Ich sagte Nein zu meiner Familie
Ich habe es entschieden. Die Wohnung überschreibe ich auf Maximilian. Du hast doch nichts dagegen, Tochter?
Klara legte den Teelöffel zur Seite. Das Metall stieß dumpf gegen die Untertasse.
Auf Maximilian? Der ist doch erst drei.
Damit er später einmal versorgt ist. Und ich ziehe zu dir. Du wohnst ja alleine, da ist genug Platz.
Brigitte stand im Flur, den Mantel noch nicht ausgezogen. In der Hand hielt sie eine Tasche, aus der ein Dokumentenrand ragte. Es roch nach ihrem Nachtwind-Parfüm, das sie seit zwanzig Jahren immer im selben Laden in der Maximilianstraße kaufte. Dieser schwere, süßliche Duft erfüllte die kleine Wohnung in der Lindenstraße sofort und weckte bei Klara Unruhe, wie kurz vor einem Sommergewitter.
Klara stand wortlos auf, ging in die Küche. Sie stellte den Wasserkocher an. Die Hände verrichteten routinierte Bewegungen, holten Tassen, Löffel, Zuckerdose. Im Kopf hämmerte ein Gedanke: überschreiben.
Willst du Tee? fragte sie ruhig.
Ja, danke, mein Kind. Die Mutter trat ins Wohnzimmer, zog langsam den Mantel aus, hängte ihn über die Stuhllehne und setzte sich aufs Sofa. Sie schaute sich prüfend um. Bei dir ist es kühl. Heizen die Heizkörper nicht richtig?
Doch, es geht.
Bei uns in der Goethestraße ist es wärmer. Jens kümmert sich. Wenn was ist, ruft er gleich bei der Hausverwaltung an.
Klara stellte ihr eine Tasse Tee hin. Sie setzte sich ihr gegenüber. Schaute in ihr vertrautes Gesicht, die Fältchen um die Augen, den Mund zu einer schmalen Linie. Achtundsechzig Jahre. Silbergraues, sorgfältig frisiertes Haar. Neue hellblaue Strickjacke. Jens hatte sie vergangene Woche gekauft, stolz per Handy ein Foto geschickt: Hab Mama beschenkt. Sie hat sich so gefreut.
Morgen ist der Termin beim Notar, fuhr Brigitte fort, während sie rührte. Um zehn. Jens hat alles organisiert, die Unterlagen besorgt. Ein Schatz.
Und meinen Anteil hast du mich gefragt?
Die Mutter hob überrascht den Blick.
Welchen Anteil? Du bist doch meine Tochter. Wir sind doch eine Familie. Die Wohnung bleibt in der Familie, wird nur auf den Enkel überschrieben. Maximilian wirds mal brauchen.
Ich habe die Hälfte der Wohnung, Mama. Laut Vertrag. Die Hälfte.
Na und? Brigitte zog das Gesicht zusammen beim heißen Tee. Du wohnst ja eh nicht mehr dort. Jens, Tina und das Kind brauchen mehr Platz. Und ich komme zu dir, das passt doch, oder?
Klara schaute auf das alte Familienfoto an der Wand. Rahmung aus den Neunzigern. Vater, Mutter, sie selbst und Jens. Sie, etwa elf, der Bruder acht. Sie steht außen am Rand, fast aus dem Bild, Jens in der Mitte, auf dem Arm der Mutter, obwohl er schon groß ist. Er lacht. Der Vater blickt irgendwohin. Klara steht am Rand, ernster Blick, die Arme an den Seiten.
Du hast mich nicht gefragt, wiederholte sie leise.
Was soll ich dich fragen? Die Mutter stellte die Tasse mit einem leichten Klingen ab. Ich bin deine Mutter. Ich weiß, was richtig ist.
Du wusstest es immer besser.
Eben. Brigitte nickte zufrieden. Jens freut sich so. Meinte, ich sei klug. Nicht jede Mutter sorgt so für ihre Kinder.
Klara stand auf, brachte ihre Tasse in die Küche. Kippte den Rest Tee ins Spülbecken. Sie blickte aus dem Fenster. Draußen ein grauer Novemberabend. Straßenlaternen brannten, nasse Blätter klebten zu Haufen am Gehweg. Ein Mann im orangefarbenen Overall schob sie langsam an den Bordstein.
Ich überlege es mir, sagte sie und drehte sich nicht um.
Da gibts nichts zu überlegen, mein Kind. Morgen um zehn. Notaradresse schreibe dir auf.
Ich sagte, ich überlege es mir.
Stille. Klara hörte, wie die Mutter aufstand, ihre Tasche packte, den Mantel überzog. Schritte zur Tür. Pause.
Du machst mich traurig, Klara. Du warst immer dickköpfig. Nicht wie Jens.
Die Tür fiel ins Schloss. Klara blieb am Fenster stehen, bis der Aufzug zu hören war. Dann ging sie ins Wohnzimmer, ließ sich auf die Couch fallen, zog sich nicht aus. An der Decke die feine Risslinie vom Eck zur Lampe. Klara kannte jede Biegung. Schon oft hatte sie abends so daliegend die Krümmungen gezählt statt Schäfchen.
Das Handy vibrierte. Marina.
Wie gehts? Komm nachmittags in den Heimathafen, ich habe dir Haferkekse mitgebracht, selbst gebacken.
Klara schaute aufs Display. Tippte: Danke. Ich komme morgen vorbei.
Sie legte das Handy auf die Brust. Schloß die Augen.
Eine Erinnerung tauchte auf. Sie, acht. Geburtstag von Jens. Tisch gedeckt, die Gäste gerade gegangen. Ein großes Stück Torte mit Buttercreme-Röschen übrig. Sie sah es an, leckten sich die Lippen. Die Mutter legte es auf den Teller, reichte es Jens.
Du, mein Junge. Du hast Geburtstag.
Und Klara? Jens, den Mund schon voll.
Klara ist groß. Sie verzichtet mal. Stimmt doch, Klarachen?
Klara nickte. Stand auf, ging in ihr Zimmer. Legte sich aufs Bett, starrte an die Decke. Später kam der Vater, setzte sich zu ihr, streichelte über den Kopf.
Sei nicht traurig, sagte er leise. Mama liebt Jens eben besonders. Er ist der Jüngste.
Ich bin nicht traurig, antwortete sie.
Der Vater seufzte, ging. Klara blieb liegen, zählte Risse an der Decke. Damals gab es keine. Die Decke war glatt, weiß. Aber sie zählte trotzdem. Vielleicht ihren eigenen Herzschlag.
Am Morgen erwachte Klara früh. Kopfweh. Sie duschte, zog sich an. Um halb acht musste sie los, zwanzig Minuten zu Fuß bis zur Firma Wärme & Wohn. Sie mochte die Strecke, besonders im Herbst. Die Luft frisch und würzig. Blätter raschelten unter den Füßen. Die Menschen hasteten vorbei, wickelten sich in Schals, schauten niemanden an. Man konnte einfach gehen und denken, niemand hielt einen auf.
Im Büro roch es nach Kaffee und Papier. Nina, die Chef-Buchhalterin, saß bereits sortierend an ihrem Schreibtisch.
Morgen, Klarachen. Du siehst heute blass aus.
Alles gut. Nur schlecht geschlafen.
Musst Vitamine nehmen. Ich trinke jeden Tag Doppelherz. Hilft.
Klara nickte, startete den Computer. Sie öffnete Tabellen, tippte Zahlen. Die Arbeit war beruhigend, man konnte die Gedanken ausschalten und nur Felder ausfüllen.
Zum Mittag blieb sie fern der Kantine, zog die Jacke an, ging zwei Straßen weiter in den Park. Am Brunnen, im Sommer sprudelnd, jetzt nur ein steinerner Ring mit nassen Blättern. Die Bank daneben leer. Klara setzte sich, holte ein belegtes Brötchen aus der Tasche. Aß nicht, hielt es in den Händen, schaute in die Bäume.
Das Handy klingelte. Jens.
Sie nahm nicht ab. Steckte das Handy zurück in die Tasche. Kurz darauf eine Nachricht: Klara, was ist los? Mama ist geknickt. Ruf sie an.
Klara löschte die Nachricht. Biss ins Brötchen. Das Brot trocken, Wurst geschmacklos. Kauerte langsam, schaute auf den Brunnen. Erinnerte sich, wie sie mit zwölf von der Mutter im Regen zum Bäcker geschickt wurde. Jens hatte Fieber, sie saß am Bett, wechselte die Umschläge. Klara lief durch den strömenden Regen, schützte das Brot mit ihrer Jacke. Zu Hause gab sie es der Mutter, die nur nickte. Jens stöhnte, die Mutter stürzte mit Tee und Honig an sein Bett.
Klara, zieh dich um, rief sie über die Schulter. Sei leise, der Bruder schläft.
Klara ging ins Zimmer, legte nasse Kleidung ab. Wickelte sich in eine Decke, fror. Abends stieg ihr die Temperatur. Spät kam die Mutter, steckte ihr das Fieberthermometer zu.
Achtunddreißig. Ist keiner Rede wert. Trink Tee mit Himbeermarmelade, morgen ists vorbei.
Am nächsten Tag ging Klara zur Schule. Fieber blieb. Sie fror im Unterricht, zog sich die Strickjacke enger um die Schultern. Die Lehrerin fragte, ob alles in Ordnung sei. Klara nickte. Zu Hause kochte die Mutter Suppe für Jens. Klara schöpfte sich eine Portion. Die Mutter nahm ihr die Schale.
Das ist für Jens. Der muss gesund werden. Du nimm Brot mit Butter.
Klara aß das Brot, trank Wasser, machte später Hausaufgaben.
Zum Ende der Mittagspause kehrte sie ins Büro zurück. Nina blickte besorgt.
Bist du wirklich nicht krank?
Nein.
Am Abend, zurück in der Wohnung, klingelte Jens erneut. Klara nahm diesmal ab.
Hallo?
Klara, was ist los? Mama sagt, du willst die Papiere nicht unterschreiben.
Ich habe nicht gesagt, dass ich nicht will. Ich habe gesagt, dass ich es mir überlege.
Da gibts nichts zu überlegen. Die Wohnung braucht eh niemand mehr von uns, du wohnst doch nicht darin. Für Maximilian ist das doch wichtig. Er ist unser Neffe, falls du es vergessen hast.
Mir ist er genau so ein Neffe.
Na siehst du, dann unterschreib doch gerne. Morgen ist der Notar-Termin.
Stille. Man hörte das Atmen von Jens, schwer, gereizt.
Klara, hörst du mich?
Ich höre dich.
Also, was sagst du?
Ich komme morgen nicht.
Was?!
Ich gehe nicht zum Notar.
Willst du mich aufs Korn nehmen? Mama hat die ganze Woche alles vorbereitet! Ich habe den Termin besorgt! Und du…
Jens, die Hälfte der Wohnung gehört auch mir. Das steht schwarz auf weiß. Ich habe keine Einwilligung gegeben.
Welche Einwilligung? Du bist meine Schwester! Familie! Oder weißt du nicht mehr, was das ist?!
Seine Stimme wurde lauter, ging ins Gebrüll über. Klara hielt das Telefon vom Ohr ab. Hörte ihn brüllen: Egoistin, herzlos, so warst du immer schon.
Jens, beruhig dich.
Beruhigen?! Du warst immer neidisch! Immer schon! Weil Mama mich geliebt hat!
Klara legte das Telefon auf den Tisch. Hörte ihn noch rufen, aber dumpf, aus der Ferne. Sie ging in die Küche, trank Wasser. Die Hände zitterten. Vierzig Jahre alt, schmale Finger, kurze Nägel. Keine Ringe, nie besessen.
Im Wohnzimmer war Stille. Jens hatte aufgelegt. Dann kam eine Nachricht: Reden wir, wenn du dich beruhigt hast. Komm bitte morgen trotzdem.
Klara rollte sich auf dem Sofa zusammen, zog die Decke hoch. Draußen prasselte Regen, die Tropfen zogen Spuren am Fenster. Sie starrte ihnen nach, bis die Augen müde wurden. Dann schloss sie die Lider, Schlaf kam trotzdem nicht. Immer wieder zogen Erinnerungen vorbei wie Ausschnitte aus einem alten Film.
Sie, sechzehn. Ein Brief vom Uniseminar in Hamburg kommt. Aufnahme geschafft. Stipendium, Wohnheimplatz. Klara tanzte durch die Wohnung, drückte den Brief ans Herz. Lief zur Mutter in die Küche.
Mama, ich bin angenommen! Nach Hamburg! Sie haben mich genommen!
Brigitte rührte am Herd in einem Topf Haferbrei. Sie nahm den Brief, las langsam. Gab ihn zurück.
Nein.
Wie, nein?
Du gehst nirgendwohin. Wer hilft mir dann mit Jens? Dein Vater arbeitet zu viel. Jens hat bald Prüfungen, braucht dich. Und ich sitze allein da.
Mama, es ist Hamburg. Mein Traum.
Träume! Mädchen bleiben daheim. Du heiratest, kriegst Kinder. Was willst du in Hamburg?
Aber Mama…
Ich sagte nein. Und erzähls deinem Vater nicht. Er hält da eh zu mir, das weiß ich.
Klara stand mitten in der Küche, hielt den Brief. Die Mutter wandte sich wieder dem Herd zu, rührte weiter. Klara ging in ihr Zimmer, schloss die Tür. Legte sich aufs Bett. Weinte nicht. Am Abend verbrannte sie den Brief über der Spüle. Sah zu, wie das Papier schwarz wurde, sich kringelte. Spülte die Asche weg.
Am nächsten Tag erzählte Brigitte beim Abendessen dem Vater:
Klara bleibt hier. Geht ins Wirtschaftsgymnasium, macht Buchhaltung. Richtig so. Für ein Mädchen reicht das.
Der Vater sah Klara an. Sie nickte. Er sagte nichts, aß auf und ging Fernsehen.
Jens fragte:
Hilfst du mir noch bei Mathe? Morgen ist doch Prüfung.
Klar, antwortete Klara.
Nachts tappte sie im Dunkeln in die Küche, stieß sich am Stuhl das Schienbein, drückte die Hand vor den Mund, um nicht zu schreien. Kalt durchflutete Schmerzen das Bein. Sie trank, ging zurück. Morgens geschwollen. Die Mama sagte, ein bisschen Jod drauf, das reiche.
Klara schaute in den Spiegel. Blasses Gesicht, Schatten unter den Augen, zerzauste Haare. Sie glättete sie, schminkte sich, zog los zur Arbeit.
Der Tag verstrich langsam. In der Mittagspause zeigte Nina Bilder von ihren Enkeln. Klara nickte, lächelte. Im Park schaute sie aufs Handy, blätterte durch alte Fotos. Das Familienbild, das an der Wand hängt. Jens in Schuluniform zum ersten Schultag. Jens mit dem Vater beim Angeln. Klara meist im Hintergrund oder gar nicht zu sehen. Ein Bild: Klara fotografiert.
Das Handy vibrierte. Brigitte.
Klara hob nicht ab. Kurz darauf eine Nachricht: Kind, der Notar hat gewartet. Wir sind nicht hingegangen. Jens ist sehr enttäuscht. Neuer Termin ist übermorgen. Kommst du?
Klara löschte die Nachricht, steckte das Handy weg, ging zurück ins Büro.
Am Abend, als sie die Wohnungstür aufschloss, Stimmen im Treppenhaus. Sie schaute hoch, da standen Jens und Tina. Jens stieg verärgert die Stufen herauf, das Gesicht rot. Tina humpelte still hinterher.
Klara, endlich, schnaufte er. Wir haben eine Stunde auf dich gewartet.
Wozu?
Lass uns reden. Dürfen wir rein?
Schweigend öffnete Klara die Tür. Sie gingen hinein. Jens ließ sich breitbeinig aufs Sofa fallen. Tina blieb am Eingang stehen, zog die Jacke aus.
Tee? fragte Klara.
Nein, lass mal. Kommen wir zur Sache, winkte Jens ab. Setz dich.
Klara setzte sich auf den Stuhl, Tina auf die Sesselkante. Schweigend, mit gesenktem Kopf.
Also, Klara, begann Jens, beugte sich vor. Was hast du denn jetzt? Mama ist alt. Sie braucht Ruhe. Bei dir ist Platz, in der Zwei-Zimmer-Wohnung. Sie wird dir nicht im Weg stehen.
Habe ich auch nie behauptet.
Also unterschreibst du einfach den Verzicht, wir überschreiben die Wohnung auf Maximilian, und alle sind glücklich.
Die Wohnung gehört nicht ihm, Jens.
Wem denn sonst? Dir? Du wohnst doch nicht darin!
Die Hälfte ist meine. Im Vertrag.
Ach, Papierkram! Wir sind Familie! Familie teilt nicht auf!
Klara sah ihren Bruder an. Rot vor Zorn, wild gestikulierend. Sein Bauch spannte über dem Gürtel. Vierzig Jahre. Hilfsarbeiter, wenn er Lust hatte. Wohnte bei der Mutter, ließ sich bekochen, Tina besorgte den Rest.
Jens, arbeitest du gerade? fragte sie einfach.
Er stockte.
Was hat das damit zu tun?
Ich frage nur. Arbeitest du?
Ja. Aufm Bau. Gestern habe ich geschuftet.
Und wie viel verdienst du?
Reicht schon. Darum gehts jetzt nicht.
Zahlst du Miete?
Das macht Mama. Ist ihre Wohnung.
Die Hälfte zahle ich seit fünfzehn Jahren.
Jens schwieg. Tina schaute kurz auf, senkte schnell den Blick.
Na und? brachte Jens mühsam hervor. So ist’s eben. Du hasts, wir haben einen Sohn, das kostet eben.
Darum wollt ihr die Wohnung auf Maximilian überschreiben?
Na klar! Der Junge ist Enkel! Die Oma verschenkt die Wohnung an ihren Enkel, das ist ganz normal!
Oma kann ihren Anteil verschenken. Meiner bleibt mein.
Was bist du nur für ein Mensch! schrie Jens, sprang auf. Gierig! Immer gewesen! Neidisch! Mama hatte recht!
Was hat Mama gesagt?
Dass du kalt bist. Herzlos. Kein Wunder, dass dich keiner will. So will dich eh nie einer heiraten!
Die Worte fielen schwer auf den Raum. Tina drückte sich klein ins Sessel. Klara blieb ruhig.
Geht bitte, sagte sie leise.
Was?
Verlasst meine Wohnung.
Du wirfst uns raus?! Deinen Bruder?!
Sofort.
Jens starrte sie an, öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Tina schnappte ihre Jacke.
Jens, komm. Sie flüsterte.
Geh du doch! fuhr er sie an. Dann zu Klara: Das wirst du bereuen. Mama wird hören, wie du mit mir redest. Sie wird alles durchschauen, was du bist.
Er verließ polternd die Wohnung. Tina folgte rasch und senkte die Augen. Klara blieb sitzen, hörte, wie die Schritte im Flur verklangen. Dann ging sie in die Küche, trank Wasser in einem Zug. Die Hände zitterten nicht mehr. Innen nur Leere. Kalt, gewaltig.
Sie erinnerte sich, wie Jens mit zweiundzwanzig zum ersten Mal seine Frau mitbrachte. Sie hieß Angela, laut und auffällig. Die Mutter nahm sie sofort auf.
Bleibt doch alle hier wohnen, sagte sie beim Abendessen. Jens darf nicht alleine sein. Familie ist wichtig.
Angela zog ein, bekam Klara kleines Zimmer. Klara lagerte auf der Klappcouch im Wohnzimmer.
Nur vorläufig, mein Kind, sagte die Mutter. Bis die Jungen selbständig sind.
Drei Monate schlief Klara im Wohnzimmer. Danach mietete sie sich ein winziges Zimmer am Stadtrand. Sie zahlte ihre Miete, und weiter den halben Anteil für die Goethestraße, wie die Mutter wollte.
Hilf uns, Kind. Rente reicht nicht, Jens braucht was zum Leben. Hat ja jetzt eine Familie.
Klara half. Monat für Monat. Übergab der Mutter das Geld, die nahm es einfach so, als sei es selbstverständlich.
Als Angela nach einem Jahr ging, rief Jens weinend an.
Klara, komm, mir geht’s schlecht.
Klara kam, hörte ihm zu, wie er schimpfte, Angela sei eine Ziege gewesen, hätte nur Geld, Karriere, Aufmerksamkeit gewollt.
Sie wollte, dass ich ausziehe, klagte Jens, verzog das Gesicht. Aber hier ists gut. Mama kocht, wäscht, hilft!
Klara schwieg, kochte ihm Tee. Die Mutter wiegte ihn, flüsterte leise:
Alles wird gut, mein Junge. Wir finden eine neue, die dich verdient hat.
Zwei Jahre später brachte Jens Tina. Leise, kaum sichtbar. Die Mutter stimmte zu.
Die ist ordentlich. Die liebt Jens.
Tina zog ein, schlief mit Jens im kleinen Zimmer, half im Haushalt, bekam Maximilian, wurde immer stiller.
Klara kam selten vorbei. Zu Feiertagen, mit Geschenken. Saß am Tisch, schwieg. Die Mutter erzählte über Maximilian, wie klug und hübsch er sei. Jens prahlte von seinem Job. Tina servierte, räumte ab. Klara ging früh, aus Müdigkeit.
Gut so, sagte die Mutter. Dir ist es bei uns eh zu langweilig. Du hast dein eigenes Leben.
Eigenes Leben. Die Wohnung in der Lindenstraße. Job bei Wärme & Wohn. Abende vor dem Fernseher. Seltene Kaffees mit Marina in der Bäckerei Quell. Mehr nicht.
Klara schlief spät ein. Wälzte sich herum, fand keinen Schlaf. Im Kopf hingen Jens Worte nach: Herzlos. Gierig. Neidisch.
Neidisch? Vielleicht wirklich. Darauf, dass er geliebt wurde, alles vergeben bekam, schwach und fordernd sein durfte. Sie selbst musste immer stark sein.
Am Morgen weckte ein Klingeln sie aus seichtem Schlaf. Im Bademantel öffnete sie die Tür. Brigitte stand draußen, Tüte unter dem Arm, es duftete nach Apfelkuchen.
Guten Morgen, Kind. Ich habe Kuchen gebacken. Deinen Lieblingskuchen.
Klara trat beiseite. Die Mutter stellte den Kuchen auf den Küchentisch, schlug die Folie auf. Goldgelbe Kruste, gebackene Apfelstücke.
Jens hat gestern drum gebeten. Aber dir wird auch was abfallen, sagte die Mutter, schnitt Kuchen an. Setz dich doch.
Klara setzte sich, nahm ein Stück. Biss hinein. Süß, mürbe. Wie immer. Früher backte die Mutter solchen immer zu besonderen Anlässen für Jens, zu seinen Geburtstagen, an Feiertagen. Klara bekam immer die Reste am nächsten Tag, kalt.
Schmeckt? fragte die Mutter.
Ja.
Na, wunderbar. Brigitte schenkte Tee ein, setzte sich. Kind, was hast du gestern überhaupt zu Jens gesagt? Er war ganz außer sich. Tina meint, du hast ihn rausgeworfen.
Ich habe ihn gebeten zu gehen.
Warum?
Er war grob.
Jens? Ach, der ist herzensgut! Er ist nur aufgeregt. Die Wohnung für Maximilian ist so wichtig, verstehst du das etwa nicht?
Doch.
Dann ist doch alles geklärt. Unterschreibst du die Papiere?
Klara stellte die Tasse ab, sah die Mutter an. In deren Gesicht die gewohnte Sicherheit. Die Hände ruhig auf dem Tisch. Sie war sich des Ausgangs sicher.
Nein, Mama.
Wie bitte?
Ich unterschreibe nicht.
Brigitte erstarrte. Die Tasse mitten auf dem Weg zum Mund.
Das ist nicht dein Ernst?
Doch.
Aber… warum? Du bist doch meine Tochter! Ich bin alt! Wohin soll ich nur?
Du bist nicht alt, Mama. Achtundsechzig und gesund. Du bekommst Rente. Du kannst allein leben.
Allein? Wie soll das gehen? Nur mit Jens, Tina und dem Kind?
Das ist deine Entscheidung, Mama. Du hast dich für sie entschieden. Das war nicht meine Wahl.
Aber… das ist doch Familie! Wir sind Familie!
Dann erklär mir bitte, warum teilst du alles auf? Deine Liebe für Jens, dein ganzes Interesse, deine Wohnung die zur Hälfte auch mir gehört?
Die Mutter wurde blass, stellte die Tasse zu hastig ab, Tee spritzte auf die Decke.
Du wirfst mich raus?
Nein. Ich lasse dich nur nicht ohne Einverständnis über meinen Besitz bestimmen.
Es ist kein Besitz! Es ist unser Zuhause! Familiendomizil!
Wo ich nie wirklich gewohnt habe. Ich war immer fremd.
Unsinn!
Mama, Klara beugte sich vor, sah ihrer Mutter direkt in die Augen. Weißt du, wie oft du zu mir gesagt hast, dass du mich liebst?
Schweigen.
Genauso oft: noch nie. In dreiundvierzig Jahren. Zu Jens sagst du es jeden Tag. Ich habe es gehört.
Aber… du weißt doch, dass ich dich liebe!
Nein, Mama. Das weiß ich nicht.
Die Mutter stand auf, das Gesicht bebte, die Lippen zugezogen.
Du bist undankbar. Ich habe dich großgezogen, ernährt, bekleidet. Und was jetzt?
Du hast Jens großgezogen. Mich hast du ertragen.
Wie kannst du nur!
Weil es die Wahrheit ist. Und du weißt sie. Du willst sie nur nicht sehen.
Brigitte griff nach der Tasche, ließ den Kuchen stehen. Ging zum Flur, sah sich noch einmal um.
Du wirst es bereuen, Klara. Wenn du irgendwann ganz alleine bist. Dann verstehst du, Familie ist alles. Aber du hast sie verloren.
Die Tür fiel zu. Klara blieb am Tisch sitzen. Schaute auf den halben Kuchen, auf den nassen Fleck Tee auf der Stoffdecke. Sie stand auf, räumte ab. Schrubbte lange einen Teller, bis das Wasser kalt war. Dann trocknete sie die Hände, ging ins Wohnzimmer. Legte sich aufs Sofa. Starrte an die Decke. Der Riss zog sich gewohnt durchs Zimmer.
Das Handy schwieg den ganzen Tag. Klara wartete auf Anrufe von Mutter und Bruder. Nichts. Am Abend eine Nachricht von Marina: Wie gehts? Komm mal wieder vorbei in den Heimathafen, quatschen ein bisschen.
Klara antwortete: Komme morgen. Sie legte das Handy beiseite, ging zum Fenster. Draußen brannten die Laternen. Menschen hasteten aneinander vorbei nach Hause. Daheim wartete irgendwo Familie, Abendessen, Geborgenheit. Sie selbst erwartete eine leere Wohnung. Stille.
Sie erinnerte sich, wie sie mit fünfundzwanzig einen Freund nach Hause brachte. Kennengelernt im Büro, Informatiker. Kino, Kaffee, nach einem Monat wagte sie, ihn zu Hause vorzustellen.
Abends, Mutter deckte den Tisch, Jens setze sich, starrte aufs Handy. Die Mutter stellte Fragen an den Freund, der Andreas hieß. Aber bald drehte sie sich Jens zu, fragte nach seinen Plänen, seiner Arbeit. Jens damals zweiundzwanzig, jobbte als Paketbote. Die Mutter lobte ihn: So ein tüchtiger Sohn, so verantwortungsvoll.
Andreas blieb still, aß Salat. Klara versuchte, ihn ins Gespräch zu bringen, die Mutter unterbrach, redete wieder mit Jens. Beim Abschied murmelte die Mutter: Mal sehen, wie lang er bleibt.
Draußen umarmte Andreas sie.
Deine Mutter ist seltsam, sagte er vorsichtig.
Weiß ich.
Sie mag mich nicht.
Sie mag nur Jens.
Und dich?
Klara zuckte die Schultern. Er fragte nicht mehr, sie gingen noch ein paar Wochen miteinander aus. Irgendwann meldete er sich nicht mehr. Sie schrieb ihm: Schon klar. Alles Gute. Keine Antwort.
Danach brachte sie nie wieder einen Freund nach Hause. Beziehungen hatte sie nur kurz. Die Männer gingen schnell. Sie sagten, sie sei zu kalt, zu verschlossen. Dass man nie wisse, was sie wolle. Klara erklärte nichts. Ließ sie einfach ziehen. Sie gewöhnte sich daran.
Am nächsten Morgen kaufte sie bei Heimathafen ein. Marina stand am Tresen, sortierte Waren aus.
Klara! Endlich! Ich dachte schon, du bist krank.
Nein, nur viel zu tun.
Alles klar. Und, wie läufts im Leben?
Klara zuckte die Schultern. Marina sah sie prüfend an.
Wieder Stress mit der Mutter?
Mhm.
Marina kannte ihre Geschichten schon. Klara erzählte selten, aber manchmal dann doch.
Du schuldest ihr doch gar nichts, weißt du? sagte Marina, stützte sich auf den Tresen.
Ich weiß nicht. Aber fühle mich schuldig.
Sie hat dir Schuldgefühle beigebracht absichtlich! Damit du dich immer verpflichtet fühlst.
Klara schwieg. Marina weiter:
Bei mir war es genauso. Mein Leben lang sollte ich dankbar sein, dass ich geboren wurde. Dass ich großgezogen wurde. Und sie sich nie für mich verantwortlich fühlte. Praktisch, oder?
Aber sie ist meine Mutter.
Das ist keine Entschuldigung. Kinder zu bekommen ist keine Heldentat aber sie zu lieben und zu respektieren, das ist die Kunst. Hat sie dich je respektiert?
Klara schüttelte den Kopf.
Na also. Wieso musst du ihr dann was schulden?
Marina redete hart, aber es war wahr. Klara fühlte das. Nur aussprechen war schwer. Es würde alles, woran sie glaubte dass Familie heilig ist, dass die Mutter immer Recht hat, dass Kinder helfen müssen plötzlich falsch erscheinen lassen.
Ich weiß nicht, Marina. Ich bin einfach nur müde.
Dann ruhe dich aus. Sag ihr Nein. Lebe für dich.
Hab ich ja gesagt.
Und, wie war’s?
Sie ist beleidigt. Jens nennt mich egoistisch.
Klar, was sonst? Er versteckt sich seit jeher hinter Mama. Ist für ihn bequem, wenn du stets nachgibst.
Klara nickte. Marina zog sie an sich, hielt sie fest.
Halt durch. Du hast das einzig Richtige getan.
Klara erwiderte die Umarmung. Dann ließ Marina sie los, schmunzelte.
So, ich muss weiter arbeiten. Kommst du noch mal vorbei?
Natürlich.
Klara ging nach Hause, die Straße entlang, bog zum Haus ab. Stieg die Stufen hoch, schloss auf. Die Wohnung empfing sie mit Stille. Sie zog sich um, schlenderte in die Küche, stellte Wasser auf, schnitt ein Stück Kuchen. Aß stehend am Fenster. Der Kuchen war lecker, aber es machte traurig, allein zu essen.
Abends rief Jens an. Die Stimme ruhig, fast freundlich.
Klara, grüß dich.
Hallo.
Wir sind doch erwachsen. Lass gut sein, hm? Ich hab überreagiert. Tut mir leid.
Schon gut.
Mama sagt, du willst nicht unterschreiben. Okay, dann eben anders. Wir machen ein Schenkungsformular für Maximilian, unterschreibst du mit. Ist doch dein Neffe, oder?
Jens, ich unterschreibe gar nichts.
Pause. Die Stimme wurde hart.
Wie bitte?
Ich gebe keine Zustimmung für eine Überschreibung.
Klara, weißt du, was du da tust? Du nimmst einem Kind das Zuhause weg!
Keineswegs. Er wohnt doch wie bisher.
Aber es gehört nicht ihm!
Es gehört Mama und mir.
Was macht das für einen Unterschied! Wir sind Familie!
Familie heißt, alle sind gleich. Aber bei uns warst immer du wichtig. Immer. Und ich habe genug.
Du hast genug? Ich schufte, ernähre die Familie!
Du lebst bei Mama, sie versorgt dich.
Ach, geh doch zur Hölle! brüllte er und legte auf.
Klara legte das Handy weg, tappte ins Bad, wusch sich das Gesicht. Schaute in den Spiegel. Nasses, müdes Gesicht. Sie strich sich durchs Haar, trocknete sich ab, legte sich dann auf die Couch, zog die Decke über sich.
Nachts träumte sie, sie sei wieder klein und viele Leute im Raum. Alle schauen auf Jens, der lacht und springt. Mutter hält ihn an der Hand, Vater fotografiert. Klara steht abseits, möchte hingehen, schafft es nicht. Möchte rufen, aber die Stimme bleibt weg. Niemand sieht sie.
Sie erwachte schweißgebadet. Setzte sich, umarmte die Knie, atmete tief durch. Draußen wurde es hell. Sie ging in die Küche, machte Kaffee, saß am Fenster. Sah zu, wie Menschen zur Arbeit eilten, tauben um Brotkrümel pickten.
Das Handy klingelte. Marina.
Wie geht es dir?
Geht so.
Vielleicht solltest du mal mit einem Psychologen sprechen?
Wozu?
Um das ganze zu verarbeiten. Mir hat es geholfen.
Weiß nicht.
Weißt du, dass du oft nachts weinst? Ich höre es am Telefon.
Klara schwieg. Marina hatte recht. Sie weinte, selten, leise, nachts ins Kissen gedrückt.
Ich denke drüber nach.
Und melde dich, wenn du magst. Ich bin da.
Danke, Marina.
Sie legte auf, trank aus, machte sich fertig. Der Tag verlief wie gewohnt. Zahlen, Listen, Berichte. Mittag wieder Park, auf der Bank dasselbe belegte Brötchen, das Handy in der Tasche.
Es vibrierte. Nachricht von einer unbekannten Nummer: Hier ist Tina. Kann ich mit dir reden?
Klara runzelte die Stirn. Antwortete: Worum gehts?
Schnelle Antwort: Um Jens und deine Mama. Ich brauche einen Rat.
Klara überlegte. Schrieb dann: Komm heute um sieben vorbei.
Danke. Ich komme allein.
Abends um sieben läutete es. Tina stand im Flur, ohne Jens, ohne Maximilian. Blass, hager, alter Mantel.
Hallo, sagte sie leise.
Hallo. Komm rein.
Tina zog ihre Jacke aus, setzte sich zögernd ins Wohnzimmer auf die Sofakante. Klara brachte zwei Tassen Tee und setzte sich. Tina umklammerte die Tasse, sprach erst lange nicht.
Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll, murmelte sie. Es ist alles so schwierig.
Fang einfach an.
Tina nickte, schluckte.
Jens will unbedingt, dass deine Mutter alles auf Maximilian überschreibt. Jetzt zögert sie, weil du dagegen bist. Jens ist deswegen wütend. Sehr wütend.
Ich verstehe.
Er schreit sie an. Sagt, sie sei senil. Sagt, wir könnten nicht ewig bei ihr wohnen. Die Wohnung müsse uns gehören. Wenn sie nicht unterschreibt, wirft er sie raus.
Klara schwieg. Tina fuhr fort:
Ich weiß nicht, was ich tun soll. Maximilian bekommt nachts alles mit, weint. Und ich… ich habe Angst.
Wovor?
Dass Jens mich auch rauswirft, wenn die Wohnung nicht uns gehört. Er meint, ich wäre nutzlos, würde kein Geld bringen. Er hält mich nur wegen dem Kind.
Stimme zitterte. Klara reichte ihr ein Taschentuch. Tina wischte sich die Augen.
Warum arbeitest du nicht? fragte Klara leise.
Er will es nicht. Findet, die Frau bleibt daheim. Seine Mutter hat das schließlich auch.
Seine Mutter war berufstätig, bis zur Rente.
Tina blickte überrascht auf.
Echt?
Wirklich.
Lange schwieg Tina, dann fragte sie:
Unterschreibst du?
Nein.
Warum?
Klara überlegte. Es ging ums Prinzip. Um Würde. Um das Recht, Nein zu sagen.
Weil ich es kann. Und weil ich will.
Tina nickte.
Ich verstehe dich. Ich könnte es an deiner Stelle auch nicht. Nur… ich kann einfach nicht gehen. Ich bin zu schwach.
Du bist nicht schwach. Nur eingeschüchtert. Das ist etwas anderes.
Tina blickte auf.
Eingeschüchtert?
Ja. Jens will dich abhängig machen. Damit du nicht gehst.
Aber ich liebe ihn doch.
Liebe ist nicht Angst. Wenn du Angst hast, ist es keine Liebe.
Tina schwieg, leerte die Teetasse, stellte sie ab.
Ich muss gehen. Jens weiß nichts von meinem Kommen. Wenn er es erfährt…
Alles Gute.
Tina zog Jacke an, drehte sich an der Tür um.
Danke, dass du mich angehört hast.
Melde dich, wenn du reden willst.
Tina ging. Klara wusch die Tassen, wischte den Tisch ab. Alles Machen fiel plötzlich schwer. Tina war Opfer wie sie selbst einst. Nur dass Klara Wege fand, wegzukommen.
Nachts schlief sie schlecht. Grübelte, was die Mutter nun fühlte. Ärger, Kränkung, Erkenntnis?
Das Handy vibrierte. Von Brigitte: Klara, mir gehts schlecht. Jens schreit mich an. Komm.
Klara las, die Finger schwebten über der Tastatur. Was sollte sie sagen? Ich komme? Oder gar nichts?
Sie tippte: Mama, ich kann deine Probleme mit Jens nicht lösen. Das ist eure Sache.
Prompt die Antwort: Du bist herzlos. Ich bin deine Mutter.
Klara schaltete ab, legte das Handy beiseite. Herz klopfte, ein Kloß im Hals. Aber sie weinte nicht. Atmete nur, tief und ruhig.
Morgens schaltete sie an. Noch drei Nachrichten von der Mutter. Die letzte: Jens sagte, ich soll ausziehen, wenn ich nicht unterschreibe. Wohin jetzt?
Klara antwortete nicht. Ging zur Arbeit, müde, fahrig. Nina fragte sie, Klara winkte ab.
Abends wieder ein Anruf von Marina.
Klara, wie ist es?
Mutter schreibt, dass Jens sie rauswirft.
Und du?
Reagiere nicht.
Richtig so. Sie muss lernen, selbst klarzukommen.
Ich habe Schuldgefühle, Marina.
Warum?
Weil ich eine schlechte Tochter bin.
Hör auf, das bist du nicht. Die sind schräg, sie haben dich immer nur benutzt. Jetzt wehrst du dich das ertragen sie nicht.
Aber sie ist meine Mutter.
Und? Mutter sein ist keine Unantastbarkeit! Wenn dieser Mensch dich nie gesehen, nie geschätzt hat, bist du ihm nichts schuldig.
Schweigen. Dann Marina:
Es war richtig. Bleib dabei. Es wird leichter.
Danke, Marina.
Klar. Ruf an, wann immer du willst.
Das Handy blieb stumm. Sie trank Tee am Fenster, Regen klopfte leise. Sie beobachtete die Tropfen lange.
Wieder vibrierte das Handy. Jens: Bist du zufrieden? Mama weint. Wegen dir.
Klara löschte. Stellte das Handy lautlos.
Eine Woche verging. Keine Anrufe von Mutter und Bruder. Klara ging arbeiten, kehrte abends heim. Abende mit Büchern und Serien, fast wie früher, nur innerlich ruhelos.
Samstags klingelte es. Brigitte stand tropfnass im Hausflur, ohne Schirm, mit Aktentasche.
Darf ich rein? war ihre leise Frage.
Klara trat zur Seite. Die Mutter zog Mantel und Schuhe aus, Hände zitterten. Im Wohnzimmer setzte sie sich, Klara brachte ihr ein Handtuch.
Hier, zum Abtrocknen.
Brigitte trocknete sich das Gesicht, dann die Haare. Legte das Handtuch weg.
Ich werde nicht unterschreiben, sagte sie.
Stille. Brigitte fuhr fort:
Jens hat mich gestoßen. Gestern. Als ich Nein sagte, stieß er mich gegen die Wand. Sagte, ich sei alt und dumm. Ohne Wohnung sind wir erledigt. Ich solle ausziehen.
Ihre Stimme zitterte. Klara setzte sich ihr gegenüber. Sie musterte die Mutter: erschöpft, alt. Zum ersten Mal seit Jahren hatte sie keinen Groll mehr übrig, nur Mitleid mit dieser Frau.
Und du bist jetzt bei mir, sagte Klara nur.
Ja. Darf ich bleiben? Nur für ein paar Tage, bis ich was anderes finde.
Klara haderte einen Moment mit sich. Zorn, Enttäuschung, Mitleid, Müdigkeit.
Du kannst bleiben. Aber nicht für immer.
Die Mutter nickte, den Kopf gesenkt.
Danke, Kind.
Klara stellte Tee bereit. Die Hände liefen automatisch, aber der Kopf war leer. Sie wusste nicht, ob sie Erleichterung oder Wut empfinde. War die Mutter tatsächlich einsichtig oder nur, weil sie nicht mehr weiter wusste?
Sie brachte Tee, setzte sich.
Entschuldige, sagte Brigitte leise.
Wofür?
Wegen allem. Wegen Jens, dass ich dich nie wirklich gesehen, benutzt, nie genug geliebt habe.
Jede Silbe fiel langsam, bedächtig. Klara hörte einfach zu. In dem zerfurchten Gesicht der Mutter war kein Feind, nur eine ermüdete Frau.
Es reicht schon, sagte sie.
Nein. Ich muss das gestehen. Ich war keine gute Mutter. Gerade jetzt begreife ich das.
Stille. Brigitte sprach weiter:
Als Jens mich gestern gestoßen hat, wusste ich plötzlich: Er liebt mich nicht. Er braucht mich als Versorgerin. Und nun wirft er mich fort wie ein Möbelstück.
Ihre Stimme brach. Sie vergrub das Gesicht in den Händen, Schultern bebten. Klara blieb sitzen, bewegte sich nicht. Nach einer Weile hob die Mutter den Kopf, wischte sich die Augen.
Du hattest recht. Ich habe nur Jens großgezogen. Dich erduldet. Nun kommt die Rechnung.
Mama, genug jetzt.
Nein, ich muss das aussprechen. Du bist stark. Du hast Nein gesagt. Ich nie. Ich hatte Angst. Wollte nur, dass Jens mich liebt, egal, wie viel ich ihm gebe. Und daraus ist jemand geworden… fast ein Fremder.
Klara ging zum Fenster, blickte nach draußen. Der Regen hörte auf, es wurde heller.
Du hast ihn nicht zum Monster gemacht, sagte sie. Du hast alles gegeben, und er hat sich daran gewöhnt.
Was tun jetzt?
Weiterleben. Du kannst noch bleiben. Aber ich will nicht als Notnagel dienen, verstanden?
Die Mutter nickte.
Ich verstehe.
Klara warf nur einen langen Blick zurück, dann zog sie sich in ihr Zimmer. Legte sich aufs Bett, schloss die Augen. Hörte, wie die Mutter leise aufräumte.
Abends verbrachten sie die Zeit in getrennten Räumen. Mutter in der Küche, Klara im Wohnzimmer. Redeten wenig. Die Stille war schwer, aber nicht feindselig.
Nachts wachte Klara von Schluchzen auf. Sie ging in die Küche, sah die Mutter weinend am Tisch. Klara blieb im Türrahmen stehen, wollte trösten, zögerte jedoch und schwieg.
Die Mutter schaute auf, wischte sich die Tränen.
Entschuldige. Habe dich geweckt.
Nicht schlimm.
Klara gab Wasser, die Mutter trank.
Schlaflos, flüsterte sie.
Ich auch.
Schweigen. Dann fragte Brigitte:
Vergibst du mir jemals?
Klara überlegte. Vergeben? Bedeutete das vergessen? Oder einfach akzeptieren, loslassen?
Weiß ich nicht, Mama. Noch nicht.
Die Mutter nickte.
Schon gut.
Geh schlafen. Morgen wird es besser.
Brigitte ging ins Zimmer, in dem Klara für sie das Sofa vorbereitet hatte. Klara blieb am Küchentisch sitzen, sah in die Dunkelheit. Draußen schlief die Stadt. Hin und wieder brannte ein Fenster.
Sie erinnerte sich an den Tod des Vaters mit dreißig. Herzinfarkt, plötzlich. Morgens zur Arbeit, abends tot. Im Krankenhaus saß die Mutter auf dem Flur, hielt Jens Hand, der weinte. Die Mutter streichelte ihn, flüsterte.
Klara stand dabei, niemand nahm sie wahr. Der Vater lag hinter der Tür, bereits verstorben. Am Tag der Beerdigung trug Jens das Porträt, die Mutter eingehakt am Arm, Klara lief mit Schirmen hinterher, wurde klatschnass.
Nach der Beerdigung sagte die Mutter:
Klara, du bist stark. Halt mich fest. Jens ist sensibler. Für ihn ist es schlimmer.
Klara nickte. Ging in ihr Zimmer, legte sich hin. Keine Tränen. Sie starrte an die Decke. Vom Vater hatte sie nie ein Wort Liebe gehört. Nie.
Morgens, Licht im Wohnzimmer. Die Mutter trank Tee am Tisch.
Morgen, sagte sie.
Morgen.
Klara schenkte sich Kaffee ein, setzte sich. Stille. Dann fragte die Mutter:
Was hast du jetzt eigentlich vor?
Wie meinst du das?
Mit dem Leben. Mit dir.
Klara zuckte die Schultern.
Weiterarbeiten. Wie immer.
Und privat?
Wie privat?
Na ja, ein Mann vielleicht. Familie?
Klara lächelte.
Mama, ich bin dreiundvierzig. Familie ist kein Thema.
Warum nicht? Es ist nicht zu spät.
Es ist zu spät. Ich bin an das Alleinsein gewöhnt.
Die Mutter schwieg. Dann leise:
Meine Schuld.
Sei still.
Wenn ich dir Hamburg nicht verboten hätte… wenn ich deine Freunde nicht verscheucht hätte…
Klara stellte die Tasse weg.
Mama, die Vergangenheit ist vorbei. Wir schauen nach vorne.
Wie schaffst du es, ruhig zu sein?
Zorn macht müde. Ich will leben, nicht mehr kämpfen.
Die Mutter nickte, wusch ihr Glas.
Ich schaue heute nach Anzeigen für WG-Zimmer.
Keine Eile. Bleib noch.
Blick der Mutter ehrlich erstaunt.
Wirklich?
Ja. Aber nach meinen Regeln. Einverstanden?
Einverstanden.
Sie ging ins Zimmer, Klara blieb zurück und sah aus dem Fenster auf das vorbeiziehende Leben.
Ein paar Tage lebten sie nebeneinander her. Die Mutter putzte, kochte. Klara verlangte nichts, mahnte nicht. Es war ein ruhiges Nebenherleben zweier Frauen mit alter Verletzung.
Abends sagte die Mutter:
Ich habe ein Zimmer in der Maximilianstraße gefunden. Günstig. Ziehe nächste Woche um.
Klara nickte.
Gut.
Danke für das Dach über dem Kopf.
Schon gut.
Pause. Dann sanfte Frage:
Hass du mich?
Klara überlegte. Hass? Nein. Nur Leere.
Nein, Mama. Ich hasse dich nicht.
Was fühlst du dann?
Leere.
Die Mutter senkte den Blick.
Ich verstehe.
Stille. Klara zog sich zurück, starrte wieder auf die vertraute Risslinie.
Nachts Sturm zur Tür. Klara im Bademantel. Jens steht betrunken im Flur.
Wo ist Mama?
Sie schläft.
Weck sie. Ich muss sie sprechen.
Geh, Jens. Es ist spät.
Kein Stück. Nicht, bevor ich mit ihr rede.
Er drängte vor, Klara blockte.
Jens, geh jetzt. Oder ich rufe die Polizei.
Er lachte.
Polizei? Auf den eigenen Bruder? Du bist nicht ganz dicht!
Geh.
Drohend hob er die Hand. Klara wich nicht. Doch kein Schlag. Jens sackte ab, wankte. Brigitte kam aus dem Zimmer, blass im Nachthemd.
Jens? Was machst du hier?
Komm heim, Mama. Was hockst du hier bei der? Ich verzeihe auch.
Die Mutter schwieg, betrachtete Jens: gerötetes Gesicht, zerknitterte Kleidung, zitternde Hände.
Nein, Jens. Ich gehe nicht.
Was?!
Ich gehe nicht mit. Du bist mein Sohn, aber du respektierst mich nicht. Du liebst mich nur, wenn ich dich versorge. Und ich bin müde.
Jens trat näher, doch die Mutter wich nicht. Klara stieg dazwischen.
Jens, raus. Sofort.
Er sah sie hasserfüllt an. Spuckte aus, drehte sich um und verließ das Haus. Die Mutter sank an die Wand.
Klara legte den Arm um sie. Zum ersten Mal seit vielen Jahren. Die Mutter lehnte sich an, schluchzte leise. Klara strich ihr den Rücken.
Schließlich löste Brigitte sich.
Entschuldige.
Lass gut sein.
Ich war keine gute Mutter.
Du bist nur ein Mensch. Menschen machen Fehler.
Die Mutter nickte dankbar.
Sie gingen beide schlafen. Klara lag lange wach, dachte an Jens und daran, dass die Mutter die Wahrheit nun erkannt hatte. Sicher zu spät, aber immerhin.
Am nächsten Morgen packte die Mutter alles.
Ich ziehe heute um, sagte sie.
So schnell?
Ja. Ich will dich nicht belasten.
Klara schwieg. Die Mutter zog Mantel und Tasche an.
Ich rufe dich mal an.
Gut.
Sie standen an der Tür, blickten sich an. Zum ersten Mal verstand Klara: in den Augen der Mutter lag etwas Neues. Verständnis. Vielleicht Respekt.
Du bist stark, Mama, sagte sie leise.
Brigitte lächelte müde.
Du auch, mein Kind.
Sie trat hinaus. Drehte sich um:
Rufst du mal an? fragte Klara.
Ich melde mich.
Wann?
Wenns wichtig ist.
Die Tür fiel zu. Stille.





