Wenn die Angst vergeht

Als die Angst verschwindet

Mama, ich bin da! ruft Klara, als sie die Wohnung betritt und ihren Rucksack vorsichtig neben der Tür abstellt. Sie atmet tief durch, versucht ihre Aufregung zu verbergen: Der Heimweg nach der Schule macht ihr immer Angst sie weiß nie, in welcher Stimmung sie ihre Mutter vorfinden wird. Ihr Herz hämmert so laut, dass sie befürchtet, es würde herausspringen, und ihre Hände sind feucht geworden.

In der Stille der Wohnung hallt die Stimme der Mutter wie ein Peitschenhieb:

Und? Was ist es dieses Mal? Schon wieder eine Vier?

Klara zuckt zusammen, blickt verlegen auf ihre abgetragenen Turnschuhe. Sie ist erst zwölf, aber sie kennt diesen Tonfall schon zu gut fast jeden Tag ringt sie mit ihren Ängsten, versteckt Gefühle, als müsse sie sie vergraben wie einen Schatz. In ihrer Brust zieht sich alles zusammen, als hätte jemand ihr Herz mit eiskalten Fingern gepackt.

Nein, Mama eine Zwei in Mathe, antwortet sie leise, vermeidet den Blickkontakt. Ihre Stimme zittert und verrät ihre Angst. Mir hat nur ein bisschen zur Eins gefehlt …

Brigitte schiebt das Hochglanzmagazin beiseite, steht abrupt auf und kommt mit festen Schritten auf ihre Tochter zu. Ihr Gesicht ist verzerrt vor Zorn; die Stirn gerunzelt, Lippen schmal, die Augen dunkel und fordernd.

Eine Zwei?! Bist du im Ernst? Ihr Ton schneidet durch die Luft. Meine Tochter bringt doch keine Zweien! Hast du keine Ahnung, wie das auf andere wirkt? Als könnte ich dich nicht ordentlich erziehen!

Ich hab mich doch bemüht , haucht Klara, spürt einen Kloß im Hals. Die Aufgabe war schwer … Ich hab abends zwei Stunden daran gesessen …

Schwer! höhnt die Mutter, das Wort triefend vor Spott. Du bist doch einfach zu faul! Statt zu lernen, hockst du doch wieder am Handy, was? Lässt dich ständig von Unsinn ablenken!

Sie greift nach Klaras Rucksack, reißt ihn an sich und leert dessen Inhalt auf den Boden Hefte und Bücher verteilen sich in der Diele wie verschreckte Vögel, das Federmäppchen kippt um, Stifte kullern davon. Stumm hält Klara inne, kämpft gegen die Tränen. Sie hat sich wirklich bemüht, gestern zwei Stunden über der Aufgabe gesessen, das Buch mehrmals gelesen, im Internet Beispiele gesucht

Ohne Widerworte zuzulassen, stößt Brigitte Klara entschlossen zur Wohnungstür:

Komm wieder, wenn du die Aufgaben kannst! Und keine Zweien mehr! Kapiert?

Die Tür kracht ins Schloss. Das Geräusch bohrt sich wie ein Messer in Klaras Seele. Sie bleibt auf der Treppe stehen, hält das einzige Heft, das sie festhalten konnte. Tränen laufen ihr über die Wangen, tropfen auf das Hausaufgabenheft und hinterlassen dunkle Flecken auf dem Papier.

Warum ist das immer so?, denkt sie, als sie langsam die Stufen hinabgeht, die Hände um sich geschlungen. Ihre Jacke hat sie nicht; die Kälte schleicht unter die Haut und sie zittert am ganzen Körper.

Wie sehr vermisst sie ihren Vater! Er konnte Mama immer beruhigen, einen Witz machen, die Stimmung retten. Aber er arbeitet auf Montage, ist gerade weit weg in einem kleinen Ort in Mecklenburg, wo er an einer neuen Windkraftanlage baut. Einmal wöchentlich ruft er an, fragt nach, verspricht Geschenke … Doch jetzt ist er fort, das Gewicht der Einsamkeit drückt schwer auf Klaras Schultern.

Das erste Mal hat Mama sie vor Jahren so angeschrien. Sie war neun, als sie in Deutsch eine Fünf schrieb. Damals schrie Brigitte, zog sie fest am Arm und hinterließ einen roten Streifen auf der Haut:

Du bringst mich in Verruf! Wie soll ich den Leuten unter die Augen treten? Alle denken, ich erziehe dich nicht ordentlich!

Damals war Klara zu ihrem Papa, Thomas, gelaufen, hatte ihm alles erzählt. Der war wütend, sprach lange mit seiner Frau, verlangte ein anderes Verhalten, erklärte, Noten seien nicht das Wichtigste. Doch am nächsten Tag, als er wieder weg war, holte Brigitte Klara zu sich:

Wenn du noch einmal beim Papa petzt, zischt sie, drückt Klaras Schulter, dass es sicher blaue Flecken geben wird, dann sorge ich dafür, dass es dir schlechter geht. Kapiert? Du hast deinen Platz zu kennen. Und stör ihn nicht mit deinen Kleinigkeiten!

Seitdem schweigt Klara. Sie versucht, unsichtbar zu sein, alles fehlerlos zu machen, doch Mutter findet immer neue Gründe zum Tadeln. Jeder Morgen beginnt mit einer peniblen Prüfung des Hausaufgabenhefts, jeder Abend mit Befragungen zu den Noten. Klara ertappt sich dabei, dass sie Angst hat, nach Hause zu kommen, alles kostet Kraft, als laufe sie ständig über dünnes Eis.

Eines Tages, als Klara ihr Zimmer aufräumt, hört sie aus Versehen, wie die Mutter am Telefon der Freundin Silke erzählt, auf Lautsprecher:

Ich wollte nie ein Kind, sagt Brigitte mit ungewohnter Härte. Thomas hat so gedrängt Ohne Kinder sei es keine Familie, meinte er. Ich hatte gehofft, es wird ein Junge. Dann hätte ich ihn wenigstens an meiner Seite gehabt. Doch es wurde Klara und er hängt an ihr, vergisst mich ganz!

Bist du eifersüchtig auf deine Tochter? wundert sich Silke.

Nicht eifersüchtig sie ruiniert alles! Wegen ihr streiten wir! Wäre besser, sie wäre nie geboren …

Klara erstarrt; ihre Seele zieht sich zu einem kleinen, schmerzhaften Knäuel zusammen. Sie schleicht zurück ins Zimmer, vergräbt das Gesicht im Kissen und erstickt die Schluchzer. Seitdem gibt sie sich noch mehr Mühe, möglichst gar nicht aufzufallen. Es hilft nichts die Mutter bleibt streng, sucht nach Fehlern, als müsse sie die Frustration an ihrem Kind ablassen

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Klara? Was machst du denn hier? Eine warme Stimme ertönt hinter ihr.

Klara dreht sich erschrocken um. Da steht Frau Anna Müller, die ältere Nachbarin aus dem Erdgeschoss. Ihr silbergraues Haar sorgfältig frisiert, freundliche, leicht müde Augen, immer voller Güte. Sie trägt einen geblümten Hausmantel und gemütliche, selbst gestrickte Pantoffeln.

Mama hat mich rausgeworfen, schniefte Klara, ihre Stimme brüchig vor Verletzung.

Schon wieder wegen der Noten? seufzt Frau Müller, betrachtet das verheulte Gesicht voller Mitgefühl. Komm, Kind, du wirst hier draußen krank. Bei dem Wetter kannst du nicht stehenbleiben.

Sie nimmt Klara an der Hand die Hand warm und sanft und führt sie in ihre einladende Wohnung, in der es nach Vanille und frischem Tee riecht, auf dem Fensterbrett blühen bunte Geranien.

Setz dich, ich mache dir erst mal ein Butterbrot, sagt Anna, stellt den Wasserkessel auf. Erzähl mir, was passiert ist. Ich hab Zeit.

Klara setzt sich an den Tisch, starrt auf das bestickte Deckchen. Die Hände zittern noch.

Nur eine Zwei schluchzt Klara, die Tränen laufen schon wieder. Und sie sagt, ich blamiere sie. Faul und dumm Dass sie wegen mir wie eine schlechte Mutter wirkt

Ach Kind, sagt Anna mit klarer Stimme, während sie das Brot schneidet. Du bist klug, du gibst dir Mühe. Deine Mutter die ist wohl mit sich selbst überfordert und lässt es an dir aus. Willst du, dass ich mit ihr spreche?

Bitte nicht , schüttelt Klara den Kopf, wischt sich die Tränen ab. Dann wird alles nur schlimmer. Papa könnte helfen, aber er ist so weit weg

Anna schweigt einen Moment, dann streicht sie Klara durchs Haar. Dieser liebevolle Kontakt lindert den Schmerz, als würde jemand sie mit einem unsichtbaren Schutzmantel umhüllen.

Manchmal muss man auch Erwachsenen einen Schubs geben, sagt sie leise, richtet einen Teller mit köstlichen Broten mit Schinken und Käse. Vielleicht müsste dein Vater wirklich zurückkommen Oder zumindest ernsthaft mit deiner Mutter reden. Er hat dich sehr lieb, das sieht jeder.

Klara sieht Anna zum ersten Mal seit Langem beinahe erleichtert an. Langsam breitet sich Dankbarkeit in ihr aus, ein Funken Hoffnung regt sich irgendwo tief drinnen. Vorsichtig isst sie das Brot ist wunderbar, würziger Käse, milder Schinken, dazu ein Schluck warmer Tee, der mit Minze und Lindenblüten aromatisch duftet.

Papa sagte, er kommt in den Ferien, murmelt Klara. Aber Mama verbietet ihm, sich einzumischen. Du bist meine Tochter, ich weiß schon, was richtig ist, sagt sie immer.

Anna Müller seufzt, setzt sich gegenüber.

Kinder erziehen heißt nicht schreien und bestrafen, entgegnet sie ruhig. Es geht um Unterstützung, um Vertrauen. Deine Mutter kann es nicht besser aber das muss nicht für immer so sein.

Sie denkt kurz nach, dann sagt sie:

Weißt du was? Ich werde Thomas anrufen. Ich sage ihm, dass du seine Hilfe brauchst. Er wird dich nicht im Stich lassen, oder?

Klara hält inne. Die Vorstellung, dass jemand endlich eingreift, dass Papa erfährt, wie die Wahrheit aussieht, macht Angst und Hoffnung zugleich. Sie nickt wortlos und hält ihre Teetasse noch fester.

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Zwei Wochen später geschieht das völlig Unerwartete.

Klara kommt von der Schule und bleibt wie angewurzelt stehen: Da stehen Papas klobige, schmutzige Arbeitsschuhe im Flur! Ist er etwa schon zurück? Ihr Puls rast vor Aufregung, endlich diese vertraute, geliebte Stimme, die Umarmungen, der Humor, der selbst an dunklen Tagen tröstet. Freude und Sorge mischen sich.

Aus dem Wohnzimmer dringen laute Stimmen:

Du kannst doch nicht einfach abhauen! Wir sind doch eine Familie! schreit Brigitte, der Ton hysterisch.

Familie? klingt Thomas Antwort müde, aber bestimmt. Was ist das für eine Familie, wenn du unser Kind terrorisierst? Ich habe mit Lehrern gesprochen, mit Frau Müller auch. Ich weiß, wie du mit Klara umgehst.

Was weißt du schon? faucht Brigitte. Sie schwärzt mich an, diese kleine Lügnerin!

Ich weiß, dass du sie erniedrigst, einschüchterst, ihr das Gefühl gibst, wertlos zu sein. Hast du eine Ahnung, was du ihr angetan hast? Sie hat Angst, nach Hause zu gehen! Sie weint nachts weil du mir verbietest, dass sie sich an mich wendet.

Du verwöhnst sie zu sehr! brüllt Brigitte. Sie muss lernen zu kämpfen, im Leben gibt es nichts geschenkt! Lob fürs Kleinste? Nein!

Doch nicht auf Kosten ihrer Seele! Thomas Stimme klingt hart. Du hast kein Recht, sie kaputtzumachen.

Wenn du gehst, siehst du sie nie wieder! droht Brigitte verzweifelt.

Wer sagt denn, dass sie bei dir bleibt? entgegnet Thomas eisig. Du bist keine Mutter! Ich lasse nicht zu, dass du ihr weiter schadest.

Da steht Thomas im Flur sein Gesicht voller Sanftheit, seine Augen leuchten vor Fürsorge. Er geht in die Hocke, nimmt Klaras Hände in seine sie sind warm und fest, so vertraut:

Meine Kleine Ich lasse dich nie allein. Das verspreche ich. Es ist schon alles geregelt.

Er umarmt sie. Zum ersten Mal seit Langem spürt Klara Sicherheit. Sie will ihrem Papa alles erzählen von den Demütigungen, den Tränen, den Worten der Mutter: Besser, es gäbe dich nicht. Aber für den Moment reicht es, einfach dazustehen und zu fühlen, dass sie nicht mehr allein ist.

Papa, flüstert sie, den Kopf an seine Schulter gelehnt, seinen vertrauten Geruch einatmend, können wir nur du und ich zusammen wohnen?

Natürlich, sagt Thomas mit einem liebevollen Lachen und vertreibt alle Dunkelheit aus Klaras Herz. Ich habe schon eine Wohnung gefunden, in der Nähe. Und eine Arbeitsstelle dazu. Wir zwei, das schaffen wir. Du bleibst an deiner Schule, und abends kochen wir zusammen, machen uns einen schönen Abend, spielen und reden über alles, was uns einfällt. Einverstanden?

Klara nickt, ihre Tränen mischen sich mit einem Lächeln. Ein warmes Gefühl breitet sich in ihr aus, Hoffnung wie ein zartes Frühlingspflänzchen. Sie drückt ihren Vater fest die Anspannung der letzten Jahre löst sich langsam auf.

Danke, flüstert sie ihm zu. Danke, dass es dich gibt.

Thomas streichelt ihr Haar und sagt leise:

Nein, ich danke dir. Ich tue alles, damit du glücklich bist.

Draußen lässt der Regen nach, Sonnenstrahlen brechen durch die Wolken und tauchen die Straße in goldenes Licht. Klara sieht aus dem Fenster zum ersten Mal spürt sie, dass das Leben etwas Gutes bereithält.

Dann stürmt Brigitte aus dem Wohnzimmer erfüllt von Wut, die Augen wild, die Lippen verzerrt. Es ist, als entlade sich all ihre innere Dunkelheit.

Ihr werdet es bereuen! zischt sie, ihre Stimme ein einziges Grollen. Ihr denkt, ihr kommt einfach so davon? Ich mach euch fertig! Euch beide!

Thomas stellt sich schützend vor Klara, entschlossen und ruhig:

Brigitte, hör auf. Ich habe entschieden. Wir gehen. Du lässt uns in Ruhe. Das ist keine Bitte.

In Ruhe lassen? Brigitte lacht schrill und kalt. Ich zerstöre euch! Ihr werdet noch angekrochen kommen, mich um Vergebung anbetteln!

Klara krallt sich ängstlich an Papas Ärmel, spürt, wie der alte, eisige kindliche Schrecken aufflammt doch Thomas legt ruhig, fest seine Hand auf ihre Schulter, drückt sie tröstend, und der Angst wich langsam aus ihrem Inneren.

Los, Klara, wir gehen, sagt Thomas ruhig. Hier gibt es nichts mehr für uns.

Hand in Hand verlassen sie die Wohnung. Brigitte bleibt im Türrahmen stehen, als wäre eine unsichtbare Mauer im Weg. Mit zusammengebissenen Fäusten ruft sie ihnen hinterher:

Ihr werdet von mir hören! Ich mache euch das Leben zur Hölle, merkt euch meine Worte!

Die Tür fällt zu, der Lärm verstummt, und in Klara bleibt nur Erleichterung.

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Die kommenden Tage fühlen sich für Klara und Thomas wie ein neues Leben an als wären sie in eine andere Welt gezogen, ohne Geschrei, Vorwürfe, ohne Angst. Ihre neue Wohnung im Nachbarviertel ist zwar klein, aber hell und gemütlich, mit großen Fenstern und Blick in einen grünen, ruhigen Hinterhof.

Thomas findet sofort einen Job bei einer Baufirma sein Wissen als Ingenieur ist gefragt. Jeder Morgen beginnt mit einem Lächeln und einem gemeinsamen Frühstück: Klara schneidet Obst, Thomas brät Omelett oder Toasts. Der Duft von frischem Kaffee, dazu Zimt und Vanille erfüllen die Küche. Abends spazieren sie im Park, füttern Enten am Teich, spielen Gesellschaftsspiele oder schauen zusammen einen Film unter einer Decke Klara ist zum ersten Mal seit Jahren rundum glücklich, frei, lebendig.

Eines Morgens, beim Frühstück, reicht Klara ihrem Vater das Zeugnis mit zitternden Fingern:

Papa, schau mal, eine Eins in Mathe! Der Stolz und die Freude klingen in ihrer Stimme.

Thomas liest die Note, blickt auf und lächelt:

Großartig! Siehst du? Ohne Druck klappt alles besser. Ich bin so stolz auf dich! Du bist wundervoll.

Klara umarmt ihn. Sie muss sich nicht mehr verstecken, keine Erklärungen suchen. Bei Thomas fühlt sie sich geborgen.

Papa, fragt sie vorsichtig, können wir am Wochenende in den Zoo? Ich möchte gern wieder Giraffen sehen … und die Affen …

Na klar! erwidert Thomas vergnügt und streicht ihr durch die Haare. Wir nehmen Brote mit, schauen uns alles an, machen Fotos mit den Tieren. Abgemacht?

Abgemacht! lacht Klara hell und frisch wie ein Frühlingsbach.

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Währenddessen irrt Brigitte durch die leere Wohnung. Die Stille bedrückt sie, lässt sie die Einsamkeit spüren. Wut und Kränkung nagen an ihr. Wie konnte Thomas sie einfach verlassen? Wie konnte er Klara mitnehmen?

Sie sitzt am Küchentisch, den Kopf in die Hände gestützt, und schmiedet Rachepläne. Die Gedanken überschlagen sich:

Zuerst sorge ich dafür, dass er gefeuert wird ich kenne da jemanden in der Firma. Dann sorge ich dafür, dass Klara Probleme bekommt, vielleicht packe ich ihr was in den Rucksack und unterstelle ihr Diebstahl … oder schreibe der Schule anonyme Briefe …

Sie kritzelt ihre Gedanken in ein Notizbuch, die Schrift verbeißt sich förmlich ins Papier.

Vielleicht mache ich denen auch ihre neue Wohnung kaputt, lasse Wasser auslaufen … Oder erzähle allen, was für ein schlechter Vater Thomas war, wie er mich behandelt hat …

Da betritt ihre Mutter die Wohnung klein, grauhaarig, mit gütigen, aber erschöpften Augen.

Brigitte, was schreibst du denn da? fragt sie besorgt, sieht in das Notizbuch hinein. Ihre Stimme ist sanft, voller Sorge.

Brigitte erschrickt, klappt das Buch zu.

Nichts, Mama, nur meine Wochenplanung, sagt sie, versucht zu lügen, und dennoch zittert die Stimme.

Wochenplanung? Die Mutter nimmt sich das Notizbuch, überfliegt die Seiten und wird blass. Willst du wirklich deiner Tochter und deinem Mann schaden? Hast du dich nicht mehr unter Kontrolle?

Sie haben mich verraten! ruft Brigitte verzweifelt. Er hat mich verlassen und meine Tochter mitgenommen!

Du hast die Familie selbst zerstört, sagt die Mutter leise, aber bestimmt. Du bist voller Rachsucht und vergisst, was Klara braucht. Du brauchst Hilfe, Brigitte. Du solltest zu einer Psychologin gehen.

Zu einer Psychologin? Bist du verrückt? Brigitte winkt ab, doch tief drin trifft sie die Wahrheit.

Wenn du es nicht tust, mache ich einen Termin für dich, bleibt die Mutter hart. So geht es nicht weiter, du schadest dir und allen um dich herum.

Brigitte sackt zusammen, ihre Schultern sinken, Tränen steigen in die Augen.

Mama ich weiß nicht mehr weiter, flüstert sie mit kindlicher Hilflosigkeit. Ich habe all die Jahre so gewütet, war so neidisch auf ihre Beziehung … Ich wollte nie so werden, konnte aber nichts mehr stoppen …

Ihre Mutter nimmt sie in den Arm, streichelt ihr Haar.

Siehst du, es gibt einen Weg. Lass uns gemeinsam anfangen. Geh zur Beratung für dich, für Klara, für uns alle. Du kannst dich ändern, wenn du willst.

Brigitte schluchzt und nickt zum ersten Mal. Sie spürt: Vielleicht ist nicht alles verloren. Vielleicht kann sie einen Neuanfang wagen.

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Am Abend sitzen Thomas und Klara auf dem Sofa, schauen einen Zeichentrickfilm. Klara kuschelt sich an den Papa, spürt seine Ruhe, lauscht seinem Herzschlag. In der Ecke brennt eine Lampe, im Fenster klimpert der Regen.

Papa, fragt sie leise, glaubst du, Mama wird irgendwann anders? Könnte sie mich irgendwann lieben?

Thomas überlegt, während er ihr sanft durchs Haar fährt. In seinen Augen spiegeln sich Traurigkeit, Mitgefühl und Hoffnung gleichermaßen.

Weißt du, Klara, beginnt er ruhig, Menschen können sich ändern. Sie müssen es aber selbst wollen und erkennen, dass ihr Verhalten falsch ist. Für deine Mutter ist es gerade nicht leicht. Sie ist verletzt, verwirrt, vielleicht unglücklich. Aber das macht sie nicht zu einem schlechten Menschen. Sie braucht Hilfe Zeit zum Nachdenken.

Klara seufzt und schmiegt sich noch enger an ihn.

Und wenn sie sich nie ändert? flüstert sie. Wenn sie mich immer hasst?

Dann denke daran: Du bist wertvoll, unabhängig davon. Du bist klug, gutherzig, stark. Wenn deine Mutter das nicht sehen kann, ist das nicht deine Schuld. Wichtig ist, dass wir zusammenhalten. Und meine Liebe zu dir bleibt für immer.

Klara sieht ihn an, in den Augen glitzern Tränen dieses Mal nicht aus Schmerz, sondern weil sie Liebe spürt.

Danke, Papa, sagt sie leise. Ich dachte immer, ich bin ganz allein, aber du findest immer die richtigen Worte …

Weil ich dich liebe, lächelt Thomas. Und du wirst nie allein sein. Wir sind ein Team. Wenn deine Mutter sich bessern will, dann werden wir sie hören. Aber erst, wenn sie dich respektiert.

Klara nickt, schaut auf den Bildschirm, wo die Figuren fröhlich tanzen. Sie lässt zum ersten Mal die Hoffnung zu, dass Mama eines Tages anders sein könnte. Vielleicht reden sie dann, vielleicht können sie sich sogar umarmen.

Papa, beginnt sie noch einmal, darf ich morgen Lena einladen? Wir haben uns so lange nicht gesehen, sie fragt immer …

Natürlich! sagt Thomas und lächelt. Dann feiern wir. Wir backen Kekse, schauen Filme, spielen Spiele. Was meinst du?

Oh ja! Klara strahlt. Ich habe meine Freundin so vermisst Früher durfte ich ja niemanden einladen, Mama meinte, das lenkt nur vom Lernen ab.

Jetzt ist alles anders, zwinkert Thomas. Du wirst viele Freunde haben, viele schöne Tage. Und alles andere kommt von allein.

Klara lächelt, und etwas warmes Helles blüht in ihr auf wie eine Blume, die den Winter überstanden hat.

Jetzt wird alles gut.

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Homy
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