Bananen für Oma

Und die Bananen für Oma Hannelore, bitte vergiss sie nicht! Aber nur die kleinen, so wie sie sie mag! Letztes Mal hast du irgendetwas eingekauft! Marie! Wie kann man nur so nachlässig sein? Ist es denn so schwer, das zu tun, was ich dir gesagt habe?

Marie Johanna Schindler, leitende Buchhalterin einer großen Firma, Mutter von zwei Kindern und durchaus zufriedene Ehefrau, atmete tief durch und nickte ins Leere, obwohl ihre Mutter sie am anderen Ende des Telefons ohnehin nicht sehen konnte. Sie wusste genau ihre Mutter würde ganz sicher merken, wie sie auf ihre Anweisungen reagierte, egal wie leise sie sich verhielt.

Und bloß nicht wieder nickend abwimmeln! Erledige es! Ich kenne dich doch! Immer so zerstreut, Marie! Es wird Zeit, erwachsen zu werden!

Ein zweites Mal zu nicken, unterließ Marie. Sie antwortete nur knapp: Ja, alles klar, Mama, und beendete das Gespräch.

Erwachsen werden… Ja, klar, wenn Sie meinen. Mit Anfang vierzig hat man das noch nicht so ganz geschafft.

Bis zum Feierabend blieben noch dreißig Minuten, und Marie versuchte sich mühsam am Bericht. Es wollte einfach nicht gelingen. Gedanken kreisten, meist keine guten. Und sie war doch immer ein braves Mädchen gewesen, hatte ihre Mutter gesagt.

Unsere Marielein ist so schlau! Ein richtig gutes Mädchen!

Das hörte sie oft, als sie noch im Kindergarten war blond, Schleifchen überall und Rüschen am Rock. Ein kleiner Sonnenschein!

Klar, ein Sonnenschein… Denn aus dem Kindergarten holte ihre Mutter nie ein braves Mädchen, sondern immer einen kleinen Lausbub.

Marie! Was hast du denn da auf dem Kopf?

Ein Nest! Hat Frau Schmidt gesagt. Ich soll auf dem Hof einfach ganz still stehen, damit die Vögel kommen und Küken reinlegen. Dann ist wenigstens meine Frisur zu etwas nütze.

Und wo sind die Schleifen?

Weiß ich nicht mehr! Sebastian wollte eine, der brauchte ein Seil für seinen Anker! Weißt du, Mama, Sebastian hat ein Schiff! Sein Papa hat es gebaut! Frau Schmidt hat uns gezeigt, wie es im Waschzuber schwimmt! Soo schön!

Und die andere Schleife?

Keine Ahnung. Lena hat sie mitgenommen. Sag mal, Mama, warum weht eigentlich der Wind?

Marie!

Was denn?

Lass mich jetzt in Ruhe mit diesen albernen Fragen! Ich hab Kopfschmerzen!

Schweigend betrachtete Marie dann auf dem Heimweg ihre Mutter von der Seite. Vielleicht hatte sie wirklich Schmerzen? Und vielleicht würde ihr Kopf nie wieder heil werden und einfach, wie die leeren Eierschalen beim Rührei, im Müll landen?

Maries Fantasie war früh schon wild und völlig aus dem Ruder. Kaum war sie auf halbem Heimweg, begann sie zu schluchzen und dann zu brüllen wie ein angeschlagener Hund, womit sie ihre Mutter komplett in den Wahnsinn trieb.

Marie! Willst du hier ein Theater veranstalten?!

Was los war, erklären konnte sie nie. Sie tat ihr einfach so unendlich leid: Die Mutter, ihr Kopf und die vermasselte Laune. Da wollte Marie einfach nur noch lauter heulen wie der Hund von nebenan, Bruno.

Bruno, ein bemitleidenswerter Dackel, bellte und jaulte bei jedem Anlass, doch zur großen Tragödie blies er erst, wenn sein Herrchen, der Hausmeister Herr Weber, wieder zu viel getrunken hatte. Dann hörte er tagelang nicht auf, und die Kinder des ganzen Hauses Nummer sechs in der Lindenstraße liefen zu ihren Eltern und bettelten, den Hund doch endlich bei sich aufzunehmen. Die Eltern ärgerten sich, riefen die Polizei aber Bruno blieb, wo er war. Nur einmal, mitten im nächsten Suff, verstummte er schlagartig mitten in seiner jämmerlichen Arie und alle wussten, nun war etwas passiert.

Herrn Weber trug man durchs ganze Haus. Er war ein guter Mensch, stets hilfsbereit, wie Mutter Schindler sagte, aber eben zu schwach, um nein zu Alkohol zu sagen.

Als Bruno, am selben Morgen, als Marie nicht in den Kindergarten durfte, weil ein Arztbesuch anstand, hinausgeführt wurde, setzte er sich auf die Schwelle, rührte sich nicht und sah den Leuten nach, die Blumen auf den Weg streuten. Er heulte nicht mehr. Marie streichelte ihn, aber Bruno regte nicht einmal die Rute. Mutter zog Marie mit, und als sie zurückkamen, saß Bruno immer noch so da, bewegte die steifen Pfoten nicht und Marie schwor inbrünstig, so wie Sebastian es zeigte, dass der Hund gerade weinte.

Mama, warum sieht man bei Bruno keine Tränen?

Was an dieser einfachen Frage so Besonderes war? Marie verstand es damals nicht. Aber ihre Mutter zuckte zusammen, sah Bruno lange an, kniete sich daneben und hielt ihm vorsichtig die Hand hin:

Bruno… Bruni… Komm mit mir. Er kommt nicht wieder

Ob der Hund sie verstand? Marie wusste es nicht. Doch Mutter, ohne auf Reaktion zu warten, hob ihn einfach auf, wandte sich an Marie:

Komm, wir bringen ihn erst mal in Ordnung.

So wurde Bruno Maries Hund. Wie alt er damals war, wusste keiner genau, aber in ihrer Familie verbrachte er noch siebzehn Jahre Marie machte Abitur und heiratete. Bruno bellte nie mehr. Er fraß brav, ließ seine Pfoten waschen und folgte stets, doch ein Laut kam ihm nie mehr über die Schnauze. Nicht einmal, als er spürte, dass es Zeit wurde zu gehen, hob er seine Schnauze, sondern schloss erschöpft die Augen, die Nase in Maries salziger Hand. Danach gab es für Marie nie wieder einen Hund. Selbst auf Flehen der Kinder hin brachte sie es nicht übers Herz, einen Welpen zu holen, weil sie Brunos dunkle, kluge Augen nie vergessen konnte.

Doch eigentlich war Marie ein glückliches Kind. Sie hatte alles: Mutter, Vater, zwei Omas, einen Hasen mit abgerissenem Ohr und sonntags Quarkpfannkuchen. Und es gab Omas Garten, mütterlicherseits, zu dem sie nur selten fuhr warum, wusste sie damals nicht. Es war ein Geheimnis, und Geheimnisse erzählt man nicht.

Mit Oma Hannelore, väterlicherseits, fuhr Marie manchmal ans Meer. Sie liebte diese Oma ganz besonders, denn Hannelore beantwortete jede Frage, egal wie peinlich, während sie dafür von Maries Mutter regelmäßig Ärger bekam.

Ach Mutter, warum? Das Kind ist doch viel zu jung! Sie versteht das nicht!

Du hast doch auch alles verstanden, damals! Und Marie ist ganz wie du.

Marie kicherte über die unfassbar wütende Mutter und überlegte, dass sie bestimmt nicht die Hälfte von dem verstanden hatte, was Hannelore über Babys erklärte, aber es war spannend und eines Tages würde Marie auch fragen, warum Erwachsene nicht immer die Wahrheit sagen.

Dafür hatte sie allen Grund.

Die Erwachsenen gaben sich Mühe, dass Marie nicht merkte, wie es zu Hause rumorte. Wozu braucht ein Kind Zank? Aber leise, hinter der Schlafzimmertür, gab es doch manchmal Streit und unterdrücktes Weinen. Omas Lippen wurden schmal, wenn sie Maries Mutter sah, und Marie zog ihre Mutter in die Küche, wo der berühmte Kirschkuchen duftete.

Mama, komm! Oma zeigt dir, wie das geht. Dann machst du den Kuchen zu Hause! Der ist sooo lecker, und du kannst ihn gar nicht!

Nein, Marie.

Natürlich erklärte niemand das Kind. Sie versuchten Haltung zu bewahren. Erst später verstand Marie miteinander verwandt zu sein, macht einen nicht unbedingt zur Familie.

Als Marie zehn war, trennten sich ihre Eltern.

Direkt während einer Geburtstagsparty, die ihre Mutter für sie und ihre Freundinnen veranstaltete, krachte die Tür und auf Maries verwunderten Blick folgte nur:

Das wars…

Bruno, der mehr verstand als das Mädchen, ging zu ihrer Mutter und schmiegte sich an ihr Bein. Irgendwer rief nach Marie, sie rannte jubelnd ins Wohnzimmer. Später, am Abend, sah sie Mutter und Hund einfach nur dasitzen und stumm in dieselbe Ecke starren. Unsicher fragte Marie da lächelte ihre Mutter, wischte sich rasch die Augen, summte: Natürlich, der Kuchen! Alles fertig!, und kam wenig später lächelnd herein mit dem Tortenmeisterwerk, das sie die Nacht über gebacken hatte.

Als alle Gäste weg waren, setzte sich Marie zu ihr, bekam einen Löffel gereicht:

Schmeckt? Na siehste … Diäten sind doch auch egal. Eines Tages feiern wir wieder!

Was für ein Fest ihre Mutter meinte, wusste Marie nicht. Und auch danach wurde es nicht klarer. Die Unterhaltszahlungen vom Vater reichten kaum, um für Marie neue Klamotten für die wachsenden Jahre zu kaufen dass da noch Zeit für Feste blieb, war selten. Nur Silvester und Maries Geburtstag blieben unverändert. Mutter feierte ihren nicht mehr.

Oma Hannelore nahm das mit der neuen Liebe ihrer Tochter ganz gelassen und forderte sogar dazu auf aber Marie sah, dass Mutter gar nicht begeistert davon war.

Das reicht mir, sagte sie immer wieder.

Und oft fragte sich Marie später, was wäre gewesen, wenn ihre Mutter sich nach dem Scheitern nicht aufgeben hätte? Wenn sie nochmal geheiratet hätte oder sich erlaubt hätte, glücklich zu sein? Die Antwort fand sie nicht.

Sie stellte sich oft vor, sie hätte einen Bruder oder eine Schwester. Mama hätte nicht andauernd Kopfschmerzen, sondern würde mal wieder lachen.

Doch die Realität: Ihre Mutter hatte das Lachen längst verlernt. Sie wurde immer strenger, und Marie musste sich beherrschen, ihr nicht aus Trotz zu antworten. In der Pubertät hatte sie das manchmal nicht geschafft aber dann tauchte Bruno auf und hielt ihr stumm die kleinen Zähne hin ein starker Grund, das Drama gleich zu beenden.

Bruno biss nur einmal, als Marie es zu bunt trieb ein kurzer, schmerzhafter Zwicker in die Wade. Es blieb ein blauer Abdruck, der rasch verging, aber Marie wusste danach: Manche wissen besser, was Hunde und widerspenstige Kinder brauchen.

Vieles erklärte Maries Oma. Sie nahm kein Blatt vor den Mund.

Was willst du? Jeder wird grantig, wenn es an Liebe mangelt.

Aber wir lieben sie doch!

Ach, Mariechen, das ist nicht dasselbe! Eine Frau muss sich als solche fühlen. Das können Kinder oder Eltern nicht geben nur ein Mann an ihrer Seite. Das verstehst du noch nicht, aber ich weiß es selbst gut genug. Als dein Opa starb, war ich gerade vierzig. Zu früh. Es gab das eine oder andere spätere Abenteuer, aber … Nicht lachen! Auch ich war mal verliebt! Doch Opa habe ich geliebt. Noch heute. Neben wem anders konnte ich mir nie vorstellen aufzuwachen.

Oma, ich bin doch erst sechzehn!

Das stört nicht. Deine Mutter war kaum volljährig, als sie deinen Vater kennenlernte. Sie war wirklich verliebt, nicht bloß schwärmerisch. Trotzdem war es schwer seine Eltern wollten sie nicht, dein Vater war ein Muttersöhnchen. Sie hat lange durchgehalten. Aber eines hat sie nicht verziehen.

Was denn?

Den Betrug. Es tut mir leid, wenn ich so offen bin. Aber du verdienst die Wahrheit. Zu wissen, was deine Mutter durchgemacht hat. Es reißt einen die Seele auseinander, wenn man mit Verachtung und dummen Ratschlägen traktiert wird. Aber du sollst deinen Vater nicht hassen. Wozu Zeit und Kraft verschwenden? Er hat seinen Weg gewählt, lebt inzwischen gut. Freu dich für ihn, falls du kannst. Du bist aus ihm und ihr gemacht. Keinen Teil kann man abschneiden.

Mama hat nie schlecht über ihn gesprochen.

Und sie wird auch nie. Sie ist klug. Er bleibt dein Vater. Und er liebt dich immer. Warum kompliziert machen?

Liebt sie ihn immer noch?

Ich glaube schon. Deshalb will sie nichts Neues anfangen.

Denkst du, ich könnte je… nur einmal und für immer so lieben?

Ich weiß es nicht. Ich wünsche dir nur, dass, wer auch immer kommt, deiner Liebe würdig ist…

Ihren Mann, Oliver, begegnete Marie so, wie Oma es vorhergesagt hatte wie aus dem Nichts rannte sie am Prüfungstag im Flur gegen einen großen, schiefen Jungen. Das Gesicht hat sie gar nicht erkannt, aber sie bemerkte: starke Arme, sicherer Griff.

Sie sind so schnell! Gibt’s Ihre Handynummer auch im Vorbeirennen?

Sie gab sie ihm nicht, aber nach der Prüfung stand er plötzlich im Flur zu ihrer Überraschung.

Jetzt haben Sie ja Zeit…

Drei Jahre später heirateten sie. Anfangs lebten sie bei Maries Mutter, doch Marie wusste: Das kann so nicht bleiben.

Oma mochte Oliver nicht ein Programmierer, sagte sie, das sei kein Beruf. Er sehe aus, als werde er bald zum Haus-Walross.

Übertreib nicht, Mama. Sei doch froh, dass er isst.

Mir tust Du leid. Pass auf, dass du nicht enttäuscht wirst…

Oliver musste lange kämpfen, bis ihn seine Schwiegermutter schätzte. Zehn Jahre, dann endlich galt er als Goldstück.

Inzwischen wohnten Marie und Oliver längst in ihrer eigenen kleinen Wohnung. Oliver baute seine Firma auf, Marie arbeitete in der Immobilienbranche, die Füße verdienen das Geld, sagte sie. Ihre Mutter und Oma wechselten sich mit Babysitting ab, und Marie war dankbar, dass beide fit und klar waren.

Als sie mit dem zweiten Kind schwanger war, kamen die ersten Warnzeichen.

Marie, was denkst du dir dabei? Bist eine Stunde weg und dann ewig nicht zurück! Ich hab auch noch was zu tun! Die Mutter rührte Omas Lieblingssuppe und schimpfte. Fertig! Ich gehe jetzt! Und nächstes Mal plan dein Leben besser!

Marie war verwirrt. Zum Arzttermin war sie tatsächlich, aber das war gestern. Heute war sie daheim, doch ihre Mutter behauptete, sie sei weg gewesen.

Untersuchungen lehnte Maries Mutter strikt ab.

Was redest du? Ich bin gesund wie ein Fisch. Kümmere dich lieber um Oma, die braucht einen Arzt.

Marie suchte also privat einen Facharzt. Hausbesuch.

Ich will Sie nicht beunruhigen. Ihre Mutter braucht eine gründliche Untersuchung. Leicht wird es nicht.

Marie hörte zu und spürte, wie ihr eiskalt wurde. Das kann doch nicht sein! Ihre Mutter war so jung! Doch die Diagnose war niederschmetternd.

Die Medizin kann nur verlangsamen und begleiten. Ohne Stress, so viel wie möglich.

Marie erahnte: Nun ändert sich alles. Freude brachte das nicht aber sie hatte keine Wahl. Niemand stand ihr so nah wie ihre Mutter.

An den Umzug der Mutter in ihr neues Haus erinnerte sie sich mit Unlust. Oliver hatte das Reihenhaus organisiert, sie verschuldeten sich. Aber alle würden beisammen sein.

Hauptsache, wir sind zusammen und du bist beruhigt.

Marie vergrub das Gesicht bei ihm. Ruhe, das wusste sie, würde sie nie mehr finden.

Und so kam es.

Ihre Mutter vergaß oft, dass sie nun bei ihnen wohnte.

Mama, dein Zimmer ist doch gleich hier.

Was? Ich habe mein eigenes Zuhause!

Ja, klar, aber morgen brauche ich dich bei den Jungs. Und Oma ist krank…

Na gut. Aber das bleibt nicht so! Ich hab schließlich noch ein Leben!

Natürlich, Mama…

Du kannst das eh nicht nachvollziehen, Marie, in deinem Alter!

Ohne Oma Renate, die die Mutter im Auge hatte, wäre Marie längst verzweifelt.

Oma, merkt sie denn gar nichts mehr?

Nicht alles. Vieles von früher weiß sie noch besser als ich. Ich bereue, dass ich damals so wenig Zeit mit ihr hatte. Kita, Schule, Hektik… Erst mit dir habe ich wirklich gelernt, Mutter zu sein. Deine Mutter… sie ist mein Schmerz. Und vielleicht passiert das jetzt, damit sie mir vergibt. Euch beiden. Sie grummelt aber das ist nur äußerlich. Wenn sie mich ansieht, und gar nicht mehr weiß, wer ich bin, dann weiß ich jetzt tut es ihr nicht mehr weh. Dann lächelt sie. Das ist erschreckend… und doch wundervoll. Denn für einen Moment ist sie glücklich. Jung, gesund, und das Leben liegt vor ihr. Marie, wie soll ich das aushalten?

Ich weiß es nicht, Oma…

Marie sah die Mühe, mit der Oma akzeptieren musste, dass ihr einziges Kind in einen anderen, unerreichbaren Raum entschwindet. Oft fand sie Mutter am Sessel der Oma und fragte leise:

Soll ich sie wegführen?

Lass sie. Es dauert ja nicht lange…

Oma starb ein Jahr, nachdem Marie verstanden hatte: Ihr Leben würde nicht mehr werden wie zuvor.

Pass auf sie auf, Marie. Wie auf deinen Augapfel. Ich schaffe das nicht mehr…

Marie biss sich auf die Lippe, nickte, und dachte nur daran, Oma nicht zu zeigen, wie sehr sie Angst hatte, nun alleine alles tragen zu müssen.

Sieh nicht in ihr nur deine Mutter. Im Alter werden wir alle wieder Kinder. Das Herz zählt, nicht der Verstand. Sei für sie wie eine Mutter… Wenn du schreien musst, tu’s, aber nicht so, dass sie es hört. Und dann: Sei für sie da. So, wie du wünschst, dass es eines Tages für dich geschieht. Versprich es mir.

Ich verspreche es…

Wie oft würde Marie noch an dieses Gespräch denken? Unzählige Male…

Sie schielte auf die Uhr, seufzte und griff zur Tasche. Portemonnaie, Autoschlüssel, Regenschirm. Alles dabei. Auf den Großen vom Training abholen, dann in die Schule zum Kleinen, und dann in den Bioladen. Bananen kaufen die kleinen, wie sie Oma Hannelore über alles liebte.

Denn, wenn die Mutter die Bananen sieht, wird sie für einen Moment glauben, Oma lebt noch. Nur ein paar Schritte den Flur entlang, an der skeptischen Betreuerin vorbei, und dann durch diese Wohnzimmertür. Dort wird das unbequeme, altmodische Sessel stehen, das nie zum Stil passt, aber bleibt solange es in Erinnerung ist.

Marie! Du solltest endlich mal die Polster reinigen! Wie oft noch?! Hast du Bananen gekauft? Oma kommt gleich. Sie wollte sie.

Natürlich, Mama! Setz dich. Ich mach dir Tee.

Und der Platz wird besetzt sein. Noch gibt es Zeit, sich anzulehnen, die Hände zu halten. Sanfte, strenge Blicke aufzufangen. Und zu lächeln, wenn überrascht gefragt wird:

Marie, was hast du denn mit deinen Haaren gemacht? Wo ist deine Bürste? Bring sie her, ich kämme dich! Um Himmels Willen, ist es schon so spät Zeit fürs Bett! Was willst du zum Frühstück? Grießbrei oder Pfannkuchen?

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Homy
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Bananen für Oma
Komm zurück – und schick ihn nicht fort Ihre Eltern kannte Nastja nur verschwommen aus Kindheitserinnerungen. Sie starben kurz nacheinander, als sie noch klein war. Zuerst wurde der Vater krank: Sie erinnert sich, wie die Mutter am Bett saß, der Vater konnte nicht mehr aufstehen. Und dann war er fort. Wenig später starb die Mutter am Herzen. So gingen sie gemeinsam. Großgezogen wurde Nastja von den Nachbarn – Anna und Zacharias –, die immer freundschaftlich mit ihren Eltern verbunden waren und die Amtsvormundschaft übernahmen, denn Nastja hatte keine Verwandten. Die Nachbarn hatten einen Sohn, Egor, drei Jahre älter als Nastja. Als sie erwachsen wurde und zu einer hübschen jungen Frau heranwuchs, verliebte sich Egor und auch sie war nicht abgeneigt. Es lag so nahe: Die zukünftige Ehefrau für Egor war direkt im eigenen Haus aufgewachsen. Sie heirateten und zogen in das Haus von Nastjas Eltern, renovierten vieles. Bald schon erwarteten sie einen Sohn. „Ach Nastja, wie ich mich freue, endlich einen Sohn zu bekommen! Unser Familienname wird weiterleben, ich werde ihn lieben – und dich natürlich auch!“, jubelt Egor. Im Herbst brachte Nastja spät nachts ihren Sohn zur Welt. Die Geburt war schwierig, erschöpft wandte sie sich zur Wand, schloss die Augen und seufzte: „Jetzt ist alles geschafft, unser Sohn ist geboren, jetzt darf ich ausruhen.“ Am Morgen brachte man dem Zimmernachbarn das Baby zum Stillen, Nastja bekam keins und wurde unruhig. „Wo ist mein Sohn? Warum bringt ihr ihn nicht? Er braucht doch auch Milch!“ „Alles in Ordnung“, beruhigt die Schwester, „er schläft. Wenn er Hunger hat, meldet er sich.“ Auch am zweiten Morgen kein Baby: Nastja bricht in Tränen aus. „Wo ist mein Sohn? Was ist geschehen?“ Die herzliche Reinigungskraft, Oma Maria, sagt beim Wischen des Bodens: „Ach Mädel, das wird schwer für den Kleinen – er kann ja kaum weinen.“ „Wie meinen Sie das, Oma Maria?“ „So, wie ich sage. Ich arbeite schon lange hier, hab vieles gesehen.“ Da kam die Schwester herein und erklärte ruhig: „Das Baby ist sehr schwach geboren, bekommt jetzt Vitamine per Tropf. Es wird schon werden, machen Sie sich keine Sorgen.“ Schließlich bringt man Nastja ihren Sohn: Sie erschrickt fast ein wenig. Er ist winzig und leicht, der Kopf wirkt größer als der kleine Körper. Zuhause angekommen, nimmt Egor seinen Sohn in Augenschein – und ist entsetzt. Das Baby ist klein, der Kopf zu groß, die Augen rollen, es quäkt nur leise. „Wanja, mein Herzblatt“, spricht Nastja liebevoll, „ich werde dich gleich füttern. Keine Sorge, du wirst groß werden, alles wird gut.“ Egor ist erschüttert, so hat er sich seinen Sohn nicht vorgestellt. „Was hast du geboren? Was ist das!? Der Kopf riesig, der Körper winzig! Ist das wirklich unser Kind – wurde er ausgetauscht?“ „Egor, wie kannst du sowas sagen! Das ist unser Wanja. Er ist einfach so geboren, das wird schon, auch die Ärtzin hat es mir gesagt.“ Mit mütterlicher Wärme badet und versorgt Nastja den Sohn. Egor geht nicht ans Kind, verzieht sich ganz von ihm. Eine Woche später erklärt er: „Ich habe gekündigt und ziehe fort, in eine andere Gegend. Ich will so etwas nicht einmal ansehen. Ich brauche ein gesundes, normales Kind. Macht’s gut!“ Schnell spricht er, die Tür fällt zu, die Koffer hatte er lautlos gepackt. Nastja bleibt wie versteinert, sieht, wie er davonläuft, nicht einmal zu den Eltern geht, sondern direkt zur Bushaltestelle. Sie selbst informiert Annas und Zacharias. Mit Wanja auf dem Arm bricht sie in Tränen aus. „Egor hat uns verlassen, er will kein krankes Kind, hat gekündigt und ist fort.“ „Ach Gott, was ist nur passiert!?“ jammert Anna, während Zacharias nur düster sagt: „Kopf hoch, Kind, wir schaffen das.“ Nastja bleibt allein mit Sohn und Schwiegereltern in Nähe. Anna braut Kräuter, hilft beim Baden, Zacharias läuft mühsam mit Stock, bringt Holz und Wasser, so kommen sie zurecht und lachen sogar beim abendlichen Tee. Wanja wächst auf, er erholt sich, wird ein interessanter Junge und liebt Opa Zacharias innig, streckt ihm die Ärmchen entgegen. Der Opa vergöttert den Enkel, gibt ihn nie von den Armen, wenn Nastja zu Gast ist. Als Wanja seine ersten Schritte macht, fließen Nastja die Tränen: Wackelnd läuft er in ihre Arme, sie dreht sich mit ihm durch das Zimmer. „Mein lieber, goldener Wanja, ich wusste, es wird alles gut. Du bist mein Herz.“ Mit Wanja auf den Armen zeigt sie ihn den Großeltern, der Kleine läuft fröhlich. Oma Anna weint, Opa Zacharias lächelt: „Siehst du, nun läuft unser Enkel! Ach…“ Er will mehr sagen, schweigt aber – Nastja weiß, er ist enttäuscht über Egor, der sie verließ. Sie hat nicht mehr damit gerechnet, dass er je zurückkehrt. Fünf Jahre vergehen. Vieles verändert sich, seit Egor fortging. Anna und Zacharias halfen, doch leider nicht lange. Zwei Jahre zuvor stirbt Zacharias, ein Jahr später folgt Anna, beide ohne ihren Sohn je wiederzusehen. Sterbend bat die Schwiegermutter Nastja: „Vergib uns, Kind, vergib Egor – er ging und ließ euch im Stich. Ich bitte dich: Er kommt vielleicht zurück – schick ihn nicht fort. Versprich es mir…“ Nastja rechnet nicht mit Egors Rückkehr, aber verspricht der Schwiegermutter, nur für inneren Frieden. Sie begräbt Anna, lebt mit Sohn allein. Wanja ist klug und mutig: Trägt eigenhändig Holz zum Ofen, sie lobt ihn liebevoll: „Du bist mein kleiner Hausherr, mein Helfer!“, und er strahlt stolz zurück. Als Wanja sechs wird, öffnet sich eines Tages leise das Gartentor. Egor betritt den Hof. Der Junge fängt Schmetterlinge, sieht Egor und kommt neugierig näher. „Guten Tag“, sagt Wanja höflich, „Wer sind Sie? Ich kenne Sie gar nicht…“ „Ich…äh, ich bin Egor Zacharias… also Zacharias Sohn…“ „Ich bin Ivan, meine Mama nennt mich Wanja“, antwortet der Junge. Egor blickt überrascht und sinkt auf die Bank. „Was sagst du … Du bist Wanja?“ Ihm steigen die Tränen auf. Der hübsche Junge sagt: „Nicht weinen, Mama meint, Männer weinen nicht. Wer sind Sie? Vielleicht mein Papa?“ Egor bricht in Tränen aus, „Papa“ trifft ihn ins Herz. Da tritt Nastja aus dem Haus, setzt sich fassungslos zu ihm auf die Stufe. „Du… Egor?“ „Mama, ist das mein Papa? Ich wusste, dass du kommst!“ Nastja umarmt ihren Jungen: „Ja, Wanja, das ist dein Papa.“ „Verzeiht mir, Nastja, ich war feige, bin fortgelaufen, habe euch im Stich gelassen. Ich bereue, bitte um Vergebung…“ Egor kniet auf der Stufe, bettelt um Vergebung. Wanja tritt näher und umarmt Egor. Nastja bleibt stumm. Egor sieht an ihren Augen, dass sie ihm verzeihen wird, das Herz spürt es. „Wo sind meine Eltern? Ich bin gleich zu euch, habe sie nicht besucht.“ „Es geht ihnen jetzt gut, wir haben sie begraben, dort, schau…“, sie deutet zum Friedhof. Nach einiger Zeit stehen alle drei an den Gräbern von Anna und Zacharias. Egor bricht weinend zusammen auf das Grab der Mutter. „Verzeiht mir, Mama, Papa … bitte!“ Stumm gehen Nastja und Wanja zurück, Hand in Hand. Wanja schaut zu Egor hinauf: „Papa, du weinst nicht mehr?“ „Nein, mein Sohn, ich weine nicht mehr, verspreche es dir.“ „Ach Gott, Nastja, wie konntest du hier allein leben?“ „Ganz unterschiedlich“, sagt sie. „Deinen Eltern danke ich, sie haben uns nie vergessen, viel geholfen – und wir haben ihnen geholfen.“ „Ja, Papa“, sagt Wanja stolz, „Mama hat immer gesagt, danke Oma Anna und Opa Zacharias. Ich war ja schwach bei der Geburt, Opa hat immer gesagt: Das wird! Und schau, jetzt bin ich schon groß.“ Er stellt sich auf die Zehen, „bald geh ich zur Schule! – Mama, weißt du noch, als ich Opa aus dem Löffel gefüttert habe, als er krank war? Und auch Oma habe ich überredet, zu essen.“ Egor beißt sich auf die Lippen, denkt: „Ich, ein erwachsener Mann, bin vor den Schwierigkeiten geflohen, wollte die Last nicht tragen – und mein kleiner Sohn hat alles durchgestanden, ist stark und gesund. Nastja, sie hat alles allein geschafft. Als es einfacher wurde, bin ich zurückgekommen – und schau, was für einen Sohn hab ich und was für eine Frau!“ Egor ahnt nicht, was in Nastjas Herz geschieht. „Verzeihen oder nicht? Alles vergessen, neu beginnen? Was soll ich tun? – Schau, wie Wanja die Hand seines Vaters hält. Wir müssen als Familie zusammenhalten, und ich habe es der Schwiegermutter versprochen.“ Abends sitzen Nastja und Egor bei schlafendem Wanja am Tisch. Egor fragt sich: „Wird sie mich fortschicken?“ Leise sagt Nastja: „Bevor deine Mutter starb, hat sie mich gebeten: Egor kommt zurück – schick ihn nicht fort. Ich habe ihr das versprochen…“ Egor atmet auf. „Danke, Nastja, nie werde ich euch noch einmal verletzen. Ihr seid meine Liebsten.“ Wenig später fragt Egor Wanja: „Was hältst du davon, wenn du eine kleine Schwester bekommst?“ „Was soll ich sagen?” meint Wanja ernst, „Ich freue mich. Aber schafft ihr das? Ich hab doch bald keine Zeit mehr, wenn ich zur Schule gehe!“ „Wir schaffen das, Sohn, wir schaffen das.“ Danke für’s Lesen, eure Unterstützung und Abonnements. Alles Gute für euch!