Sind wir jetzt Freunde?
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Herr Metzger, schämen Sie sich gar nicht?! empörte sich eine Kundin mit weißen Haaren und durchsichtigen Augen wie geschmolzener Zucker. Sehen Sie denn nicht, dass das Hündchen Hunger hat? So dünn ist es, wie Herbstnebel. Aber Sie schreien, als wären Sie ein betrunkener Hahn, anstatt zu helfen.
Ich mach hier keine Wohltätigkeit! brummte der Metzger so laut, dass die Leberwürste wackelten. Ich verkauf Fleisch!
Sie hätten ihr einfach ein Stück geben können. Was macht ein kleiner Brocken schon aus?
Soll ich Ihnen dann auch was schenken? Wenn Sie so viel Mitleid haben, füttern Sie sie doch selbst.
Die Kundin, mit ihrem Einkaufskorb in der einen, einer glasklaren Entrüstung in der anderen Hand, entschied, dass sie unter diesem Grobian gewiss nichts kaufen würde. Und so verschwand sie in den nächsten Fleischpavillon, während der Metzger einen Blick warf finsterer als das Schattental mitten im November auf das magere Hündchen, das ihm die Kundschaft verscheuchte. Schließlich trat er aus seinem Stand und steuerte direkt und mit dumpfen Gedanken in Richtung des kleinen Streuners.
Dass seine Absichten nicht von der Sonne geküsst waren, ahnte nur das Unbewusste das Hündchen, nun das Hündchensein pur, schnupperte noch ahnungslos am staubigen Pflaster.
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Jedes Mal, wenn Charlie auf den nassen Straßen von Leipzig den schwarzen Kater mit den trauertrunkenen Augen entdeckte, stürzte er schwanzwedelnd wie ein zu groß geratener Laubhaufen auf ihn zu, bellte laut und hatte einen Plan.
Wagt es nicht zu lachen: Doch der Plan war keine törichte Jagd.
Charlie wollte den Kater einholen, einfangen und ihm wie ein sanfter Wirbelsturm das Fell von den Ohren bis zum Schwanz ablecken.
Oder umgekehrt. Je nachdem, wie die Träume des Hundes eben wehen.
Andere Hunde hätten gestaunt und gebellt wie der Donner in den Alpen, denn bekanntlich ist “Hund und Katze” eine Redensart und bedeutet meist Streit, nicht Kumpanei.
Doch Charlie trug andere Werte in seinem Herzen, wie ein altes Familienrezept aus Omas Küche. Ihm gefiel gerade dieser Kater, so düster und traurig wie ein Novemberabend in Dresden.
Er spürte, dort pochte eine verwandte Seele. Manchmal meinte er sogar, im Traum hätten sie zusammen Orgel gespielt. Doch zurück in dies seltsam wirre Tageslicht: Charlie war fest davon überzeugt, dass eine Freundschaft zwischen Hund und Katze nicht nur im Märchen, sondern mitten in Sachsen möglich war.
Sie hatten so vieles gemeinsam: Beide waren gestrandet auf der Landkarte, ausgespuckt von ihren Menschen wie Kaugummi unter die Kirchenbank. Beide waren jetzt Straßenkinder im regenpfützigen Osten, mussten lernen zu überleben.
Charlie, ursprünglich aus einem Neubauviertel am Stadtrand, war hinausgesetzt worden, als seine Besitzer merkten, dass ein Hund nicht in den Tagesplan zwischen Meetings, Yoga und dem Sparen auf den nächsten Mallorca-Urlaub passt.
Zuerst war alles bequem gewesen, ein Welpe auf die Pipiunterlage, Streicheleinheiten auf Netflix-Niveau. Doch als die Beine wuchsen und die Pfützen größer wurden, waren auch die Nerven der Familie nur noch dünnes Pergament. Nach einmal zu oft in den dicken Schlafanzug gebissen, landete Charlie alleine hinter der letzten Haltestelle zurück blieben nur ein schales Geh jetzt, lauf los! und ein laufender Motor.
So wurde Charlie über Nacht ein Straßenhund.
Sein Freund, der schwarze Kater (früher in bayrischer Kleinlichkeit Rußel getauft), begann ebenso als Kuschelball auf Oma Ursulas Schoß. Er brachte Glück, dachte man bis er, zum ersten Geburtstag, kein Kätzchen mehr war, sondern ein ausgewachsener Kater, der das Futter schredderte wie der Winterkälte das Laub.
Was tun, wenn das Glück wächst und schreit? Man brachte Rußel eines Nachts an den Waldrand und setzte ihn vor die Türe. Wer würde schon so einen schwarzen Schatten bemerken?
Seit diesem Tag kreuzten sich Charlies und Rußels Wege im Innenhof. Charlie, sozial wie ein Bäcker am Karfreitag, suchte stets Anschluss und jagte dem Kater nach, nicht um zu beißen, sondern um zu sagen: “Lass uns Freunde sein! Freundschaft gegen den Wind und die Kälte des Ostens!”
Der Kater allerdings ganz der Einzelgänger, rannte, so oft er die tapsigen Pfoten hörte, hoch auf den Spielplatz, unter Autos, auf Bäume. Der Hund ist ja verrückt!, dachten die Leute. Aber Charlie gab nicht auf, rannte, versprüht Hoffnung, dass Einigkeit doch stärker sein kann als alte Sprichworte.
Eines Nachmittags war der Kater verschwunden. Nicht am Müllplatz, nicht am Kletterbaum, nicht einmal auf dem Garagendach Leipzigs Himmel war an diesem Tag noch grauer als sonst. Charlie suchte, schnüffelte, tigerte durch Pfützen, bis er schließlich, hinter dem Parkplatz, einen zuckenden Schatten mit langen Schnurrhaaren entdeckte.
Mit zitterndem Schwanz stürmte er zu einem der parkenden Autos, unter dem sich Rußel verkrochen hatte. Das laute Bellen hallte durch die Straße als wolle Charlie sagen: Dein Kumpel ists! Alles gut!
Mein Gott, bist du lästig wie ein hungriger Floh!, knurrte Rußel, als er der drohenden Begegnung mit einem Sprung entkam.
Er raste aus dem Unterstand durch einen leeren Hinterhof, immer wieder prüfend, ob Charlie wirklich nicht locker ließ. Und er ließ nicht locker so sind manche Träume.
Mit der Zunge aus dem Maul und leuchtenden Augen jagte Charlie seinem Freund nach, bis: Plötzlich war der Kater fort.
Verschluckt? Spurlose Magie? Charlie hielt inne, schnüffelte und begriff: Rußel war in einen offenstehenden Gullydeckel gefallen.
Der Katastrophenfilm im Kopf begann. Allein konnte sich der Kater nie hinausschwingen, und Charlie schon gar nicht; für große Heldenmutproben fehlten ihm Größe und Daumen.
Aber: War das nicht die Gelegenheit seines Lebens? Der Kater war gefangen, Charlie ganz nah jetzt konnte er ihn endlich abschlecken.
Wag es bloß nicht!, fauchte der Kater, mit dem Kummer im Bauch und dem Urbayer im Blick.
Oh, du kannst ja reden!, hechelte Charlie. Ich dachte, du wärst stumm wie ein Stein im Elbe-Fluss.
Sehr komisch. Hast du jetzt einen Plan, oder willst du mich in Ruhe sterben lassen?
Charlie sprang aufgeregt um den Gully und überlegte fieberhaft, wie er helfen könnte. Doch Menschen könnten helfen und besonders auf dem Markt da drüben gibt es viele Menschen.
Warte, Kater! Ich hol Hilfe! rief Charlie und bellte davon Richtung Wochenmarkt am Lindenauer Markt.
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Es war Samstag, der Platz voll von Stimmen und Farben, das Brot duftete bis in die Gassen. Aber kein Mensch achtete auf Charlie, der von Bein zu Bein, Korb zu Korb, Hoffnung suchte. Eine Hand stieß ihn fort, ein Schenkel wich aus die Leute schienen aus Luft oder Hartgummi zu sein.
Da fiel Charlies Blick auf einen Metzger mit rotem Gesicht und weißer Kappe. Vor dessen Stand stand ein Schild: Ein Hund durchgestrichen, die rote Linie wie ein Schwertstreich. Für Charlie war das Schild bedeutungslos aber irgendetwas an dem Mann sagte ihm: Hier könnten Träume wahr werden.
Charlie betrat die Szene, gerade als der Metzger für eine Dame ein Stück Sächsische Rinderlende abwog.
Wieviel wiegt das Stück? murmelte die Frau. Ich nehme genau ein Kilo bitte.
Eins Komma Eins Zwei Kilogramm. Kleiner gibts die nicht und Abschneiden tu ich nicht.
Da sprang Charlie zwischen sie, und das Spiel begann von vorn: Empörung, Stimmen, Ablehnung und ein Klagelied von Barmherzigkeit. Der Metzger wurde rot, die Menschen lauter, und zum Schluss warf der Mann Charlie einfach am Kragen aus dem Geschäft und bis zu den Containern am Hinterhof.
Dort landete der Hund im Müll, klammerte sich an etwas Hoffnung, bellte, hustete, bellte weiter und irgendwann wurde aus Hoffnung fast Stille.
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Leon! Bist du schon wieder an deiner Playstation? Du hast nicht mal gefrühstückt! Die Stimme seiner Mutter kam wie warmer Kakao durch die Tür. Wir hatten doch besprochen, nicht wahr?
Leon drehte sich, seine blauen Augen im Morgengrau. Mama, ich spiel nur noch kurz. Dann ess ich was. Ich muss das Level schaffen.
Wenn du nicht immer im Spiel wärst Wir sind neu in Leipzig, du solltest rausgehen. Da draußen auf dem Spielplatz findest du bestimmt neue Freunde!
Ach, Mama… Da kenn ich doch niemanden!
Papi hat eine tolle Stelle hier bekommen, mit gutem Gehalt. Wir schaffen das, du wirst dich einleben. Aber ich muss noch Zwiebeln kaufen für die Suppe. Bring den Müll raus und geh zum Markt, ja?
Müllcontainer und Markt? Das liegt voneinander entfernt. Ich bin doch kein Marathonläufer.
Neben dem Markt sind Container. Beides auf einmal, mein Schatz!
Leon zögerte, doch er stapfte los, den Sack in einer Hand, ein paar Eurostücke für Zwiebeln in der anderen das Herz schwer wie ein nasser Hundepelz.
An der Ecke zum Hinterhof hörte er plötzlich ein Wimmern. Er blieb stehen. Das Geräusch kam aus den Containern. Leon öffnete den Deckel und sah: ein schmutziger kleiner Hund, die Augen wie Regen und Licht zugleich.
Wer hat dich denn hier entsorgt? Leon stemmte sich, zog Charlie heraus und vergaß über alle Flecken, warum er überhaupt hier war.
Der Hund machte kleine Sprünge um ihn und sah ihn an, als hätte er sein Leben gerettet. Leon lachte und spürte: Vielleicht ist es doch möglich, Freunde zu finden in dieser neuen Stadt.
Er wollte Charlie aufnehmen, da sprang dieser voraus, führte Leon in kurzen Sprüngen zum Gullydeckel.
Na du, was hast du vor? Leon warf einen Blick hinein und sah, tief unten, den rußgrauen Kater. Als hätte ein Traum ihn hier hingemalt.
Charlie bellte, Rußel miaute, Leon rief: Ich krieg dich da schon raus, alter Freund.
Waghalsig kletterte er hinein, packte den Kater und stemmte ihn nach oben. Charlie leckte und kassierte trotzdem einen Pfotenhieb.
He! Ich hab dich befreit! bellte Charlie.
Weil du mich erst hineingehetzt hast, Vogel!, maulte Rußel, doch er schien dem Abenteuer nicht mehr ganz zu trauen.
Als Leon aber nicht mehr hochkam, rannten Hund und Katze los, fanden schließlich einen Bauarbeiter im blauen Overall und zerrten schwanzwedelnd an seinen Hosenbeinen. Der Mann, verwundert wie ein Schüler im ersten Unterricht, ließ sich schließlich mitziehen und half Leon aus dem Gully.
Was machst du überhaupt da unten, Junge? fragte der Arbeiter.
Den Kater retten. Und dem Hund habe ich geholfen, aus dem Müllcontainer zu kommen. Jetzt hab ich zwei Freunde glaub ich.
Zu dritt machten sie sich auf den Heimweg.
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Zuhause warteten Mutter und Vater. Die Augen groß, das Herz zwischen Sorge und Staunen, als Leon, über und über mit Dreck und neuen Geschichten, auftauchte plus ein Welpe und ein Kater.
Leon, ich habe dich doch wegen Zwiebeln losgeschickt und du bringst eine ganze Bande mit?
Er erzählte alles, wie aus einem Traum von Hinterhöfen, Müll, Freundschaften, Mut und Sehnsucht. Und diesmal schimpften die Eltern nicht, sondern halfen sogar, den neuen Familienzuwachs zu waschen, zu füttern und weich ins Handtuch zu wickeln, wie es sich in Deutschland gehört.
Am Abend, auf Leons neuer Matratze, kuschelten Charlie und Rußel, so sauber und glänzend wie ein Glückspfennig.
Sind wir jetzt Freunde? flüsterte Charlie in die Dunkelheit.
Freunde, Freunde, murmelte Rußel, und sein Gähnen war wie ein Stempel unter einen Vertrag.
Und Leon wusste: Von jetzt an verbringt er seine Tage nicht mehr verloren vor dem Bildschirm, sondern draußen mit Freunden aus Traum und Wirklichkeit.
Und falls ihr wissen wollt, was später aus Leon wurde: Er wurde nicht Programmierer, wie seine Eltern dachten, sondern Rettungshelfer in Leipzig für Tiere und Menschen. Wie die Geschichten eben manchmal weitergehen.
Ende.





