Komm schnell, das musst du sehen. Venni hat seine Familie mitgebracht

Venjamin, den wir Venni nannten, war ein Kater von klassischem Aussehen, das man hier Marquis nennt: Sein Rücken schimmerte in tiefem, nachtblauem Ton, ebenso die Ohren und der Schweif, während Latz und Pfoten, Brust und Bauch, die schneeweißen Söckchen und das helle Dreieck auf der Stirn strahlend auffielen. Seine Haltung, elegant und leise, ließ an die Form eines Flügels denken anmutig wie ein Klavier, dachte meine Tochter einmal. Seine Augen funkelten in einem nachdenklichen Smaragdgrün, der Blick eines erfahrenen Münchener Katerpoeten, immer bereit für melancholische Ständchen auf Fenstersimsen in einer seltsamen kätzischen Mundart.

Venni war wohlerzogen wie ein feiner Herr aus alten Tagen. Er sprang nie auf den Tisch, zerkratzte keine Möbel, trieb keine Scherze in der Art eines bayerischen Newtons. Was er als Kätzchen getrieben hatte, konnte ich nur vermuten: Vielleicht kletterte er an Vorhängen, warf Christbäume um und hetzte jagend durchs Treppenhaus. Zu uns aber kam er schon ausgewachsen, mit Charakter und ausgeprägter Persönlichkeit. Mangels besserer Möglichkeiten hatte er früher in einer alten Lagerhalle der Fischkooperative auf der anderen Isarseite gelebt.

Doch eines Tages wurde dort das Leben schwer für Katzen. Ein neuer Vorgesetzter, ein Hunde-Liebhaber aus Passau, brachte seine Jagd-Spitzbuben mit, und Venjamin hätte keine Chance gehabt. Mein Schwager, Marcus, ein schweigsamer Schweißer mit einem Herz für Tiere, brachte ihn über die Brücke zu uns.

“Sonst machen die Wachtelhunde ihn fertig. Könnt ihr ihn aufnehmen?” flehte er beinahe.

Wir sagten zu. Und Venni, wie ein junger Recke, startete eifrig seine Mission, Münchens Katzendamen genetisch zu bereichern.

Wer jetzt mit dem Zeigefinger kommt und etwas über Leinenpflicht für Katzen sagen will, dem sei gesagt: Es war das Ende der 1980er, im Umland von Regensburg, am Rand eines endlosen Hopfenfeldes. Tierärzte waren rar, Kastration ein Fremdwort, und hätte man das dem örtlichen, permanent angesäuselten Tierarzt erzählt, hätte der einen wohl in die Nervenheilanstalt eingewiesen.

Doch Venni verliebte sich nie. Keine tabbyfarbene Schönheit, keine gemusterte Katzendame wurde ihm besonders bis sie erschien. Miezchen.

An diesem Tag kehrte ich nach einem Nachtdienst zurück, stellte mich unter die Dusche, sank in einen dichten Halbschlaf. Gegen Mittag kam Anna von der Schule, weckte mich sachte:

Papa, steh auf, das musst du sehen. Venni hat seine Familie mitgebracht

Wie in Zeitlupe glitt ich durch den Flur, bog in die Küche und erstarrte. Venjamin saß dort mit aufgestelltem Rücken, die Pfoten perfekt unter den Leib gelegt, der Schweif ordentlichen umrahmend, Schnurrhaare nach vorn, die Ohren gespitzt eine Haltung voll Würde.

Und vor ihm krochen drei winzige Fellbündel. Ihr Aussehen war überdeutlich: dunkle Rücken, weiße Söckchen, weiße Brustlätze, helle Spitzen am Ende ihrer schwarzen Schwänzchen, als hätte jemand sie mit Puder bestäubt.

Ich machte einen Schritt und erstarrrte erneut: Aus dem Napf fraß hastig eine ausgezehrte, zerrupfte Kätzin, silbergrau-gestreift, mit zerbissenen Ohren und vorsichtiger Bewegung.

Und als sie aufschaute, merkte ich, was sie durchgemacht hatte: nur ein Auge, das andere leer und tiefer als eine verkohlte Mandel.

Ich war gerade an der Tür, begann Anna, und da saßen sie alle wie Soldaten aufgereiht am Teppich. Venni vornweg. Ich wollte sie rauswerfen, dann hab ich gesehen ihr fehlt ein Auge

Gut, dass du sie reingelassen hast! knurrte ich spontan.

Ich versuchte vorsichtig, sie zu streicheln, aber sie zuckte zusammen, zog sich zurück, fauchte, so als hätte sie jedes Vertrauen in die Menschen in den schattigen Gassen Regensburgs verloren. Welch ein Glück, dass ihr und den Jungen der Trupp Wachtelhunde nicht begegnet war. Dass sie einäugig war, sagte schon mehr als nötig über ihr vergangenes Leben.

Wir beschlossen, die neue Familie zu behalten. Dabei geschah etwas Seltsames: Venni, bisher ein selbstbestimmter Streuner, wurde zum Vorzeigekater. In den Hinterhöfen hatte er regelmäßig ums Revier gekämpft jetzt verteidigte er nur noch seinen Innenhof, nicht der Katzendamen wegen, sondern wegen des sicheren Heims. Zerzaust kam er zurück, immer zu seiner einäugigen Freundin.

Abends bauten sie ihr Lager in einem Umzugskarton unter dem Esstisch. Venjamin leckte sie fürsorglich, putzte sorgfältig stets den empfindlichen Augenwinkel.

Mit etwas List und einer Flasche Doppelkorn gelang es mir, den ortsansässigen Tierarzt zur Behandlung zu bewegen in jenen Zeiten der Bierknappheit ein echtes Wagnis.

Die Kätzchen wurden schnell vermittelt, die Fischerjungs der Kooperative rissen sich darum, als wären es Ableger blauer Perser. Alle anderen warteten brav darauf, dass Miezchen noch mehr Nachwuchs brachte.

Und sie tats. Zweimal noch. Dann, wie ein Schatten in einer Münchner Nebelnacht, verschwand sie spurlos. Treu war sie wohl nie, das erkannten wir.

Wir suchten tagelang, riefen unter den Fenstern, spähten in Holzschuppen, durchstreiften die wilden Büsche am Donauufer. Sie blieb verschwunden. Zum Glück waren die letzten Kätzchen inzwischen selbstständig und fanden bald ein neues Zuhause.

Aber Venni verfiel in Schwermut. Stundelang saß er wie eine Statue auf dem Fensterbrett, starrte auf das Draußen, wartete auf Zeichen. Oder er schlich träumend durch den sonntagsstillen Hof, prügelte sich ab und an mit Rivalen, doch nie mehr brachte er eine Auserwählte vor unsere Tür.

Nur gelegentlich tauchte ein junger Kater mit dem unverwechselbaren Marquis-Muster auf Frühjahr, Herbst, es war, als kehrten Schatten seiner Vergangenheit heim. Ein Abbild des alten Venjamin, ein Rest Stolz seiner Blütezeit.

Richtig in Rente ging Venni um 1998. Er mied jetzt den Garten, döste ausdauernd achteinhalb Stunden täglich, aß wenig man spürte, sein Fell wurde schütter, seine Seele müde.

Im Juli 1999 dann, eine letzte Überraschung: Venni jammerte kläglich an der Tür, schlug mit den Krallen ans Holz, wollte hinaus. Ich folgte ihm, Herz in der Hose würde er doch auf ein Rudel Hunde treffen?

Wie ein Greis stieg er die Treppe hinab, stieß sich an jedem Absatz, tappte um das Haus zum kleinen Hang des Leopoldhügels, der wie aus Nebelträumen einem anderen Ort entrückt schien. Ich wollte ihn nehmen, doch er sträubte sich wild: Ich muss, lass mich selbst gehen, schien er zu sagen.

Auf der Kuppe hielt er inne, sah noch einmal, lange, durchdringend in meine Augen. Es war ein Blick, als wolle er mir ein Geheimnis anvertrauen, das nur Katzen und Träumer verstehen. Seine grünen Augen waren finstere Tiefsee. Dann schnellte er unbegreiflich flink in seinem Alter in eine Spalte zwischen den Wurzelhöhlen.

Er war fort. Stundenlang rief ich, hörte in die Finsternis hinein, kroch halb unter die Erde, kam mit schlammigen Klumpen und den Händen in Marderkot zurück. Da wusste ich: wohl zum letzten Mal hatte ich ihn gesehen.

Zurück zuhause säuberte ich mich, nahm eine Taschenlampe, einen Beutel Katzenfutter jetzt längst Supermarktware und lief noch einmal hinaus, rief und lockte; vergeblich. Venni tauchte nicht wieder auf.

Die Alten sagen, Katzen sterben heimlich, fernab der Menschen. Alles, was uns blieb, war zu glauben oder zu hoffen dass jener wilde Rosenstrauch mit purpurnen Blüten, der nächsten Sommer über dem Hang aufblühte, vielleicht mehr war als nur ein Busch: sondern Venjamin in seiner neuen, zauberhaften, blühenden Gestalt.

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Homy
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