Liselotte rang verzweifelt ihr Gehirn durch, wie sie aus der selbstgebauten Misere wieder rauskam. In genau zwei Stunden landete ihre Mutter, Renate Schulz, in Berlin. Nein, Liselotte freute sich grundsätzlich auf den Besuch. Man sieht sich ja nicht alle Tage und so weiter. Aber es gab halt diesen kleinen Haken. Um ihre Mutter, die immer wieder auf das Thema Wann bekomme ich endlich Enkel? und Hat meine Tochter nun einen anständigen Mann? herumritt, zu beruhigen, hatte Liselotte im Überschwang erzählt, sie habe jetzt endlich einen Freund und alles sei wunderbar.
Einfach nur, damit Renate endlich mal die Vorträge einstellt. Und jetzt, tja, stand die Inspektionsreise offenbar bevor.
Liselotte war gerade 34 geworden. Die Gene hatte sie von ihrem Vater stolze 1,83 Meter. Die Figur hingegen war eher nach Mama geraten: kurvig, wie der Rhein bei Boppard. Männer? Da hatte sie irgendwie das Talent, immer die etwas kleineren Kaliber anzuziehen. Das nagte. Beziehungen? Dauerten meist vom Tatort bis zum Wetterbericht. Ihr treuster Hausgenosse war daher ihr Kater, der den charmanten Namen Herr Möhrchen trug. Und Kuscheltiere sammelte sie auch. Ihre Sammlung drohte langsam einen eigenen Mietvertrag zu brauchen.
Abende verbrachte sie klassisch: Liebesschnulze im Fernsehen, Tee und ein kleines Stück Schwarzwälder. Sie wurde dabei kaum melancholisch, immerhin Trübsal war nicht so ihr Ding. Ein bisschen Sehnsucht nach dem Kleinglück war aber natürlich schon dabei. Nur wo nimmt man heute noch einen freien Mann her?
Schau, Lise, in unserem Alter gibts meist nur noch Optionen wie: der 70-jährige Witwer oder der knackige Studienabsolvent mit Socken im Turnschuh und da bist du schon fast aus der Liga raus. Und die Gleichaltrigen? Sind längst vergeben, und deren Ehefrauen lassen sie sicher nicht raus. Weißte noch, Gabi? Hat ihren Mann mit der Nachbarin erwischt und ihm erst das Solo eingerichtet und dann verziehen. Gemeint: Lieber mit nem Mann als ohne. Ist ja auch praktisch Gehalt und männliche Unterstützung inklusive! dozierte Veronika, Lottchens beste Freundin.
Veronika sprach aus Erfahrung: Scheidung vom ersten Ehemann, Nummer zwei war entnervt geflüchtet. Sie arbeitete am Comeback, bisher ohne Applaus.
Herr Möhrchen, was machen wir nun? Ich kann Mama doch keinen aus dem Hut zaubern! Hätte ja den Nachbarn Uwe nehmen können, aber den kennt sie leider schon. Vielleicht kann mir Irmgard für ein, zwei Stündchen ihren Cousin ausleihen? Die ist ein Schatz seufzte Liselotte.
Zu allem Überfluss hatte morgens der Wasserhahn beschlossen zu tropfen. Liselotte drehte das Wasser ab und rief den Hausmeisterservice.
Wenigstens soll der Klempner schnell kommen, damit ich noch kochen kann, bevor Mama erscheint, dachte sie und da klingelte es an der Tür.
Liselotte öffnete. Und blieb erstarrt stehen. Ein richtig großer, sogar größer als sie, sympathischer junger Mann schaute sie an. Sie musterte ihn ungefähr so hungrig, wie Herr Möhrchen seine Dosenfisch-Koteletts.
Hier tropfts? Ich schau mal rein, sagte der Unbekannte.
Moment mal der totale Bruch mit dem Klempner-Klischee: nicht alt, nicht verbraucht, nimmt wahrscheinlich höchstens Leitungswasser zu sich. Es gibt Witze in Deutschland mit Klempnern aber das hier übertraf alles.
Ja, kommen Sie ruhig rein, stammelte Liselotte und wich zur Seite.
Während der Mann am Werk war, spann sie bereits einen Plan in ihrem Kopf.
Wie heißen Sie eigentlich? fragte sie möglichst beiläufig.
Ich bin Martin, antwortete er, ohne sich umzudrehen.
Herr Martin, könnten Sie mir vielleicht, ähm, einen Gefallen tun? Falls Sie heute nicht noch Hausbesuche haben, meine ich. Ich zahle auch!, platzte sie heraus und wurde knallrot.
Jetzt haut er sicher ab oder hält sie für total irre. Aber jetzt war sie halt schon dabei. Das ist immer noch besser, als sich das Übliche über die einsame Tochter am Tisch anhören zu müssen.
Also, nur ein Tee mit uns. Mehr nicht! Damit wäre mir wirklich geholfen!, flüsterte sie flehend.
Da klingelte es erneut. Bestimmt die Nachbarin, dachte Liselotte. Diesmal jedoch stand ihre Mutter im Flur, eine Einkaufstasche voll mit unwiderstehlich duftenden Frikadellen.
Mama? Was machst du so früh hier? Ich dachte, dein Zug kommt erst später? hauchte Liselotte.
Ach, Herr Schneider vom Markt hat mich mit dem Auto vorgefahren. Mit Stil! Im Bus hätte ich ja noch eine Stunde geschwitzt. Nun steh nicht so mit langen Armen, hilf lieber auspacken!, brauste Renate herein.
Jetzt war der Plan wirklich dahin. Und da kam Martin auch schon aus dem Bad.
Oh! machte Renate überrascht.
Gestatten, Martin. Ein Freund Ihrer Tochter. Von Ihnen hat sie definitiv das schöne Lächeln ganz die Mama!, sagte er und küsste Renate charmant die Hand.
Er half ihr galant beim Ausziehen des Mantels. Während Renate kurz im Bad verschwand, zischte er Liselotte zu: Wie war noch gleich Ihr Name?
Liselotte. Aber eigentlich Liese. Danke Ihnen!, flüsterte sie zurück.
Das wurde einer der besten Mutter-Tochter-Besuche überhaupt. Renates Gesichtszüge lösten sich beinahe auf vor Glückseligkeit. Liselotte fiel bald vom Hocker, als Renate auch noch Mar-tins Beruf lobte. Ausgerechnet sie, die ihr Leben lang als Leiterin der Buchhaltung stets fand, dass alles über Analyst hinaus nicht zählt!
Handwerk hat goldenen Boden! Gibt immer was dazu, und wer weiß, später macht er sich selbstständig. Martin, essen Sie die Frikadellen! Und wissen Sie was? Kommen Sie uns doch zu Ostern besuchen, in meine Heimatstadt Dresden! Da lernt Martin die Familie gleich kennen!, rief Renate.
Liselotte errötete erneut, Martin aber stimmte prompt zu.
Na, das werden wir dann schon irgendwie drehen. Ich sag einfach, er hat viel zu viele Aufträge, dachte Liselotte.
Und dann spürte sie: Sie wollte eigentlich gar nicht, dass Martin wieder ging. So albern es klang sie hätte dringend jemanden gebraucht, mit dem man abends zusammen Film schauen konnte. Nicht einmal Herr Möhrchen, der bei Fremden immer einen Affen machte (der hatte nach einer Jugend am Bahngleis nur noch einen halben Schwanz, weil Lotte ihn vor ein paar Bengeln gerettet hatte), war heute freundlich und schmuste mit Martin.
Martin, wohnen Sie noch allein? Könnten Sie sich nicht direkt zu Liese einquartieren? Ihr seid doch erwachsen! Wann ziehst du ein?, bohrte Renate neugierig.
Mama!, stieß Liselotte hervor.
Bald!, antwortete Martin todernst.
Im Flur versuchte Liselotte ihm noch heimlich ein paar Euros zuzustecken. Er lehnte ab: Deine Mutter ist klasse, und die Frikadellen sowieso!, grinste er.
Du hast doch hoffentlich keine Freundin, die jetzt eifersüchtig auf unseren Tee-Abend ist? fragte Liselotte vorsichtig.
Nein, keine Sorge. Lebe bei meiner Oma, mit der Ex habe ich seit einem Jahr nichts mehr zu tun, antwortete Martin.
Ihr Turteltauben, was flüstert ihr da?, schob Renate ihren Kopf ins Bild.
Nach Martins Abgang segelte Renate weiter aufgekratzt durch die Wohnung und schwärmte, wie Glück sie mit Liese doch gehabt hatte. Liese hingegen war zwiegespalten Martin gefiel ihr wirklich. Und für die gelogene Lovestory gegenüber der Mutter hatte sie ordentlich Gewissensbisse.
Am nächsten Tag, es war Samstag, wollte Renate zum Shoppen aufbrechen. Liese hingegen sinnierte träge über den Vorabend nach.
Da klingelte es.
Ich gehe schon!, hüpfte Renate.
Kurz darauf hörte man sie (ungewöhnlich) jubeln. Liese eilte hinzu. Martin stand vor der Tür und hatte zwei Blumensträuße dabei.
Martin fährt uns heute ins KaDeWe! Das Auto steht unten! Ich mach mich flott!, jubilierte Renate.
Also, weißt du, meinte Martin leise zu Liese, vielleicht probieren wirs einfach mal. So, richtig. Du bist klasse das sieht man gleich. Und deine Mama ist ein Prachtexemplar. Was meinst du?
Liselotte nickte völlig verzaubert.
Der Mutter haben sie nie aufgelöst, dass alles ursprünglich nur eine Notlüge war. Renate himmelt ihren Schwiegersohn noch heute an. Und Freundin Veronika erzählt im halben Berliner Süden noch immer gerne: Stell dir vor da klingelts einfach und ein Mann steht von allein auf der Matte! Sachen gibtsUnd obwohl man in Berlin ja immer sagt, Glück sei flüchtig wie ein BVG-Fahrplan im Novemberregen, blieb Martin tatsächlich. Sie übten gemeinsam das große, kleine Familienleben mit Herrn Möhrchen auf dem besten Platz zwischen ihnen auf dem Sofa. Liese legte endlich die Fernbedienung öfter mal zur Seite, weil sie wusste: Für echtes Kino genügt manchmal einfach eine Umarmung im Alltag.
Zu Ostern saßen sie alle, Renate inbegriffen, tatsächlich bei dampfenden Klößen in Dresden. Der Rest der Familie konnte das Glück kaum fassen und Liese erwischte sich dabei, dass sie erstaunlich oft laut lachte. Selbst Veronika, die notorische Skeptikerin, nahm sich vor, dem nächsten Handwerker doch mal einen Kaffee anzubieten man weiß ja nie.
Und so wurde aus einer kleinen Notlüge ein ziemlich großes Glück, auf das sie sich am allerwenigsten vorbereitet hatte. Herr Möhrchen schnurrte neuerdings sogar beim Wort “Klempner”.
Manchmal, in seltenen Momenten, dachte Liese schmunzelnd: Das Leben schreibt wirklich bessere Geschichten als jede Romcom im Fernsehen. Vor allem, wenn jemand einfach mal zur Tür hereinspaziert.




