– Erik, erinnerst du dich noch, wie wir damals ganz in der Nähe das Zimmer bei unserer Vermieterin gemietet haben? Die Frau mit dem außergewöhnlichen Humor, sagte Andreas, während er sein Unterteller mit der Tasse zu sich heranzog und seinen alten Freund ansah.
– Na klar weiß ich das noch. Eine tolle Frau war das. Sie hat immer so herzlich Jungs gesagt. Übrigens, ich habe sie letzte Woche im Edeka hier um die Ecke getroffen. Sie ist ziemlich gealtert, antwortete Erich.
– Tja, ist eben auch zwanzig Jahre her. Damals war sie so um die fünfzig, jetzt bestimmt schon siebzig.
Es war schön für die alten Freunde, sich nach so vielen Jahren wiederzusehen. Sie hatten sich selten getroffen, meist gab es nur Gratulationen per Telefon oder über soziale Netzwerke. Doch nun war Andreas wieder zurück in seiner Heimatstadt, um sich um das Erbe seiner Tante zu kümmern eine kleine Einzimmerwohnung am Stadtrand von München und hatte Erich angerufen.
– Sie war immer so herzlich, hat uns immer was zu essen gegeben.
– Naja, eigentlich hat sie heimlich unseren Kühlschrank kontrolliert, um zu sehen, ob wir noch genug hatten, warf Andreas ein.
– Stimmt schon, Andi. Sie wollte halt wissen, ob wir alles haben. Das habe ich erst später kapiert, als du weg warst und ich mein letztes Jahr in einer anderen Wohnung verbrachte. Unsere Frau Schmidt kam mir wie ein Engel vor. Erinnerst du dich, wie der Kartoffelsack immer bei der Tür stand?
– Und wie! Der hat uns oft geholfen zwei Kartoffeln raus, im Sack fiel das gar nicht auf.
– Genau. Sie hat die großen Kartoffeln für sich behalten und die kleineren im Sack uns überlassen. Auch ein paar Möhren und Zwiebeln hat sie manchmal reingeworfen. Sie wusste halt, dass wir uns Suppe kochen. Weißt du noch, als sie vorgeschlagen hat, gemeinsam einen Sack Mehl zu kaufen?
– Ja, sie hat Brot für uns gebacken.
– Und hast du sie je gesehen, wie sie selbst davon gegessen hat?
– Nein, nie.
– Siehst du, ich auch nicht. Wahre Weisheit kommt eben mit den Jahren. Beim Wäschewaschen hat sie uns auch immer gefragt, ob wir etwas dazugeben möchten. Sie hätte ja genauso gut nur ihre Sachen waschen können, ohne uns mit einzubeziehen.
– An alles erinnere ich mich, Erich. Doch damals habe ich vieles anders gesehen.
– Ging mir genauso. Das habe ich erst kapiert, als ich in der neuen Wohnung plötzlich für Strom, Wasser und Putzdienst im Flur und Bad zahlen sollte, obwohl ich dort nur spätabends zum Schlafen war.
Da wurde mir so einiges klar. Aber das ist Vergangenheit. Und, wie läufts bei dir? Bist du lange da?
– Bin wegen Angelegenheiten hier. Sag mal, Erich, lass uns doch Frau Schmidt besuchen… Vielleicht kaufen wir einen Kuchen, bringen Blumen mit. Irgendwie möchte ich mich bedanken.
– Das ist eine schöne Idee! stimmte Erich zu.
Sie verabredeten sich für Samstag, um genug Zeit zu haben. Sie trafen sich vor dem Haus, gingen in den zweiten Stock und standen vor ihrer Tür.
– Wie war noch der zweite Vorname? fragte Andreas und drückte dabei den Blumenstrauß aus Chrysanthemen.
– Hm, Frau Maria Schmidt. Mehr weiß ich nicht, ich glaube, sie hat ihn nie gesagt.
Die Klingel summte leise, genauso wie früher. Nach einer Weile öffnete sich die Tür, die inzwischen erneuert war.
– Frau Schmidt, guten Tag! riefen die Freunde fast im Chor.
Die alte Dame zog die Stirn kraus, setzte ihre Brille zurecht und betrachtete die Männer genauer.
– Erich? Andreas, meine Jungs sie begann zu weinen.
– Ach Frau Schmidt, warum denn? fragte Andreas vorsichtig.
– Kommt herein, meine Lieben. Kommt, setzt euch, meine Jungs.
Wieder saßen sie an dem alten runden Küchentisch, der allerdings mit einer neuen Wachstuchdecke versehen war, und schwelgten in Erinnerungen, lachten und scherzten. Andreas blickte aus dem Fenster wie viele Abende hatten sie wohl zu dritt in dieser Küche verbracht? Fast alles war wie früher: derselbe altmodische, hellgrüne Küchenschrank, die mit frischer Farbe gestrichenen Holzstühle, der leise brummende Kühlschrank aus den 60ern.
– Lass uns mal kurz an die frische Luft, flüsterte Andreas, wir sind gleich wieder da, Frau Schmidt.
– Dann stelle ich schon mal das Wasser für Tee auf, Jungs, rief Maria Schmidt aus der Küche.
Unten vor dem Haus stand Andreas wortlos da, vertieft in seine Gedanken und starrte nachdenklich auf den Asphalt.
Erich blickte auf einen älteren Herrn, der gemütlich auf einer Bank rauchte.
– Sag mal, warum nennt sie uns eigentlich immer meine Jungs? Früher schon und jetzt immer noch, fragte Erich.
– Weiß ich auch nicht, meinte Andreas.
– Ihr meint sicher die Frau Schmidt aus dem 29er Haus? mischte sich der alte Mann ein, zeigte dabei seine zahnlose Lücke und lächelte.
Andreas schaute zu ihm hinüber.
– Ja.
– Wisst ihr, ihre beiden Söhne kamen damals in den Garagen ums Leben. Bestimmt schon fünfundzwanzig Jahre her. Danach hat sie nur noch an junge Studenten vermietet, damit sie nicht ganz den Verstand verliert.
– Können Sie sich erinnern, wie das passiert ist?
– Nein, habe es nur gehört. Die haben sich wohl gestritten einer war 21, der andere gerade mit der Schule fertig. Am nächsten Morgen fand man sie… Wenn man früher gekommen wär Sie war danach ein Jahr wie eine Statue.
Aber als sie wieder Zimmer an Jungs vermietete, blühte sie langsam wieder auf. Die, die bei ihr wohnten, haben ihr das Leben gerettet.
– So ist es wohl, bestätigte Andreas leise.
– Weißt du was, Erich? Wir könnten etwas Gutes für sie tun ihr helfen, vielleicht.
– Was denkst du? Kaufen oder machen wir was?
– Die hat doch seit Jahren keinen neuen Anstrich im Bad oder Klo gesehen. Wenn wir die Fliesen selbst legen, kostet das nicht viel. Das Klo und das Waschbecken kann man auch ersetzen, die Badewanne sieht noch solide aus.
– Fliesen kann ich günstig von einer Bekannten aus dem Baumarkt besorgen, da gibts oft Restposten oder alte Serien, ergänzte Andreas.
– Abgemacht, und sie gaben sich die Hand, bevor sie hineingingen.
Der Tee wurde schnell getrunken, irgendwie wollten sie gleich nach der schönen Aufgabe loslegen.
Sie erzählten Frau Schmidt lange nichts von ihrem Plan und warteten, bis alles gekauft war.
Maria Schmidt schüttelte immer wieder den Kopf, klatschte freudig in ihre Hände, wenn sie ins neue Bad oder WC ging, und fand jedes Mal lobende Worte. Erich und Andreas schafften alles in einem Monat an den Wochenenden, und sie gaben sich größte Mühe. Die Fliesen zu legen kostete Zeit, aber das Ergebnis ließ sie selbst staunen und richtig viel Geld hatten sie auch nicht gebraucht.
Vor Stolz hätten sie Bäume ausreißen können, so zufrieden waren sie.
Erich sah nach oben zu den Fenstern im zweiten Stock. Andreas winkte Maria Schmidt, die ihnen hinterher aus dem Fenster zusah.
– Richtig gut, seufzte Andreas.
– Da hast du recht, stimmte Erich zu.
Als die beiden hinter der Straßenecke verschwunden waren, blickte Maria Schmidt zum Himmel.
– Danke. Für alles, danke euch. Jungs, passt auf Erich und Andreas auf. Es sind gute Männer danke, dass es euch gibt.
Und so lehrte das Leben ihnen: Wirkliche Dankbarkeit und Menschlichkeit erkennt man manchmal erst mit den Jahren aber es ist nie zu spät, um etwas Gutes zurückzugeben.



